WN-Abendvisite Nachlese:
Der Darm ist immer in Bewegung

Abendvisite-Nachlese vom Oktober 2013

mit PD Dr. Emile Rijcken aus dem Universitätsklinikum Münster informierte über Verstopfung und Stuhlinkontinenz

von Martina Döbbe

Darmprobleme sind häufig. Etwa eine Million Deutsche, so Dr. Emile Rijken, brauchen eine Behandlung. Der Proktologe informierte bei der WN-Abendvisite in klaren Worten über ein Thema, über das viele Menschen aus Scham schweigen.

Darmprobleme, die kennt wohl jeder. Da kneift es mal, es grummelt, aber dann ist es auch wieder vorbei. Ganz anders bei denen, die täglich damit zu kämpfen haben. „Etwa eine Million Menschen sind in Deutschland behandlungsbedürftig, weil sie unter Schwierigkeiten mit dem Darm leiden“, berichtet Privatdozent Dr. Emile Rijcken. Der Spezialist aus dem Darmzentrum der Universitätsklinik ermutigte die Besucher der Abendvisite, offen mit diesem Tabu-Thema umzugehen und sich davon nicht die Lebensfreude verderben zu lassen. Stuhlinkontinenz und Verstopfung (Obstipation) stellte er dabei in den Blickpunkt seiner Informationen am Mittwochabend im Medienhaus Aschendorff.

Unser Darm, so machte Dr. Rijcken deutlich, sei rund um die Uhr 24 Stunden immer in Bewegung. Ein muskulöser Schlauch, der Nahrung transportiere und mit vielen Falten und Ausstülpungen ausgestattet sei: „Würde man alles entfalten und ausrollen, dann hat jeder die Fläche von zwei Tennisplätzen in seinem Körper.“ Der Dünndarm bringe es immerhin auf sechs Meter, der Dickdarm auf zwei Meter Länge. Damit dieses „Wunderwerk“ aber auch funktioniere, könne jeder zunächst mal durch Ernährung, Bewegung und ausreichende Flüssigkeitsaufnahme einiges dazu beitragen.

„In 99 Prozent der Fälle, die wir sehen, muss gar nicht operiert werden.“ Dr. Emile Rijcken

Und dennoch: Verletzungen oder Erschlaffung des Schließmuskels könnten ebenso Probleme verursachen wie zum Beispiel Nebenwirkungen von Medikamenten. „Manche machen den Stuhl dünn, andere verdicken ihn. In jedem Fall sollte man dann nach anderen Wirkstoffen suchen.“

Der Darmspezialist riet allen, die Probleme nicht allein und stillschweigend hinzunehmen. „In 99 Prozent der Fälle, die wir sehen, muss gar nicht operiert werden. Da funktioniert es mit konservativer Behandlung.“

Doch zunächst sei die exakte Diagnostik wichtig. Eine Darmspiegelung sei immer sehr hilfreich – auch um auszuschließen, dass sich bereits bösartige Veränderungen im Darm angesiedelt hätten. Polypen zum Beispiel könne man dabei sehr gut entfernen. Auch eine Magnetresonanztomografie und eine Ultraschall-Endoskopie schafften Klarheit bei der Suche nach den Ursachen von Darmproblemen. In etwa einem Prozent der Fälle müsse dann ein Eingriff – zum Beispiel der Ersatz eines Schließmuskels oder ein Schrittmacher – in Erwägung gezogen werden. „Wichtig ist, deutlich zu machen, dass sich immer eine Lösung, zumindest aber eine Linderung der Beschwerden findet“, so Dr. Rijcken.

Ob es Richtwerte für eine „geregelte Verdauung“ gebe, wollte ein Zuhörer wissen. Gibt es: „Einmal in drei Tagen, dreimal an einem Tag, alles, was sich in diesem Rahmen bewegt, ist in Ordnung“, so die Antwort.

Und wie verhält es sich mit der Verbindung von Psyche und Darmproblemen? „Wenn man Darmprobleme hat, dann kann das die Psyche sehr negativ beeinflussen“, so der Referent. Umgekehrt nicht. Locker ausgedrückt: „Man ist nicht bekloppt, wenn man Darmprobleme hat.“

Quelle: © Westfälische Nachrichten Nr. 244 – 2013