Wege aus der Magersucht: Abschied von einer „guten Freundin“

CDK-MagersuchtMünster – Die Gewichtszunahme ist in der Behandlung der Magersucht ein wichtiger erster Schritt, aber ohne die intensive Arbeit an den Hintergrundkonflikten nicht wirksam.Denn wer sich von der Magersucht löst, braucht neuen Halt und die Fähigkeit, in gesunder Weise mit Belastungen umzugehen.

„Ich wollte erst ein ’neues‘, glückliches Leben beginnen, wenn ich mein Wunschgewicht von 29 kg erreicht hätte. ‚Dann …‘, sagte ich mir immer, aber heute weiß ich, dass das eine große Illusion war und ich dieses ‚Dann‘ nicht mehr erlebt hätte“, schreibt Anne L. nach ihrem Aufenthalt in der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Sie ist 18 Jahre alt. Als sie in die Klinik kommt, ist sie noch minderjährig. Sie kommt auf Druck ihrer Eltern und Ärzte, selbst fühlt sie sich nicht krank, sondern nur „fett“. Außerdem hat sie schon einen sechsmonatigen Aufenthalt in einer Klinik hinter sich, bei dem sie zwar zugenommen hat, aber nicht gesund geworden ist. Als sie ihre Therapie in der Christoph-Dornier-Klinik beginnt, trennen sie zehn Kilo von ihrem „Wunschgewicht“ und zehn Kilo von einem gesunden Normalgewicht, das nicht nur Existenz, sondern auch Leben erlaubt.

„Die ersten Tage in der Klinik waren schrecklich“, erinnert sie sich. „Ich quälte mich durch jede einzelne Mahlzeit in der Essgruppe.“ Heimlich treibt sie Sport, um ja nicht zuzunehmen. Zu laut ist der Ruf der Magersucht, ihrem Diktat zu folgen. Erst als sie sich von ihrer Therapeutin fotografieren lässt und sich selbst von außen sieht ‒ ihren abgemagerten Körper, ihre blauen Flecken an Armen und Beinen vom Liegen, ihren leeren Blick ‒ begreift sie, dass sie krank ist. Und dass sie Hilfe braucht.

Weil die Magersucht auch Halt gibt, ist es schwer sich von ihr zu lösen

Den Teufelskreis einer Magersucht allein durch Einsicht oder Willensstärke zu durchbrechen, ist kaum möglich. Zu stark ist ihr Einfluss auf Körper, Psyche und Geist. Aber die Krankheitseinsicht und der Wille, sich von der Magersucht zu lösen, sind ein wichtiger erster Schritt auf dem langen Weg zu einem unabhängigen Leben. Trotzdem wird es immer auch Anteile geben, die sich gegen eine Veränderung wehren. Denn neben ihrer zerstörerischen Kraft gibt die Magersucht auch Halt.

„Viele Patientinnen empfinden die Loslösung von der Magersucht wie den Verlust einer guten Freundin, die sie oft jahrelang zuverlässig begleitet hat. Man darf nicht vergessen, dass eine Essstörung ebenso wie andere psychische Erkrankungen immer auch eine Funktion für den betroffenen Menschen hat. Deshalb fällt es so enorm schwer, sich von ihr zu lösen. Und deshalb ist es auch so wichtig, Ersatz für das zu finden, was vorher die Essstörung ausgefüllt hat, und den Patientinnen und Patienten neuen Halt zu vermitteln“, sagt Judith Kugelmann. Sie ist die stellvertretende leitende Psychologin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster und auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert.

In der Intervalltherapie wechseln sich stationäre und ambulante Phasen ab

Das erste Ziel in der Behandlung ‒ und die erste große Herausforderung, weil mit massiven Ängsten besetzt ‒ ist die Gewichtszunahme. Realistisch und gut verträglich sind 800 bis 1000 Gramm pro Woche. Abhängig vom Untergewicht kann es mehrere Wochen dauern, bis das sogenannte Mindestgewicht erreicht ist. „Patientinnen und Patienten, die ihr endgültiges Gewicht noch während des stationären Aufenthaltes für einige Wochen halten können, haben ein deutlich geringeres Rückfallrisiko“, erläutert Judith Kugelmann. Um sicherzustellen, dass diese das Gewicht auch nach der Klinik aufrecht erhalten können, haben sie und ihre Kollegen die sogenannte „Intervalltherapie“ entwickelt. In dieser wechseln sich stationäre und ambulante Behandlungsphasen ab.

