Wohin entwickelt sich der Mann? Körperkult und seine Folgen

Super skinny, mega muskulös, Ab-Crack

Wohin entwickelt sich der Mann? Körperkult und seine Folgen im Zeichen des internationalen Männertags am 19. November 2016

artikel-cdk_04112016Münster – Männer des 21. Jahrhunderts müssen etwas zu bieten haben, vor allem körperlich. Noch halten sich Sixpacks und hohle Wangen auf Instagram und Facebook. Doch zeichnet sich schon ein neuer Trend des Bodyformings ab: die „Ab-Crack“, eine senkrecht über den Bauch verlaufende Bindegewebsnaht (medizinisch Linea Alba). Auch hier geht es darum, möglichst viel Körperfett abzutrainieren. Denn dann wird sie sichtbar. Der Social Media gestützte Körperkult hat Folgen: Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wächst rasant, auch in der Männerwelt.

Schon 70 Prozent der Jungen zwischen zehn und 13 Jahren hadern mit ihren Muskeln, rund 30 Prozent mit ihrem Gewicht, so eine vor fünf Jahren veröffentlichte Studie. Diese Zahlen spiegeln den männlichen Zeitgeist wieder. Forscher der University of North Texas fanden jüngst heraus, dass Tinder-Nutzer häufiger unzufrieden mit ihrem Körper sind und weniger Selbstwertgefühl haben als Männer, die auf diese App verzichten. Die Social-Media-Nutzung begründet die negative Körperwahrnehmung zwar nicht, aber sie fördert sie – nicht nur bei Frauen.

„Wir stellen eine deutliche Zunahme an Körperwahrnehmungsstörungen bei Männern fest“, sagt Andreas Pelzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitender Arzt der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Was früher vor allem für Frauen galt, gilt heute zunehmend auch für Männer: Die körperliche Erscheinung bestimmt den Selbstwert und vermeintlich den sozialen Erfolg.

Jungs posten reihenweise Selfies mit nacktem Oberkörper. Wer nicht gefällt, wird weggewischt. Auf Facebook, Instagramm – und Tinder. Der Konkurrenzdruck ist enorm. „Man selbst fühlt sich so lange zufrieden, bis ein anderer ein dickeres Sixpack oder eine noch tiefere ‚Ab Crack‘ postet. Ständig wird verglichen und bewertet. Die eigene Person wird permanent abgewertet. Man läuft immer nur hinterher“, erklärt Andreas Pelzer.
Das Risiko, darüber krank zu werden, ist groß. Am größten in der Pubertät. Vor allem sogenannte „Spätentwickler“ sind gefährdet, eine körperdysmorphe Störung, wie Muskelsucht (Biggerexie), oder eine Essstörung zu entwickeln. Minderwertigkeitskomplexe und ein negatives Körperbild spielen bei beiden Erkrankungen eine zentrale Rolle.

Mit einem „perfekten“ Körper hoffen die Jugendlichen, anerkannt und respektiert zu werden. Doch der Versuch, die eigene Unsicherheit wegzutrainieren, schlägt meist fehl. Das ist bei erwachsenen Männern nicht anders. „Selbst wenn das Training kurze Glücksmomente pusht, fühlen sie sich danach eher noch schlechter. Also muss noch mehr trainiert, diätet oder gehungert werden, mit fatalen körperlichen und psychischen Folgen. Denn das Ideal bleibt unerreichbar. Dafür sorgt allein schon die gestörte Körperwahrnehmung. Ohne den Selbstwert aus anderen Quellen zu speisen und ein gesundes Problemlöseverhalten zu lernen, führt die Spirale immer weiter nach unten“, so der leitende Arzt der Christoph-Dornier-Klinik.

Bei Männern bleiben körperdysmorphe Störungen und Essstörungen jedoch noch länger unerkannt als bei Frauen. Experten gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Schamgefühle sind oft noch größer, die öffentliche Wahrnehmung geringer. Dabei drohen langfristig neben psychischen auch organische Schäden: Wenn der Fettanteil in der Unterhaut zu stark sinkt, beginnt der Körper auch das braune Fettgewebe zu verbrennen, das zum Beispiel die Nieren schützt.
Wer sich zugunsten seiner Muskelmasse einseitig proteinlastig ernährt und gegebenenfalls auch noch Anabolika und aufputschende Drogen schluckt, riskiert nicht nur Mangelerscheinungen, sondern auch Konflikte mit dem Gesetz. Mit Attraktivität und Erfolg hat das so gar nichts mehr zu tun. Es wird Zeit, das Männer(vor)bild wieder mit Inhalt zu füllen.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster