Traumafolgestörungen:
Ein unverarbeitetes Trauma gleicht einem Splitter

Ihn zu ziehen tut noch einmal weh, aber dann kann die Wunde heilen. Doch gerade bei jungen Menschen werden Traumafolgestörungen leicht übersehen oder unterschätzt. Dabei waren die Behandlungsmöglichkeiten noch nie so gut wie heute.

Artikel-CDK_01032016Münster – Traumatische Erlebnisse bringen Menschen an die Grenzen ihrer Widerstandskraft. Rund ein Viertel der Betroffenen erkrankt an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Für junge Menschen sind die Folgen besonders schwerwiegend, auch weil sie oft zu spät oder falsch behandelt werden. „Bei Kindern und Jugendlichen sind die klassischen Diagnosekriterien einer PTBS nur selten komplett erfüllt. Häufig stehen andere Symptome im Vordergrund, bei Jugendlichen zum Beispiel impulsives oder aggressives Verhalten, auch sich selbst gegenüber. Das erschwert die Diagnose“, sagt Diplom-Psychologin Vera Frühauf von der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.

In 90 Prozent der Fälle kommt eine weitere psychische Krankheit hinzu

Auch können andere psychische Erkrankungen, wie Zwang, Depression oder Sucht, die Traumafolgestörung überlagern. Denn die PTBS bleibt selten allein. Fast 90 Prozent der Erkrankten weisen mindestens eine weitere Diagnose auf. Das erkläre auch, warum manche Therapien keinen Erfolg hätten, so die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, die den Bereich Jugendliche und junge Erwachsene leitet. Die meisten der dort behandelten Patienten haben ein einzelnes Trauma erlebt, wie einen Unfall, eine lebensbedrohliche Krankheit, einen Überfall oder eine Vergewaltigung. Sie waren entweder unmittelbar betroffen oder Zeugen. Ebenso wie die Patienten mit komplexen Traumatisierungen, zum Beispiel durch wiederholte (sexuelle) Gewalterfahrungen.

Je jünger die Betroffenen sind, desto stärker variieren die Symptome

Neben Aggressionen und selbstverletzendem Verhalten können auch vermehrter Alkoholkonsum, die Neigung zu Straftaten, sozialer Rückzug oder Konzentrationsschwierigkeiten auf eine Traumafolgestörung hinweisen. Je jünger die Betroffenen sind, desto stärker variieren die Symptome und desto weniger offensichtlich zeigen sich die Kernmerkmale der PTBS: ungewollte, häufig erschreckend reale Erinnerungen an das traumatische Erleben (sogenannte Flashbacks), Gefühlstaubheit und Gefühle der Entfremdung bei gleichzeitiger Übererregtheit sowie die Vermeidung von Aktivitäten oder Personen, die an das traumatische Ereignis erinnern.

Noch nie waren die Behandlungsmöglichkeiten so gut wie heute

Ein unverarbeitetes Trauma gleicht einem Splitter. Bei menschgemachten seelischen Verletzungen sitzt dieser besonders tief. Wenn der Splitter bleibt, kann sich die Wunde immer wieder entzünden. Jede Berührung schmerzt. Mit solchen Bildern arbeiten auch Vera Frühauf und ihr Team: „Einen Splitter herauszuziehen tut noch einmal kurz weh, aber dann kann die Wunde heilen.“ Es ist wichtig, eine gemeinsame Sprache zu finden und die Jugendlichen zu ermutigen, sich dem Geschehen noch einmal zu stellen. Sobald sie dafür bereit sind. Denn noch nie waren die Behandlungsmöglichkeiten so gut wie heute.

Information, Traumakonfrontation und Integration

Wissenschaftlich am besten überprüft ist die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie. Die einzelnen Behandlungsmodule werden alters- und entwicklungsgerecht an den individuellen Bedarf angepasst. Ihr Ziel ist es zunächst, die Jugendlichen – und auch ihre Eltern – zu Experten in eigener Sache zu machen. Neben dem Verständnis, was traumatischer Stress im Gehirn bewirkt, und der Aktivierung von Ressourcen dient hierzu die Vorbereitung auf die Traumakonfrontation. Denn um die Gefühle und Sinneseindrücke, die sich unter dem traumatischen Stress abgespalten haben, wieder mit dem Ort und der Situation zu verbinden, muss der Splitter, der sozusagen quer im Gehirn sitzt, freigelegt und in das autobiografische Gedächtnis integriert werden.

Ein zentraler Bestandteil der intensiven Traumatherapie in Münster sind daher sogenannte Narrative (Erzählungen). Sie ermöglichen eine schrittweise Annäherung an das traumatische Geschehen und eine neue Bewertung. Sie werden von den Jugendlichen selbst verfasst oder dem Therapeuten diktiert. Erst beschreiben die Patienten mit der für sie notwendigen Distanz, was und wie sie sich selbst erlebt haben, beginnend mit der „guten“ Zeit vor dem Trauma und endend mit einem „sicheren“ Moment nach dem Trauma. Bei jedem erneuten Vorlesen der „Geschichte“ werden traumabezogene Gedanken und Gefühle ergänzt, irgendwann der schlimmste Moment. Dabei lassen sich auch traumabedingte negative Wahrnehmungen und Selbstüberzeugungen, wie „ich bin nirgendwo in Sicherheit“ oder „ich bin schuld“ identifizieren und positiv verändern. Zu wissen, dass der Therapeut auch am nächsten Tag für sie da ist, gibt den Jugendlichen zusätzlichen Halt.

Angst vor Retraumatisierung

Viele Jugendliche und vor allem ihre Eltern haben Angst vor einer Retraumatisierung. Diese ist verständlich, aber unbegründet. „Selbst der Abbruch einer Traumakonfrontation, was bei uns selten vorkommt, bewirkt keine Retraumatisierung. Belastende Gefühle und auch Stimmungseinbrüche sind zwar möglich, treten aber nur vorübergehend auf und sind ein Teil des Heilungsprozesses“, erklärt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik, Münster