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Depression: Die Last des Frühlings

Die Temperaturen steigen, die Natur lebt auf. Doch nicht alle genießen den Frühling. Menschen mit Depressionen geht es in dieser Jahreszeit oft besonders schlecht. Umso wichtiger ist jetzt eine professionelle Unterstützung

Münster – Nicht im Winter nehmen sich die meisten Menschen das Leben, sondern im Frühjahr. Eindeutig wissenschaftlich erklären lässt sich dieses Phänomen bisher nicht. Verschiedene Faktoren scheinen zusammenzukommen. 90 Prozent der Menschen, die einen Suizid begehen, sind psychisch erkrankt, meistens an einer Depression. „Nach der dunklen und kalten Jahreszeit steigert das vermehrte Sonnenlicht den Antrieb. Der stimmungsaufhellende Effekt tritt aber erst später ein, nach etwa zwei Wochen. Dadurch kann sich das Suizidrisiko erhöhen. Vor allem wenn das Gefühl der lebensermüdenden Hoffnungslosigkeit nicht therapeutisch aufgefangen wird“, erklärt YooJeong Lee, leitende Oberärztin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Vergleiche rauben oft den letzten Funken Hoffnung

Der Blick auf die aufblühende Umwelt macht depressiv erkrankten Menschen zusätzlich schmerzlich bewusst, wie sehr sie selbst vom Leben abgeschnitten sind. Die Hoffnungslosigkeit steigt ebenso wie das Gefühl, völlig versagt zu haben. Wenn noch nicht einmal die Frühlingsboten es schaffen, den schwarzen Schleier zu durchdringen. Für Angehörige und Freunde ist es gerade in dieser Jahreszeit oft schwer nachzuvollziehen, dass gut gemeinte Ratschläge nicht helfen und eher noch weiteren Rückzug provozieren. Dennoch ist es wichtig, in Kontakt zu bleiben, Hoffnung zu vermitteln und zu einer Therapie zu motivieren. Denn die Behandlungsmöglichkeiten sind gut und Lebensmüdigkeit ist überwindbar.

Depressionen sind psychotherapeutisch und medikamentös gut zu behandeln

„Insbesondere bei schweren Depressionen kann eine medikamentöseMitbehandlung unabdingbar sein und wichtige Zugänge für die psychotherapeutische Arbeit schaffen“, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie YooJeong Lee. Auch Patienten mit leichten und mittelgradigen Depressionen können, vor allem in Krisenzeiten, von einer medikamentösen Begleittherapie profitieren.„Entscheidend ist immer der Einzelfall. Und entscheidend ist auch, rechtzeitig eine Psychotherapie einzuleiten. Denn Probleme lösen können Medikamente nicht“, so die Oberärztin der Christoph-Dornier-Klinik.

80 Prozent der Deutschen glauben, dass Antidepressiva abhängig machen

Die Annahme, dass Antidepressiva abhängig machen, wird meistens mit Absetzphänomenen begründet, die insbesondere dann auftreten können, wenn die Dosis abrupt geändert wird. Um Nebenwirkungen, wie Stimmungsschwankungen, Schwindel, Unruhe oder Magen-Darm-Probleme möglichst gering zu halten, sollten Antidepressiva schrittweise aufdosiert und ausgeschlichen werden. „Der Organismus braucht Zeit, sich an die chemischen Veränderungen im Gehirn anzupassen. Ein Zeichen von Abhängigkeit im Sinne einer Suchterkrankung sind diese Symptome nicht“, sagt YooJeong Lee.

Aufklärung kann Leben retten

Die Sorgen der Menschen kann die Ärztin verstehen: „Die Gabe von Medikamenten ist immer ein sensibler Eingriff, der gut begründet sein muss und einer behutsamen und sorgfältigen Aufklärung bedarf. Wichtig ist, dass ein depressiv erkrankter Mensch über alle Behandlungsoptionen informiert ist, sich bewusst für oder gegen eine Behandlung entscheiden kann und dabei professionell begleitet wird.“ Aus ihrer Sicht sollte jede psychopharmakologische Behandlung mit einer Psychotherapie kombiniert werden. Denn auch das helfe, Vorurteile abzubauen und Leben zu retten – insbesondere in Zeiten, die besonders belastend sind.

Hintergrundinformationen zur Klinik
Die Christoph-Dornier-Klinik feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Mit ihrem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungskonzept leistete sie in Deutschland Pionierarbeit. Auf Basis aktueller Forschungsergebnisse und langjähriger Erfahrung wurde dieses um klärungsorientierte und schematherapeutische Anteile erweitert. Das Intensivkonzept der Klinik beinhaltet bis zu zehn Einzelpsychotherapiesitzungen à 50 Minuten pro Woche zuzüglich weiterer, auf den individuellen Bedarf abgestimmter Gruppentherapien. Bei Bedarf finden therapeutische Übungen auch im Lebensumfeld des Patienten statt. Das Behandlungsangebot richtet sich an Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren.

Gefangen in Scham

Münster – Scham hält traumatisierte Menschen nicht nur davon ab, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Sie verstärkt auch die psychischen Folgen und bietet häufig den Nährboden für weitere Traumatisierungen. Besonders Jugendliche neigen dazu, sich klein und unsichtbar zu machen, um ihre Familie zu schützen – und werden dadurch noch verletzlicher.

Scham ist eines der stärksten Gefühle, und eines der unangenehmsten, die ein Mensch erleben kann. Kaum ein anderes Gefühl ist so intim. Scham betrifft immer die gesamte Person und deren soziale Integrität. Denn mit ihr geht nicht nur eine negative Selbstbewertung einher, sondern auch die Befürchtung, von anderen abgewertet oder ausgeschlossen zu werden. Forschungen zeigen, dass Menschen, die sich für ein traumatisches Erlebnis schämen, ein erhöhtes Risiko tragen, psychisch krank zu werden.

Scham begünstigt nicht nur die Entwicklung psychischer Folgeerkrankungen, sie verstärkt auch die Symptome. Dies gilt besonders bei Erfahrungen der körperlichen, sexuellen oder emotionalen Gewalt und bei wiederholten Traumatisierungen. Doch auch bei traumatischen Kriegserlebnissen und Naturkatastrophen – erforscht am Erdbeben imitalienischen L’Aquila – entfalten Schamgefühle diese Wirkung. Hier schämen sich dieMenschen jedoch vor allem, weil sie den eigenen Wertvorstellungen nicht gerechtwerden und zum Beispiel Kinder oder Kameraden nicht beschützen konnten.

Scham behindert die emotionale Verarbeitung eines Traumas

„Scham behindert die emotionale Verarbeitung eines Traumas“, erklärt Diplom-Psychologin Vera Frühauf. Sie leitet in der Münsteraner Christoph-Dornier-Klinik den Bereich Jugendliche und junge Erwachsene. „Ein Grund dafür ist die mit Scham verbundene Abwertung der eigenen Person und das Gefühl, beschädigt, schwach und unzulänglich zu sein. So einen ‚Defekt‘ versteckt man lieber. Manchmal auch, um die Familie zu schützen. Das erlebe ich gerade bei Jugendlichen häufig. Sie machen sich dann so klein und unsichtbar wie möglich.“ Das aber lässt sie noch verletzlicher werden.

Menschen mit traumatischen Erfahrungen und starken Schamgefühlen, vor allem nach körperlicher, emotionaler oder sexueller Gewalt, werden nicht selten Opfer weiterer Übergriffe. Auch weil Scham wichtige soziale Ressourcen blockiert. Studien zeigen, dass Menschen, die sich für ein traumatisches Erlebnis schämen, weniger soziale Unterstützung erwarten. Doch gesellschaftlich gut eingebunden zu sein, hilft, ein Trauma zu verarbeiten. Wer diese Unterstützung nicht erwartet oder sie erst gar nicht hat, entwickelt zusätzlich häufig vermeidende Bewältigungsstiele. Auch diese führen oft zu psychischen Folgeerkrankungen, wie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).

Zudem können Schamgefühle Grübeleien, Ärger und Aggressionen verstärken, wasdie Entwicklung von PTBS-Symptomen ebenfalls fördert. Die Aggression kann sichzunehmend in selbstzerstörerischem Verhalten zeigen, besonders nach wiederholtenzwischenmenschlichen Traumatisierungen. Manchmal steht am Ende ein Suizidversuch.

