Medikamente: Warnung vor Nebenwirkungen

Medikamente: Warnung vor Nebenwirkungen

Bild: Appellieren, sich bei Anzeichen von Gelbsucht schnellstens in Behandlung zu begeben: (v.l.) Dr. Johannes Lepper (Kardiologie 1), Priv.-Doz. Kai-Henrik Peiffer (Med. Klinik B) und Transplantationschirurg Priv.-Doz. Philipp Houben. (Foto © UKM/Wibberg)

Auch alltägliche Arzneimittel können unerwartet zu Leberversagen führen

Kopf- oder Unterleibsschmerzen oder auch ein Hexenschuss: Die meisten Menschen denken nicht lange nach, bevor sie dagegen Schmerzmittel (Medikamente) nehmen. Im Alltag geschieht das bei leichteren Beschwerden oft ohne medizinischen Rat. Doch auch der schützt manchmal nicht davor, dass es bei Medikamenten mitunter zu schweren Neben- oder Wechselwirkungen kommen kann. Ein bis zwei solcher Fälle, in denen es zu einem fulminant verlaufenden Leberversagen aufgrund einer Medikamenteneinnahme und letztlich zum Tod kommt, erleben die Medizinerinnen und Mediziner am UKM jedes Jahr. So war es auch im Januar, als sie einem erst 50 Jahre alten Patienten – zuvor gesund und ohne Vorerkrankung – nicht mehr helfen konnten.

Münster (ukm/aw) – In einem sind sich alle, die an der Behandlung des Patienten beteiligt waren, einig: Solche tragischen Fälle lassen sich nie zu einhundert Prozent ausschließen. Trotzdem möchten sich die Behandelnden dafür einsetzen, dass das Bewusstsein für die Risiken von Arzneimitteln (Medikamente) wächst. „Auch wenn man Medikamente verordnet bekommt und in der richtigen Dosierung einnimmt, kann es gewisse individuelle Grundvoraussetzungen geben, die im absoluten Ernstfall zu einem solchen Ausgang für die Betroffenen führen können“, sagt Leberspezialist und Leitender Oberarzt mit Schwerpunkt Intensivmedizin, Priv.-Doz. Kai-Henrik Peiffer aus der Medizinischen Klinik B am UKM (Universitätsklinikum Münster).

Der verstorbene Patient hatte zu Hause rund eine Woche lang wegen Muskelschmerzen den Wirkstoff Metamizol (Novalgin) eingenommen. Zusätzlich einige Ibuprofen-Tabletten. Beides, das betonen seine Ärzte ausdrücklich, in der korrekten Dosierung. „Das Tückische ist, dass bei bestimmten genetischen Prädispositionen beide Medikamente für sich alleine genommen zu Leberkomplikationen führen können. Auch Wechselwirkungen sind untereinander möglich. Woran es im konkreten Fall genau gelegen hat, können wir rückwirkend nicht eindeutig identifizieren“, sagt der Intensivmediziner Dr. Johannes Lepper, Oberarzt der Klinik für Kardiologie I, Internistische Intensivmedizin.

Auch dass der Patient, der aus einer anderen Klinik wegen seines sich weiter verschlechternden Zustands zugewiesen worden war, sofort mit maximal intensivmedizinischen Maßnahmen behandelt wurde, konnten den rasanten Verlauf des Leberversagens nicht bremsen. „Weil sich ein fulminanter Verlauf abzeichnete, haben wir sofort alles in die Wege geleitet, um den Patienten für ein neues Organ auf die Lebertransplantationsliste setzen zu lassen“, sagt Priv.-Doz. Philipp Houben, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Allgemein, Viszeral- und Transplantationschirurgie und Bereichsleiter dort. Das sei innerhalb von nur vier Stunden gelungen – ein Rekordzeitraum, wie Houben betont. Am Ende verstarb der Patient aber wenige Stunden später.

Den behandelnden Ärzten ist es wichtig, zu vermitteln, dass sich Patientinnen und Patienten schon mit ersten Anzeichen eines Ikterus (Gelbsucht) unbedingt in Behandlung begeben sollten. „Sobald sich die Skleren (Augenbindehäute) und die Haut gelb verfärben und gegebenenfalls auch der Urin ungewöhnlich dunkel ist, sollten die Betroffenen unverzüglich handeln und eine Notaufnahme kontaktieren“, so der Appell aller drei, „Je schneller, desto besser.“ Das gilt auch für andere Fälle, in denen ein beginnender Ikterus anzeigt, dass die Leber in Gefahr ist, zum Beispiel bei Virusinfektionen, Alkoholmissbrauch oder dem Verzehr selbst gesammelter Pilze. Niemand könne die Dynamik eines Leberversagens sicher abschätzen, so die Warnung der Experten. Ohnehin überleben nur 15 Prozent der Patientinnen und Patienten unbehandelt eine solche schwere Episode.

Dr. Marius Janßen: Krieg in den Medien

Dr. Marius Janßen: Krieg in den Medien

Bild: Diplom-Psychologe Dr. Marius Janßen ist leitender Psychologe an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie des UKM. (Foto © UKM)

Wie Heranwachsende damit umgehen können

Am 24. Februar jährt sich der Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine zum zweiten Mal. In den Medien sind immer wieder Bilder dieses und auch aktuell anderer gewalttätiger Konflikte zu sehen, die für Kinder und Jugendliche zugänglich sind. Doch wie können Heranwachsende mit dieser Belastung umgehen, und wann ist professionelle Hilfe bei der Verarbeitung erforderlich? Diplom-Psychologe Dr. Marius Janßen, leitender Psychologe der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am UKM (Universitätsklinikum Münster), hat dazu wichtige Einblicke geteilt.

Münster (ukm/ae) – Die Bilder von Krieg, verletzten Zivilistinnen und Zivilisten sowie zerstörten Städten in den Medien sind eindringlich und belastend, erklärt Dr. Marius Janßen. Kinder und Jugendliche können durch Nachrichtensendungen und Soziale Medien im Internet mit diesen verstörenden Inhalten konfrontiert werden. Besonders Heranwachsenden fällt es meist schwer, das Gesehene einzuordnen und zu verarbeiten. Stresssymptome wie erhöhte Reizbarkeit, starke Emotionen oder Alpträume könnten Anzeichen für die anhaltende Belastung durch die Bilder sein.

In solchen Situationen ist es wichtig zu erkennen, wann Kinder und Jugendliche im Umgang mit den Bildern vom Krieg Unterstützung benötigen, um dann richtig auf sie zuzugehen. „Wenn etwas Belastendes thematisiert wird, sollten die Eltern auf jeden Fall das Angebot machen, darüber zu sprechen und den Kindern auch Erklärungen an die Hand geben“, betont Janßen. Dabei gilt: Je jünger die Kinder sind, desto konkreter und einfacher sollten die Antworten ausfallen. Ein Beispiel dafür ist die Möglichkeit, ihnen in einer dem Alter der Kinder entsprechenden Weise genau zu erklären, wie bestimmte Situationen und Konflikte in anderen Ländern unser Leben und unseren Alltag beeinflussen oder auch nicht beeinflussen. Denn Kinder und Jugendliche haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Der gemeinsame Austausch kann dabei auch die Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen verbessern, mit Kriegsbildern und den Eindrücken gewalttätiger Konflikte umzugehen. Wird hierfür den Kindern bewusst ein Raum geboten, können Stressbelastungen durch den Austausch besser reduziert werden.

Dr. Marius Janßen beschreibt im Video-Statement, wann Eltern sich professionelle Hilfe holen sollten, wenn ihren Kindern der Umgang mit Bildern von gewalttätigen Konflikten Probleme bereitet.

Wenn diese Symptome trotz gemeinsamer Gespräche und üblicher Bewältigungsstrategien bestehen bleiben, rät Janßen dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen: „Eltern sollten, wenn sie feststellen, dass ihr Kind anhaltend unter Stress steht und sich mit einem schwerwiegenden Problem konfrontiert sieht, professionelle Hilfe in Form von Beratungsstellen oder therapeutischer Unterstützung in Anspruch nehmen.“

Diplompsychologe Janßen unterstreicht die Bedeutung eines gesunden Umgangs mit belastenden Bildern für Kinder. „Der gesunde Weg bei Kindern mit schwierigen Bildern umzugehen, hängt von der Aufbereitung der Thematik durch die Eltern ab“, erklärt er. „Diese muss der Entwicklung des Kindes gerecht werden, also dem, was die Kinder in ihrer Welt schon verstehen und greifen können.“ Es sei wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, ob die Kinder die Informationen verstehen können oder ob sie noch zu weit von ihrem Verständnis entfernt ist und wie viele Informationen sie benötigen. Neben dem persönlichen Austausch mit den Kindern und Jugendlichen können Eltern auch medienpädagogische Angebote wie Kindernachrichten nutzen, um altersgerechte Antworten zu finden.

Tanja Grammer ist die erste Professorin für Allgemeinmedizin an der Uni Münster

Tanja Grammer ist die erste Professorin für Allgemeinmedizin an der Uni Münster

Bild: Setzt sich für Versorgungsforschung und mehr Praxisbezug im Studium ein: Prof. Tanja Grammer leitet seit Dezember das neue Institut für Allgemeinmedizin der Universität Münster (Foto: Uni MS/M. Heine)

Münster (mfm/sw) – Für Professorin Tanja Grammer geht es „ab in den Norden“ – zumindest von ihrer letzten beruflichen Station aus betrachtet. Die gebürtige Oberösterreicherin aus Wels wurde zum Jahreswechsel an die Medizinische Fakultät der Universität Münster berufen und hat dort nun die erste Professur für Allgemeinmedizin inne. Damit verbunden ist die Leitung eines neu eingerichteten Instituts für das Fach. Was sie in Münster vorhat, worauf sie sich freut – und wie sie Studierende für einen Beruf als „Landärztin“ oder „Landarzt“ gewinnen und begeistern möchte, erzählt sie im Gespräch mit Stella Willmann.

Herzlich Willkommen an der Uni Münster – und in Westfalen. Worauf freuen Sie sich am meisten, sowohl was die Stadt als auch Ihre Tätigkeit an der Uni angeht?

Ich bin gerade erst berufen worden und muss leider aktuell noch pendeln, sodass ich von der Stadt noch nicht allzu viel sehen konnte. Aber das, was ich schon mitbekommen habe, gefällt mir sehr gut – ich denke, Münster ist eine sehr lebenswerte Stadt. Allerdings fällt mir die Orientierung noch nicht so leicht, weil hier alles so flach ist – da tut man sich schon mal schwer mit den Himmelsrichtungen. Was die Uni anbelangt, freue ich mich vor allem darüber, die Forschung in Allgemeinmedizin in Zusammenarbeit mit dem hausärztlichen Forschungspraxen-Netz am Standort aufzubauen, ein sehr kompetentes Team übernehmen zu können und an die bereits sehr gut vorhandene, moderne Lehrinfrastruktur anknüpfen zu können, wie das „Studienhospital Münster“ oder die LIMETTE.

Wo setzten Sie Ihre Forschungsschwerpunkte?

Mein Fokus liegt auf der epidemiologischen Forschung von Herz- Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen. In meinen letzten Forschungsprojekten habe ich anhand von großen Studiendatenbanken untersucht, welche Biomarker – also welche charakteristischen biologischen Merkmale – mit bestimmten Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen verbunden sind. Anhand dessen habe ich zusammen mit einem interdisziplinären Team einen Risiko-Score entwickelt, der mittels der Biomarker vorhersagen soll, wie hoch das Risiko etwa von koronarer Herzkrankheit ist. Der nächste Schritt wären klinische Studien, damit die Verlässlichkeit des Scores weiter überprüft werden kann und um zu klären, ob der Score wirklich etwas für die Gesundheit der Patienten bringt und diese verbessern kann.

Wie können diese Schwerpunkte speziell in Münster vertieft werden?

Worauf ich mich hier besonders freue, ist eine eigens eingerichtete Forschungspraxis. Dabei handelt es sich um einen Ambulanzraum an der Uniklinik, in dem moderne diagnostische und therapeutische Verfahren unter Einbeziehung digitaler Geräte entwickelt werden – also letztlich neue Versorgungskonzepte, die in der Hausarztpraxis etabliert werden sollen. Mein Ziel ist, dass bewährte Prozesse unmittelbar bei den Kolleginnen und Kollegen in den Hausarztpraxen ankommen und dass diese das fertige Konzept direkt an die Hand bekommen, ohne mit der Entwicklung „behelligt“ zu werden.

Was ist für Sie das Besondere an der Allgemeinmedizin?

Die Allgemeinmedizin ist das wichtigste und größte Fach der Medizin und sichert die Grundversorgung der Bevölkerung – der Bedarf ist daher enorm, gerade auf dem Land. Ich möchte den Studierenden vermitteln, dass die Allgemeinmedizin ein tolles Fach ist: Das Gebiet ist vielfältig und bildet so gesehen die gesamte Palette der Medizin ab. Und: In keinem anderen Fach hat man so viel und so langen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten. Als Hausärztin begleitet man seine Klientel häufig ein Leben lang, auf dem Land oft gesamte Familien – so fließt zusätzlich ein sozialer Aspekt in die Arbeit ein, der die Allgemeinmedizin zu einer Form ganzheitlicher Medizin macht. Das gibt einem als praktizierende Ärztin sehr viel!

Zum Thema Lehre: Was ist Ihnen besonders wichtig? Wie möchten Sie Studierende für die Allgemeinmedizin gewinnen?

Zunächst würde ich gerne allgemeinmedizinische Inhalte mehr ins Curriculum integrieren – und das von Beginn an. Außerdem möchte ich auf die hier schon vorhandenen Möglichkeiten zurückgreifen, die Lehre möglichst modern zu gestalten, etwa mit der LIMETTE, dem Studienhospital oder der Arbeit in Kleingruppen. Großen Wert lege ich ausserdem auf einen Praxisbezug: Ich möchte die Studierenden motivieren, auch auf dem Land in Hausarztpraxen hineinzuschnuppern und dort tätig zu werden, ärztliche Gesprächsführung zu üben, Untersuchungen durchzuführen und erste Therapieentscheidungen zu treffen.

Sie haben außerhalb von Deutschland – in Graz und Lyon – studiert. Was kann man sich von unseren Nachbarländern abgucken? Und worin kann Deutschland, speziell die Uni Münster, „bestechen“?

Gerade in Frankreich hat das Studium einen sehr hohen Praxisanteil – die Studierenden sind vormittags in Praxen oder der Klinik und so direkt am Patienten. Das hat mir schon damals sehr gut gefallen und könnte auch bei uns verbessert werden. Allerdings: Hier in Münster sind wir in dieser Hinsicht alles andere als schlecht aufgestellt – mit LIMETTE, Studienhospital & Co. ist der Praxisbezug für Studierende ebenso gewährleistet.

Zur Person: Nach dem Studium in Graz und Lyon hat Tanja Grammer ihre Facharztausbildung zur Allgemeinmedizinerin in Vöcklabruck, Oberösterreich und im Universitätsklinikum Graz absolviert. Anschließend ergänzte sie dies noch mit einer Facharztausbildung zur Laborärztin in Graz und Heidelberg. Ab 2010 war sie am Mannheimer Institut für Public Health (heute: Abteilung Allgemeinmedizin, Centrum für Präventivmedizin und digitale Gesundheit) tätig; von 2010 bis 2012 außerdem auch in eigener Praxis und seit 2022 als angestellte Hausärztin in Mannheim. In ihrer Habilitation widmete die 51-Jährige sich 2017 Biomarkern für oxidativen Stress in der kardiovaskulären Risikovorhersage – ein Thema, das bis heute einen Großteil ihrer Forschung ausmacht. Bis Ende 2023 in Baden-Württemberg beschäftigt, folgte sie im Dezember dem Ruf an die Uni Münster und übernahm die Leitung des neugegründeten Instituts für Allgemeinmedizin.
3D-Center: Implantate, Modelle und Instrumente nach Maß am „Point-of-Care“

3D-Center: Implantate, Modelle und Instrumente nach Maß am „Point-of-Care“

Bild: Nur mit dem Weitwinkel einzufangen: Der Spitzen der münsterschen Universitätsmedizin und die Betreuer des neuen 3D-Centers vor dessen Herzstück, einem 1,4 t schweren Großgerät (v.l.n.r.: Dipl.-Des. Max Tönnemann, PD Dr. Dr. Martin Schulze, Dekan Prof. Frank Ulrich Müller, Ärztl. Direktor Prof. Alex W. Friedrich, Kaufm. Direktor Dr. Christoph Hoppenheit) (Foto: Uni MS/M. Heine)

Eröffnung des 3D-Centers der münsterschen Universitätsmedizin

Münster (mfm/sw) – Der 3D-Druck ist schon fast im Alltag angekommen – und kann doch so viel mehr: zum Beispiel patientenindividuelle Implantate herstellen, ganze Organsysteme, wie das Herz und Teile der Hauptschlagader, abbilden oder individualisierte Bohr- und Sägeschablonen für Knochen für den Einsatz im OP drucken. Wie die Universitätsmedizin am Standort Münster die Zukunftstechnologie künftig für sich nutzen wird, zeigt die Eröffnung einer bundesweit einmaligen Einrichtung: Am Montag [19.02.] wurde das in die Experimentelle Orthopädie an der Medizinischen Fakultät integrierte „3D-Center“ offiziell in Betrieb genommen. Das Center, ist das bislang rund eine Million Euro geflossen ist, soll Kompetenzen und Wissen rund um den 3D-Druck bündeln und so für die medizinische Forschung – und in der Folge für die reguläre Patientenversorgung – verfügbar machen.

Was alles möglich ist, wie das Produkt in den Drucker und wieder herauskommt, steril an den OP-Tisch gelangt und wie sowohl Ärztinnen und Ärzte als auch Patienten profitieren, weiß kaum jemand besser als Center-Leiter PD Dr. Dr. Martin Schulze, der als Arzt und Ingenieur zusammen mit Projektleiter Dipl.-Des. Max Tönnemann das 3D-Center managt. „Bislang verfügten zwar schon einige Abteilungen der Unimedizin über eigene Drucker – allerdings fehlt oft das spezifische Know-how“, so Schulze. Was vor weit mehr als einem Jahrzehnt als Idee mit einem kleinen tragbaren 3D-Drucker für den Schreibtisch und einfachen Knochenmodellen begann, wird nun mit einem ganzen 3D-Center Teil der Digitalen Transformation und ergänzt moderne Verfahren wie Robotik in der Medizin – eine echte Zukunftstechnologie, die auch allen anderen Fachdisziplinen der Universitätsmedizin dienen soll. Allerdings: „Der 3D-Druck als solcher ist nur so gut wie die Köpfe dahinter. Um unseren Kolleginnen und Kollegen konkrete Einsatzmöglichkeiten an die Hand zu geben, die auch wirklich helfen, soll das Center ihnen zeigen, was ‚drin ist‘“, sagt der Leiter der Einrichtung.

Bereits im Jahr 2022 begannen die Vorbereitungen für die beiden neuen Drucker, von denen der kleinere schnell in Betrieb ging. Mit der Anlieferung und Installation des 1,4 Tonnen schweren Großgerätes als Herzstück begann im Sommer 2023 die heiße Phase: Aufwändige Planungen und Umbauarbeiten bei den Räumlichkeiten der Klinik für Allgemeine Orthopädie waren notwendig und zeitweise musste ein Teil der Fassade entfernt werden. Sieben Monate später ist das Zentrum nun im ersten Ausbauschritt einsatzbereit. Eine stets konstante Temperatur von 21 Grad und eine spezifische Luftfeuchtigkeit: Das sind nur einige der Punkte, die für ein qualitativ hochwertiges Ergebnis erfüllt sein müssen. Aufgrund der verschiedenen Drucktechniken, die auf keinen Fall miteinander „in Berührung“ kommen dürfen, ist auch eine räumliche Trennung notwendig: Während der eine Drucker Kunststoff auf einer Pulverbasis verarbeitet, arbeitet der andere mit Flüssigkeit. Um eine Kontamination in jedem Fall zu verhindern, sind die Drucker in verschiedenen Bereichen der Uniklinik verortet, wo den jeweiligen Anforderungen – etwa an Licht und Raumtemperatur – Rechnung getragen werden kann.

3D-Center: Ein Superlativ noch obendrauf: Die 3D-Center ist die erste Einrichtung weltweit, die den strengen Anforderungen der Norm ISO/ASTM 52920 entspricht und Medizinprodukte am „Point of Care“, also in unmittelbarer Nähe der Patientenversorgung, herstellen und verwenden darf. Dipl.-Ing. Gregor Reischle (l.) überreichte PD Dr. Dr. Martin Schulze (M.) und Dipl.-Des. Max Tönnemann das Zertifikat (Foto: Uni MS/M. Heine)

Ein Superlativ noch obendrauf: Die 3D-Center ist die erste Einrichtung weltweit, die den strengen Anforderungen der Norm ISO/ASTM 52920 entspricht und Medizinprodukte am „Point of Care“, also in unmittelbarer Nähe der Patientenversorgung, herstellen und verwenden darf. Dipl.-Ing. Gregor Reischle (l.) überreichte PD Dr. Dr. Martin Schulze (M.) und Dipl.-Des. Max Tönnemann das Zertifikat (Foto: Uni MS/M. Heine)

Die umfangreichen Vorarbeiten tragen Früchte: Das 3D-Center entspricht den strengen gesetzlichen Anforderungen an die Qualitätssicherung, sodass die druckfrischen Modelle unmittelbar im OP-Saal genutzt werden können. Der Vorteil: „Dass die Behandelnden die Modelle nicht nur zu Übungs- oder Demonstrationszwecken nutzen, sondern sich mit ihrer Hilfe auch während einer laufenden Operation der Arbeitsschritte vergewissern können, zum Beispiel bei einem Eingriff am Becken, erlaubt ein hoch präzises und minimalinvasives Arbeiten. So schaffen wir ein maximales Maß an Sicherheit – für Patienten und ihre Behandelnden“.

Der nächste Schritt ist schon in Planung: Er besteht in Instrumenten, die individuell auf die Patienten zugeschnitten sind. „Mit solchen maßgeschneiderten Instrumenten, wie individuell an die Knochen des Patienten angepasste Zielinstrumenten, sind Säge- und Bohrschritte in präzisem Winkel durchführbar und lassen sich die Schrauben zur stabilen knochenschonenden Implantatverankerung optimal eindrehen. Dadurch sind komplexe Eingriffe, beispielsweise komplizierte Operationen bei Knochentumoren oder auch schwierige Knochenbrüche, deutlich sicherer“, erklärt Schulze. Zwar könne auch die Industrie solche Instrumente entwickeln, „allerdings dauert das seine Zeit – für dringliche Fälle und Notfälle ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Klinik besser aufgestellt“, räumt er ein. Auf lange Sicht sollen auch Implantate hergestellt und genutzt werden können – dafür ist bereits ein weiterer Förderantrag auf dem Weg.
Finanziert wurde das Projekt zum Großteil durch das „REACT“-Programm der EU und die dahinterstehenden Fördergelder. Schulze ergänzt: „Auch ohne eigene ergänzende Mittel der Klinik für Orthopädie, der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums wäre ein solch großes Vorhaben nicht zu realisieren gewesen“. Unterstützt und koordiniert wurde die Beantragung durch das münstersche Unternehmen InnoCoding GmbH. Gerade rechtzeitig zur offiziellen Eröffnung wurde nun der erste additive Fertigungsprozess zertifiziert – womit die münstersche Universitätsmedizin über die erste Klinik weltweit verfügt, die den strengen Anforderungen der Norm ISO/ASTM 52920 entspricht und Medizinprodukte am „Point of Care“, also in unmittelbarer Nähe der Patientenversorgung, herstellen und verwenden darf.

3D-Center: Die „Erzeugnisse“ des 3D-Centers werden für sowohl für Forschung und Lehre als auch für den klinischen Einsatz verwendet (Foto: Uni MS/M. Heine)

Die „Erzeugnisse“ des 3D-Centers werden für sowohl für Forschung und Lehre als auch für den klinischen Einsatz verwendet (Foto: Uni MS/M. Heine)
BRIDGE: Deutsch-niederländische Zusammenarbeit

BRIDGE: Deutsch-niederländische Zusammenarbeit

Bild (v.l.): Prof. Dr. Oliver Treib (Universität Münster), Dr. Caroline Fischer (Universität Twente) und Dr. Vincent Hofbauer (Universitätsklinikum Münster) im NRW-Wirtschaftsministerium, wo sie den BRIDGE-Antrag bei den Geldgebern vorstellen mussten und zur großen Freude am Ende den Zuschlag von knapp 1,5 Millionen Euro erhielten.

Medizinische Ressourcen effektiv, sicher und grenzüberschreitend einsetzen

Nicht zuletzt die Covid19-Pandemie hat gezeigt, dass öffentliche Gesundheit nicht an der Grenze haltmacht. Deshalb wird sich mit einem Zuschuss von rund 1,5 Millionen Euro aus dem europäischen Förderprogramm Interreg zukünftig ein Team von niederländischen und deutschen Expertinnen und Experten u.a. aus der Medizin damit beschäftigen, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen zu verbessern und damit ein robustes, widerstandsfähiges Gesundheitssystem in der Region zu konzipieren. Deutscher klinischer Partner des Euregio-Projekts BRIDGE, das im Frühjahr 2024 anlaufen wird, ist das UKM.

Münster (ukm/maz) – Menschen, die in Grenzgebieten leben, kennen das Dilemma: Das nächste Krankenhaus ist zwar nah, liegt aber auf der anderen Länderseite und ist damit nicht unmittelbar zugänglich – oder möglicherweise aufgrund der dünnbesiedelten Region nicht optimal ausgestattet. Denn Ressourcen wie Intensivbetten, Personal und Medikamente werden nicht im regionalen Verbund gesehen, sondern Länderweise. Eine Situation, die ein interdisziplinäres Team aus Politik- und Sozialwissenschaftlern, Medizinern, Ingenieuren und Informatikern der Universität Twente, dem Bureau Acute Zorg Euregio, dem UKM (Universitätsklinikum Münster) und der Universität Münster nun im Rahmen des Projektes BRIDGE nicht nur analysieren, sondern verbessern will. Denn klar ist: „Wenn wir in Versorgungsregionen über Bundesländer- und sogar Ländergrenzen hinweg denken und voneinander lernen, profitieren alle davon, die Patientinnen und Patienten, die Häuser selbst und das medizinische Personal“, sagt Prof. Alex W. Friedrich, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKM, der von 2010 bis 2021 selbst in den Niederlanden tätig war und daher die Notwendigkeit und Vorteile der grenzübergreifenden Zusammenarbeit sehr gut kennt.

Finanziert wird das Projekt BRIDGE, das ein Gesamtvolumen von rund 2 Millionen Euro hat, zu einem Großteil durch das EU-Förderprogramm Interreg und das NRW-Wissenschaftsministerium mit einem Zuschuss von knapp 1,5 Millionen Euro. Damit sollen laufende Prozesse und Kooperationen begutachtet sowie weitere Bedarfe ermittelt und Hindernisse für die gemeinsame Nutzung von Ressourcen analysiert und abgebaut werden. „Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich der Gesundheitsversorgung ist. Wir wollen mit BRIDGE ein digitales, 360°-umfassendes Gesundheitsnetzwerk etablieren, welches alle Akteure miteinander dauerhaft vernetzt und den sicheren Austausch von Ressourcen auch in Nicht-Pandemiezeiten zwischen den Niederlanden und Deutschland ermöglicht“, erklärt Dr. Vincent Hofbauer, Leiter der Stabsstelle UKM International. Entscheidend dafür wird das grenzüberschreitende Pooling von Ressourcen sein. Durch die gemeinsame Nutzung von beispielsweise Materialien, Kapazitäten und Personal verfügen die Krankenhäuser in der deutsch-niederländischen Grenzregion im Falle eines plötzlichen Notfalls schnell über die benötigten Ressourcen, ohne sie überall rund um die Uhr vorhalten zu müssen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies kürzere Wege und schnellerer Zugang zu spezialisierter Versorgung.

Vorbild für eine digitale, grenzübergreifende Plattform: Die Datenbank für Covid19-Intensivpatienten

Derzeit findet in der Region bereits ein grenzüberschreitender Austausch von Hubschraubern und Krankenwagen statt, ebenso in der Notfall- und pädiatrischen Akutversorgung. Diese Projekte sind jedoch getrennt organisiert und die Zusammenarbeit basiert auf individuellen Vereinbarungen, sorgt außerdem für einen enormen Verwaltungsaufwand. Im Zuge von BRIDGE soll eine digitale Plattform implementiert werden, um die Koordination zu erleichtern. Vorbild für solch ein System ist die Datenbank für Covid19-Intensivpatienten, die das UKM im ersten Pandemiejahr im Auftrag des Landes NRW eingerichtet hatte, um eine zentrale Bettensteuerung der Krankenhäuser in NRW zu ermöglichen. Mittels dieser Plattform konnten Patientenübernahmen auch aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich unbürokratisch ermöglicht werden. Aktuell wird die Datenbank für die Koordinierung der medizinischen Versorgung von Kriegsverletzen aus der Ukraine eingesetzt und soll im Rahmen des Projekts BRIDGE weiterentwickelt werden, um zukünftige Ressourcen effektiv, sicher und grenzüberschreitend zu teilen.

Erklärtes Ziel ist es, die deutsch-niederländische Plattform allen Akteuren in der Gesundheitsversorgung zur Verfügung zu stellen, die an einem Austausch der Ressourcen interessiert sind. „Hier sind in erster Linie alle Krankenhäuser auf beiden Seiten der Grenze gemeint“, erklärt Hofbauer die freiwillige Teilnahme am Netzwerk. „Wir gehen aber davon aus, dass wir viele Krankenhäuser in NRW, Niedersachsen und Niederlanden gewinnen können, da diese von dem großen Netzwerk profitieren werden.“ Die gegenseitige Zusammenarbeit fällt mit der kürzlich unterzeichneten Absichtserklärung zwischen den grenzüberschreitenden Parteien zusammen. Angelegt ist das Projekt im Rahmen der Interreg-Förderung bis 31.12.2027.