Aug. 8, 2025 | Pressemitteilungen
Bild: Zusammen mit seinen Kollegen fand Prof. Nicholas Schwab ein Biomarker, dank dem sich schon im Voraus herausfinden lässt, bei wem die Behandlung mit Glatirameracetat wirken wird (Foto: Uni MS/M. Ibrahim)
Multiple Sklerose: Neue Erkenntnisse aus Münster ermöglichen personalisierte Entscheidung vor Therapiebeginn
Münster (mfm/sk) – Behandlung mit Interferon oder mit Glatirameracetat? Diese Frage stellt sich bei vielen Patientinnen und Patienten, die erstmals die Diagnose Multiple Sklerose (MS) erhalten. Bisher konnte man für die Entscheidung quasi eine Münze werfen: Beide Präparate gelten als etablierte Basistherapien, haben vergleichsweise geringe Nebenwirkungen und können in der Schwangerschaft sowie Stillzeit zum Einsatz kommen. Und schließlich: Beide helfen – wie alle immunmodulatorischen Therapien – nicht allen Menschen gleich gut. Dank einer Studie unter Leitung der Universität Münster gibt es nun aber einen eindeutigen Maßstab für die Medikamentenwahl.
Die internationale Arbeitsgruppe hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patientinnen und -Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen. Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN). Die Ergebnisse der multizentrischen Analyse mit mehr als 3.000 an MS Erkrankten wurden nun in der renommierten Fachzeitschrift „eBioMedicine“ publiziert.
„Unsere Studie zeigt zum ersten Mal, dass ein genetischer Marker mit dem Behandlungserfolg eines MS-Medikaments verknüpft ist“, erklärt Studienleiter Prof. Nicholas Schwab von der Universität Münster. „Damit lässt sich vor Therapiebeginn vorhersagen, ob Glatirameracetat oder Interferon die wahrscheinlich bessere Wahl ist.“ Bei etwa einem von drei MS-Betroffenen fällt die Entscheidung auf GA, bei den anderen beiden Fällen wirkt vermutlich Interferon-beta besser. „Das ist ein entscheidender Fortschritt für die personalisierte MS-Behandlung“, freut sich Prof. Heinz Wiendl, Sprecher des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS), der die Studie mit konzipiert hat.
Klinischer Nutzen in fünf unabhängigen Kohorten belegt
GA führt bei Patientinnen und Patienten zu spezifischen T-Zell-Antworten, die sich das Team genauer anschaute. Die Forschenden analysierten die T-Zell-Rezeptor-Sequenzen (TZR) im Blut von 3.021 Multiple Sklerose Patientinnen und Patienten, deren Proben ihnen aus mehreren voneinander unabhängigen internationalen Kohorten zur Verfügung gestellt wurden. Dabei fielen T-Zell-Klone auf, die sich nach GA-Therapie nur bei den Patienten fanden, die zudem Träger bestimmter HLA-Moleküle sind, und zwar von HLA-A*03:01 oder HLA-DRB1*15:01. Liegt eines dieser beiden HLA-Moleküle vor, reagiert also das Immunsystem auf die Therapie mit GA. Praktisch profitieren Patientinnen und Patienten jedoch nur in einem der beiden Fälle: Denn ausschließlich Betroffene mit der Genvariante HLA-A*03:01 haben nachweislich einen klinischen Behandlungsvorteil, ihnen geht es also dank GA-Therapie besser.
Um sicherzugehen, dass die Ergebnisse auch in der klinischen Anwendung relevant sind, untersuchte das Team fünf große Kohorten und Studienpopulationen aus den USA, Frankreich und Deutschland, darunter die NationMS-Kohorte des deutschen KKNMS. In sämtlichen Analysen zeigten Trägerinnen und Träger der Genvariante HLA-A*03:01 unter Therapie mit GA signifikant weniger Krankheitssymptome als bei Behandlung mit IFN. Statistisch betrifft das etwa 30 bis 35 Prozent der europäischen MS-Patientinnen und MS-Patienten, denn sie tragen das HLA-A*03:01-Allel.
Personalisierte Therapieentscheidung durch einfache genetische Testung möglich
Das Besondere an der Entdeckung: Das neue Forschungsergebnis kann schon kurzfristig in der Therapieberatung angewendet werden – denn ein HLA-Test, wie er zum Beispiel für Transplantationen oder Arzneimittelsicherheit bereits etabliert ist, findet die fragliche Genvariante.