Um die Patientinnen und Patienten zu entlasten, wird Nahrung in der wichtigen, aber auch bedrohlichen ersten Phase der dosierten Gewichtszunahme wie ein Medikament betrachtet. Gegessen wird unter therapeutischer Anleitung gemeinsam in der Gruppe. Dies gewährleistet, dass die notwendige Kalorienmenge auch in der richtigen „Dosierung“ aufgenommen wird. „Für mich waren diese fünf Wochen die schlimmsten. Aber ich fühlte mich auch wohl unter den anderen, die genau das Gleiche durchmachten“, schreibt die 16-jährige Nina. Eine Erfahrung, die sie mit vielen anderen jungen Frauen in der Klinik teilt.

Hoher Anteil an Einzeltherapie ‒ intensive Arbeit an Hintergrundkonflikten

In Gruppentherapien lernen die Patientinnen und Patienten, sich mit den einzelnen Faktoren und Risiken ihres persönlichen Essverhaltens auseinanderzusetzen sowie mit aktuellen Belastungen und Anspannungszuständen, zum Beispiel durch die Gewichtszunahme, umzugehen. Sobald ein gesundes Mindestgewicht erreicht ist, geht die Verantwortung für die Auswahl und Menge des Essens zunehmend auf die einzelne Patientin bzw. den einzelnen Patienten über. Dieser Prozess wird intensiv von einem Bezugstherapeuten oder einer Bezugstherapeutin begleitet. Auch wenn ergänzend weiterhin Gruppentherapien stattfinden, steht jetzt die Einzeltherapie im Vordergrund. Durchschnittlich zehn Sitzungen à 50 Minuten pro Woche ermöglichen eine intensive Arbeit an den psychischen Faktoren und Hintergründen der Magersucht – eine Arbeit, die erst möglich ist, wenn der Körper nicht mehr ums Überleben kämpfen muss.

In den Gruppentherapien lernen die Patientinnen und Patienten wie Ernährungsverhalten und Stoffwechsel zusammenhängen, wie sich das gestörte Essverhalten auf Körper, Wahrnehmung und Psyche auswirkt und was passiert, wenn der Körper wieder an Gewicht gewinnt. Sie erfahren,was den Teufelskreis der Magersucht aufrechterhält, welche Rolle dabei Konflikte spielen und wie der Körper auf Stress reagiert. Sie lernen Möglichkeiten kennen, anders – in gesunder Weise – mit Belastungen umzugehen. Hierbei kann ein soziales Kompetenztraining ebenso hilfreich sein wie ein Training zur Gefühlsregulation, eine Gruppe zur Steigerung des Selbstwertes oder eine Körpertherapie.

Bezugstherapeuten sind auch in den ambulanten Phasen eine Stütze

Dem stationären Aufenthalt folgt ein ambulantes Intervall von mehreren Wochen, in dem die Patientinnen und Patienten das bisher Erreichte im Alltag erproben und ihr Gewicht in Eigenregie weiter stabilisieren können. Regelmäßige Telefonate mit ihren Bezugstherapeuten aus der Klinik und ambulante Behandler vor Ort unterstützen sie dabei. Dieser Phase schließen sich ein zweites stationäres Intervall von zwei bis drei Wochen sowie ein zweites ambulantes Intervall an. Besteht die Gefahr eines Rückfalls, ist ein dritter stationärer Aufenthalt möglich. Die Intervalltherapie bietet eine einzigartige Verknüpfung von stationärer Therapie mit den Vorteilen einer alltagsnahen ambulanten Behandlung. Erfahrungen und Erfolge aus dem stationären Aufenthalt können unter wirklichkeitsgerechten Bedingungen im häuslichen Umfeld erprobt und gefestigt und dann in den folgenden stationären Kurzintervallen sofort wieder ausgewertet und weiter stabilisiert werden.

„Ich kam immer wieder an Punkte, an denen ich mich neu und mit aller Ehrlichkeit für das Leben und gegen die Krankheit entscheiden musste“, schreibt Anne L. „An diesen Punkten bin ich jedes Mal stärker geworden. Ich kann allen Betroffenen nur zu einer Therapie raten, denn auch wenn es ein sehr anstrengender Weg aus der Krankheit ist, er ist da.“

Kostenloses Beratungstelefon zur Erstinformation
Weitere Informationen zur Behandlung von Essstörungen erhalten Angehörige und Betroffene unter www.c-d-k.de. Zudem bietet die Christoph-Dornier-Klinik mittwochs zwischen 17.00 und 20.00 Uhr unter der Rufnummer 0251/ 48 10-148 oder -140 ein kostenloses Beratungstelefon an.