Schlagwort-Archive: Universitätsklinikum Münster

Votum für Telemedizin

Der Landtagsabgeordnete Dr. Stefan Nacke (CDU) aus Münster und der Ehrenpräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Rudolf Kösters, haben sich über telemedizinische Visiten zwischen dem UKM und den im Projekt TELnet@NRW angebundenen regionalen Krankenhäusern informiert.

Münster (ukm/aw) – Dass der Ausbau von Telemedizin für die ländliche Patientenversorgung in Zukunft unabdingbar sein wird, dessen ist sich der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des UKM (Universitätsklinikum Münster), Univ.-Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hugo Van Aken, sicher. Aus diesem Grund hat er den Landtagsabgeordneten Dr. Stefan Nacke (CDU) aus Münster und den Ehrenpräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Rudolf Kösters, eingeladen, sich die bereits vorhandenen telemedizinischen Möglichkeiten am UKM anzusehen.

„Ich freue mich, unseren Gästen die technischen Möglichkeiten der telemedizinischen Visiten über gesicherte Datenverbindungen vorstellen zu können. Das UKM hat bereits durch das vom Innovationsfonds geförderte Projekt TELnet@NRW die technischen Voraussetzungen dafür. Im Projekt arbeiten wir sektorenübergreifend mit unseren Partnerkrankenhäusern einerseits und einem Ärztenetzwerk andererseits. Telemedizinische Visiten bieten so die Möglichkeit, medizinisches Wissen ins Land zu tragen“, so Van Aken. Der Ärztliche Direktor des UKM erläuterte weiter, dass der Erfolg der telemedizinischen Visiten sich auch darin erweise, dass die Anzahl der Patienten, die aus den peripheren Häusern zur weiteren intensivmedizinischen Betreuung ans UKM überwiesen wurden, seit Bestehen des Projektes drastisch gesunken sei. Für die Patienten selbst sei es von Vorteil, dass sie durch die beratende Expertise des UKM in den regionalen Krankenhäusern vor Ort die optimale Behandlung erhalten und nicht verlegt werden müssen.

Nacke und Kösters ließen sich die technischen Voraussetzungen der Telemedizin erläutern und stimmten darin überein, dass künftig mehr Telemedizin gebraucht würde, um die medizinische Versorgung der Menschen in der Region sicherzustellen. Auch der besondere Vorteil einer räumlichen Nähe zwischen einem telemedizinischen Zentrum und den daran angebundenen Kliniken wurde deutlich. In Münster wären die Gegebenheiten bei Fortführung der telemedizinischen Visiten über das Projekt TELnet@NRW hinaus schon gegeben.

Bild: Telemedizinische Visite am UKM mit dem Josephs-Hospital in Warendorf: MdL Dr. Stefan Nacke und der Ehrenpräsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Rudolf Kösters, (hintere Reihe, 3. bzw. 4. v.r.) zeigten sich beeindruckt. (© Foto: UKM/Wibberg)

Neues Notfalltraining am UKM bringt Sicherheit für Patienten

Münster (ukm/js) – Aktuell wird im Klinikum ein strukturiertes Notfalltraining etabliert, in dem die Mitarbeitenden berufsgruppenübergreifend verstärkt in nicht-reanimationspflichtigen Notfällen geschult werden. „Im Krankenhausalltag steht bei Schulungen häufig die Reanimation im Vordergrund. Unser Ziel ist es, die Beschäftigten im Umgang mit kritisch Kranken durch einen klar strukturierten und festgelegten Ablauf zu stärken und so im besten Fall Reanimationen zu vermeiden“, sagt Christian Hackmann vom UKM Trainingszentrum. Im UKM Trainingszentrum finden in modernen Räumlichkeiten umfassende Schulungen für UKM-Beschäftigte verschiedener Berufsgruppen und Disziplinen statt.

Mitarbeiter aus unterschiedlichen Berufsgruppen in Schulungen und Trainings zusammenzubringen, diese Philosophie wird bereits seit 2007 am UKM umgesetzt. Im Fall des neuen Notfalltrainings kommen die Idee und Konzeption direkt aus der UKM-Mitarbeiterschaft: Der ausgebildete Kranken- und Gesundheitspfleger und Rettungssanitäter Pascal Hülsmann hat ein Schulungskonzept entwickelt, in das seine Erfahrungen aus beiden Ausbildungen einfließen. „Im Rettungsdienst habe ich regelmäßig praktische Fallsimulationen zu den häufigsten Notfällen außerhalb der Reanimation kennengelernt. Ich glaube, dass wir davon auch im UKM profitieren und Vorreiter in der Krankenhauslandschaft sein können“, betont Hülsmann. Um den Zeitaufwand im Stationsalltag gering zu halten, hat Pascal Hülsmann das Konzept mit Unterstützung des UKM Trainingszentrums in vier Blöcke aufgeteilt: Den theoretischen Algorithmus stellt er während der regulären Team-Besprechungen der Stationen vor, das dazugehörige Handbuch können die Teilnehmenden eigenständig durcharbeiten. Darauf aufbauend findet für jeden Mitarbeiter eine kurze Schulung auf den Stationen statt, die u.a. eine strukturierte Einschätzung von kritischen Patienten vermittelt.

Bild: Pascal Hülsmann leitet Gesundheits- und Krankenpflegerin Melanie Hertel an, wie sie bei nicht-reanimationspflichtigen Notfällen optimal unterstützt. (© Foto UKM)

Deutsches Lebendspenderegister entsteht in Münster: Bund fördert Projekt der WWU mit 2,2 Millionen Euro

Münster – In Münster entsteht unter Federführung der Medizinischen Fakultät Münster der Universität Münster das erste deutsche Lebendspenderegister „Safety of Living Kidney Donor-German National Register (SOLKID-GNR)“ zur Erforschung der Nierenlebendspende: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert mit insgesamt 2,2 Millionen für fünf Jahre ein Projekt unter Leitung von Prof. Barbara Suwelack, Sektion Transplantationsnephrologie der Medizinischen Klinik D am Universitätsklinikum Münster, zur Versorgungsforschung von Lebendspenden bei Nieren. Die Lebendspende gilt aufgrund des Organspende-Mangels als eine mögliche Alternative zur Transplantation eines postmortalen Organs. Das Lebendspenderegister wird nach Ablauf der Förderphase verstetigt und von der Medizinischen Fakultät unterstützt werden.

„Zur Langzeitsicherheit der Lebendnierenspende für den Spender fehlen uns im deutschen Gesundheitssystem aktuell Daten zum körperlichen und psychosozialen Behandlungsergebnis. Das deutsche Lebendspenderegister in Münster soll erstmals umfassende innovative Erkenntnisse zur Lebendspende liefern. Wir freuen uns sehr, dass unser Vorhaben nun vom Bundesforschungsministerium gefördert und von allen Transplantationszentren unterstützt wird“, macht Prof. Barbara Suwelack deutlich. Zuspruch erhält das Projekt auch durch die Patientenverbände und Selbsthilfegruppen.

Unter Leitung von Prof. Barbara Suwelack wird in Münster das erste deutsche Lebendspenderegister zur Erforschung der Nierenlebendspende entstehen (Foto: FZ/R. Schirdewahn)

Bild: Unter Leitung von Prof. Barbara Suwelack wird in Münster das erste deutsche Lebendspenderegister zur Erforschung der Nierenlebendspende entstehen (Foto: FZ/R. Schirdewahn)

In bundesweit 38 Transplantationszentren werden derzeit Lebendspenden durchgeführt. Alle Standorte werden künftig Daten zur körperlichen und psychischen Gesundheit der Spender erheben. In Münster werden diese Daten in einem interdisziplinären Team, bestehend aus Experten der Transplantationsnephrologie, der Psychosomatik sowie der Chirurgie, Biometrie und der Informatik, wissenschaftlich ausgewertet. „Wir wollen so mehr Erkenntnisse über die Auswirkungen einer Lebendspende für den Spender erhalten“, erklärt Transplantationsexpertin Suwelack. Dazu zählen neben den körperlichen Folgen der Einnierigkeit Aspekte der Lebensqualität wie das Fatigue-Syndrom, zu denen bislang zum Teil widersprüchliche Studiendaten vorliegen oder ganz fehlen.
Die Lebendnierenspende war zuletzt durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, das in zwei Fällen eine unzureichende Aufklärung von Lebendspendern festgestellt hat. Auch vor diesem Hintergrund sei eine intensive Versorgungsforschung für das Vertrauen in die Lebendspende wichtig, so Prof. Suwelack.

Vier Augen sehen mehr als zwei: Duale Lotsenstruktur bei seltenen Erkrankungen

Hoffnung für Patienten mit unklarer Diagnose: Im Projekt „ZSE-DUO“ arbeiten Experten für körperliche und für psychosomatische Erkrankungen als Duo – mit dem Ziel einer schnelleren Diagnosestellung. Denn die Symptome können u.a. psychisch belasten oder gar eine seltene Erkrankung verschleiern. Das UKM ist Teil des Millionenprojekts.

Münster (ukm/maz) – Körperliche Beschwerden, egal welcher Art – und trotz Arztmarathon keine Diagnose: Allein in Nordrhein-Westfalen sind schätzungsweise 900.000 Menschen von einer seltenen Erkrankung betroffen, viele von ihnen haben eine jahrelange Odyssee hinter sich. „Das wollen wir verbessern“, sagt Prof. Dr. Heymut Omran, Sprecher des Centrums für seltene Erkrankungen am UKM (Universitätsklinikum Münster), das am bundesweiten Projekt „ZSE-DUO“ beteiligt ist. Mit insgesamt 5,3 Millionen Euro fördert der Gemeinsame Bundesausschuss das elf Standorte umfassende Projekt, das mit einer speziellen Lotsenstruktur die Diagnosestellung für Patienten mit seltenen Erkrankungen verkürzen soll. „In diesem Rahmen wird ein Teil der Patienten von Anfang an durch ein medizinisches Duo begleitet, bestehend aus je einem Spezialisten für körperliche Beschwerden und einem für psychische bzw. psychosomatische Erkrankungen“, erklärt Omran.

In Münster arbeiten dafür das Centrum für seltene Erkrankungen und die Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie eng zusammen. „Unsere Erfahrungen zeigen, dass bei Menschen mit unklarer Diagnose häufig auch psychische oder psychosomatische Gründe die Ursache sind“, sagt Klinikdirektor Prof. Dr. Dr. Gereon Heuft. Umgekehrt können die Symptome auch das Vorliegen einer seltenen Erkrankung verschleiern und eine Diagnose und Behandlung erschweren oder verzögern. Im Rahmen des Projekts „ZSE-DUO“ sollen Patienten solange durch die Lotsen begleitet werden, bis eine Diagnose gesichert werden kann. Je nach Fall werden dafür weitere medizinische Fachdisziplinen hinzugezogen.

Bild: Teamarbeit für seltene Erkrankungen (v.l.): Prof. Dr. Dr. Gereon Heuft (Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie), Prof. Dr. Frank Rutsch und Prof. Dr. Heymut Omran (beide Centrum für seltene Erkrankungen).

„Mit diesem vereinten Wissen hoffen wir, die Zahl der Patienten mit unklaren Diagnosen zu verringern, die Zeit bis zur Diagnosestellung zu verkürzen, die Kosten zu reduzieren und natürlich die Zufriedenheit der Betroffenen zu steigern“, erklärt Prof. Dr. Frank Rutsch, stellvertretender Sprecher und Patientenlotse am Centrum für seltene Erkrankungen am UKM, die Ziele von „ZSE-DUO“. Das auf drei Jahre angelegte Projekt umfasst die Universitätsklinika in Aachen, Bochum, Frankfurt am Main, Hannover, Magdeburg/Halle, Mainz, Münster, Regensburg, Tübingen, Ulm und Würzburg (Projektleitung). Weitere Partner sind die Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen ACHSE e.V., die Techniker Krankenkasse, die Innungskrankenkasse IKK Gesund plus sowie die AOK Rheinhessen.

Am UKM können sich ab sofort Patienten ab 12 Jahren melden, die Beschwerden haben, für die bisher kein Arzt eine Diagnose finden konnte und die noch nicht in einem Zentrum für seltene Erkrankungen vorstellig wurden. Die Teilnahme an „ZSE-DUO“ ist Versicherten aller Krankenkassen möglich, mitzubringen sind alle vorhandenen medizinischen Unterlagen. Anmeldung und weitere Informationen auf der Homepage des Centrums für seltene Erkrankungen des UKM sowie unter 0251 83-47700 oder cse@ukmuenster.de.

Autismusstörungen im Erwachsenenalter: Wenn soziales Miteinander zur Sackgasse wird

Autismusstörungen im Erwachsenenalter sind keine Seltenheit, der Bedarf an Diagnostik stark gefragt. Anlaufstelle ist eine Spezialambulanz am UKM. Eine neue Studie soll helfen, die Erkrankung besser zu verstehen.

Münster (ukm/maz) – Autismus – das fällt doch auf! Eine Diagnose mit 45 Jahren? Kaum vorstellbar. Die Realität sieht jedoch anders aus. „Wir kennen Betroffene, die eine Ausbildung machen oder studiert haben, und erst im Beruf mit erhöhten Anforderungen an die Sozialkompetenz auffällt, dass etwas nicht stimmt“, weiß Privat-Dozentin Dr. Katja Kölkebeck, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKM (Universitätsklinikum Münster) und erklärt, dass Menschen mit Autismus ihre Defizite im Sozialverhalten bis zu einem gewissen Grad kompensieren können, in dem sie das richtige Verhalten kopieren. „Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht und Hilfe – sehr häufig auf Initiative von Angehörigen oder Arbeitskollegen – gesucht wird.“ Anlaufstelle im Münsterland ist die Spezialambulanz für Autismus im Erwachsenalter am UKM, wo Kölkebeck aktuell eine EEG-Studie gemeinsam mit Dr. Claudia Schulz vom Institut für Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster durchführt. Das Ziel: Die Erkrankung besser verstehen und damit Betroffenen schnelleren Zugang zu einer adäquaten Therapie ermöglichen.

Denn die Diagnose von dem Krankheitsbild des im Volksmund bekannten „Asperger-Syndroms“, laut Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation „Autismusspektrumstörungen mit hohem Funktionsniveau im Erwachsenenalter“ (ASS), ist nicht einfach, Fehldiagnosen sind keine Seltenheit. Letztendlich erfolgt sie über eine Symptomkonstellation. „Betroffenen fällt die zwischenmenschliche Kommunikation schwer, sie können nur schlecht Blickkontakt halten und Metaphern verstehen“, weiß Kölkebeck. „Außerdem haben sie oftmals Spezialinteressen, lernen zum Beispiel Bahnfahrpläne auswendig.“ Weder Laborproben noch Bildgebung liefern Anhaltspunkte zur Diagnose, sie dienen rein dem Ausschluss anderer Krankheiten.

Bild: Mittels EEG messen Privat-Dozentin Dr. Katja Kölkebeck (l.) und Dr. Claudia Schulz die Hirnströme von Autismus-Patienten, denen Bilder verschiedener Gesichter gezeigt werden.

In der aktuellen Studie wird Betroffenen eine Elektroden-Kappe angelegt und ihnen werden Gesichter mit verschiedenen Emotionen gezeigt. „Wir sind aufgrund der bisherigen Forschungslage davon ausgegangen, dass Menschen mit ASS grundlegende und weitreichende Probleme in der Erkennung von Gesichtern haben“, sagt Psychologin Schulz. „Jedoch konnten wir in einem sehr frühen Bereich der visuellen Verarbeitung eine ähnliche Verarbeitung wie bei neurotypischen Probanden feststellen.“ Weitere Messungen sind geplant, um über diese Erkenntnisse die Erkrankung besser zu verstehen, aber auch Diagnostik und Therapie zu verbessern. Die Notwendigkeit scheint gegeben: Etwa ein bis 2,7 Prozent der Bevölkerung sind von ASS betroffen, die Warteliste der Spezialambulanz am UKM ist lang. Nicht zuletzt, weil das Krankheitsbild vor 30 Jahren wenig bekannt gewesen ist und viele Betroffene im Kindesalter durchs Raster fielen. „Die Anpassungsprobleme ziehen Jahre später häufig sekundäre Krankheitssymptome wie Depressionen, Angststörungen oder psychosoziale Konflikte nach sich und überdecken die eigentliche Problematik. Daraus resultieren falsche Diagnosen und Therapien zum Nachteil der Betroffenen“, so Schulz.

Ab Herbst soll es am UKM eine Gruppentherapie für Autismus-Patienten geben; bisher erfolgt die Therapie im Münsterland über ambulante Praxen oder Einrichtungen. Neben einer individuellen Psychotherapie, in der Betroffene lernen, wie man mit seinen Problemen umgeht und den Alltag bestehen kann, wird gemeinsam trainiert, wie man soziale Signale sendet und erfasst, quasi eine Art soziales Kompetenztraining. Denn spezifische Medikamente zur Behandlung von ASS gibt es nicht.

Info: Spezialambulanz für Autismus im Erwachsenalter, Telefon 0251 – 83 56676

Eine Woche nach der Tat: Trauma-Folgen bei Kindern und Jugendlichen und die Rolle von bürgerlichem Zusammenhalt

Münster (ukm/aw) – Die engagierten Bürger Münsters helfen bei der psychischen Verarbeitung des Amok, sagt Prof. Georg Romer, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster). Rund eine Woche nach der Amokfahrt am Kiepenkerl sind die äußeren Verletzungen der Betroffenen in Behandlung. Welche seelischen Folgen die Tat bei Kindern und Jugendlichen haben kann und wann man von einer Traumatisierung spricht, erläutert Romer im Interview.

Herr Prof. Romer, kann sich – rund eine Woche nach der Amokfahrt – eine Traumatisierung bei Kindern- und Jugendlichen auch jetzt noch offenbaren?

Bei unmittelbar Betroffenen: ja! Das Typische für eine Traumatisierung ist, dass sie in den meisten Fällen nicht sofort sichtbar wird. Im Akut-Fall stabilisiert sich der Mensch erst einmal körperlich, das heißt zunächst gilt es, den gesamten durch das Ereignis belasteten Organismus wieder in eine Grundbalance zu bringen, um nicht funktional zusammenzubrechen. Erst wenn das geschafft ist, kann auch die Psyche sich eine gewisse Schwäche erlauben. Die Hilferufe der Seele können also lange im Nachhinein noch kommen. Bei akuter Lebensbedrohung sogar Jahre später, das erleben wir beispielsweise auch bei jugendlichen Flüchtlingen, die zunächst ihr Leben in Sicherheit bringen mussten und die erst viel später seelisch dekompensieren. Man spricht da von einer zunächst stabilisierenden Latenz.

Trägt die seelischen Folgen nur, wer die Tat miterlebt hat oder können besonders sensible Kinder auch durch Medienberichterstattung oder vom „Hörensagen“ traumatisiert werden?

Nein. Ein seelisches Trauma kann bei Kindern und Jugendlichen nur dann entstehen, wenn sie entweder selbst Augenzeuge der Tat geworden sind oder auch, wenn eine ihnen nahestehende Person unmittelbar betroffen war. Ein Trauma geschieht nach einer konkreten extrem belastenden Erfahrung, der ich selbst oder meine Liebsten unerwartet ausgesetzt war und die mein Selbst- und Weltverständnis nachhaltig erschüttert. Wenn sich bei einem Kind, das nur indirekt von der Tat gehört hat, trotzdem Schlafstörungen und Angstzustände einstellen, dann müsste man davon ausgehen, dass da schon vorher eine seelische Verwundung in diesem Bereich bestand, die sich in dieser Ängstlichkeit in Bezug auf die Tat erneut manifestiert. Das ist dann aber kein Trauma sondern eine andere Grunderkrankung. Man sollte den Begriff Trauma nicht inflationär verwenden.

Wenn Eltern nun aber eine Traumatisierung ihres Kindes befürchten, woran können sie das erkennen?

Wer jetzt – eine Woche nach der Tat – bei seinem Kind noch Albträume, Schlaflosigkeit oder Angstzustände beobachtet, der sollte das gut im Blick behalten. Normalerweise haben Eltern bei einer so existentiell berührenden Erfahrung ein sicheres Bauchgefühl dafür, was ihr Kind braucht. Es kann zur Sicherheit gebenden Beruhigung ausreichen, ein Kind – egal wie alt es ist – nach einer solchen Erfahrung einige Nächte mit im Bett der Eltern schlafen zu lassen. Wenn die Zustände jedoch andauern, sollten Eltern fachliche Hilfe suchen und beispielsweise eine Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche aufsuchen, wie sie hier beispielsweise an der Kinderklinik des UKM angeboten wird. Wir haben geneinsam mit der Kinderklinik schon am Tag nach der Tat für Betroffene kurzfristige Termine zur Verarbeitungshilfe bereitgestellt, damit eine posttraumatische Belastungsstörung gar nicht erst entsteht. Das ist immer ein gesunder erster Schritt: Den Kindern und Jugendlichen Gelegenheit geben, in Worte zu fassen, was passiert ist und so den erlebten Schock zu einer verarbeitbaren Geschichte werden zu lassen. Oft erübrigt sich durch sofort einsetzende Verarbeitungshilfe alles Weitere.

Haben sich viele Patienten bei Ihnen vorgestellt?

Wir sind froh, dass es bisher nicht so ist. Bisher haben sich mehr Erwachsene und auch Ersthelfer bei den Kollegen in der Trauma-Ambulanz des UKM (s. Kasten) vorgestellt. Meine Vermutung ist, dass hier die Ersthilfemaßnahmen, die in Münster durch ein bestens funktionierendes Rettungswesen und hervorragende Polizeiarbeit vorbildlich gelaufen sind, einen großen Anteil haben. Die Ersthelfer haben sofort und unaufgeregt das Richtige getan. Es gab keine größere Panik vor Ort, die die Menschen noch weiter hätte erschüttern können. Das ist durchaus bemerkenswert und ich würde es der gut funktionierenden Bürgerschaft in Münster zuschreiben. Man hat unaufgeregt das Richtige getan, die Welle der Solidarität und Anteilnahme, der Hilfsbereitschaft, die nicht nach Aufmerksamkeit heischt, ist beeindruckend gewesen. Als vor wenigen Jahren zugezogener Wahl-Münsteraner habe ich das schon im Zuge des Flüchtlingszustroms mit Faszination beobachtet. Dieses implizite „Wir-Gefühl“ und der Grundkonsens des Helfen-Wollens sind typisch „Münster-Style“, so würde ich es nennen. Und das zeichnet die Bürger dieser Stadt in besonderer Weise aus. Ich habe den Eindruck, dass es die in den vergangenen Jahren zu beobachtende allgemein zunehmende Verrohung der Gesellschaft, wie wir sie z.B. bei Gaffereien nach Autobahnunfällen erleben, so hier nicht gibt.

Gibt es Tipps, wie Eltern ihrem Nachwuchs so eine schreckliche Tat überhaupt erklären können?

Bei jüngeren Kindern sollte man diese von der Information tatsächlich abschirmen, das heißt natürlich auch von der Medienberichterstattung. Aber spätestens ab dem Schulalter funktioniert das nicht mehr – da werden Kinder auch außerhalb des Elternhauses mit den Ereignissen konfrontiert. Es gilt also, dem Kind die Ereignisse wahrheitsgemäß einordnen zu helfen. Eltern können dabei ihre eigene Betroffenheit und Ratlosigkeit angesichts der Tat zeigen. Eltern sollten dabei dem Kind möglichst konkret vor Augen führen, dass sie selbst sich im Alltagsleben weiterhin sicher genug fühlen und sie selbst auch keine Angst haben, beispielsweise jetzt wieder in die Innenstadt zu gehen. Kinder dürfen wissen, dass es Menschen gibt, die böse und nicht nachvollziehbare Dinge tun. Es ist aber vor allem wichtig zu sagen, dass Menschen, die Verbrechen begehen, von Gerichten bestraft werden, und dass die Gesellschaft funktionierende Strukturen für den heilenden Umgang mit einer Katastrophe hat, wie man anhand der Arbeit der Ersthelfer und der Reaktion der Bevölkerung sehen konnte.

Für Kinder und Jugendliche, die unmittelbare Zeugen der Amokfahrt geworden sind oder bei denen nahestehende Menschen betroffen waren, bietet die Traumaambulanz der Klinik für Kinder und Jugendmedizin des UKM eine Sprechstunde zur psychotherapeutischen Verarbeitungshilfe an Anmeldungen werden unter 0251 83-56440 entgegengenommen.
Für betroffene Erwachsene (einschl. Ersthelfer) ist die Trauma-Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am UKM unter der Tel.-Nr. 0251-83 52 905 für kurzfristige Terminvereinbarungen erreichbar.
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sichert Betroffenen die Kostenübernahme nach dem Opferentschädigungsgesetz zu.

„Ich durfte alles fragen und bekam jede Antwort“: Brücken-Team begleitet schwerkranke und deren Familien

Sarah Krajewska leidet unter einer Stoffwechselerkrankung. Eigentlich hätte sie Prognosen zufolge nicht älter als zwei Jahre werden sollen – heute ist sie zwanzig. Sarahs Mutter war mit der Betreuung und Sorge um ihre Tochter immer auf sich allein gestellt. Irgendwann überstieg das ihre Kraft. Das war der Zeitpunkt, als sich das Brücken Team einschaltete und das Leben der beiden erleichterte.

Münster (ukm/aw) – Sarah und ihre Mutter Johanna Krajewska sind eng miteinander verbunden: „Wir leben quasi in Symbiose. Ich spüre, wenn es meiner Tochter schlecht geht und umgekehrt merkt sie das auch.“ „Durch Sarahs schwere Erkrankung ist das ganz erklärlich“, sagt die Ärztliche Leiterin des Brücken-Teams am UKM (Universitätsklinikum Münster), Dr. Margit Baumann-Köhler. „Wir erleben das oft bei Eltern, deren Kinder, lebensbegrenzend erkrankt sind. Insbesondere natürlich, wenn die Kinder sich, wie es bei Sarah der Fall ist, nicht selbst äußern können.“ Sarah leidet von Geburt an unter einer Form von Mukopolysaccharidose, einer schweren Stoffwechselstörung. „Als im Alter von einem Jahr die Diagnose und – damit verbunden – die Aussage kam, dass mein Kind nicht mehr lange leben würde, bin ich in ein schwarzes Loch gefallen“, gibt Johanna Krajewska zu. Doch irgendwann habe sie die Wahl getroffen, das bisschen Leben so lebenswert wir möglich zu gestalten. „Alles, was anderen unmöglich erschien, habe ich versucht, mit Sarah zu machen. Wir sind gereist und haben die Welt gesehen und ich bereue nicht eine Sekunde“, sagt die energiegeladene Beckumerin.

Lange Zeit ging es Sarah erstaunlich gut, doch vor drei Jahren verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand von einem auf den anderen Tag. Es folgten eine akut lebensbedrohliche Situation und ein langer Klinikaufenthalt. Da hätten die Ärzte am UKM lange Gespräche mit ihr geführt, sagt Sarahs Mutter. Zum ersten Mal war auch sie selbst an einem Punkt, an dem sie sich eingestehen musste, Hilfe zu brauchen. Damals hat man mir unverbindlich den Kontakt zum Brücken-Team angeboten, sagt Krajewska.

„Viele Eltern haben eine große Scheu und sogar Abwehr, was den ersten Kontakt zu uns betrifft“, weiß Baumann-Köhler. „Der Schritt kommt ihnen so endgültig vor. Sie fühlen sich ein bisschen, als ob sie im Kampf gegen die tödliche Krankheit ihres Kindes verloren hätten“ In dieser Situation braucht es Fingerspitzengefühl und viele intensive Gespräche im ambulanten häuslichen Umfeld. „Eine auf ihre Situation abgestimmte psychosoziale Beratung ist – neben der medizinischen und pflegerischen Beratung – das, was wir den Familien auf ihrem Weg bieten können“, sagt Diplom-Pädagogin und ausgebildete Supervisorin Maria Runtenberg vom Brücken-Team. Sie hat die Krajewskas in Beckum oft besucht, um vor Ort herauszufinden, womit man der kleinen Familie am besten helfen könnte. Auch schon vorhandene Ressourcen im Familiensystem werden aufgespürt und aktiviert. „Maria ist eine gute Freundin geworden“ strahlt Johanna Krajewska und nimmt Runtenberg in den Arm. „Ihr erzähle ich alles, was ich sonst nur meinem Spiegelbild erzählen würde. Und vor allem kann ich wie selbstverständlich immer alles fragen und bekomme jede Antwort – es gibt einfach kein Tabu.“

Damit die Betreuung so nah an den Familien sein kann, braucht es Geld. Denn das Brücken-Team wird – neben der Hauptfinanzierung durch die Krankenkassen – seit über einem Jahrzehnt von der Schober-Stiftung mitgetragen und ist daher letztlich auch spendenabhängig. Insgesamt fließen aus der Stiftung jährlich rund 25.000 Euro in das Projekt. „Aktuell arbeiten wir daran, Maria Runtenbergs Stelle zu erhalten und zu verlängern“, sagt Dr. Anna Schober, die zusammen mit ihrem Mann Univ.-Prof. em. Otmar Schober Mitbegründerin der Schober-Stiftung ist. „So wie es ein ganzes Dorf braucht, ein Kind groß zu ziehen, braucht es viele Schultern, ein todkrankes Kind und seine Familie bis zum Ende zu begleiten.“

Bild: (v.r.n.l.) Das ganze Brücken-Team hinter Sarah Krajewska: Diplom-Pädagogin Maria Runtenberg, Mutter Johanna Krajewska, Dr. Margit Baumann-Köhler, Dr. Anna Schober und Prof. Claudia Rössig, Direktorin der Kinderonkologie am UKM.

Zecken – mal wieder auf der Lauer

Von April bis September ist Vorsicht geboten / Mückenschutzmittel, lange Kleidung und Impfung bieten Schutz vor Borreliose und FSME

Münster (ukm/hch) – Sie lauern auf Gräsern und in Büschen – Zecken. Doch wie entfernt man sie richtig? Und handelt es sich um einen Biss oder einen Stich? Von April bis September ist Zeckenzeit. Dr. Frieder Schaumburg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) kennt sich mit den Parasiten aus: „Bei jedem Zeckenstich gilt: Die schnelle Entfernung der Zecke ist entscheidend. Das Risiko sich bei einem Zeckenstich mit Borreliose zu infizieren wird maßgeblich von der Saugdauer der Zecke beeinflusst.“ Es vergehen bis zu 24 Stunden, bis die Erreger der Borreliose auf den Menschen übertragen werden. „Deshalb sollte man sich nach einem Tag im Freien gründlich auf Zecken untersuchen, um die Gefahr einer Infektion zu minimieren“, rät der Leiter der Impfsprechstunde.

Während Zecken unzählige Erreger in sich tragen können, spielen in Deutschland fast ausschließ die FSME-Viren und die Borrelien eine Rolle, die neben grippalen Symptomen im schlechtesten Fall eine Entzündung des Gehirns hervorrufen können. „Das Münsterland ist aber kein Risikogebiet für den FSME-Erreger, da dieser bisher auf den Süden Deutschlands beschränkt ist. Das sollten jedoch Reisende berücksichtigen und über eine Impfung nachdenken“, so Schaumburg mit dem Hinweis, dass Borrelien wiederum sehr wohl in den münsteraner Zecken zu finden sind. Um sich zu schützen empfiehlt der Mikrobiologe gängige Mückenschutzmittel, die die Inhaltsstoffe DEET oder Icaridin enthalten. Diese machen den Menschen als Beute uninteressant. Zusätzlich sollte lange Kleidung zum Beispiel bei Wanderungen oder Spaziergängen durch hohe Gräser getragen werden.

„Im Falle eines Zeckenstichs sollte man die Zecke mit einer feinen Pinzette möglichst nah an den Mundwerkzeugen greifen und senkrecht nach oben herausziehen“, erklärt Dr. Frieder Schaumburg. Von drehen oder anwärmen rät er dringlich ab. Stattdessen sollte die Wunde desinfiziert und beobachtet werden. „Ein Anzeichen für eine Infektion ist die sogenannte Wanderröte. Dabei entsteht eine kreisförmige Rötung um die Einstichstelle. Diese breitet sich beim Voranschreiten der Infektion immer weiter aus.“ Bei einem Verdacht sollten Betroffene ihren Hausarzt aufsuchen.

Haben die Bakterien das Nervensystem befallen, spricht man von der Neuroborreliose. Je nach Stadium der Infektion dauert die Behandlung mit Antibiotika zwischen wenigen Tagen und einigen Wochen. „In der Regel lässt sich die Borreliose jedoch gut behandeln“, sagt Schaumburg.

Bild: Dr. Frieder Schaumburg zeigt die FSME-Risikogebiete in Deutschland. (© Foto: UKM/FZ/Tronquet)