Wer wird später ein guter Arzt? WWU Münster beteiligt an Studierendenauswahl-Verbund

Hamburg/Münster (mfm/tb) – Viele wollen, nur wenige können: Im Fach Humanmedizin übersteigt die Zahl der Interessenten die der Studienplätze um ein Vielfaches. Rund 2.000 zu 90 ist beispielsweise an der Universität Münster derzeit das Verhältnis. Die Auswahl erfolgt daher einerseits auf der Basis von Quoten – zum Beispiel für die Abiturbesten eines Bundeslandes oder für Bundeswehrärzte – und anderseits durch Auswahlverfahren der Universitäten. So ist es bisher – geplant sind aber Änderungen. Für die soll ein Verbundforschungsprojekt nun die wissenschaftliche Grundlage liefern: An dem neuen Netzwerk „STAV“, das vom Bundesforschungsministerium mit drei Millionen Euro gefördert wird, ist auch die Medizin der Universität Münster beteiligt.

Ziel des „Studierendenauswahl-Verbunds“ (kurz: STAV) ist es, die Qualität der bestehenden Auswahlverfahren für Studienplatzbewerber im Fach Humanmedizin untersuchen und neue Tests zur Messung kognitiver, sozialer und kommunikativer Fähigkeiten der künftigen Medizinstudierenden zu entwickeln. Hintergrund sind die von Bund und Ländern im „Masterplan Medizinstudium 2020“ beschlossene Neugestaltung der Auswahlverfahren sowie die Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach neuen Regeln für die Studierendenauswahl. Beteiligt an STAV sind sechs deutsche Unikliniken und Universitäten; die Koordination liegt am Universitätsklinikum Eppendorf.

Ziel: deutschlandweit einheitliche Tests

Mit STAV wird die Qualität der Konzepte an den verschiedenen Standorten untersucht. Neben den festen Partnern steuern noch 20 weitere Projektbeteiligte ihre Daten bei, um die Vielzahl der in Deutschland eingesetzten Kriterien bewerten zu können. Mit einem gemeinsamen Studierendenauswahlzentrum soll die Einführung wissenschaftlich fundierter, strukturierter und standardisierter Auswahlverfahren an allen deutschen Medizinfakultäten gefördert werden.
Am Ende soll ein Test zu kognitiven Kompetenzen der Bewerberinnen und Bewerber stehen, der dann deutschlandweit eingesetzt werden könnte. Auch sollen ein schriftlicher Situational-Judgement-Test und multiple Mini-Interviews zur Messung sozialer und kommunikativer Kompetenzen weiterentwickelt und mit neu entwickelten Qualitätsmessungen der ärztlichen Kompetenz abgeglichen werden.

Bild: Mit ihrem innovativen Auswahlverfahren für Studieninteressenten – hier ein Bild aus der LIMETTE – zählt die Medizinische Fakultät zu den Vorreitern auf diesem Gebiet (© Foto: FZ)

Mediziner der WWU setzen auf Mischung von Kriterien

Münster bringt sein schon seit 2012 praktiziertes hochschuleigenes Verfahren in die Forschung ein: Über die Abiturnote hinaus zählen dort seitdem ein naturwissenschaftlicher Verständnistest, ein Motivationsschreiben und vor allem das Agieren in realitätsnahen Mini-Aktionen. Letztere dienen der Erfassung von interpersonellen, sozialen und motorischen Kompetenzen. Der Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Prof. Bernhard Marschall, schätzt den Wert dieses aufwändigen Verfahrens hoch ein: „Das Bewerberfeld hat sich bei uns seit Einführung des Studierfähigkeitstests stark verändert. Es melden sich nur noch Kandidatinnen und Kandidaten, die sich zutrauen, diesen Anforderungen gerecht zu werden“. Am Ende würden diejenigen zugelassen, die sowohl eine sehr gute Abiturnote mitbringen, als auch andere für Studium und Beruf relevante Kompetenzen unter Beweis gestellt haben. „Es gilt, die besten Kandidatinnen und Kandidaten für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Patienten zu finden“, betont der Studiendekan.

Das von Marschall geleitete Institut für Ausbildung und Studienangelegenheiten koordiniert aufgrund seiner Erfahrungen auf diesem Gebiet bei STAV den Bereich der Multiplen-Mini-Aktionen, auch Multiple-Mini-Interviews genannt. Dabei setzen sich die Bewerber in kurzen Situationen mit verschiedenen Aufgaben auseinander, zum Beispiel interagieren sie mit Schauspielern, äußern sich zu Videoaufnahmen oder zeigen ihre motorische Geschicklichkeit.

Mit der preisgekrönten LIMETTE („Lernzentrum für individualisiertes Tätigkeitstraining und Entwicklung“) verfüge Münster über eine einzigartige Infrastruktur für solche Analysen: Neben einer direkten Observation der Studienbewerber durch verspiegelte Scheiben könnten die Szenen auch auf Video aufgenommen und analysiert werden. Die wesentlichste Säule des münsterschen Forschungsvorhabens sei aber die Arbeitsgruppe von Prof. Mitja Back am Psychologischen Institut der WWU Münster: „Hier erhält das Projekt die methodische und wissenschaftliche Expertise, die für ein aussagekräftiges Ergebnis sorgen wird“, freut sich Marschall auf die kommende Teilverbundleitung bei STAV.

Sorge bereiten ihm allerdings die aktuellen Entwicklungen beim bundesweiten Auswahlverfahren der Stiftung für Hochschulzulassung (vormals: ZVS). Dort steht eine Software-Überarbeitung an, die es ermöglichen soll, die vom Bundesverfassungsgericht geforderten Änderungen abzubilden. Ein derart kompetenzbasiertes Verfahren wie das in Münster werde in der aktuellen Übergangsphase 2020 nicht stattfinden können, so die Sorge Marschalls.