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Deutsch-niederländisches Projekt soll Händehygiene von Grundschülern verbessern

Münster (mfm/sm) – Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und das von klein auf: Schon Kinder erlernen früh Verhaltensweisen, die ihren Alltag strukturieren und sich zu Gewohnheiten verfestigen wie beispielsweise Händewaschen als Ritual vor dem Essen. Aber auch im Kampf gegen die Verbreitung von Krankheitserregern ist Händewäschen immens wichtig – will jedoch gelernt sein. Hier helfen nun Wissenschaftler des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und des Instituts für Erziehungswissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU): Gemeinsam mit Kollegen aus Wissenschaft und Wirtschaft der deutsch-niederländischen Grenzregion untersuchen sie in ihrer Studie das Wissen und die Motivation von Grundschülern zur Händehygiene. Mithilfe ihrer Ergebnisse erarbeiten die Forscher anschließend moderne, altersgerechte Unterrichtsmaterialien, damit die Kinder früh selbstständig ein Bewusstsein für richtige Händehygiene entwickeln.

Erreger von Atemwegs-, Darm- oder Hautinfektionen werden im Alltag vor allem durch unsere Hände übertragen. Hinzu kommen Infektionen mit multiresistenten Keimen, die in deutschen und niederländischen Krankenhäusern längst ein Problem sind. „Hier helfen gängige Antibiotika oft nicht und häufig gibt es für Betroffene deshalb nur noch eingeschränkte Behandlungsmöglichkeiten.“, weiß Prof. Karsten Becker vom Institut für Medizinische Mikrobiologie. Während im Krankenhaus Händedesinfektion Pflicht ist, so gilt im Alltag gründliches Händewaschen immer noch als die beste Prävention. Deshalb sei es umso wichtiger, schon Grundschüler an eine richtige Händehygiene heranzuführen, so Becker.

Bild: Das Projektteam des Händehygiene-Studie bei der Auftaktveranstaltung. Um die die richtige Händehygiene bei Grundschulkindern geht es bei einem neuen Forschungsprojekt unter Leitung von Wissenschaftlern der WWU Münster (Foto: K. Becker)

„Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nur sehr wenig Daten, die das Hygieneverhalten von Kindern abbilden“, erklärt der Mediziner. Deshalb soll die auf drei Jahre angelegte und mit über 100.000 Euro geförderte Studie – als Teil der Projekte EurHealth-1Health und health-i-care innerhalb der Initiative Interreg V-A der Europäischen Union – das Wissen und die Motivation von Grundschülern zum Thema Händehygiene aufdecken. „Wir arbeiten eng mit unseren Nachbarn in den Niederlanden zusammen, denn für Mikroorganismen bestehen nun mal keine Ländergrenzen“, so Becker.

Auf Grundlage der Ergebnisse entwickeln die münsterschen Mikrobiologen gemeinsam mit Wissenschaftlern aus dem Institut für Erziehungswissenschaft der WWU und der Abteilung für Psychologie, Gesundheit und Technologie der Universität Twente altersgerechte Unterrichtsmaterialien, die das Bewusstsein der Kinder für Händehygiene im Alltag stärken sollen. „Wir planen zusammen mit einem Hygieneunternehmen auch spezielle Seifenspender für Schulen zu entwickeln, die die Kinder mitgestalten können. So wollen wir sie nachhaltig zu regelmäßigem und richtigem Händewaschen motivieren“, führt Becker aus. Dank einer eingebauten smarten Technologie können die Seifenspender aber noch mehr: Sie zeichnen – völlig anonym – Informationen zu ihrer Benutzung auf. Während ihres Einsatzes in 13 Grundschulen im Kreis Steinfurt, unter anderem in Laer, Greven, Altenberge und Emsdetten, wollen die Forscher auswerten, ob sich das Waschverhalten der Schüler – angeschoben von den neuen Unterrichtsmaterialien und ansprechenden Spendern – tatsächlich verändert.

Die EU-Initiative Interreg V-A ist Teil des Strukturfonds zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Europäischen Union und umfasst verschiedene Projekte wie eben EurHealth-1Health und health-i-care. Diese werden vom Universitair Medisch Centrum in Groningen koordiniert und bringen Wissenschaftler und Entwickler von Universitäten, Unternehmen und anderen Einrichtungen der deutsch-niederländischen Grenzregion zusammen. Gemeinsam erarbeiten sie neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten – insbesondere solcher mit multiresistenten Erregern.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Schneller und genauer: UKM führt Laborautomation für DNA-Analyse ein

Pipettierroboter und Sequenziergerät ermöglichen rasche, standardisierte Diagnostik bei Krebserkrankungen und früheren Therapiebeginn

Münster (ukm/maz) – Vier bis sechs Wochen, statt zwei bis drei Monate: Patientenproben können im Institut für Humangenetik des UKM (Universitätsklinikum Münster) ab sofort deutlich schneller bearbeitet werden. Mit der Anschaffung eines Pipettierroboters zur Aufbereitung von DNA-Proben verfügt das Team des molekularbiologischen DNA-Labors jetzt über eine komplette Laborautomation. „Bisher war es möglich, händisch acht Proben pro Tag aufzubereiten, jetzt sind es 96“, belegt Dr. Jochen Seggewiß die schnellere Bearbeitung mit Zahlen. In Kombination mit dem bereits vorhandenen Sequenziergerät, einem sogenannten Next-Generation-Sequencer (NGS), ist damit nicht nur eine rasche Analyse einzelner Gene und eines vielfältigen Gen-Panels möglich, sondern auch eine umfangreiche Sequenzierung, also das Auslesen des genetischen Codes, aller protein-codierenden Bereiche (ca. 20.000 Gene). Für die akut therapierelevante Diagnostik erfolgt dies sogar innerhalb weniger Tage.

Sowohl für die einsendenden Kliniken als auch die betroffenen Patienten bedeutet das eine deutliche Verringerung der Wartezeit, ob zum Beispiel eine Krebserkrankung oder eine mögliche Disposition vorliegt. „Wir haben eine Vielzahl an Gen-Panels eingerichtet, die im Sinne einer Stufendiagnostik auf unterschiedliche klinische und familien-anamnestische Konstellationen von Krebserkrankungen oder syndromalen Erkrankungen zugeschnitten sind“, erklärt Carolin Dreier, Medizinisch-Technische Assistentin im DNA-Labor. „Wir können das Design aber in Absprache mit den Kliniken auch kurzfristig je nach Wunsch erweitern und ein individuelles Gen-Panel anlegen.“

Der neue Pipettierroboter füttert in diesem Gesamtprozess das Hochdurchsatz-Sequenzier-Gerät, 24 bis 30 Stunden dauert ein Lauf je Gerät. Die Arbeiten davor – die Gewinnung der DNA aus Blut, einem Tumor oder Nasenabstrich – und danach – die Interpretation und Analyse der Ergebnisse – werden weiterhin von den acht Medizinisch-Technischen Assistenten und sechs Wissenschaftlern des Instituts selbst durchgeführt. Die gesamte Laborautomation ist vom Probeneingang bis zur Ausgabe von der Deutschen Akkreditierungsstelle GmbH (DAkkS) akkreditiert.

Die Neuanschaffung trägt damit neben der zeitlichen Komponente vor allem zur Qualitätssicherung bei: Die Bearbeitung der jährlich rund 1500 Proben werden gleichmäßig und standardisiert durchgeführt, Anwender-bedingte Ungenauigkeiten sind ausgeschlossen. Das Laborteam sieht sich mit dieser Ausstattung gut aufgestellt. „Zwar gibt es noch andere Roboter in der Region, in der Diagnostik sind wir in dieser Größenordnung derzeit aber die Einzigen in Westfalen“, sagt Seggewiß.

Bild: Dr. Jochen Seggewiß und Carolin Dreier zeigen den neuen Pipettierroboters, der 96 Proben auf einer Platte gleichzeitig aufbereitet.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Alternative zur OP bei Herzklappenfehler: Erstes Cardioband am UKM implantiert

Neuartiges Katheterverfahren ohne Herz-Lungen-Maschine / Band behebt Klappendefekt dauerhaft, schließt aber weitere Eingriffe nicht aus

Münster (ukm/maz) – Ein kleiner Draht wird in Millimeterarbeit um eine undichte Herzklappe gelegt, akkurat zugezogen – und das vorhandene Leck ist geschlossen. Stefan Szusz‘ Mitralklappe funktioniert seit diesem neuen Eingriff am UKM (Universitätsklinikum Münster) wieder tadellos. Der 46-Jährige ist der erste Patient im Münsterland, bei dem ein schwerer Herzklappenfehler mit dem sogenannten Cardioband behandelt wurde. „Bei diesem Verfahren arbeiten wir uns per Katheter über die Leistenvene zum Herzen vor, wo das Band im linken Vorhof platziert wird“, erklärt Prof. Dr. Helmut Baumgartner, Direktor der Klinik für angeborene (EMAH) und erworbene Herzfehler im Department für Kardiologie und Angiologie. Das Ganze geschieht minimal-invasiv am schlagenden Herzen: Nur ein kleiner Schnitt in der Leiste ist notwendig, der Brustkorb wird nicht eröffnet, die Herz-Lungen-Maschine kommt nicht zum Einsatz. Damit eignet sich die Methode insbesondere für Patienten mit hohem Operationsrisiko.

So wie bei Stefan Szusz. Vom Bett auf die Couch und zurück ins Bett, das war der Radius des Lüdenscheiders im Frühjahr 2017. „Jetzt fühle ich mich richtig gut und kann schon wieder drei Stockwerke am Stück erklimmen“, sagt er knapp vier Monate nach dem Eingriff. Seine Krankengeschichte geht bis 1990 zurück, als die genetisch bedingte Herzmuskelerkrankung nach einem plötzlichen Zusammenbruch diagnostiziert wurde. Über die Jahre hat sie zu einer zunehmenden Erweiterung der linken Kammer mit Reduktion der Pumpfunktion geführt, die wiederum bei der Mitralklappe, also dem Eingangsventil in die Kammer, eine Erweiterung und schwere Undichtigkeit zur Folge hatte. Zwei Kliniken lehnten eine Operation von Szusz aufgrund seines schlechten Allgemeinzustands ab, worauf er im Sommer ans UKM überwiesen wurde.

Drei Stunden hat der Eingriff gedauert, bei dem 15 einzelne, sechs Millimeter kleine Schräubchen zur Fixierung des Bandes in den hinteren Mitralklappenring eingebracht wurden. „Das Band wird so weit zusammengezogen, bis sich die auseinander gewichenen Mitralsegel wieder annähern und die Undichtigkeit behoben ist“, erklärt Baumgartner, der die Katheterbehandlung gemeinsam mit seinen beiden Oberärzten Dr. Gerrit Kaleschke und Dr. Stefan Orwat durchgeführt hat. Während des Verfahrens kann der Zug auf den Ring überprüft und optimal eingestellt, notfalls sogar wieder reduziert werden. Ein weiterer Vorteil: Die Einbringung des Cardiobandes schließt spätere Eingriffe an der Herzklappe nicht aus. „Bei einem jungen Patienten wie Herrn Szusz halten wir uns Optionen offen, noch einmal chirurgisch oder mit dem Katheter einzugreifen“, so der Klinikdirektor. Deshalb hat sich das „Heart-Team“, ein Team aus Herzchirurgen und Kardiologen am UKM, in seinem Fall auch gegen den Mitraclip entschieden, einer sehr erfolgreichen, seit 2011 am münsterschen Klinikum angewandten Methode, bei der die Segel ebenfalls mittels Katheter zusammengeheftet werden.

Nach fünf Tagen konnte Stefan Szusz das UKM wieder verlassen. Aktuell wartet er auf den Beginn seiner Reha-Maßnahme, bevor er ins Berufsleben zurückkehren wird. „Fußball wie früher werde ich zwar nicht wieder spielen können, aber Radfahren, Wandern und Schwimmen sind wieder möglich“, freut sich der Sauerländer.

Bild: Prof. Dr. Helmut Baumgartner (r.), Dr. Stefan Orwat (vorne) und Dr. Gerrit Kaleschke besprechen mit Stefan Szusz, der als erster Patient am UKM vom neuen Cardioband profitiert, die Ergebnisse.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Gefäßerkrankungen: Wie Patienten selbst aktiv werden können

Experten informieren auf den 12. Münsteraner Gefäßtagen (24./25. November) / Veranstaltungen zu Bewegung, Ernährung und Rauchentwöhnung

Münster (ukm/cf) – Aktuelle Studien belegen: Rund 50 Prozent der Patienten mit Herz- und Gefäßkrankheiten in Deutschland leiden an Diabetes, rund 70 Prozent unter Bluthochdruck und jeder 10. ist übergewichtig. Bewegungsmangel, die falsche Ernährung und auch Rauchen bilden damit drei wichtige Risikofaktoren, die Herz- und Gefäßkrankheiten begünstigen können. Was Patienten selbst dagegen tun können, erfahren Interessierte auf den 12. Münsteraner Gefäßtagen am UKM (Universitätsklinikum Münster).

„Diabetes oder auch Rauchen sind Begleitfaktoren zahlreicher Erkrankungen, wie zum Beispiel Herzinfarkten oder der als Schaufensterkrankheit bekannten peripheren arteriellen Verschlusskrankheit“, weiß Prof. Holger Reinecke, Leiter der Abteilung für Angiologie des Departments für Kardiologie und Angiologie am UKM. „Für die Münsteraner Gefäßtage haben wir deshalb ein interdisziplinäres Expertenteam zusammengestellt, das die Patienten aus verschiedenen Blickwinkeln unterstützen kann.“ So erklärt Prof. Stefan-Martin Brand, Direktor des Instituts für Sportmedizin der Medizinischen Fakultät Münster, wie man trotz Herz- und Gefäßerkrankung in Bewegung bleiben kann. Auch externe Referenten konnten für die Veranstaltung gewonnen werden. Dr. Bruno Neuner aus Berlin spricht über erfolgreiche Rauchentwöhnung und Ernährungsspezialist Dr. Carl Meissner klärt über Diäten auf. „Die Experten stellen neueste Konzepte zum Umgang mit den Risikofaktoren vor und geben den Patienten konkrete Hinweise, wie sie selbst aktiv werden können“, so Organisatorin Dr. Eva Freisinger aus der Abteilung für Angiologie am UKM. Neben den Vorträgen stehen die Mediziner auch für individuelle Fragen bereit. Wen die alltägliche Arbeit der Gefäßspezialisten interessiert, kann zudem an Führungen durch die Katheterräume und die Ambulanz teilnehmen. Die Teilnahme an der Patientenveranstaltung ist kostenlos.

Im Anschluss an den Patiententag folgt der wissenschaftliche Teil der Münsteraner Gefäßtage. Am 25. November tauschen sich Mediziner in interdisziplinären Vorträgen und Workshops zu Risiken und Folgen von Diabetes sowie kardiovaskulärem Risikomanagement aus. Organisiert werden die Gefäßtage von den Gefäßmedizinischen Kliniken und Abteilungen am UKM.

12. Münsteraner Gefäßtage

Gefäßmedizin 2017 – Risiken eingehen, Chancen nutzen!
Freitag, 24. November 2017, 15.00 – 18.00 Uhr (Patientenveranstaltung)
Samstag, 25. November 2017,  9.00 – 13.00 Uhr (für Ärzte)

Veranstaltungsort:
Lehrgebäude am UKM, Seminarraum B3-B4 (Obergeschoss)
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A6
48149 Münster

Bild: Auch Prof. Holger Reinecke, Leiter der Abteilung für Angiologie des Departments für Kardiologie und Angiologie, informiert auf den 12. Münsteraner Gefäßtagen.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Stottern: „Ungeduld ist das größte Problem, das Stotternden begegnet“

Münster – Anlässlich des Welttags des Stotterns (22.10.) spricht Michael Schneider, Lehrlogopäde an der Schule für Logopädie des UKM (Universitätsklinikum Münster), im Interview über die Ursachen von Stottern, Behandlungsmöglichkeiten und Herausforderungen für Betroffene im Alltag.

Stottern ist keine Krankheit, sondern eine Symptomatik. Was passiert bei Leuten, die stottern?
Stottern ist erst einfach mal eine Unterbrechung des Sprechflusses, was erst einmal nichts Besonders ist. Wir alle, die wir spontan sprechen, haben Unterbrechungen, Pausen und Stopps in unseren Sprechaktionen. Der Unterschied zu stotternden Menschen ist nun, dass bei ihnen die Unterbrechungen unwillkürlich sind. Das ist eine Art Kontrollverlust in der Sprechsteuerung, die häufig mit Anspannung verbunden ist. Es gibt typische Symptome des Stotterns: Das sind schnelle Wiederholungen, Dehnungen, bei denen die Artikulationsstellung „einfriert“ und man nicht in der Lage ist, zum nächsten Laut überzugehen, und stumme Blockierungen, da sieht man dann auch die Anspannung im Gesicht, wenn Stotternde versuchen, über den Widerstand hinwegzukommen.

Sind die Ursachen eher psychisch, neurologisch oder motorisch bedingt?
Es ist ein ganzes Geflecht von Ursachen, das auch einen wesentlichen Forschungsbereich ausmacht. So sehr viel weiß man darüber noch nicht. Klar ist, dass genetische Aspekte eine Rolle spielen – Stottern tritt familiär gehäuft auf. Studien haben gezeigt, dass aber auch neurologische Dinge wichtig sind: Hier bestehen auch kleine funktionelle Unterschiede zwischen stotternden und normal sprechenden Menschen, was Sprachplanung und -verarbeitung betrifft. Die psychosoziale Komponente muss auch berücksichtigt werden, insbesondere dann, wenn sich Stottern chronifiziert. Hier entstehen dann auch Sekundärsymptome: Der Kontrollverlust, den Stotternde erleiden, bleibt nicht ohne Folgen. Sie fangen an zu tricksten, schwierige Wörter zu umgehen, Synonyme einzusetzen. Das kann bis dahin führen, dass Stotternde das Leben um dieses Problem herum aufbauen: Sie suchen sich einen Job, in dem sie nicht sprechen müssen, meiden soziale Kontakte und wählen ihre Hobbies danach aus.

Wie viele Menschen sind betroffen?
Ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, in Deutschland sind es rund 800.000 Menschen. Das ist gesellschafts- und kulturunabhängig: In den USA ist es genauso wie hier. Man weiß auch, dass fünf Prozent der Kinder im Laufe ihrer Sprechentwicklung stottern, aber viele verlieren das Stottern dann schnell wieder, auch ohne therapeutische Unterstützung. Da müssen wir früh ansetzen und dazu beitragen, dass sich das Stottern nicht chronifiziert.

Wann wird Stottern diagnostiziert?
Im besten Fall diagnostizieren wir das schon im Kindesalter. Die Diagnose wird glücklicherweise meist schon sehr früh gestellt, da auch die niedergelassenen Ärzte immer besser geschult sind. Vor 20 Jahren war es mitunter noch so, dass Stottern bis ins Erwachsenenalter nicht diagnostiziert wurde, diese Menschen hatten dann sehr große Probleme in der Schule und im Beruf.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Das ist sehr unterschiedlich – es hängt prinzipiell davon ab, ob wir mit stotternden Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten. Bei einem Zweijährigen wählen wir natürlich einen anderen Therapieansatz als bei einem 40-Jährigen. Bei kleinen Kindern haben wir spieltherapeutische Ansätze, da spielt dann auch die Beratung der Eltern eine wesentliche Rolle. In der Erwachsenentherapie arbeiten wir symptomspezifisch, das heißt, dass wir Stotternden für den Moment, in dem sie die Sprechkontrolle verlieren, Werkzeuge an die Hand geben, wieder in flüssiges Sprechen zu kommen. Hierbei ist auch wichtig, dass die Betroffenen lernen, offen mit dem Stottern umzugehen anstatt es ganz zu vermeiden. Wir gehen mit unseren Patienten dafür auch bewusst in die reale Alltagsinteraktion, beispielsweise fragen sie in der Innenstadt nach dem Weg zum Bahnhof. Das Besondere an der logopädischen Behandlung am UKM ist auch, dass wir alle medizinischen Disziplinen unter einem Dach vereinen: Wir kooperieren eng mit den Fachärzten der Phoniatrie und wenn beispielsweise ein neurologisches Problem vorliegt, können wir die Fachexpertise der Kollegen problemlos hinzuziehen.

Wie kann stotternden Menschen im Alltag geholfen werden?
Die meisten Stotternden wünschen sich, dass ihnen mit Geduld begegnet wird. Unsere Welt wird immer schnelllebiger, das gilt natürlich auch für die Kommunikation. Daher hilft man Stotternden schon, indem man ihnen Zeit gibt, ihr Anliegen zu artikulieren. Man sollte ihnen die Worte nicht vorwegnehmen, sondern sie aussprechen lassen – auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Ungeduld ist das größte Problem, das Stotternden begegnet.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Parkinson-Patiententag am UKM (13.09.2017): Dopamin-Pumpe kann Tabletten ersetzen

Veranstaltung soll Patienten und Angehörige über Neuerungen im Kampf gegen Parkinson aufklären / Betroffener berichtet von seinen Erfahrungen mit der intestinalen Dopamin-Pumpe

Münster (ukm/aw) – Gerhard Kleingries ist seit gut zehn Jahren an Parkinson erkrankt. Der 70-jährige Vredener hat sich im Laufe der Zeit zwar auf das starke Zittern (Tremor) einerseits und das Gefühl der Muskelstarre (Rigor) andererseits eingestellt. Auch dank der Gabe von L-Dopa, einer Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, das dem Körper bei der Parkinson-Erkrankung fehlt. Trotzdem kam nach einigen Jahren der Punkt, an dem das L-Dopa in Tablettenform nicht mehr richtig wirkte. „Das ist typisch für den Verlauf bei Parkinson“, sagt Dr. Tobias Warnecke, Oberarzt der Klinik für Neurologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) und Leiter der Parkinson-Ambulanz.

„Die Entleerung des Magens wird bei einer dauerhaften Medikation mit Tabletten schlechter. Das bewirkt unter Umständen, dass das L-Dopa nur unzureichend in den Darm weitertransportiert wird – damit ist natürlich auch die Wirkung verzögert. So war Herr Kleingries immer wieder starken Wirkstoff-Schwankungen ausgesetzt – mit den entsprechenden Nebenwirkungen.“ Und Kleingries erinnert sich: „Manchmal hatte ich das Gefühl, ich könnte mich gar nicht mehr bewegen und dann wieder hatte ich absolute Unruhezustände.“ Die Lösung des Problems war die Implantation einer extern am Körper getragenen intestinalen Pumpe. Diese umgeht den Magen und gibt das L-Dopa – in Gelform und in konstanter Dosierung – direkt zur Aufnahme in den Dünndarm. „Plötzlich hatte ich wieder ein fast normales Leben“, sagt Kleingries und ist noch heute glücklich, dass er und seine Frau sich vor anderthalb Jahren für die Implantation der Pumpe entschieden haben.

Thema: Parkinson am UKM – Was gibt es Neues?
Datum: Mittwoch, 13.09.2017
Ort: Universitätsklinikum Münster, Lehrgebäude am UKM, Hörsaal L10,
Albert-Schweitzer-Campus 1, Geb. A6
Uhrzeit: 15.00 – 18.00 Uhr
Zielgruppe: Betroffene und ihre Partner und/oder Angehörige

„Die Entscheidung für die Pumpe will gut überlegt sein“, sagt Dr. Inga Claus, Assistenzärztin im Team von Warnecke: „Wir müssen uns darauf verlassen können, dass die Angehörigen das mittragen und in den Umgang mit der Pumpe involviert sind. Das ist nicht jedermanns Sache.“ So steht zum Beispiel alle ein bis zwei Wochen ein Batteriewechsel an und auch für die tägliche Reinigung brauchen die Patienten eine helfende Hand. „Bei Frau Kleingries hatten wir keinerlei Bedenken, dass sie ihren Mann gut unterstützen würde“, so Claus. Vor der Entscheidung für die Pumpe hat sich außerdem eine Testphase bewährt, für die die Patienten stationär aufgenommen werden müssen. Einziger Unterschied: Dort bekommen sie das L-Dopa-Gel zunächst über eine Nasensonde, um zu sehen, wie sie reagieren. Meistens seien die Patienten sofort vom Mehrwert durch die Pumpe überzeugt, sagt Claus. Inzwischen bekommen mehrere Patienten im Monat eine Magensonde (PEG) für das System gelegt. Die außen getragene Pumpe ist dann für jeden als Tasche, Gürtel oder Rucksack sichtbar.

Bild: Das Ehepaar Kleingries mit Parkinson Nurse Heike Verwolt (l.) und den Ärzten Dr. Tobias Warnecke und Dr. Inga Claus.

In der Klinik wird das System regelmäßig von Parkinson Nurse Heike Verwolt überprüft. Sie achtet darauf, dass sich die Einstichstelle der PEG nicht entzündet und gibt den Patienten konkrete Tipps zur einfachen Handhabung.

„Mein Leben hat sich mit der Pumpe verändert – aber jetzt ist eigentlich alles nur einfacher geworden“, berichtet Gerhard Kleingries. Der Rentner wird deshalb auch anderen Betroffenen bei Parkinson-Patiententag am 13. September von seinen positiven Erfahrungen berichten. Parkinson-Experte Warnecke ergänzt: „Wir hoffen, dass sich durch seine anschaulichen Schilderungen viele Patienten zu dem Schritt ermutigen lassen. Und auch sonst können sich Betroffene und Angehörige am Informationstag wertvolle Anregungen zu den Neuerungen in der Therapie holen.“

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Forschung zu „Unfallschwerpunkten“: neue Hypothese für die Entstehung von Entzündungsherden bei der Multiplen Sklerose

Münster (mfm/sk-sm) – Das Szenario ähnelt einem schweren Autounfall: Ein Wagen ist außer Kontrolle geraten, durchbricht die mittlere Leitplanke und kollidiert mit dem Gegenverkehr. Bei der Multiplen Sklerose durchstoßen schädliche T-Zellen die schützende Blut-Hirn-Schranke und dringen so in das zentrale Nervensystem (ZNS) ein, wo sie eine zerstörerische Entzündung auslösen. Das Besondere: Auch im ZNS gibt es offenbar „Unfallschwerpunkte“ – also Stellen, an denen sich besonders viele Entzündungsherde finden. Warum das so ist, haben nun Neuroimmunologen der Universität Münster geklärt.

„Entscheidend ist das Zusammenspiel von Immunzellen mit dem Endothel, einer Schutzhülle, die unsere Blutgefäße abgrenzt und gerade an der Blut-Hirn-Schranke besonders undurchlässig ist.“, erläutert PD Dr. Luisa Klotz, Forschungsgruppenleiterin und Oberärztin an der Uniklinik für Allgemeine Neurologie in Münster. Bei Multipler Sklerose haben die zerstörerischen Immunzellen einen Weg gefunden, das Endothel direkt anzugreifen und so zu Schädigungen (Läsionen) im Gehirn beizutragen. Unklar war bisher jedoch, warum bestimmte Regionen hierbei öfter betroffen sind, während andere geschützt bleiben.

Beobachtungen an Mäusen wiesen Klotz und ihrem Team den Weg zur Lösung: Die erkrankten Tiere hatten ursprünglich nur Entzündungsherde an bestimmten Stellen des zentralen Nervensystems. Nachdem die Wissenschaftler das hemmende Molekül B7H1 ausgeschaltet hatten, welches hilft, das Immunsystem im Gleichgewicht zu halten, verschlechterte sich der Krankheitszustand der Tiere. Entzündungsherde fanden sich nun auch in anderen, normalerweise nicht betroffenen Hirnregionen. Diese neuen Herde konnten entstehen, weil die Immunzellen in diesem Modell einen stärkeren Schaden an der endothelialen Schutzhülle auslösten. Hierdurch war der Weg frei in neue Hirnregionen. „Eine solche Beeinträchtigung der Endothel-Funktion ist eine notwendige – wenn auch vielleicht nicht die einzige – Bedingung für das Entstehen entzündlicher Läsionen. Die zugrundeliegenden Mechanismen dieser Schädigung waren bisher noch nicht bekannt.“, fasst Univ.-Prof. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie, zusammen.

Mit ihrem von den münsterschen Sonderforschungsbereichen „Multiple Sklerose“ und „Breaking Barriers“ geförderten Projekt haben die Neuroimmunologen auch erstmals bewiesen, warum selbst punktuelle Veränderungen in bestimmten immunregulatorischen Molekülen – wie hier bei B7H1 – den zerstörerischen Effekt der Immunzellen derart beschleunigen oder abbremsen können. Um im Bild zu bleiben: Was im Straßenverkehr die Geschwindigkeitsbegrenzung ist, ist für Münsters Neuroimmunologen die Arbeit an B7H1: „Wir müssen die Eigenschaften von Proteinen wie diesem nutzen, um den Schaden zu verringern, den die Zellen im Nervensystem anrichten.“, erläutert Doktorand Ivan Kuzmanov den vielversprechenden Forschungsansatz, an dem er und seine Kollegen derzeit arbeiten. Doch gleichzeitig warnt Luisa Klotz vor verfrühten Hoffnungen: „Von einem MS-Medikament auf dieser Basis sind wir noch weit entfernt.“ [Link zur Publikation]

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Bild: Dr. Luisa Klotz und Ivan Kuzmanov bei der Arbeit im Labor (Foto: FZ)

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Psychotherapie von Angsterkrankungen:
PROTECT-AD nimmt Fahrt auf und organisiert „Autumn School“ für Therapeuten und Ärzte

Münster – Im Oktober 2015 fiel der Startschuss: Mit der Forschungskooperation PROTECT-AD sollen die biologischen Grundlagen von Angsterkrankungen sowie die Wirksamkeit psychotherapeutischer Behandlungsmethoden erforscht werden. Gefördert wird der Verbund vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zentrales Element des Projekts ist eine Verhaltenstherapie mit intensiven Übungen, die sechs oder zehn Wochen dauert, je nach Studienarm. Durch die zeitliche Raffung der Sitzungen soll ein schnellerer Abbau der Ängste erreicht werden. Die münstersche Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist als eines von sieben Zentren an diesem Projekt beteiligt. Die Studie wird ein enger Zusammenarbeit mit der apv Münster und der Psychotherapieambulanz (PTA) des Institutes für Klinische Psychologie der WWU Münster durchgeführt. Behandelt werden Patienten von Panikstörungen über Spezifische Phobien bis hin zur Sozialen Phobie. Insgesamt wurden bereits mehr als 100 Patienten deutschlandweit in dem Projekt behandelt, geplant ist der deutschlandweite Einschluss von ca. 700 Patienten bis Mitte kommenden Jahres.

Gerade für solche Patienten, die schnell wieder in Studium und Beruf einsteigen wollen und keine monatelangen Wartezeiten in Kauf nehmen wollen, ist das Projekt ein lohnenswertes Angebot. Auch für Ärzte kann das Projekt Entlastung schaffen: zum einen bietet die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie eine schnelle Diagnostik an, zum anderen übernimmt das Team zügig die therapeutische Behandlung. Im wissenschaftlichen Teil des Projekts laufen bereits die Experimente zu körperlichen, genetischen und zerebralen Wirkfaktoren der Therapie: die Patienten werden vor und nach der Therapie untersucht, um die Wirksamkeit des intensiven Vorgehens nachweisen zu können.

Am 8. Oktober 2016 veranstaltet die Klinik passend zu dem Thema des Projekts eine „Autumn School“ zu der Behandlung von Angsterkrankungen. Als Redner wird Peter Zwanzger fungieren, ein Experte auf dem Gebiet der biologischen Behandlungsmethoden von Angsterkrankungen und Leiter des kbo Salzach-Klinikums Wasserbug am Inn. Der ehemalige leitende Oberarzt der Klinik in Münster hat die transkranielle Magnetstimulation beforscht und wird unter anderem über diese, ebenso aber medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten, sprechen. Auch die virtuelle Realität als therapeutische Option in der Verhaltenstherapie der Ängste wird Thema sein. Zudem wird Thomas Lang, der in Bremen die Psychotherapieambulanz des Instituts für Klinische Psychologie leitet, über die expositionsbasierten Verhaltenstherapien bei Angsterkrankungen sprechen. Lang ist Autor eines Lehrbuches zu diesem Thema, und war bereits an einer BMBF-geförderten Studie zu diesem Thema bei Angsterkrankungen beteiligt. Zudem stehen vier Workshops zur Auswahl, die sich praktisch der Diagnostik und Behandlung häufiger Angsterkrankungen nähern, der Panikstörung, der Blut-/Spritzen-Phobie oder der generalisierten Angsterkrankung. Die Klinik möchte mit dieser Veranstaltung vor allem solche Kollegen ansprechen, Hausärzte aber auch Psychiater und/oder Psychotherapeuten, die sich mehr Informationen über Umgangsmöglichkeiten mit Patienten mit Angsterkrankungen wünschen. [Link zur Autumn School]

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Bild: Prof. Dr. Dr. med. Udo Dannlowski (ganz links), PD Dr. med. Katja Kölkebeck (Mitte vorn) und Prof. Dr. med. Volker Arolt (hinten) als Projektverantwortliche und das Behandlungs –/Studienteam laden zur Autumn Summer School zu Angsterkrankungen.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster