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Eine Woche nach der Tat: Trauma-Folgen bei Kindern und Jugendlichen und die Rolle von bürgerlichem Zusammenhalt

Münster (ukm/aw) – Die engagierten Bürger Münsters helfen bei der psychischen Verarbeitung des Amok, sagt Prof. Georg Romer, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster). Rund eine Woche nach der Amokfahrt am Kiepenkerl sind die äußeren Verletzungen der Betroffenen in Behandlung. Welche seelischen Folgen die Tat bei Kindern und Jugendlichen haben kann und wann man von einer Traumatisierung spricht, erläutert Romer im Interview.

Herr Prof. Romer, kann sich – rund eine Woche nach der Amokfahrt – eine Traumatisierung bei Kindern- und Jugendlichen auch jetzt noch offenbaren?

Bei unmittelbar Betroffenen: ja! Das Typische für eine Traumatisierung ist, dass sie in den meisten Fällen nicht sofort sichtbar wird. Im Akut-Fall stabilisiert sich der Mensch erst einmal körperlich, das heißt zunächst gilt es, den gesamten durch das Ereignis belasteten Organismus wieder in eine Grundbalance zu bringen, um nicht funktional zusammenzubrechen. Erst wenn das geschafft ist, kann auch die Psyche sich eine gewisse Schwäche erlauben. Die Hilferufe der Seele können also lange im Nachhinein noch kommen. Bei akuter Lebensbedrohung sogar Jahre später, das erleben wir beispielsweise auch bei jugendlichen Flüchtlingen, die zunächst ihr Leben in Sicherheit bringen mussten und die erst viel später seelisch dekompensieren. Man spricht da von einer zunächst stabilisierenden Latenz.

Trägt die seelischen Folgen nur, wer die Tat miterlebt hat oder können besonders sensible Kinder auch durch Medienberichterstattung oder vom „Hörensagen“ traumatisiert werden?

Nein. Ein seelisches Trauma kann bei Kindern und Jugendlichen nur dann entstehen, wenn sie entweder selbst Augenzeuge der Tat geworden sind oder auch, wenn eine ihnen nahestehende Person unmittelbar betroffen war. Ein Trauma geschieht nach einer konkreten extrem belastenden Erfahrung, der ich selbst oder meine Liebsten unerwartet ausgesetzt war und die mein Selbst- und Weltverständnis nachhaltig erschüttert. Wenn sich bei einem Kind, das nur indirekt von der Tat gehört hat, trotzdem Schlafstörungen und Angstzustände einstellen, dann müsste man davon ausgehen, dass da schon vorher eine seelische Verwundung in diesem Bereich bestand, die sich in dieser Ängstlichkeit in Bezug auf die Tat erneut manifestiert. Das ist dann aber kein Trauma sondern eine andere Grunderkrankung. Man sollte den Begriff Trauma nicht inflationär verwenden.

Wenn Eltern nun aber eine Traumatisierung ihres Kindes befürchten, woran können sie das erkennen?

Wer jetzt – eine Woche nach der Tat – bei seinem Kind noch Albträume, Schlaflosigkeit oder Angstzustände beobachtet, der sollte das gut im Blick behalten. Normalerweise haben Eltern bei einer so existentiell berührenden Erfahrung ein sicheres Bauchgefühl dafür, was ihr Kind braucht. Es kann zur Sicherheit gebenden Beruhigung ausreichen, ein Kind – egal wie alt es ist – nach einer solchen Erfahrung einige Nächte mit im Bett der Eltern schlafen zu lassen. Wenn die Zustände jedoch andauern, sollten Eltern fachliche Hilfe suchen und beispielsweise eine Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche aufsuchen, wie sie hier beispielsweise an der Kinderklinik des UKM angeboten wird. Wir haben geneinsam mit der Kinderklinik schon am Tag nach der Tat für Betroffene kurzfristige Termine zur Verarbeitungshilfe bereitgestellt, damit eine posttraumatische Belastungsstörung gar nicht erst entsteht. Das ist immer ein gesunder erster Schritt: Den Kindern und Jugendlichen Gelegenheit geben, in Worte zu fassen, was passiert ist und so den erlebten Schock zu einer verarbeitbaren Geschichte werden zu lassen. Oft erübrigt sich durch sofort einsetzende Verarbeitungshilfe alles Weitere.

Haben sich viele Patienten bei Ihnen vorgestellt?

Wir sind froh, dass es bisher nicht so ist. Bisher haben sich mehr Erwachsene und auch Ersthelfer bei den Kollegen in der Trauma-Ambulanz des UKM (s. Kasten) vorgestellt. Meine Vermutung ist, dass hier die Ersthilfemaßnahmen, die in Münster durch ein bestens funktionierendes Rettungswesen und hervorragende Polizeiarbeit vorbildlich gelaufen sind, einen großen Anteil haben. Die Ersthelfer haben sofort und unaufgeregt das Richtige getan. Es gab keine größere Panik vor Ort, die die Menschen noch weiter hätte erschüttern können. Das ist durchaus bemerkenswert und ich würde es der gut funktionierenden Bürgerschaft in Münster zuschreiben. Man hat unaufgeregt das Richtige getan, die Welle der Solidarität und Anteilnahme, der Hilfsbereitschaft, die nicht nach Aufmerksamkeit heischt, ist beeindruckend gewesen. Als vor wenigen Jahren zugezogener Wahl-Münsteraner habe ich das schon im Zuge des Flüchtlingszustroms mit Faszination beobachtet. Dieses implizite „Wir-Gefühl“ und der Grundkonsens des Helfen-Wollens sind typisch „Münster-Style“, so würde ich es nennen. Und das zeichnet die Bürger dieser Stadt in besonderer Weise aus. Ich habe den Eindruck, dass es die in den vergangenen Jahren zu beobachtende allgemein zunehmende Verrohung der Gesellschaft, wie wir sie z.B. bei Gaffereien nach Autobahnunfällen erleben, so hier nicht gibt.

Gibt es Tipps, wie Eltern ihrem Nachwuchs so eine schreckliche Tat überhaupt erklären können?

Bei jüngeren Kindern sollte man diese von der Information tatsächlich abschirmen, das heißt natürlich auch von der Medienberichterstattung. Aber spätestens ab dem Schulalter funktioniert das nicht mehr – da werden Kinder auch außerhalb des Elternhauses mit den Ereignissen konfrontiert. Es gilt also, dem Kind die Ereignisse wahrheitsgemäß einordnen zu helfen. Eltern können dabei ihre eigene Betroffenheit und Ratlosigkeit angesichts der Tat zeigen. Eltern sollten dabei dem Kind möglichst konkret vor Augen führen, dass sie selbst sich im Alltagsleben weiterhin sicher genug fühlen und sie selbst auch keine Angst haben, beispielsweise jetzt wieder in die Innenstadt zu gehen. Kinder dürfen wissen, dass es Menschen gibt, die böse und nicht nachvollziehbare Dinge tun. Es ist aber vor allem wichtig zu sagen, dass Menschen, die Verbrechen begehen, von Gerichten bestraft werden, und dass die Gesellschaft funktionierende Strukturen für den heilenden Umgang mit einer Katastrophe hat, wie man anhand der Arbeit der Ersthelfer und der Reaktion der Bevölkerung sehen konnte.

Für Kinder und Jugendliche, die unmittelbare Zeugen der Amokfahrt geworden sind oder bei denen nahestehende Menschen betroffen waren, bietet die Traumaambulanz der Klinik für Kinder und Jugendmedizin des UKM eine Sprechstunde zur psychotherapeutischen Verarbeitungshilfe an Anmeldungen werden unter 0251 83-56440 entgegengenommen.
Für betroffene Erwachsene (einschl. Ersthelfer) ist die Trauma-Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am UKM unter der Tel.-Nr. 0251-83 52 905 für kurzfristige Terminvereinbarungen erreichbar.
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sichert Betroffenen die Kostenübernahme nach dem Opferentschädigungsgesetz zu.

„Ich durfte alles fragen und bekam jede Antwort“: Brücken-Team begleitet schwerkranke und deren Familien

Sarah Krajewska leidet unter einer Stoffwechselerkrankung. Eigentlich hätte sie Prognosen zufolge nicht älter als zwei Jahre werden sollen – heute ist sie zwanzig. Sarahs Mutter war mit der Betreuung und Sorge um ihre Tochter immer auf sich allein gestellt. Irgendwann überstieg das ihre Kraft. Das war der Zeitpunkt, als sich das Brücken Team einschaltete und das Leben der beiden erleichterte.

Münster (ukm/aw) – Sarah und ihre Mutter Johanna Krajewska sind eng miteinander verbunden: „Wir leben quasi in Symbiose. Ich spüre, wenn es meiner Tochter schlecht geht und umgekehrt merkt sie das auch.“ „Durch Sarahs schwere Erkrankung ist das ganz erklärlich“, sagt die Ärztliche Leiterin des Brücken-Teams am UKM (Universitätsklinikum Münster), Dr. Margit Baumann-Köhler. „Wir erleben das oft bei Eltern, deren Kinder, lebensbegrenzend erkrankt sind. Insbesondere natürlich, wenn die Kinder sich, wie es bei Sarah der Fall ist, nicht selbst äußern können.“ Sarah leidet von Geburt an unter einer Form von Mukopolysaccharidose, einer schweren Stoffwechselstörung. „Als im Alter von einem Jahr die Diagnose und – damit verbunden – die Aussage kam, dass mein Kind nicht mehr lange leben würde, bin ich in ein schwarzes Loch gefallen“, gibt Johanna Krajewska zu. Doch irgendwann habe sie die Wahl getroffen, das bisschen Leben so lebenswert wir möglich zu gestalten. „Alles, was anderen unmöglich erschien, habe ich versucht, mit Sarah zu machen. Wir sind gereist und haben die Welt gesehen und ich bereue nicht eine Sekunde“, sagt die energiegeladene Beckumerin.

Lange Zeit ging es Sarah erstaunlich gut, doch vor drei Jahren verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand von einem auf den anderen Tag. Es folgten eine akut lebensbedrohliche Situation und ein langer Klinikaufenthalt. Da hätten die Ärzte am UKM lange Gespräche mit ihr geführt, sagt Sarahs Mutter. Zum ersten Mal war auch sie selbst an einem Punkt, an dem sie sich eingestehen musste, Hilfe zu brauchen. Damals hat man mir unverbindlich den Kontakt zum Brücken-Team angeboten, sagt Krajewska.

„Viele Eltern haben eine große Scheu und sogar Abwehr, was den ersten Kontakt zu uns betrifft“, weiß Baumann-Köhler. „Der Schritt kommt ihnen so endgültig vor. Sie fühlen sich ein bisschen, als ob sie im Kampf gegen die tödliche Krankheit ihres Kindes verloren hätten“ In dieser Situation braucht es Fingerspitzengefühl und viele intensive Gespräche im ambulanten häuslichen Umfeld. „Eine auf ihre Situation abgestimmte psychosoziale Beratung ist – neben der medizinischen und pflegerischen Beratung – das, was wir den Familien auf ihrem Weg bieten können“, sagt Diplom-Pädagogin und ausgebildete Supervisorin Maria Runtenberg vom Brücken-Team. Sie hat die Krajewskas in Beckum oft besucht, um vor Ort herauszufinden, womit man der kleinen Familie am besten helfen könnte. Auch schon vorhandene Ressourcen im Familiensystem werden aufgespürt und aktiviert. „Maria ist eine gute Freundin geworden“ strahlt Johanna Krajewska und nimmt Runtenberg in den Arm. „Ihr erzähle ich alles, was ich sonst nur meinem Spiegelbild erzählen würde. Und vor allem kann ich wie selbstverständlich immer alles fragen und bekomme jede Antwort – es gibt einfach kein Tabu.“

Damit die Betreuung so nah an den Familien sein kann, braucht es Geld. Denn das Brücken-Team wird – neben der Hauptfinanzierung durch die Krankenkassen – seit über einem Jahrzehnt von der Schober-Stiftung mitgetragen und ist daher letztlich auch spendenabhängig. Insgesamt fließen aus der Stiftung jährlich rund 25.000 Euro in das Projekt. „Aktuell arbeiten wir daran, Maria Runtenbergs Stelle zu erhalten und zu verlängern“, sagt Dr. Anna Schober, die zusammen mit ihrem Mann Univ.-Prof. em. Otmar Schober Mitbegründerin der Schober-Stiftung ist. „So wie es ein ganzes Dorf braucht, ein Kind groß zu ziehen, braucht es viele Schultern, ein todkrankes Kind und seine Familie bis zum Ende zu begleiten.“

Bild: (v.r.n.l.) Das ganze Brücken-Team hinter Sarah Krajewska: Diplom-Pädagogin Maria Runtenberg, Mutter Johanna Krajewska, Dr. Margit Baumann-Köhler, Dr. Anna Schober und Prof. Claudia Rössig, Direktorin der Kinderonkologie am UKM.

Zecken – mal wieder auf der Lauer

Von April bis September ist Vorsicht geboten / Mückenschutzmittel, lange Kleidung und Impfung bieten Schutz vor Borreliose und FSME

Münster (ukm/hch) – Sie lauern auf Gräsern und in Büschen – Zecken. Doch wie entfernt man sie richtig? Und handelt es sich um einen Biss oder einen Stich? Von April bis September ist Zeckenzeit. Dr. Frieder Schaumburg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) kennt sich mit den Parasiten aus: „Bei jedem Zeckenstich gilt: Die schnelle Entfernung der Zecke ist entscheidend. Das Risiko sich bei einem Zeckenstich mit Borreliose zu infizieren wird maßgeblich von der Saugdauer der Zecke beeinflusst.“ Es vergehen bis zu 24 Stunden, bis die Erreger der Borreliose auf den Menschen übertragen werden. „Deshalb sollte man sich nach einem Tag im Freien gründlich auf Zecken untersuchen, um die Gefahr einer Infektion zu minimieren“, rät der Leiter der Impfsprechstunde.

Während Zecken unzählige Erreger in sich tragen können, spielen in Deutschland fast ausschließ die FSME-Viren und die Borrelien eine Rolle, die neben grippalen Symptomen im schlechtesten Fall eine Entzündung des Gehirns hervorrufen können. „Das Münsterland ist aber kein Risikogebiet für den FSME-Erreger, da dieser bisher auf den Süden Deutschlands beschränkt ist. Das sollten jedoch Reisende berücksichtigen und über eine Impfung nachdenken“, so Schaumburg mit dem Hinweis, dass Borrelien wiederum sehr wohl in den münsteraner Zecken zu finden sind. Um sich zu schützen empfiehlt der Mikrobiologe gängige Mückenschutzmittel, die die Inhaltsstoffe DEET oder Icaridin enthalten. Diese machen den Menschen als Beute uninteressant. Zusätzlich sollte lange Kleidung zum Beispiel bei Wanderungen oder Spaziergängen durch hohe Gräser getragen werden.

„Im Falle eines Zeckenstichs sollte man die Zecke mit einer feinen Pinzette möglichst nah an den Mundwerkzeugen greifen und senkrecht nach oben herausziehen“, erklärt Dr. Frieder Schaumburg. Von drehen oder anwärmen rät er dringlich ab. Stattdessen sollte die Wunde desinfiziert und beobachtet werden. „Ein Anzeichen für eine Infektion ist die sogenannte Wanderröte. Dabei entsteht eine kreisförmige Rötung um die Einstichstelle. Diese breitet sich beim Voranschreiten der Infektion immer weiter aus.“ Bei einem Verdacht sollten Betroffene ihren Hausarzt aufsuchen.

Haben die Bakterien das Nervensystem befallen, spricht man von der Neuroborreliose. Je nach Stadium der Infektion dauert die Behandlung mit Antibiotika zwischen wenigen Tagen und einigen Wochen. „In der Regel lässt sich die Borreliose jedoch gut behandeln“, sagt Schaumburg.

Bild: Dr. Frieder Schaumburg zeigt die FSME-Risikogebiete in Deutschland. (© Foto: UKM/FZ/Tronquet)

„Früher wurde das Kinn auf die Brust genäht“ – neuartige Orthese hilft nach Luftröhren-OP

Körperteiluntertützendes Korsett sorgt für die richtige Schonhaltung nach Operation / Heilungsprozess wird gewährleistet

Münster (ukm/aw) – Ewald E. hat in seinem Leben schon zwei Mal dem Krebs getrotzt – trotzdem hat den Achtzigjährigen die dritte Erkrankung mit einem Tumor in der Luftröhre (Trachea) natürlich erschreckt. Gleichzeitig aber wusste er: „Ich will auch dieses Mal überleben.“ Geäußert hatte sich der Tumor durch starke Luftnot und ein unüberhörbares Geräusch beim Einatmen (Stridor). Eine Computertomografie zeigte, dass die Luftröhre fast vollständig verlegt war, also quasi „zu“. Als dringlichste Maßnahme erfolgte durch die Lungenfachärzte des UKM (Universitätsklinikum Münster) zunächst eine Lungenspiegelung zur Erweiterung der Engstelle mit einem Laser, damit Herr E. wieder besser Luft bekam.

„Der Tumor lag wie ein gewachsener Ball in der Trachea“ erinnert sich Dr. Karsten Wiebe, Leiter der Sektion Thoraxchirurgie und Lungentransplantation im Department für Herz- und Thoraxchirurgie am UKM. „Insgesamt sind Tumore der Luftröhre sehr selten, können aber erfolgreich entfernt werden, wenn nur ein kurzes Teilstück der Luftröhre befallen ist“, sagt Wiebe. In einer zweieinhalbstündigen Operation entfernten er und die Oberärztin Dr. Michele De Waele ein mehr als drei Zentimeter langes Segment der Luftröhre komplett. Die Enden wurden wieder zusammengenäht. Weil bei einer Operation eine Beatmung nicht kontinuierlich möglich ist, wurde die Lungenfunktion des 80-Jährigen durch den Anschluss an eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) aufrechterhalten. „Bei dieser Technik wird die Atmung des Patienten „ersetzt“, indem das venöse Blut mit Sauerstoff angereichert und Kohlendioxid entfernt wird“, weiß Chirurgin De Waele.

Besondere Aufmerksamkeit braucht nach einer Trachea-Operation der Heilungsprozess: Damit die Naht der gekürzten Luftröhre nicht unter zu viel Spannung steht, müssen die Patienten den Kopf für circa drei Wochen andauernd nach vorne gebeugt halten: „Früher wurden in solchen Fällen die Betroffenen in einer Gipsschale im Bett gehalten und eventuell sogar das Kinn vorübergehend auf die Brust genäht, um das zu gewährleisten“, sagt Wiebe.

Um Patienten wie Ewald E. dieses strapaziöse Verfahren zu ersparen, hat die UKM ProTec eine spezielle körperunterstützende Orthese gefertigt. Sie ist so geformt, dass der Kopf in der richtigen Schonhaltung gehalten wird, ohne dass dies für den Patienten übermäßig anstrengend wird. „Mit dieser von uns maßangefertigten Orthese kann Herr Espeter sich frei bewegen und auch früher aus dem Krankenhaus entlassen werden“, freut sich Sebastian Pfister, Leiter der UKM ProTec Orthopädische Werkstätten GmbH , die rund 400 verschiedenster und eigens auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene Korsette pro Jahr fertigt.

Ewald E. selbst findet: „Diese Orthese zu tragen ist alle Male besser als das, was ich früher an Behandlung hätte mitmachen müssen.“ Und dass der 80-Jährige auch nach der dritten Krebserkrankung darauf eine gute Chance hat, glauben die Experten des UKM sicher. Dr. Karsten Wiebe sieht in seinem Patienten ein ganz typisch Beispiel für die gut funktionierende interdisziplinäre Behandlung am UKM: „Dies ist ein ganz eindrücklicher Fall. Alle Beteiligten haben durch enge Abstimmung möglich gemacht, dass Herr Espeter mit guter Lebensqualität hoffentlich noch sehr alt werden kann.“

Bild: (v. l.) Sebastian Pfister, Leiter der UKM ProTec, und Dr. Michele De Waele sowie Dr. Karsten Wiebe vom UKM erklären Patient dem Patienten die Orthese.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Unerkannte Gefahr: Infektionen durch Pilze

Invasive Pilzinfektion gefährdete Ziyads Leben nach Chemotherapie / Menschen mit geschwächtem Immunsystem besonders betroffen

Münster (ukm/cf) – Mit knapp vier Jahren musste der kleine Ziyad schon große Kraft beweisen. „Wir waren im Urlaub in Marokko, da bekam Ziyad auf einmal starkes Fieber“, erinnert sich Mutter Samina Bemayyad, wie im Sommer 2015 alles begann. „Doch auch mit Antibiotika ging es ihm nicht besser.“ Wieder in Deutschland ließ Familie El Gabgab ihren Sohn gründlich durchchecken. Blutuntersuchungen brachten schließlich die niederschmetternde Diagnose: Leukämie. Noch am selben Tag wurde Ziyad in die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) überwiesen. Chemotherapie und zwei Knochenmarktransplantationen folgten. Doch damit nicht genug: Schon zu Beginn der kräftezehrenden Behandlung entwickelte Ziyad eine gefährliche Pilzinfektion im linken Lungenflügel.

„Mit der Luft, die wir einatmen, sind wir ständig Sporen von Pilzen ausgesetzt, aber bei Menschen mit einem gesunden Abwehrsystem hat dies überhaupt keine Bedeutung“, erklärt Prof. Dr. Andreas Groll, Leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin – Pädiatrische Hämatologie und Onkologie. „Ziyads Immunabwehr war durch seine Krankheit und die notwendige Chemotherapie aber zu geschwächt, um sich gegen das Eindringen der Erreger wehren zu können.“ Und das war lebensbedrohlich. „Wenn Pilzinfektionen in dieser Situation nicht erkannt und mit entsprechenden Medikamenten behandelt werden, führen sie unweigerlich zum Tod “, betont Groll das Risiko bei abwehrgeschwächten Patienten. Der Mediziner forscht zur klinischen Mykologie – also die Biologie, Ausbreitung, Diagnostik, Vorbeugung und Behandlung von Pilzerkrankungen – bereits seit mehr als 20 Jahren.

„Durch Fortschritte in der Diagnostik und neue, hochwirksame Medikamente haben sich in den letzten Jahren die Möglichkeiten zur Kontrolle invasiver Pilzinfektionen deutlich verbessert“, weiß Groll, der gleichzeitig Vorsitzender der Deutschsprachigen Mykologischen Gesellschaft (DMykG) ist. „Aber bei weit mehr als 100 unterschiedlichen Pilzarten, die den Menschen krank machen können, stehen wir auch heute noch vor vielen offenen Fragen.“ Deshalb diskutiert die Fachgesellschaft auf ihrer Jahrestagung vom 31. August bis 2. September 2017 im Fürstenberghaus Münster neueste Forschungsergebnisse unter Beteiligung internationaler Experten.

Auch der kleine Ziyad hat bereits von den Fortschritten profitiert: „Er ist noch nicht geheilt, aber wir haben es geschafft, die Pilzinfektion seit mehr als zwei Jahren in Schach zu halten“, freut sich Groll. Heute geht es Ziyad wieder so gut, dass Familie Gabgab ihren Sohn mit nach Hause nehmen konnte. In Zukunft wird er dann dreimal die Woche in die Knochenmarktransplantations-Ambulanz am UKM kommen. Mama Samina ist stolz auf ihren kleinen Kämpfer: „Es war eine schwere Zeit, aber Ziyad ist so tapfer.“

Bild: Nach einer abschließenden Untersuchung kann Prof. Dr. Andreas Groll, Leitender Oberarzt der Kinderonkologie und Vorsitzender der DMykG, den kleinen Ziyad mit seiner Mutter Samina nach Hause entlassen. (© Foto (UKM/Deiters)

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Kleines Wunder: Mutter und Baby Mahdi gesund nach Lebertransplantation in der Schwangerschaft

Lebertransplantation bei weltweit einer der frühesten Schwangerschaften / Mutter und Kind der siebenköpfigen Flüchtlingsfamilie wohlauf

Münster (ukm/aw) – Es ist ein bewegtes Leben, das Familie Mohammad aus dem Irak in den letzten beiden Jahren geführt hat: Die Eltern und ihre fünf minderjährigen Kinder mussten monatelang die Strapazen einer dramatischen Flucht über die Türkei und Südosteuropa auf sich nehmen, bevor sie glücklich und wohlbehalten im niedersächsischen Lienen aufgenommen wurden. Dort stellten sie einen Asylantrag und integrierten sich gut. „Es könnte nicht besser sein“, ist das, was der inzwischen 19 Jahre alte Mohammad über die Lebensverhältnisse in seiner neuen Heimat sagt. Doch das kurze Glück währte nicht lange: Ende Oktober wurde seine Mutter Chnar Mustafa ganz plötzlich mit heftigen Oberbauchschmerzen und schlechten Leberwerten ans UKM (Universitätsklinikum Münster) überwiesen. Die Diagnose: akutes Leberversagen. Außerdem noch eine Überraschung: Chnar Mustafa war – ohne es zu wissen – schwanger in der neunten Woche! „Was eigentlich ein Grund zur Freude gewesen wäre, war nun doppelter Anlass zur Sorge“, so Dr. Christian Wilms, Oberarzt der Klinik für Transplantationsmedizin am UKM. „Die Patientin wurde am Freitag eingeliefert, Sonntag hatte sich ihr Zustand so sehr verschlechtert, dass sie am Folgetag mit höchster Dringlichkeitsstufe (high urgency) auf der Warteliste bei Eurotransplant angemeldet werden musste. Als dann schon am Dienstag mit viel Glück ein passendes Organangebot da war, mussten wir uns entschieden, ob wir tatsächlich operieren. Selten hatte ich so große Bedenken. Ich hatte eine fast schlaflose Nacht“, gibt er unumwunden zu. „Schließlich ging es bei dieser Operation um zwei Leben und nicht um eines“, ergänzt Prof. Daniel Palmes, Oberarzt in der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie. „Zwar war klar, dass das Leben der Mutter Vorrang haben musste, aber wir wollten natürlich auch ihrer Bitte, das Leben ihres Kindes zu schützen, gerecht werden.“

Einen Tag später operierte Palmes die 44-jährige Patientin. „Die Transplantation dauerte wegen des noch guten Allgemeinzustands von Frau Mustafa nur dreieinhalb Stunden. So plötzlich wie das fulminante Leberversagen kam, besserte sich mit dem neuen Organ sofort ihr Zustand. Und das Beste: Auch der Embryo überstand den Eingriff unbeschadet.“ Seit der Transplantation muss Chnar Mustafa Immunsuppressiva einnehmen – für das Kind in ihrem Bauch natürlich ein weiteres Risiko. Ein einzelner Versuch des Körpers, die Leber abzustoßen, konnte rechtzeitig durch eine gezielte Gabe der Medikamente verhindert werden. Ansonsten verlief die Schwangerschaft ohne Komplikationen. In der 34. Woche hatte der ungeborene Junge es dann doch eilig: Mahdi wurde per Kaiserschnitt geholt – bei einem Geburtsgewicht von nur rund 1.600 Gramm.

Weltweit sind bisher nur rund zwanzig Fälle von Lebertransplantationen bei Schwangeren beschrieben. Der kleine Mahdi dürfte das glückliche Ergebnis der jüngsten erhaltenen Schwangerschaft trotz dieser risikoreichen OP sein, glauben die Ärzte am UKM. Heute, mit sieben Wochen, ist er noch ein wenig in der Entwicklung zurück, aber gesund. Mit seinen Eltern und fünf Geschwistern lebt er in Lienen. „Der Zustand seiner Mutter muss nach der Transplantation natürlich regelmäßig in unserer Transplantationsambulanz kontrolliert werden. Aber wir sind hoffnungsfroh, dass sich Frau Mustafa viele Jahre guter Gesundheit erfreut und wir freuen uns, dass Mahdi bei uns ist“, so Wilms. Die Aussichten, dass Familie Mohammad in Deutschland bleiben kann, sind deshalb gut. „Es ist alles wie ein kleines Wunder“, sagt Mahdis Bruder Mohammad.

Bild: Dr. Christian Wilms (links) und Prof. Daniel Palmes (rechts) freuen sich mit Mutter Chnar Mustafa und Bruder Mohammad über das kleine Wunder Mahdi.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Informationsveranstaltung: Leben ohne Bauchspeicheldrüse

Informationsveranstaltung von Ärzten und Patientenverein soll Betroffenen helfen / Lebensqualität im Blickpunkt

Münster (ukm/aw) – René Hohenhausen hat vierzig Jahre mit Bauchspeicheldrüse gelebt – in den vergangenen Jahren eher schlecht als recht, denn eine chronische Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse) bereitete ihm heftigste Schmerzen. Jetzt, rund zwei Monate nachdem ihm das Organ vollständig entfernt wurde, könne es daher nur noch bergauf gehen: „Die kommenden vierzig Jahre werde ich hoffentlich besser ohne dieses Organ leben können“, sagt der junge Familienvater. In einer komplizierten fünfeinhalbstündigen Operation hatte Prof. Daniel Palmes, Oberarzt an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am UKM (Universitätsklinikum Münster) das Pankreas schließlich entfernt. Er war auch derjenige, der Hohenhausen im Vorfeld überzeugte, dass eine Resektion der Bauchspeicheldrüse die bessere Alternative sei: „Die täglichen schlimmen Schmerzen ließen den Patienten teils sogar ohnmächtig werden. Er musste langfristig für sich entscheiden, ob er das weiter ertragen wollte.“ Palmes, der auch Leiter der Oberbauchsprechstunde am UKM ist, riet aber noch aus einem weiteren Grund zur Entfernung: „Als Herr Hohenhausen sich Anfang des Jahres bei mir vorgestellt hat, war er bereits insulinpflichtig geworden. Seine Bauspeicheldrüse hatte durch die jahrelange Entzündung die Insulinproduktion weitgehend eingestellt. Das sprach natürlich auch dafür, das Organ – das in seiner endokrinen Funktion ja bereits weitestgehend überflüssig geworden war – zu entfernen.“

Datum: Samstag, 22. Juli 2017
Ort: Konferenzraum, Ebene 04, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude W1, 48149 Münster
Uhrzeit: 10.00 – 13.00 Uhr
Zielgruppe: Betroffene und ihre Partner und/oder Angehörige

Bild: René Hohenhausen (Mitte) lässt sich am gemeinsamen Patienten-Informationstag für Bauchspeicheldrüsenerkrankte von AdP und UKM informieren. (links: Prof. Daniel Palmes, rechts: Matthias Erlenburg, AdP) – © Foto: UKM/Wengenroth

Nicht genug, dass eine schwerwiegende Operation anstand – auch die langfristigen Folgen für seine Lebensqualität konnte Hohenhausen zunächst kaum einschätzen: „Ich wusste nicht, was da noch alles auf mich und auch auf meine Familie zukommen würde“, sagt er. „Von Prof. Palmes habe ich den Tipp bekommen, mich zur besseren Orientierung an den Patientenverein AdP zu wenden, der Bauspeicheldrüsenerkrankte berät.“

Matthias Erlenburg vom Arbeitskreis der Pankreatektomierten e.V. (AdP) erlebt immer wieder, dass sich Patienten in ihrer Unsicherheit an ihn wenden: „Wir unterstützen alle Bauspeicheldrüsenerkrankten aber auch ihre Angehörigen, die oft von den Folgen der Erkrankung mitbetroffen sind. Das alles in enger Zusammenarbeit mit den behandelnden Medizinern. Die Lebensqualität der Patienten steht für uns an erster Stelle. Hier können wir wertvolle Erfahrungswerte weitergeben“, so Erlenburg, der als Angehöriger selbst betroffen ist.

Um ihr Wissen den Betroffenen aus der Region zur Verfügung zu stellen, veranstalten der AdP und die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am 22. Juli 2017 einen Patienten-Informationstag. Hier können neben dem Umgang mit den Folgen der Erkrankung auch die Fragen nach Rehabilitations-maßnahmen oder Frühverrentung geklärt werden.

Das pankreaszentrum ist Bestandteil des Viszeralonkologischen Zentrums am UKM. In der Oberbauchsprechstunde der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie (Anmeldung unter Telefon: 0251.8356361 werden unter anderem patienten mit akuten und chronischen Entzündungen sowie mit Tumoren der Bauchspeicheldrüse durch Spezialisten behandelt.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Den Arbeitstag musikalisch abschütteln:
Singkreis für Mitarbeiter geht in die Testphase

Internationales Konzept der „Singenden Krankenhäuser“ wird am UKM umgesetzt

Münster (ukm/cf) – Shake it Baby! heißt es seit Mai am UKM: In beinahe allen Kulturen spielt Singen eine wichtige Rolle und auch wissenschaftliche Studien sprechen der Musik zunehmend heilende Wirkung zu. Seit einigen Wochen wird deshalb am UKM (Universitätsklinikum Münster) zur Unterstützung der Mitarbeiter ein besonderes musikalisches Konzept angeboten. „Ob nach einer anstrengenden Frühschicht oder in der späten Mittagspause – Singen hilft, dass wir einfach loslassen und die Belastung abschütteln“, erklärt Organisator Gustav von Blanckenburg, Klinischer Musiktherapeut am UKM.

Die Testphase des Projekts ist Ende Mai gestartet. „Viele sind am Anfang zwar neugierig aber noch etwas zaghaft“, weiß der Singleiter im Auftrag des Netzwerks Singende Krankenhäuser e.V. „Wenn das Eis aber erst einmal gebrochen ist, erkennen die Teilnehmer, wie viel Spaß das gemeinsame Singen macht.“ Gesungen werden einfache Lieder aus aller Welt und auch bekannte Songs wie „I like the flowers“ oder „Wonderwall“– je nach Stimmung der Mitarbeiter. Gustav von Blanckenburg begleitet die Treffen mit der Gitarre. Dabei gilt immer der Grundsatz: Musikalisch sein oder gar Singen können sind keine Voraussetzungen. „Es gibt keine falschen Töne, sondern nur Variationen“, schmunzelt von Blanckenburg.

Der Singkreis für Mitarbeiter basiert auf dem Konzept der Singenden Krankenhäuser. Hinter der Idee steht die Initiative Singende Krankenhäuser e.V., die Singangebote für Gesundheitseinrichtungen anbieten. Der Verein ist international aktiv und steht dafür, die heilende Kraft von Musik zur Gesundheitsfürsorge und Krankheitsbewältigung anzuerkennen. Auch das UKM setzt ein Zeichen und nimmt ab August den wöchentlichen Singkreis in das Programm der Gesundheitsförderung für UKM-Mitarbeiter auf. Mehr Informationen zum Konzept finden Interessierte auch im Internet.

Bild: Beim Singen schütteln Gustav von Blanckenburg und Pflegende des UKM den anstrengenden Arbeitstag ab.

Quelle: © Universiätsklinikum Münster