WN-Abendvisite Nachlese:
Multiple Sklerose – Warnzeichen ernst nehmen

Abendvisite-Nachlese vom März 2015

mit Prof. Dr. Heinz Wiendl Direktor der Universitätsklinik für Neurologie Münster, zum Thema Multiple Sklerose und neue Therapiemöglichkeiten.

von Martina Döbbe

Multiple Sklerose, die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, ist eine Autoimmunerkrankung. 200 000 Menschen in Deutschland sind daran erkrankt – und bei jedem ist der Verlauf anders.

Therapie auf vier Säulen: Hemmung, Stabilisierung, Verbesserung und Heilung. Das ist das Konzept, das Mediziner im Blick haben, wenn sie Patienten mit der Diagnose Multiple Sklerose (MS) behandeln. Klar ist dabei aber auch: Von der Heilung ist man noch am weitesten entfernt.

„In den letzten zehn Jahren hat es in der Behandlung der MS große Fortschritte gegeben. Damals gab es praktisch nur Cortison, um den Schüben etwas entgegenzusetzen“, blendete Prof. Dr. Heinz Wiendl zurück. Heute können Ärzte verschiedene Möglichkeiten anbieten, individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt. Ehrlicherweise, so der Direktor der Universitätsklinik für Neurologie, müsse man dennoch zugeben: „Man darf nicht zu viel versprechen.“ Den Besuchern der Abendvisite im Medienhaus Aschendorff erläuterte der Spezialist zudem Nebenwirkungen und Risiken der neuen Medikamente.

Multiple Sklerose, die häufigste entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, ist eine Autoimmunerkrankung, deren Ursache immer noch unbekannt ist. 200 000 Menschen in Deutschland sind daran erkrankt – und bei jedem sei der Verlauf anders. „Die Schübe fallen unterschiedlich stark aus, bei einigen dauern sie Tage, bei anderen Wochen“, machte Wiendl deutlich. Spritzen, Infusionen, Tabletten – das sei das Spek­trum von heute in der Behandlung.

Studien zu allen Therapieformen machten Hoffnung, dass es gelingen könne, sich dem Idealzustand zu nähern. „Und der ist dann da, wenn die Schübe ausbleiben.“ Gerade die neuen Tabletten und Infusionen könnten gut helfen, wenn sie in einem noch frühen Stadium der MS eingesetzt würden. Wiendl berichtete von einer Behandlung, bei der zwei Infusionen so nachhaltig wirken könnten, dass der Patient fünf bis acht Jahre ohne neuen Schub leben könne. Wichtig sei dabei aber, regelmäßig das Blutbild zu kontrollieren, um mögliche Veränderungen und Nebenwirkungen direkt zu erkennen. Es müsse immer darum gehen, Nutzen und Risiken abzuwägen.

Wichtig sei dennoch, deutlich zu machen, „dass es in der Behandlung wirklich Licht am Horizont gibt“. Denn die derzeitige Situation – 50 Prozent der Patienten sind nach 15 Jahren der Erkrankung von bleibenden Behinderungen betroffen, 45 Prozent müssen innerhalb der ersten zehn Jahre nach der Diagnose in Rente gehen – mache deutlich, wie belastend die Erkrankung mit diesen Perspektiven sei.

Deshalb sei die „bestmögliche Kontrolle“ die Grundlage, der Multiplen Sklerose die Stirn zu bieten. „Die ersten Jahre nach Ausbruch der Krankheit sind entscheidende Weichensteller, wie man sie am besten in den Griff bekommt“, betonte Wiendl. Warnzeichen wie die Entzündung des Sehnervs oder Lähmungserscheinungen sollten deshalb ernst genommen werden.

Quelle: © Westfälische Nachrichten Nr. 54 – 2015