Schamgefühle sind schwerer zu überwinden als das Gefühl von Schuld

„Die Scham zu überwinden und sich Hilfe zu suchen, ist die einzige Möglichkeit, sichaus diesem Teufelskreis zu befreien. Traumatische Erlebnisse sind immer eineAusnahmesituation, in der die Grenzen des Erträglichen oft um ein Vielfachesüberschritten werden. Zusätzlich kommt oft noch die Verletzung der eigenen Würdedazu. Dass man darauf psychisch, und auch körperlich, reagiert, ist erst mal ganz normal. Auch Schamgefühle sind normal, aber sie sollten für niemanden zum Gefängnis werden“, so die Traumaexpertin Vera Frühauf.

Während es bei Schuldgefühlen häufig schon sehr gut helfen kann, diese gedanklich zu hinterfragen und zu verändern und die Schuld an den Täter zurückzugeben, sind Schamgefühle schwerer von der eigenen Person zu lösen. Denn neben den zerstörerischen Gedankenmustern – „ich bin ein schlechter Mensch“, „ich bin es nicht wert“ oder „an mir ist etwas falsch“ – ist hier auch die Emotionsregulation in besonderem Maße entscheidend. Also die Fähigkeit, mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Ein sogenanntes Skills Training kann helfen, Schamgefühle abzuschwächen.

Das heißt zum Beispiel, entgegengesetzt handeln zu lernen, sich anderen Menschen wieder zu öffnen und Orte zu besuchen, die mit Schamgefühlen verbunden sind. Denn nur eine Öffnung bietet die Möglichkeit, neues Vertrauen zu schöpfen, in andere Menschen, in die Welt und auch in sich selbst. Das heißt aber auch, entgegengesetzt denken zu lernen, also Eigenschaften aufzurufen, die man an sich selber schätzt. Oft müssen diese Schätze erst geborgen und negative Grundüberzeugungen entmachtet werden. Hierbei können schematherapeutische und klärungsorientierte Verfahren sehr gut helfen. Eine entgegengesetzte Körpersprache kann zusätzlich vermitteln: „So wie ich bin, bin ich in Ordnung“. Ein oft mühsamer, aber lohnender Prozess.

25 Jahre psychotherapeutische Kompetenz

Die Christoph-Dornier-Klinik feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Die Therapie von Traumafolgestörungen ist im Laufe der Jahre zu einem immer wichtigeren Schwerpunkt geworden. Mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr bietet die Klinik Betroffenen und Angehörigen ein Infotelefon an. Zu erreichen sind die Diplom-Psychologen unter +49 (0)251 4810-148. Weitere Informationen: www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie Münster

Infoabend „Zurück ins Leben –
Depressionen und Burnout bewältigen“

Münster – Die Depression ist eine der häufigsten Erkrankungen überhaupt. Etwa zehn Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer leiden unter depressiven Symptomen. Die meisten fühlen sich niedergeschlagen, antriebslos und müde, haben Kopf- oder Rückenschmerzen, keinen Appetit und schlafen schlecht. Doch die Depression hat viele Gesichter: Auch Gereiztheit und Überaktivität können ein Hinweis auf eine Erkrankung sein. Treten solche Symptome vor allem im beruflichen Kontext auf, spricht man oft eher von einer arbeitsstressbedingten Depression. Oder auch von einem „Burnout“, der sowohl die Folge als langfristig auch die Ursache psychischer und körperlicher Erkrankungen sein kann.

Datum: Mittwoch, 11.10.2017
Ort: Christoph-Dornier-Klinik in Münster, Tibusstraße 7 – 11
Uhrzeit: 18.00 – 20.00 Uhr
Zielgruppe: für Betroffene, Angehörige und Interessierte

Der Informationsabend „Zurück ins Leben – Depressionen & Burnout bewältigen“ gibt einen Überblick über die wichtigsten Merkmale von Depressionen, wie sie entstehen und wie sie erfolgreich behandelt werden können. Auch bietet er Raum für weitergehende Fragen. Ansprechpartner sind Dr. med. Andreas Pelzer, Leitender Arzt, und Dr. Dipl.-Psych. Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Klinik.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Selbststigmatisierung überwinden

Münster – Lebenskrisen hinterlassen Spuren, körperlich und psychisch. Dass sich dies auf die Leistungsfähigkeit auswirkt, ist ganz normal. Leistungsdruck und Wettbewerb machen es schwer, das zu akzeptieren – vor allem im Job. Die eigenen Stigmata und Regeln im Kopf sind dabei oft das größte Problem. Gleichzeitig kann man sie am ehesten verändern. Auch das trägt dazu bei, am Arbeitsplatz psychisch gesund zu bleiben – ein Thema, das der diesjährige Welttag der seelischen Gesundheit am 10. Oktober ins Zentrum stellt.

79 Prozent der Befragten hatten nach einer Lebenskrise psychische Probleme. Gut 53 Prozent erlebten sich weniger leistungsfähig. Trotzdem ging etwa die Hälfte aller Befragten weiter arbeiten, rund 37Prozent waren jedoch mit ihrer Arbeit unzufrieden, so der aktuelle Fehlzeiten-Report der AOK. „Menschen, die psychisch angeschlagen sind, funktionieren oft gerade auf der Arbeit lange weiter und versuchen Defizite in der Leistungsfähigkeit durch Mehreinsatz zu kompensieren. Dies kostet enorm viel Energie und erhöht auf Dauer das Risiko, psychisch krank zu werden“, erklärt Benedikt Klauke, leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Menschen in Lebenskrisen brauchen vor allem eins: Entlastung. Manchmal hilft eine temporäre Krankschreibung. Eine längerfristige Lösung ist sie in der Regel nicht, da Arbeit neben der Existenzsicherung auch Struktur und Halt geben kann. „Betriebliche Unterstützungsangebote, wie flexible Arbeitszeiten oder eine kurzfristige Umverteilung von Aufgaben, sind daher ebenso wichtig wie die gesellschaftliche Entstigmatisierung von Menschen, die psychisch beeinträchtigt oder nicht hundertprozentig leistungsfähig sind. Eine große Rolle spielen aber auch die eigenen Kritiker im Kopf“, sagt der leitende Arzt der Klinik, Andreas Pelzer. „Vor allem wenn sie Leistungseinbußen und psychische Probleme in den Bereich des persönlichen Versagens rücken.“ Dass sogenannte innere Kritiker so laut werden können, ist nach Ansicht der Experten auch eine Folge des anhaltenden Drangs, sich selbst zu optimieren.

Durchhalteparolen und Optimierungsstrategien bringen in Lebenskrisen jedoch wenig. Vielmehr sollte man vor allem Geduld mit sich haben. Jeder Mensch braucht Zeit und Kraft, um eine schwere Krankheit, das Scheitern einer Partnerschaft oder den Tod eines Angehörigen zu verarbeiten. Und je sorgenfreier er sich diese nehmen kann, desto besser gelingt in der Regel auch die Verarbeitung.

„Die zentrale Frage in solchen Situationen ist, wie gehe ich mit Belastungen, aber auch mit eigenen Ansprüchen um?“, so der Diplom-Psychologe Benedikt Klauke. „Habe ich die Kompetenz, mich für mein Wohl einzusetzen? Kann ich auch mal Nein sagen? Meine Arbeit anders organisieren? Welche inneren Überzeugungen leiten mich? Wie viel muss ich leisten, damit ich mich als etwas wert fühle? Gerade für Menschen, die einen hohen Anspruch an sich haben und sehr pflichtbewusst sind, ist das Nicht-Erfüllen von Erwartungen oft nur schwer auszuhalten. Ebenso das Gefühl, hilfsbedürftig zu sein. Gleichzeitig sind das die Stellschrauben, die man selber beeinflussen kann und an denen wir auch therapeutisch arbeiten können.“

Er rät Menschen in Lebenskrisen, nicht zu warten, bis die Ampel auf Rot steht, sondern sich schon vorher Hilfe zu holen. Sich psychologisch beraten oder psychotherapeutisch unterstützen zu lassen, fühle sich für viele Menschen wie eine persönliche Niederlage an. Dabei übernähmen sie für sich selbst Verantwortung, was eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung einer Krise sei.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Täter ohne Tat

25 Jahre leidet Uwe Saaler* an aggressiven Zwangsgedanken. Sie richten sich gegen diejenigen, die er am meisten liebt: seine Frau, seine Kinder und seine Enkel. Die Scham sitzt tief; keiner weiß, dass er krank ist. Stundenlang grübelt er, meidet den Kontakt. Dann bricht er sein Schweigen – und findet Hilfe

Münster – Der 63-Jährige ist kein Einzelfall. Mehr als zwei von zehn Menschen erkranken an therapiebedürftigen Zwängen. Obwohl sie eine der häufigsten psychischen Erkrankungen sind, werden sie am seltensten behandelt. Die Tendenz, sie aus Scham und Angst zu verheimlichen, ist groß, besonders bei aggressiven Zwangsgedanken, die sich meistens gegen geliebte Menschen richten. Das erschwert auch die richtige Diagnose.

„Menschen, die aggressive Zwangsgedanken entwickeln, erlauben es sich häufig gerade nicht, aggressive Gedanken oder Impulse zu haben und diese in irgendeiner Form auszuleben. Insbesondere gegenüber Familienangehörigen sind Gefühle wie Ärger oder Wut fast tabu. Dieser hohe moralische Anspruch begünstigt die Entwicklung der aggressiven Zwangsgedanken. Je stärker das Verbot ist, desto bedeutungsvoller und mächtiger werden sie“, erklärt Benedikt Klauke, leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Werkzeuge und Kissen werden gedanklich zum Mordinstrument

Bei Uwe Saaler beginnen die Gedanken, als er mit seiner kleinen Tochter eine Puppenstube baut. Während er die Seitenwände vernagelt, denkt er, dass er sie mit dem Hammer erschlagen könnte. Der Gedanke setzt sich fest, wiederholt sich immer wieder, zu Hause, im Baumarkt, bei den Kindern, bei seiner Frau und später bei den Enkeln. Nach schweren Werkzeugen werden auch Kissen „gefährlich“. Der Zwang dehnt sich aus. Schließlich bricht ihm bei jeder Begegnung mit seinen Enkeln der Schweiß aus. Er zieht sich zunehmend zurück und grübelt, oft stundenlang.

Der drohende Verlust der Familie gibt den Anstoß sich zu öffnen

„Die Jahre von 2010 bis 2015 waren die schlimmsten“, sagt Uwe Saaler. Seine Frau und Töchter fragen immer häufiger, warum er nicht zuhört, werfen ihm vor, kein Interesse mehr an ihnen zu haben. Keiner weiß, dass er krank ist. „Das schreckliche Gefühl, nicht mehr zur Familie zu gehören, war der zentrale Anstoß, mich zu öffnen.“ Seine schlimmsten Gedanken behält er für sich. Er befürchtet, dass seine Familie Angst vor ihm haben könnte. Bei ihm treten die Zwangsgedanken oft in Kombination mit materiellen Ängsten oder enttäuschter Erwartung auf. Benedikt Klauke erklärt: „Aufdringliche Gedanken setzen sich häufig auf unangenehme Gefühle, wie Ablehnung, Enttäuschung oder Verlustangst, wenn andere Strategien, diese auszuleben, fehlen“.

2015 wendet sich Saaler an eine Psychiaterin und bekommt Antidepressiva. Es geht ihm besser, aber seine Zwänge lösen sie nicht. Ein Jahr später rät ihm eine Psychologin, sich stationär behandeln zu lassen. Eine Empfehlung führt ihn nach Münster. Im August 2016 hat er dort in der Christoph-Dornier-Klinik ein Erstgespräch. Das Intensivkonzept habe ihn sofort überzeugt, sagt er.

Mensch-ärgere-dich-nicht mit Enkeln – und Hammer im Gepäck

Wenige Wochen später beginnt seine sechswöchige stationäre Therapie. Die Diagnose lautet „Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt“. Jede Woche hat er zehn Einzelpsychotherapiesitzungen. Zusätzlich besucht er Gruppentherapien, darunter die Achtsamkeits- und die Zwangsbewältigungsgruppe. In den ersten zwei Wochen erarbeitet er mit seiner Therapeutin vor allem die biographischen Hintergründe und ein Erklärungsmodell für die Erkrankung. Graphen und Zeichnungen helfen, die Zusammenhänge zu verstehen. „Das war sehr anstrengend, weil man so viel verarbeiten muss“, berichtet der 63-Jährige.

Ab der dritten Woche beginnen die Expositionsübungen, mit und ohne Therapeutin, später auch im familiären Kontext. Es ist wichtig, das Gelernte im Alltag zu erproben. Dafür verbringt er Weihnachten bei seiner Tochter. Im Gepäck: ein Hammer. Während er mit seinen Enkeln Mensch-ärgere-dich-nicht spielt, denkt er „Jetzt könnte ich sie mit dem Hammer erschlagen“, immer wieder, wie ein Mantra. „Als ich ihn dann aus dem Beutel geholt habe, habe ich nicht mal geschwitzt. Ich wusste, ich mach das nicht, egal was ich denke. Es sind nur Gedanken und ein Teil meiner Krankheit“, so Saaler.

Gedanken sind keine Handlungen

„Expositionen mit Reaktionsverhinderung sind die wirksamste psychotherapeutische Methode, um Zwänge zu überwinden“, sagt Diplom-Psychologe Klauke. „Zwangsgedanken zu unterdrücken ist ähnlich vergeblich, wie einen prall gefüllten Ball unter Wasser zu halten. Je mehr wir drücken, desto stärker drängt er an die Oberfläche. Deshalb ist es wichtig, den negativ besetzten und angstauslösenden Gedanken bewusst Raum zu geben. Selbst starke, vermeintlich unerträgliche Gefühle lassen mit der Zeit nach. Durch die Erfahrung, dass nichts passiert, dass Gedanken eben keine Handlungen sind, werden sie entkatastrophisiert. Sie verlieren an Bedeutung und treten in der Folge auch seltener auf.“ Parallel dazu sei es wichtig, Denkmuster und Überzeugungen zu bearbeiten, die die Erkrankung aufrechterhalten.

Früher habe er sich ständig selbst beobachtet, alles Negative auf sich bezogen. Durch die Therapie habe er gelernt, bestimmte Annahmen zu hinterfragen und neu zu bewerten. „Mein Lebensinhalt bestand zu 30 Prozent aus Problemen, heute sind es fünf“, sagt Uwe Saaler. Er genießt die zunehmende Freiheit im Kopf, walkt zwischen den Therapien um den Aasee oder die Promenade entlang, besichtigt mit Mitpatienten den Münsteraner Dom, geht mit ihnen schwimmen. Auch dieses Miteinander und der Austausch mit „Leidensgenossen“ habe ihm sehr geholfen. Er möchte Menschen, die an Zwangsgedanken leiden, Mut machen, sich ihrer Situation zu stellen, sich anzuvertrauen und aktiv zu werden: „Hilfe ist da, aber man muss sie sich holen.“

* Zum Schutz der Person wurde der Name geändert.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Bulimie: Zwischen Fassade und Kontrollverlust

Die Bulimie gilt als heimlichste aller Essstörungen. Der innere Kampf um Kontrolle, Verlangen und Gewicht bleibt der Außenwelt oft verborgen. Der wichtigste Schritt, um wieder gesund zu werden, ist das Essverhalten zu normalisieren

Foto: Christoph-Dornier-Klinik, Judith Müller, Stellvertretende Leitende Psychologische Psychotherapeutin

Judith Müller, Stellvertretende Leitende Psychologische Psychotherapeutin

Rund 1,3 Prozent aller Frauen erkranken im Laufe ihres Lebens an Bulimie. Männer sind ebenfalls betroffen, trotz hoher Dunkelziffer aber seltener. Meistens wirkt nach außen hin alles „perfekt“. Das Gewicht ist normal, das Essen kontrolliert, meist fett- und kalorienarm. Menschen, die an Bulimie erkranken, sind häufig ehrgeizig und eher überangepasst. Dass sie Tausende von Kalorien verschlingen und erbrechen, oder hochdosierte Abführmittel schlucken, passt nicht ins Bild. Keiner darf etwas merken, die Scham ist riesig. Doch der Teufelskreis der Bulimie kann überwunden werden, selbst wenn die Krankheit schon lange besteht. Das Essverhalten zu normalisieren, ist der wichtigste erste Schritt.

Wie entsteht der Teufelskreis der Bulimie?

Über 90 Prozent der Menschen, die an Bulimie erkranken, wollen anfänglich abnehmen Sie lassen Mahlzeiten ausfallen, verzichten auf bestimmte Nahrungsmittel oder fasten, zum Beispiel bevor sie Alkohol trinken. Restriktives Essen schürt meistens jedoch Heißhunger, denn der Körper lechzt nach Nahrung. „Viele unserer Patientinnen berichten, dass sie auf den ‚Tipp‘ gestoßen sind, Nahrung zu erbrechen, um einerseits uneingeschränkt essen zu können und andererseits nicht zuzunehmen. Die Handlungsabläufe verselbstständigen sich dann relativ schnell, innerhalb weniger Wochen, weil sich der Stoffwechsel und das Hunger-Sättigungsgefühl verändern und die Angst vor dem Dicksein eher größer wird. Schließlich löst der Anblick von Nahrungsmitteln fast reflexhaft Heißhunger aus, so wie Völlegefühl den sofortigen Drang zu erbrechen“, erklärt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Einen kurzen Moment lang fühlt es sich befreiend an: Der zum Platzen volle Bauch ist wieder leer. Und mit den Kalorien, die das Gewicht gefährden, sind auch Gefühle weggespült. Stress und Anspannung lassen nach. Doch dann kommen die Scham und der Ekel vor sich selbst – und der Kreislauf beginnt von neuem. Die Kontrolle zieht wieder ein, über das Essen, die Gefühle, über das „Außen“. Die Fassade aufrechtzuerhalten, kostet viel Kraft und endet oft in Selbstbetrug. 75 Prozent der Menschen, die an einer Bulimie erkranken, werden depressiv. Etwa 30 Prozent entwickeln eine Angst- oder Zwangserkrankung, oft eine soziale Phobie. Dazu kommen häufig Alkoholprobleme.

Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?

Jede Essstörung hat ihre eigene Geschichte. Es gibt genetische und biologische, aber auch soziale und persönliche Faktoren, die sie begünstigen. „Bevor man jedoch an Hintergrundkonflikten und Funktionalitäten arbeitet, ist es wichtig, zuerst das Essverhalten zu normalisieren. Denn der körperliche Mangelzustand wirkt sich auf den Hormon- und Botenstoffhaushalt aus, auf die Wahrnehmung, das Verhalten und die Emotionen“, so Judith Müller. „Je normaler das Essverhalten, desto besser funktioniert auch das Hunger-Sattheitsgefühl, das die Nahrungsaufnahme auf natürliche Weise reguliert. Heißhungerattacken werden seltener und sogar die Angst vor einer Gewichtszunahme nimmt ab.“ Sie zu überwinden, ist ein weiterer wichtiger und notwendiger Therapiebaustein.

Hat sich das Essverhalten normalisiert, ist es für die Betroffenen wichtig zu lernen, besser mit Stimmungsschwankungen, Konflikten und Belastungen umzugehen, und auch das übermächtige Schlankheitsideal zu überwinden. Denn nur dann kann der Teufelskreis der Bulimia nervosa dauerhaft durchbrochen werden.

Diagnosekriterien der Bulimie nervosa

  • wiederkehrende Essattacken (Verzehr größerer, meist hochkalorischer Nahrungsmengen mit dem Gefühl von Kontrollverlust), mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten
  • absichtliches Erbrechen, strenge Diäten, exzessiver Sport oder Einsatz von Abführmitteln, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken
  • Selbstbewertung hängt übermäßig stark von Körpergewicht und Figur ab
  • kein deutliches Untergewicht (ansonsten könnte es sich um eine Magersucht handeln)

Es gibt jedoch auch atypische Erscheinungsformen der Ess-Brech-Sucht, bei denen nicht alle Diagnosekriterien erfüllt sind. Auch sie mindern die Lebensqualität, schaden der Gesundheit und sollten psychotherapeutisch behandelt werden.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Wenn immer besser nie gut genug ist

Die Möglichkeiten, sich selbst zu optimieren, scheinen schier grenzenlos zu sein. Denn Defizite lauern überall – im Job, im Sport, in der Familie. Beim Streben nach dem Optimum bleibt das „Selbst“ oft auf der Strecke

Münster – Am 5. Februar eröffnet in München die Internationale Sportmesse. Effiziente Trainingsprogramme, Wearables und Apps sollen helfen, fitter, schlanker, leistungsfähiger zu sein: „Gesundheit wird zum Selbstdesign“. Sich selbst zu überwachen, zu analysieren und zu optimieren liegt weiterhin voll im Trend – beim Sport, im Job, in der Familie. „Etwas verbessern zu wollen, ist ein wichtiger Motor, um sich weiterzuentwickeln“, erklärt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Den allgegenwärtigen Trend zur Selbstoptimierung sieht er dagegen kritisch. Denn dieser fördere ein defizitäres Selbstbild.

Nicht nur im Job, auch im privaten Umfeld kann das Gefühl, die eigene Leistung verbessert, Abläufe optimiert und Zeiten effizienter genutzt zu haben, enorm befriedigend sein. Der Wettbewerb mit sich selbst ist ein bewährtes Mittel, um Höchstleistungen zu erbringen und zu weiteren zu motivieren. Auf Dauer aber kostet er mehr Kraft als die Ergebnisse spenden. Dem Drang, sich selbst zu optimieren, liegen oft Minderwertigkeitsgefühle und ein defizitärer Blick auf sich selbst zugrunde. „Erfolge können kurzfristig zwar selbstwertstabilisierend wirken, den Hunger nach einem optimalen Selbst stillen sie aber nicht. Denn das was ist, ist niemals gut genug“, so der promovierte Psychologe.

Beim Streben nach dem Optimum bleibt das Selbst oft auf der Strecke. Solange bis „die Technik“ streikt, das Herz aussetzt, die Panik rast oder bleierne Erschöpfung jede Flamme erstickt. In der Therapie von Angststörungen und Depressionen (Burnout) sind Selbstwert und Leistungsanspruch geläufige Themen. Für Benedikt Klauke ist Selbstoptimierung letztlich nichts anderes als ein Vermeidungsziel. Häufig geht es eher darum, einen unerwünschten – als nicht genügend empfundenen – Zustand zu vermeiden und nicht darum, ein Ziel zu erreichen, da die Maßstäbe immer weiter nach oben verschoben werden.

Ein solcher Wettkampf gegen sich selbst lässt sich weder mit Sport noch mit gesunder Ernährung gewinnen. „Wichtig ist, positive Ziele zu formulieren, auf die man sich konkret zubewegen kann. In der Psychologie spricht man dann von einem Annäherungsziel. Das kann durchaus eine bessere Trainingszeit sein. Wenn das erzielte Ergebnis aber keine positiven Empfindungen (mehr) auslöst und nicht befriedigt, ist Vorsicht geboten. Dann lohnt sich die Frage nach der Motivation. Denn nach immer fitter und immer gesünder kommt in der Regel krank“, warnt der leitende Psychotherapeut der Münsteraner Klinik. So begännen auch Erkrankungen wie Sportanorexie oder Orthorexie oft mit dem Wunsch, leistungsstärker zu werden und sich gesünder zu ernähren.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

„Wenn die Psyche hungert“

Münster – Infoabend zu Magersucht und Bulimie für Betroffene, Angehörige und Interessierte am 1. März 2017 von 18 bis 20 Uhr in der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Das größte Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, liegt in der Pubertät. Doch Magersucht und Bulimie betreffen nicht nur Jugendliche. Unbehandelt bleiben sie meist bis ins Erwachsenenalter bestehen, oder sie brechen in emotional belastenden Situationen wieder auf. Umso wichtiger ist es, eine Essstörung so früh wie möglich zu erkennen und zu therapieren.

Am 1. März 2017 informieren Experten der Christoph-Dornier-Klinik Betroffene, Angehörige und Interessierte über Anzeichen, Hintergründe und Behandlungsmöglichkeiten von Magersucht und Bulimie. Der Infoabend „Wenn die Psyche hungert“ beginnt um 18 Uhr in der Tibusstraße 7-11, 48143 Münster. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten.

 

Neben den Vorträgen des leitenden Arztes der Klinik, Dr. med. Andreas Pelzer, und der stellvertretenden leitenden Psychologischen Psychotherapeutin, Judith Müller, wird es Raum für Fragen und offenen Austausch geben. Weitere Informationen erhalten Interessierte telefonisch unter 0251/4810-102 oder im Internet unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Thema: „Wenn die Psyche hungert“
Infoabend zu Magersucht und Bulimie
Datum: Mittwoch, 01.03.2017
Ort: Christoph-Dornier-Klinik, Tibusstraße 7-11
Uhrzeit: 18.00 – 20.00 Uhr
Zielgruppe: Betroffene, Angehörige und Interessierte
Referenten: Dr. med. Andreas Pelzer und Judith Müller
Besonderheiten: Anmeldung nicht erforderlich, kostenfrei

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster