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Leben mit Magersucht: „Es ist besser, wenn sie schläft“

Münster (ukm/aw) – Wie ein Leben mit Magersucht aussieht, davon haben Außenstehende kaum eine Vorstellung. Wie ist das, wenn man sich so dick fühlt, als passe man kaum in normale Kleidung hinein? Obwohl der Kopf weiß, dass man in Wahrheit viel zu dünn ist? Die Körperschemastörung ist ein häufiges Symptom der Erkrankung Anorexie. Laura Mantler lebt seit vier Jahren mit dieser Diagnose – heute „schläft“ die Essstörung bei ihr. Geholfen hat ihr die Behandlung in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM.

Laura Mantler macht gerade Abitur. Das ist ohne Frage erwähnenswert, aber vor dem Hintergrund, dass die Achtzehnjährige seit ihrer frühen Jugend mit ihrer Magersucht (Anorexia Nervosa) kämpft, scheint diese Leistung umso größer. Alleine in den letzten vier Jahren musste Laura zwei Mal stationär in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) aufgenommen werden und hat viele Monate auf der Station für PatientInnen mit Essstörungen verbracht.

Oft ist es eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers, die Patientinnen mit Anorexie dazu verleitet, das eigene Gewicht zum Mittelpunkt ihrer Welt zu machen. Dabei kann das Körperschema der Betroffenen völlig verschoben sein, sagt die Therapeutin und Leiterin der Forschungsgruppe Essstörungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Ida Wessing. „PatientInnen mit einer Körperschemastörung leiden unter überdimensionierten Vorstellungen ihrer Ausmaße – und das trotz ihres extremen Untergewichts.“ Auch bei Laura habe eine schwere Körperschemastörung vorgelegen, ein Beispiel für diese falsche Wahrnehmung liefert sie selbst: „Ich hatte zum Beispiel das Gefühl, meine Schlafanzughose drückt, und ich musste sie nachts ausziehen, weil sie sich wirklich viel zu eng anfühlte und überall spannte. Ich hatte in dieser Zeit aber definitiv mein niedrigstes Gewicht.“

Um der Wahrnehmungsverzerrung zu begegnen, versuchen Therapeuten, den PatientInnen zunächst ein realistisches Bild ihres Körpers zu vermitteln. Dafür werden die PatientInnen gemessen und gewogen und man vergleicht gemeinsam den eigenen BMI (body mass index) mit dem von normalgewichtigen Gleichaltrigen. „Das kann man grafisch gut darstellen. So verdeutlichen wir den Betroffenen erst einmal, wie weit sie wirklich unter allen anderen vom Gewicht her liegen. Und dann erklären wir, was das alles für gesundheitliche Folgen hat und wie sehr, sehr gefährlich das für den Körper ist“, so Wessing.

Bild: Laura Mantler versucht mit Hilfe einer multimodalen Therapie ihre Magersucht in den Griff zu bekommen. (© Foto UKM)

Die Therapie der Anorexie ist ein Prozess mit multimodalen Therapie-Konzepten, der meist mehrere Monate, wenn nicht Jahre braucht. Die Körperbildstörung ist dabei ein Behandlungs- und Forschungsschwerpunkt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM. Laura war erst beim zweiten Klinikaufenthalt so weit, sich eingestehen zu können, dass ihr Problem tiefer lag. Wie viele Jugendliche bringt auch sie eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur mit, die die Anorexie begünstigt, so Wessing: „Die PatientInnen sind häufig perfektionistisch und haben ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Oft sind das hochangepasste junge Menschen, die hohe Ansprüche an sich stellen und optimale Leistungen bringen wollen.“ Dazu passt, dass Laura schon im Alter von sechs Jahren damit begonnen habe, sich Essenspläne aufzuerlegen und Kalorien zu zählen. In einem abgegrenzten Bereich die Kontrolle über ihr Leben zu haben, tat ihr gut, erzählt Laura. „Ich funktionierte in allen Bereichen besser, wenn ich die Kontrolle behielt“, sagt sie. Genau das ist etwas, mit dem sie heute, nach der Therapie, immer noch zu kämpfen hat. Die Magersucht kehre in Form eines Gefühls der Fremdbestimmtheit immer wieder zurück: „Man ist nie alleine! Da ist immer jemand, der deine Handlungen bestimmt. Es gibt viele kleine Situationen im Alltag, wo man erkennt: Okay, das ist jetzt gerade eine Essstörungs-Handlung und nicht Du selbst.“ Die Essstörung beschreibt sie als „kleine Stimme“, auf die sie höre: „Ich spüre, sie ist da, und ich bin dann ganz anders.“

Inzwischen hält Laura seit längerer Zeit ihr Gewicht und neben dem Abitur sind auch wieder andere Dinge in ihrem Leben wichtig. Zum Beispiel pflege sie nun wieder stärker soziale Kontakte. Außerdem will Laura sich ihren größten Traum erfüllen: Sie plant einen Afrika-Aufenthalt, bei dem sie mit ihrem Freund zusammen einige Monate einen Freiwilligendienst leisten will.
Therapeutin Ida Wessing findet das wichtig: „Dass die Krankheit ganz verschwindet, ist ein Stück weit unwahrscheinlich. Aber wenn die PatientInnen plötzlich aufhören, ständig über Essen zu reden und sich wieder anderen Dingen zuwenden, wenn ich merke, da ist Leben und Freude drin, dann sind das ganz wichtige Anzeichen, dass es in die richtige Richtung geht.“

Dass die Essstörung irgendwann kein Thema mehr sein soll, wäre Lauras Wunsch auf einem langen Weg. Im Moment begnügt sie sich mit der Vorstellung, dass die Magersucht „schläft“: „Es ist besser, wenn sie schläft! Und es ist auch möglich, sie schlafen zu lassen.“

Info:
Die Forschungsgruppe Essstörungen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) sucht gesunde jugendliche Teilnehmerinnen zwischen 12 und 19 Jahren für die Studie „Körpererleben bei jugendlichen Patientinnen mit Anorexia Nervosa“. In dieser Studie werden die neuronalen Grundlagen des Körpererlebens bei Anorexia Nervosa untersucht. Probanden werden an insgesamt drei Terminen zu ihrem psychischen Befinden befragt. Außerdem werden Verhaltenstests und Messungen von Aktivität und Struktur des Gehirns durchgeführt. Alle Messungen sind strahlenfrei und gesundheitlich unbedenklich. Bei Teilnahme an allen drei Terminen erhalten die Teilnehmerinnen eine Aufwandsentschädigung von 90 €. Auch eine Teilnahme nur an einem Termin (ohne Messungen des Gehirns) ist möglich, die Aufwandsentschädigung beträgt dann 25 €.

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Studientelefon
Telefon 0152 54957693
Projektleitung
Dr. Dipl.-Psych. Ida Wessing
Ida.Wessing@ukmuenster.de

Sicherheitshinweis zu Herzschrittmachern des Herstellers Medtronic

Der Hersteller Medtronic hat Herzschrittmacher aus einem bestimmten Produktionszeitraum zurückgerufen, die auch 125 Patienten des UKM implantiert wurden. Aus diesem Anlass hat das UKM eine Patienten-Hotline eingerichtet und die Betroffenen informiert.

Münster (ukm/aw) – Ende Januar 2019 hat der Hersteller Medtronic einen Sicherheitshinweis für bestimmte Herzschrittmachersysteme veröffentlicht.
Betroffen sind Zweikammer-Systeme, die zwischen dem 10.03.2017 und 07.01.2019 implantiert wurden. Die betroffenen Herzschrittmacher haben die Markennamen Adapta, Versa, Sensia, Relia, Attesta und Sphera sowie Vitatron der A, E, G und Q Serie. Laut Medtronic soll es in sehr seltenen Fällen und nur in einem bestimmten Modus zu einer Pause in der Stimulation des Herzschrittmachers gekommen sein. Informationen des Herstellers dazu finden Sie hier.

Das UKM (Universitätsklinikum Münster) hat 125 Patienten, bei denen Herzschrittmacher dieser Markennamen im betreffenden Zeitraum im UKM eingesetzt wurden, informiert. Für die meisten Patienten ist ein Update der Schrittmachersoftware ausreichend. Im Einzelfall kann nach sorgfältiger Abwägung von Risiken ein Wechsel des Herzschrittmachers erforderlich sein. „Das Software-Update ist uns von Medtronic für das zweite Halbjahr 2019 angekündigt, dann werden wir es bei unseren Patienten aufspielen können. Insgesamt ist das Risiko sehr gering, wir besprechen aber mit jedem betroffenen Patienten das weitere Vorgehen und wägen den Einzelfall ab“, sagt Prof. Lars Eckardt, Direktor der Klinik für Kardiologie II, Rhythmologie.

Die Klinik für Kardiologie II hat eine Experten-Hotline (T 0251 – 83 43322) geschaltet, bei der sich Patienten melden können, die sich Sorgen machen. Die Hotline ist werktags von 8 bis 17 Uhr besetzt. Weitere Informationen gibt es auch auf der Homepage der Klinik für Kardiologie II.

Nach Anstieg der Grippefälle: Sofortdiagnostik schon bei Verdacht

Seit Mitte dieser Woche steigt die Zahl der Patienten, die mit Verdacht auf Influenza in die Notaufnahme des UKM kommen. Als Konsequenz aus der letztjährigen heftigen Grippewelle geht das UKM mit sofortiger Wirkung zu einer besonders schnellen Diagnostik über.

Münster (ukm/aw) – Nach einer kurzen Sitzung zwischen Vorstandsmitglied und Pflegedirektor Thomas van den Hooven und dem Leiter der interdisziplinären Notaufnahme Prof. Philipp Kümpers ergreift das UKM (Universitätsklinikum Münster) mit sofortiger Wirkung Maßnahmen, die der jetzt anrollenden Grippewelle entgegenwirken sollen. „Seit Mitte dieser Woche stellen sich in unserer Notaufnahme viele Patienten mit typischen Krankheitssymptomen wie Fieber, trockenem Husten, Kopf- und Gliederschmerzen sowie allgemein starkem Krankheitsgefühl vor“, so Kümpers. „Inklusive des Dienstags haben wir an allen Tagen in drei bis vier Fällen eine echte Influenza nachweisen können.“ Nach der ernsten Grippewelle im vergangenen Winter habe man aber Konsequenzen gezogen und den Ablauf in der Notaufnahme optimiert. „Als Konsequenz Schlussfolgerung aus dem heftigen Verlauf im vergangenen Jahr bekommen Patienten mit sofortiger Wirkung bei Verdacht auf Grippe eine Schnelldiagnostik, eine komplette Laboruntersuchung sowie eine Röntgenaufnahme der Lunge, sofern eine Lungenentzündung vorliegen könnte. So können wir innerhalb weniger Stunden sagen, ob es sich um eine echte Grippeerkrankung handelt.“

Auch für die stationären Patienten des UKM wird in Verdachtsfällen ab sofort eine Schnelldiagnostik angeordnet. Pflegedirektor Thomas van den Hooven glaubt, dass die sofortigen Maßnahmen geeignet sind, einer weiteren Ausbreitung der Grippe zumindest entgegenzuwirken. „Wir separieren diese Erkrankten von anderen Patienten und bekommen innerhalb kürzester Zeit aus unserer klinischen Virologie die Diagnose. Bestätigt sich die Grippeinfektion, werden schwere Fälle isoliert stationär versorgt, ohne relevante Vorerkrankungen werden Patienten aus der Notaufnahme nach Hause geschickt und wir verordnen Bettruhe.“

Insgesamt scheint das diesjährige Grippevirus nicht so aggressiv zu sein wie das der Saison 2017/18, wo laut Robert-Koch-Institut deutschlandweit neun Millionen Menschen grippebedingt einen Arzt aufsuchen mussten. Die bisher Erkrankten zeigen nach Einschätzung Kümpers‘ einen klinisch typischen und für die Grippe normalen Verlauf. UKM-Virologe Prof. Joachim Kühn rät auch jetzt noch zur Grippeimpfung: „Wer noch nicht erkrankt ist und beruflich oder privat Kontakt zu vielen Menschen hat, sollte sich unbedingt auch jetzt noch impfen lassen. Zwar benötigt der Impfstoff etwa zwei Wochen, bis er seine vollständige Wirkung aufgebaut hat, aber bereits vorher fällt eine Erkrankung meist deutlich schwächer aus, so dass das auch jetzt noch Sinn macht.“

Foto/UKM: Prof. Philipp Kümpers, Leiter der interdisziplinären Notaufnahme am UKM.

Schüler werden „tolle Typen“: UKM Stammzellspenderdatei leistet mit Workshops Aufklärungsarbeit in Schulen

Münster (ukm/som) – Wie läuft eigentlich eine Stammzellspende ab? Und was passiert mit meinem Wattestäbchen nach der Typisierung? Ab sofort haben Schüler und Schülerinnen im Rahmen eines dauerhaft laufenden Schulprojektes die Möglichkeit, die Experten der UKM Stammzellspenderdatei mit ihren Fragen zu löchern. In Workshops wird unter anderem über die Organisation des Stammzellspendewesens aufgeklärt.

Mit Hilfe von Arbeitsblättern und Multimedialen Materialien können die Jugendlichen ihre neuen Erkenntnisse festigen. Die Workshops werden vor allem in Berufs- und weiterführenden Schulen im Großraum Münster durchgeführt: So war die UKM Stammzellspenderdatei bereits im Biologiekurs der neunten Klasse des Wilhelm-Hittorf-Gymnasiums zu Besuch und traf auch beim Workshop im Leistungskurs des 13. Jahrganges der Hildegardisschule auf interessierte Schüler und Schülerinnen. Durchgeführt wird das Projekt mit Jugendlichen der höheren Jahrgänge, denn besonders junge Erwachsene ab 18 Jahren sind für die Stammzellspende bedeutsam. Mit viel neuem Wissen und praktischen Unterrichtsmaterialien profitieren aber nicht nur die Schulen, sondern auch die Stammzellspenderdatei von dem Projekt. In den Workshops haben die Kollegen und Kolleginnen die Möglichkeit, #tolleTypen kennenzulernen: Denn wer volljährig ist und Lust hat, darf sich nach dem theoretischem Input typisieren lassen und kann so zum Lebensretter werden.

Infos zu den Schul-Workshops und zur UKM Stammzellspenderdatei

Vorschläge für weitere Schulkooperationen werden seitens der UKM Stammzellspenderdatei gerne unter tolletypengesucht@ukmuenster.de entgegengenommen.
Ebenso können über die E-Mail-Adresse kostenlose Typisierungssets angefordert werden. Wissenswertes rund um die Stammzellspenderdatei bietet auch die Seite der UKM Blutspende. Die UKM Blutspende ist auch auf Facebook vertreten.

Bild: Die Expertinnen der UKM Stammzellspenderdatei klären Jugendliche in Workshops über die Arbeit einer Stammzellspenderdatei und den Hintergrund von Typisierungsaktionen auf. (© Foto: UKM/FZ/Marschalkowski)

Marleens Herzensangelegenheit: Spenden für die an Kinderdemenz erkrankte Anastasiia

Elfjährige sammelt Spenden für die an Kinderdemenz erkrankte Anastasiia, die im vergangenen Sommer erstmals am UKM behandelt wurde. Aufgrund einer fehlenden Krankenversicherung ist das ukrainische Mädchen auf Hilfe angewiesen.

Münster (ukm/som) – Von einem neuen Handy bis zu Konzertkarten: Die Wunschlisten elfjähriger Mädchen sind lang. Marleen Kajüter hingegen hat vor allem einen Wunsch: Leben retten. Als sie in einem Zeitungsartikel von dem Schicksal der zehnjährigen Anastasiia hört, die im Sommer erstmals am UKM (Universitätsklinikum Münster) von Prof. Dr. Thorsten Marquardt, Experte für seltene Erkrankungen, behandelt wurde, möchte Marleen helfen: Mit einer Spendenaktion sammelt die Fünftklässlerin 500 Euro für das ukrainische Mädchen, das an der sogenannten „Niemann-Pick-Erkrankung“ leidet, einer Form der Kinderdemenz. Weltweit ist nur jedes 120.000ste Kind betroffen. Die Erkrankten verlieren im Kinder- und Jugendalter alle erlernten Fähigkeiten, wie zum Beispiel das Laufen und später auch das Sprechen. Schuld daran ist ein Gendefekt, denn in Anastasiias Körper können bestimmte Fette nicht transportiert werden. Die Folge: Nach und nach sterben die Gehirnzellen ab.

„Mädchen in meinem Alter treffen sich normalerweise mit Freundinnen, malen und basteln – haben eine schöne Zeit, so wie ich selbst auch. Als ich erfahren habe, dass sich Anastasiias Zustand ohne Hilfe von Tag zu Tag verschlechtert, hat mich das sehr traurig gemacht“, erinnert sich Marleen. Mit Hilfe ihrer Mutter sowie der Unterstützung von Freunden und Bekannten verkaufte sie daher am zweiten Adventswochenende auf dem Steinfurter Weihnachtsmarkt Karten und Wochenplaner, um mit dem erlösten Geld Anastasiia zu unterstützen.

Dies ist eine finanzielle Hilfe, die die Zehnjährige dringend benötigt. Denn die Situation des ukrainischen Mädchens ist schwierig. „Es ist ein Gefühl der Machtlosigkeit, dass wir Anastasiia wegen ihrer fehlenden Krankenversicherung nicht bestmöglich helfen können“, sagt Marquardt, Leiter des Bereichs für angeborene Stoffwechselerkrankungen am UKM. 9.000 Euro monatlich werden für die Therapie benötigt, die den tödlichen Verlauf der Krankheit verlangsamen kann. Momentan ist Anastasiia dabei auf Spendengelder angewiesen, kann ansonsten keine Behandlung bekommen. „Daher kämpfen wir derzeit für eine neue Lösung“, betont Marquardt. Gerade deswegen freuen sich die Familie und der behandelnde Arzt sehr, dass Marleen sich mit so viel Engagement für Anastasiia einsetzt. Und auch sie ist sichtlich zufrieden, dass sie helfen konnte, ein Leben zu verbessern – plant bereits die nächsten Spendenaktionen.

Bild: Spendenaktion von Kind zu Kind: Mit vollem Engagement setzt sich die elfjährige Marleen (2.v.r.) für die an Kinderdemenz erkrankte Anastasiia (2.v.l.) ein, die am UKM von Prof. Dr. Thorsten Marquardt (Mitte) behandelt wird. (© Foto UKM/FZ)

Integration ausländischer Fachkräfte: Startschuss für eine bessere Zukunft

61 ausländische Fachkräfte am UKM absolvieren Prüfung zur Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikation / Berufliche Sicherheit erleichtert Integration in Deutschland

Münster (ukm/som) – Es ist ein erster Schritt in ein neues Leben: insgesamt 52 italienische und neun brasilianische Fachkräfte des UKM (Universitätsklinikum Münster) haben bis Ende Januar ihre Prüfung zur Anerkennung als Gesundheits- und Krankenpfleger in Deutschland erfolgreich abgeschlossen. Dafür absolvierten die Pflegenden in den letzten sechs bis acht Monaten knapp 1.000 Unterrichtsstunden. Diese Herausforderungen und den weiten Weg nach Deutschland nehmen die ausländischen Fachkräfte aufgrund fehlender Arbeitsplätze in ihrer Heimat in Kauf.

Das seit 2012 geltende Gesetz auf Anerkennung ermöglicht es den Pflegenden, nach der Teilnahme an den Anpassungslehrgängen hier in Deutschland in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu können. „Wir bieten den ausländischen Kolleginnen und Kollegen eine berufliche Perspektive“, weiß Eugenie Rottmann, Integrationsfachkraft am UKM. „Mit der Anerkennung ist der Grundstein für ihre berufliche Zukunft in Deutschland gelegt. In vielen Fällen folgt nach erfolgreicher Prüfung die Familie aus dem Ausland.“ Möglich gemacht haben die gelungene Integration der ausländischen Pflegekräfte unter anderem die pflegerischen Mentoren auf den jeweiligen Stationen, die immer mit Rat und Tat zur Seite standen.

Sinnbildlich für die Integration ausländischer Fachkräfte steht die Geschichte von Luca Scampoli, Gesundheits- und Krankenpfleger am UKM (Pressemitteilung aus dem Jahr 2017). Der Italiener arbeitet auf der interdisziplinären Station 7 am UKM und hat sich mit seiner Frau und der ersten Tochter gut in Münster eingelebt. Anfang Januar wurde am UKM nun seine zweite Tochter Daphne geboren. „Es ist ein großes Glück, dass ich mir hier in Münster mit meiner kleinen Familie ein neues Leben aufbauen kann. Darauf bin ich stolz“, freut sich Scampoli.

Bild: Beruflicher Neustart in Deutschland für 61 ausländische Pflegekräfte. (© UKM/Tronquet)

Weltkrebstag 2019: PIPAC-Therapie – Mit Hochdruck gegen Bauchfellkrebs

Experten bringen innovative Behandlungsmethode ans UKM. „Weniger Nebenwirkungen – mehr Lebenszeit und -qualität!“

Münster (ukm/lie) – Bauchfellkrebs wird zumeist sehr spät diagnostiziert – oft erst dann, wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist. Mit dem fortschrittlichen PIPAC-Verfahren haben die Experten im UKM (Universitätsklinikum Münster) nun jedoch eine weitere Behandlungsoption, um die Prognosen zu verbessern. „Das Ziel dieser neuen Therapie ist, bei Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung das Tumorwachstum auszubremsen, Lebenszeit zu gewinnen und dabei die Lebensqualität zu erhalten“, sagt Dr. Urs Pabst-Giger, Oberarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am UKM.

Die Abkürzung PIPAC steht für Pressurized Intra Peritoneal Aerosol Chemotherapy. Dabei werden im Rahmen einer Bauchspiegelung Chemotherapeutika als Aerosol, also als feiner Sprühnebel, unter Druck direkt in die Bauchhöhle gegeben. So können die Tumoren gezielter erreicht und angegriffen werden. „Durch das Vernebeln verteilen sich die Chemotherapeutika sehr gut im Bereich des befallenen Gewebes. Zudem fördert der während des Eingriffs herrschende Überdruck im Bauchraum das Eindringen der Medikamente in den Tumor“, erklärt Dr. Pabst-Giger. „Somit benötigen wir mit der PIPAC-Methode lediglich ein Zehntel der Wirkstoffmenge im Vergleich zur herkömmlichen Chemotherapie.“ Daher gebe es deutlich weniger Nebenwirkungen wie Haarausfall, Müdigkeit und Erbrechen. Der Spezialist für Bauchfellkrebs (Peritonealkarzinose) ist bereits seit 2012 gemeinsam mit einem interdisziplinären Team der Ruhr-Universität Bochum maßgeblich an der Entwicklung des inzwischen auch international anerkannten Verfahrens beteiligt. Im vergangenen Jahr wechselte das gesamte Expertenteam von Bochum nach Münster, um seine Arbeit im Viszeralonkologischen Zentrum des UKM fortzusetzen.

Bild: Auch eine Art Bildgebung: Wie die Krebszellen bei PIPAC unter Druck gesetzt werden, veranschaulichen Dr. Urs Pabst-Giger (r.) und sein Kollege Dr. Jens Peter Hölzen mit einer eigens von diesem angefertigten Zeichnung.

„Wir behandeln im Zentrum die unterschiedlichsten Krebserkrankungen des Magen-Darm-Traktes“, erläutert Dr. Jens Peter Hölzen, geschäftsführender Oberarzt in der Chirurgischen Klinik (Direktor: Univ.-Prof. Dr. Andreas Pascher). „Mit PIPAC haben wir nun eine zusätzliche Behandlungsoption – quasi einen weiteren Baustein – in der Therapie von Patienten mit fortgeschrittenem Bauchfellkrebs, bei denen die herkömmlichen Chemotherapien über die Vene nicht mehr greifen oder aus anderen Gründen nicht mehr gegeben werden können.“ Neben modernster Diagnostik und Therapie ist für die optimale Behandlung vor allem auch die enge Zusammenarbeit der Kollegen aller beteiligten Fachbereiche von besonderer Bedeutung. In regelmäßig stattfindenden Tumorkonferenzen tauschen sich daher z.B. Onkologen, Radiologen, Pathologen und Chirurgen aus und besprechen, welche Therapie zu welchem Zeitpunkt am besten für einen Patienten in seiner persönlichen Situation geeignet ist. „Auch die engen Absprachen mit Ernährungstherapeuten, Psychoonkologen und Palliativmedizinern sind bei komplex verlaufenden Erkrankungen wie dieser besonders wichtig“, betont Hölzen.

Jedes Jahr erkranken deutschlandweit mehr als 20.000 Menschen neu an Bauchfellkrebs. Oft ist er die Folge anderer Erkrankungen wie Eierstock-, Magen- oder Darmkrebs. Über 2.000 PIPAC-Applikationen hat das Expertenteam rund um Dr. Pabst-Giger allein in den letzten fünf Jahren durchgeführt. Dokumentiert und ausgewertet werden alle Behandlungsergebnisse im nun ebenfalls von Münster aus geführten internationalen Studienregister unter der Leitung von Dr. Cédric Demtröder mit 52 teilnehmenden Kliniken weltweit. „Auch wenn Bauchfellkrebs bisher nur selten heilbar ist, hat sich in der Behandlung der Erkrankung viel getan“, sind sich die Mediziner einig und fassen die Vorteile des effektiven und zugleich schonenden Verfahrens zusammen: „Weniger Nebenwirkungen – mehr Lebenszeit und -qualität!“

Verein Herzenswünsche e.V.: Im Galopp gegen Depression

Verein Herzenswünsche e.V. und Förderverein der Kinder und Jugendpsychiatrie des UKM ermöglichen jungen Patienten tierische Erlebnisse in Form einer Reit- und einer Hundetherapie

Münster (ukm/som) – Große glänzende Augen und ein strahlendes Lächeln – Saskia, Patientin der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster), ist sichtlich begeistert, als sie an ihre ersten Erfahrungen auf dem Rücken eines Pferdes zurückdenkt. Seit Ende August bietet die Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM eine Reittherapie sowie eine Hundetherapie für die jungen Patienten an. Einmal wöchentlich besuchen vier Jugendliche der geschützten Station für Akut- und Intensivbehandlung für eine Stunde die Reittherapie auf dem Hof Krützkemper – von dieser Auszeit aus dem Klinikalltag durfte auch Saskia profitieren. „Unsere Reittherapeutin hat mich in der letzten Woche als Naturtalent bezeichnet“, erzählt die 15-Jährige stolz. „Wenn ich mit dem Pferd durch den Wind reite, fühle ich mich frei. Das ist, als wäre ich gar nicht mehr ich selber. Da vergisst man für einen Moment alle Sorgen.“

„Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd“ nennt sich die Therapie in der Fachsprache und verspricht vor allem für Kinder mit traumatischen Erlebnissen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen eine sinnvolle Ergänzung zum Gesamtbehandlungsplan. Begleitet durch Personal des Pflege- und Erziehungsdienstes und unter der Leitung einer ausgebildeten Reittherapeutin können die Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren während der Tiertherapie über sich hinauswachsen und – wie es bei Saskia war – eine neue Leidenschaft entdecken. Mit Mut, Abenteuerlust und ohne Scheu vor tierischem Körperkontakt sammeln sie hier erste Reiterfahrungen, machen Vertrauensübungen und wer möchte, darf sogar auf dem Pferderücken turnen. „Der Umgang mit den Pferden ist für die Jugendlichen oftmals sehr stabilisierend. Sie tanken Selbstbewusstsein und neue Hoffnung, das hilft gerade bei unseren schwer kranken Patienten enorm bei der Behandlung“, weiß Judith-Maria Fernholz, Oberärztin der geschützten Station.

Bild: In der Reittherapie macht Saskia große Fortschritte. Ihr Ziel ist es, bald schon freihändig auf dem Pferderücken stehen zu können.

Ermöglicht wird die Reittherapie durch den münsterischen Verein Herzenswünsche e.V., der schwer erkrankten Kindern und Jugendlichen langersehnte Wünsche erfüllt. Für ein Jahr übernimmt der spendenfinanzierte Verein die Kosten der Therapie, die von den Krankenkassen leider nicht getragen werden. „Der Umgang mit Pferden ist eine wunderbare Möglichkeit für junge Patienten, vielfältige Erfahrungen zu sammeln. Das Projekt unterstützen wir sehr gerne“, sagt Vereinsgründerin Wera Röttgering.

Neben der Reittherapie ermöglichte der Förderverein der Kinder- und Jugendpsychiatrie derzeit eine dreimonatige Hundetherapie für die jungen Patienten. Kunststücke üben, Stöckchen werfen und ausgelassen mit den Vierbeinern spielen: Durch den wöchentlichen Umgang mit den Hunden im Garten der Kinder- und Jugendpsychiatrie lernen die Patienten, sich selbst zu behaupten.
„Die Hunde erwecken Emotionen und stellen schnell eine Nähe zu den Kindern her. Daher ist es unser Wunsch, den Patienten diese Begegnung zu ermöglichen, da sie ein wichtiges Zusatzangebot sein kann“, betont die Vorsitzende des Fördervereins Dr. Marlies Averbeck-Holocher, die selber auch als Leitende Oberärztin am UKM tätig ist.