Der Erkenntnisgewinn der Studie reicht aber noch weiter: Diese liefert nicht nur einen klinisch relevanten Biomarker, sondern auch neue Hinweise auf den Wirkmechanismus von GA: Die beobachteten öffentlichen T-Zell-Antworten deuten darauf hin, dass GA nicht alle seine Eiweißbestandteile benötigt, um zu wirken. Vielmehr spielen wenige Fragmente der GA-Mischung eine dominante Rolle, vielleicht ist sogar nur ein Einzelnes relevant. Dies könnte künftig zur gezielten Weiterentwicklung des Medikaments führen.
Die Studie entstand in Kooperation mit internationalen Partnern, insbesondere mit der US-Firma Adaptive Biotechnologies, die die Sequenzierungen durchgeführt und unterstützt hat. Zudem erhielt das Forschungsteam Fördergelder unter anderem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, den National Institutes of Health (USA), der National Multiple Sclerosis Society und der Valhalla Foundation. [PubMed-Link zur Studie]
Juli 17, 2023 | Pressemitteilungen
Bild: Die Freude ist unübersehbar: Dr. Martin Schulze, Leiter des 3D-Labors, Arzt und Ingenieur, ließ es sich nicht nehmen, die Anlieferung des 3D-Druckers selbst zu begleiten (Foto: WWU/Erk Wibberg)
High-End-Neuanschaffung: 1,4 Tonnen schwerer 3D-Drucker wird Herzstück des 3D-Labors der münsterschen Unimedizin
Münster (mfm/sw) – Was ist fast anderthalb Tonnen schwer, kostete mehrere Hunderttausend Euro und musste per Kran angeliefert werden? Genau: der neue 3D-Drucker der münsterschen Universitätsmedizin. Nachdem das komplexe Großgerät wegen umfassender Umbauarbeiten zunächst auf sich warten ließ, konnte es jetzt per Kran ins Zielgebäude – das 3D-Labor in der Klinik für Orthopädie – einschweben und ist nahezu betriebsbereit. Die Neuanschaffung soll fortan bei der Erforschung neuer Technologien in der Orthopädie helfen und so zu einer individualisierten Patientenversorgung beitragen. Der Leiter des 3D-Labors, Arzt und Ingenieur Dr. Martin Schulze, spricht von einem „Schritt in eine neue Zukunft der Medizin am Standort Münster“. Finanziert wurde die Investition in Höhe von rund 530.000 Euro Gerät überwiegend mit Mitteln der EU aus dem REACT-Programm, die die Medizinische Fakultät der Universität Münster und die Uniklinik für Allgemeine Orthopädie und Tumororthopädie aus eigenen Mitteln aufstockten.
Drucke und Orthoprothesen maßgeschneidert statt nur „von der Stange“: Im 3D-Labor soll das neue Gerät nicht für den medizinischen Regelbetrieb eingesetzt werden, sondern zunächst für Forschungszwecke der Universität Münster. „Wir erproben Möglichkeiten, individualisierte Patientenversorgung durch den 3D-Drucker noch besser zu machen – zum Beispiel durch anatomische Modelle, die wir zur Vorbereitung von Operationen den Patienten zeigen, um die Eingriffe verständlicher zu machen“, so Schulze. „Wir werden auch individualisierte Instrumente drucken und im Zuge klinischer Studien am Patienten nutzen – also zum Beispiel Schablonen, die den Operateur bei seiner Arbeit unterstützten. So können wir dem Anspruch präziser Chirurgie Stück für Stück gerechter werden.“ Die gesetzlichen Anforderungen für die klinische Forschung und den Einsatz des 3D-Drucks am Patienten sind hoch. Daher wurde bereits mit der Zertifizierung des 3D-Drucks begonnen und diese soll für den ersten Druckprozess schon Ende des Jahres abgeschlossen sein. „Das ist eine Premiere im universitätsmedizinischen Umfeld“.

Bild: Passte durch keine Tür: Für die Anlieferung des 1,4 Tonnen schweren 3D-Drucker musste die Fassade der münsterschen Uniklinik geöffnet werden (Foto: WWU/Erk Wibberg)
Unauffällig geht anders: Bis der 3D-Drucker am Zielort stand, musste er den ein oder anderen Umweg auf sich nehmen. Hinderlich war insbesondere die Außenwand der Orthopädie: Damit der mit Verpackung 2,5 mal 2 mal 1,6 Meter messende und somit durch keine Tür passende Drucker an seinen Platz kommen konnte, waren aufwändige Arbeiten mit Abnahme der Fassade und der Einsatz des riesigen Krans am Westturm des Zentralklinikums notwendig. Mit diesem wurde der Drucker vorsichtig über den Lichthof des neuen Anbaus an seinen vorgesehenen Platz gebracht. Seine neue „Heimat“, das 3D-Labor, ist ebenfalls Teil der REACT-Förderung, mit der die EU die Belastungen der Corona-Pandemie abfedern will und dafür Projekte zum Übergang zu einer digitalen und ökologisch nachhaltigen Wirtschaft und Gesellschaft unterstützt. Das Projekt bildet der Einstieg in ein fächerübergreifendes Zentrum für additive Fertigung – also den 3D-Druck. Neben dem Großraumdrucker umfasst die REACT-Förderung weitere medizinische Anwendungen, die ebenfalls Ende letzten Jahres angeschafft und bereits in Betrieb genommen wurden. Im 3D-Labor soll zudem gemeinsam mit der FH Münster an neuen Werkstoffen und Beschichtungen für den 3D-Druck geforscht werden.
Juli 14, 2021 | Pressemitteilungen
Bild: Spezialgebiet Seltene Erkrankungen: Dr. Julia Wallmeier (Mitte), Diana Bracht und Prof. Heymut Omran beschäftigen sich mit angeborenen Krankheiten wie Lissenzephalien (Foto: WWU/P. Leßmann)
Münster (mfm/sw) – Was haben ein Gehirn und eine Walnuss gemeinsam? Klar: die furchenartige Oberfläche. Doch anders als bei der Nuss bringen die Windungen und Furchen beim Menschen etwa 100 Milliarden Neuronen in der Hirnrinde – dem Kortex – unter. Dies verleiht dem Gehirn das charakteristische Erscheinungsbild. Funktioniert der Faltungsprozess nicht, der unter anderem für komplexe Denkvorgänge unabdingbar ist, ist die Hirnrinde glatt – Fachleute sprechen von Lissenzephalie, einer angeborenen Fehlbildung. Dr. Julia Wallmeier, Ärztin und Teil einer Forschungsgruppe der Universität Münster um Prof. Heymut Omran, wollte die Entstehung der Fehlbildung besser verstehen – und entdeckte nun die wichtige Rolle des Tumorproteins TP73 bei der Diagnose von Lissenzephalien.
Heilen kann die Wissenschaft die angeborene Fehlbildung zwar nicht, wohl aber versuchen, das Krankheitsbild besser nachzuvollziehen: In einer Studie konnte Dr. Julia Wallmeier gemeinsam mit der Biologie-Doktorandin Diana Bracht zeigen, dass das Tumorprotein TP73 eine wichtige Rolle in der menschlichen Gehirnentwicklung, insbesondere des Kortex, spielt. Kinder mit Mutationen des TP73-Gens weisen eine ausgeprägte Lissenzephalie auf. TP73 ist essenziell für die neuronale Differenzierung – also der Entwicklung von verschiedenen Typen von Nervenzellen – und für die Entwicklung der Atemwegsepithelien, einer Zellschicht, die die Atemwege von innen auskleidet. Die Folge: Lissenzephalie-Patienten leiden zugleich an einer chronischen Lungenerkrankung und benötigen neben der kinderneurologischen auch eine intensive kinderpneumologische Behandlung.
Lissenzephalien gehören zu den schwersten Formen der Hirnanlagestörungen – und damit zum Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe um Kinderarzt Omran: Der Direktor der münsterschen Unikinderklinik und sein Team beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Entschlüsselung schwerer angeborener Erkrankungen. Viele Eltern von Kindern mit seltenen Erkrankungen wenden sich daher an das Zentrum für Seltene Erkrankungen am münsterschen Uniklinikum. Die Forschungsergebnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes wurden nun in der Fachzeitschrift American Journal of Human Genetics veröffentlicht.
PubMed-Link zur Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34077761/
Wallmeier, J., Bracht, D., Alsaif, H. S., Dougherty, G. W., Olbrich, H., Cindric, S., Dzietko, M., Heyer, C., Teig, N., Thiels, C., Faqeih, E., Al-Hashim, A., Khan, S., Mogarri, I., Almannai, M., Al Otaibi, W., Alkuraya, F. S., Koerner-Rettberg, C., & Omran, H. (2021). Mutations in TP73 cause impaired mucociliary clearance and lissencephaly. The American Journal of Human Genetics, 1–12. https://doi.org/10.1016/j.ajhg.2021.05.002