Schlagwort-Archive: UKM Münster

Bessere Diagnose bei Parkinson dank App?

Rund 400.000 Menschen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen in Deutschland von Parkinson betroffen. Um auf die Erkrankung und das Schicksal der Patienten aufmerksam zu machen, findet weltweit am 11. April der Welt-Parkinson-Tag statt. Am UKM (Universitätsklinikum Münster) werden jährlich mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten mit Parkinson versorgt. Dabei spielen auch neue Technologien eine Rolle: Eine Studie am UKM testet zurzeit ein mobiles System zur Bewegungsanalyse von Betroffenen.

Münster (ukm/js) – Seit knapp einem Jahr existiert das Parkinsonnetz Münsterland+, ein Zusammenschluss aus Betroffenen, Angehörigen sowie Experten, die an der Behandlung der Patienten beteiligt sind. „Die Parkinson-Krankheit tritt bei den Betroffenen individuell sehr unterschiedlich auf. Daher stellt die Erkrankung eine besondere Herausforderung für Patienten, deren Angehörige aber auch uns Ärzte dar. Durch den Zusammenschluss im Parkinsonnetz wollen wir den Austausch zwischen Betroffenen und Fachleuten patientenorientiert gestalten und unsere Expertise bündeln“, erklärt Prof. Dr. Tobias Warnecke, Oberarzt und Parkinsonexperte der Klinik für Neurologie am UKM. Besonders interessiert sind die Patienten nach Warneckes Erfahrungen an Informationen zum Thema „Neue Technologien“, denn in Zeiten von Smartphones und Smartwatches könnten sich für Mediziner und Patienten in Zukunft ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Informatiker vom Institut für Medizinische Informatik der Medizinischen Fakultät Münster haben ein Mobiles Systems zur Bewegungsanalyse von Menschen mit Parkinson entwickelt, das derzeit in einer Studie in der UKM Neurologie getestet wird.

Bessere Diagnose bei Parkinson dank App?

Bild: Differentialdiagnose per Parkinson-App: (v.l.) Patientin Irene Fischer, Prof. Tobias Warnecke und Dr. Julian Varghese. (© Foto UKM/Wibberg)

Was kompliziert klingt, ist in der Praxis ganz einfach: Mit zwei Smartwatches an den Handgelenken der Patienten, auf denen die in Münster entwickelte App installiert ist, wird eine neurologische Untersuchung durchgeführt. „So werden die Bewegungsdaten hochauflösend im Millisekunden-Bereich gemessen und mit den Methoden der Künstlichen Intelligenz ausgewertet. Derzeit werden Parkinson und andere Bewegungsstörungen in der Regel durch eine ärztliche neurologische Untersuchung festgestellt, die immer auch von der subjektiven Einschätzung des Arztes abhängig sind. Durch den Einsatz objektiver Systeme wie unserer App könnte in Zukunft die Diagnosemöglichkeit von Parkinson deutlich verbessert werden“, erklärt Dr. Julian Varghese. Er ist Arzt und Informatiker und hat das neue Mobile System in Kooperation mit der Neurologie am UKM entwickelt. Dort sollen bis Ende 2020 insgesamt bis zu 1000 Probanden untersucht werden.

Ergänzt werden die Bewegungsdaten der Hand um elektronische Fragebögen, die der Untersucher am Smartphone ausfüllt. Dadurch werden wichtige Informationen zur Familienanamnese, Medikation und Fragen zu Begleitsymptomen wie Depressionen, Müdigkeit und allgemeinen Lebensqualität ebenfalls ausgewertet. Dank des Parkinsonnetzes Münsterland+ hatten die Mediziner in Münster bislang noch keine Probleme, Probanden für die Studie zu rekrutieren. „Unsere Patienten sind sehr aufgeschlossen gegenüber den neuen Untersuchungsmöglichkeiten und erste Zwischenresultate der Studie lassen uns auf künftig verbesserte Diagnosen hoffen“, freut sich Neurologe Prof. Tobias Warnecke.

Morbus Pompe: ‚Hope‘ trotz unheilbarer Krankheit

Stoffwechselkrankheit Morbus Pompe verursacht bei Erwachsenen Schwäche der Skelettmuskulatur; UKM-Patientin Sandra Schmit ist Schirmherrin des Selbsthilfeprojekts ‚Hope‘ in Deutschland

Münster (ukm/jug) – Im Alter von 13 Jahren fing es eher harmlos an. „Als Teenager habe ich viel Sport gemacht. Ich hatte aber schnell Muskelkater und vermehrt auch Muskelkrämpfe“, erinnert sich Sandra Schmit zurück an eine Zeit, in der sie noch problemlos Fußball spielen und reiten konnte. Heute ist das für die 37-Jährige undenkbar: Sie leidet unter Morbus Pompe, einer degenerativen Stoffwechselkrankheit, die sich primär in der Muskulatur bemerkbar macht. „Den Betroffenen fehlt erblich bedingt ein Enzym, das in den Muskeln zum Abbau des Kohlenhydrats Glykogen benötigt wird. Das Glykogen sammelt sich also in den Muskelzellen an und verursacht letztlich, dass diese zerstört werden“, erklärt Schmits behandelnder Arzt Priv.-Doz. Dr. Matthias Boentert, Leitender Oberarzt am Institut für Schlafmedizin und Neuromuskuläre Erkrankungen am UKM (Universitätsklinikum Münster).

Trotz ihrer langen Leidensgeschichte wurde die korrekte Diagnose erst im letzten Jahr am UKM gestellt. Davor vermuteten Mediziner jahrelang eine Muskeldystrophie. Profitiert hat Schmit letztlich davon, dass die Forschung in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat und sie somit am UKM auf Morbus Pompe getestet werden konnte. Die Glykogenspeicherkrankheit zeigt sich bei Erwachsenen vor allem in einer Schwäche der Skelettmuskulatur. „Ich habe Schwierigkeiten beim Laufen, Treppen steigen und aufstehen, das war früher nicht so“, sagt Schmit. Die Folge ist ein typisches Gangbild, „schließlich ist die gesamte Rumpfmuskulatur betroffen. Langfristig wird sich eine Atemmuskelschwäche einstellen, weil auch das Zwerchfell in seiner Funktion eingeschränkt sein wird“, so Boentert. Wird die Krankheit bei Säuglingen diagnostiziert, ist meist neben der Rumpfmuskulatur auch das Herz betroffen. Morbus Pompe gilt als seltene Erkrankung, bei der die Verläufe umso schwerer sind, je früher sich die Krankheit manifestiert. In Deutschland sind wenige hundert Patienten betroffen, das UKM betreut 33 von ihnen.

Bild: Neurologe Priv.-Doz. Dr. Matthias Boentert und Morbus-Pompe-Patientin Sandra Schmit mit ‚Hope‘, Maskottchen des gleichnamigen Selbsthilfeprojekts (© Foto/UKM)

Hoffnung und eine verbesserte Lebensqualität verspricht den Betroffenen eine Enzymersatztherapie, die seit 2006 zugelassen ist. Alle zwei Wochen wird den Patienten das Enzym als Infusion verabreicht, um den körpereigenen Mangel daran zumindest teilweise zu kompensieren. Schmit hat das Medikament erstmals vor einem Jahr bekommen: „Meine Blutwerte haben sich verbessert und die Muskulatur ist deutlich stabilisiert. Ich merke, dass es mir viel besser geht und ich einfach mehr Kraft habe“, berichtet die Team-Assistentin von den positiven Effekten. Parallel zu ihrer Behandlung nimmt sie am UKM an einer klinischen Studie teil, in der die Wirkung des Medikaments weiter erforscht wird.

Morbus Pompe ist (noch) nicht heilbar. Trotz der schwierigen Perspektive bleibt Sandra Schmit positiv und optimistisch, will auch anderen Betroffenen Hoffnung machen. Seit letztem Jahr engagiert sie sich im Projekt ‚Hope Travels‘: „Ein Stofftier namens Hope reist dabei durch die Welt zu den Betroffenen, die dann Fotos mit Hope auf Facebook veröffentlichen“, so Schmit, die Schirmherrin des Projekts für Deutschland ist. Das Maskottchen des Projekts ist ein Faultier, „wir sind ja auch etwas schwerfälliger“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Ihren Humor und ihre Tatkraft wird Morbus Pompe ihr nicht nehmen.

Weitere Informationen zum Hope-Projekt finden Sie hier: https://www.mpompe.de/pompe/community/hope

Gegen den Plastikmüll: UKM-Änasthesie setzt auf Mehrweg statt Einweg

Larynxmasken werden hygienisch aufbereitet / Bis zu 40 Mal wiederverwendbar / Entscheidung gegen den allgemeinen klinischen Trend zu mehr Nachhaltigkeit in der Anästhesie

Münster (ukm/aw) – Bis zu 1,25 Fußballfelder könnte man mit den Larynxmasken aus Kunststoff füllen, die bisher jährlich am UKM (Universitätsklinikum Münster) zur Sicherung der Atemwege unter der Narkose verwendet wurden. „Eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass man diesen Plastikmüll auch stark reduzieren kann“, sagt Niklas Wiechert, Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie und Mitglied der OP-Gesamtleitung. Bei pro Jahr 13.000 von insgesamt rund 40.000 Operationen am UKM werden Larynxmasken eingesetzt. Sie dienen dazu, die Atemwege bei narkotisierten Patienten offen zu halten und sind damit ein Standardutensil. „Bisher waren diese Masken für uns ein Wegwerfartikel“, sagt Dr. Thomas Ermert, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und zuständig für das Ärztliche Qualitätsmanagement. „Mit der Umstellung auf Mehrweg zum Jahresbeginn 2019 liegen wir nicht unbedingt im Trend, denn in Krankenhäusern setzt sich immer mehr der Ansatz durch, dass nur Einwegartikel die hygienischen Standards einhalten. Aber mit unserer Aufbereitungsanlage für Anästhesie (AGA) haben wir hausintern die Möglichkeit, nach einem zertifizierten Reinigungsverfahren die Masken so aufzubereiten, dass sie absolut unbedenklich sind“, so Ermert.
 
Diese Aufbereitung ist komplex: In der AGA werden die Larynxmasken in einer speziellen Spülmaschine gespült, anschließend getrocknet und eingeschweißt, damit sie bis zur Verwendung im OP absolut keimfrei bleiben. Bis zu 40 Mal können die Larynxmasken diesen Aufbereitungs-Prozess durchlaufen, bis sie schließlich aussortiert werden müssen. Nebenbei spart das Mehrwegsystem auch noch Geld: Bis zu 18.000 Euro niedriger liegen die jährlichen Kosten, hat die Klinik für Anästhesiologie überschlagen.
 
Und in noch einem weiteren Punkt will die Anästhesiologie am UKM künftig ökologisches Vorbild sein: Die Wärmedecken, die für die aktive operative Wärmung von Patienten eingesetzt werden und die helfen sollen, Komplikationen während und nach einer Operation zu vermeiden, sind künftig aus Textil statt wie bisher aus Kunststoff – auch hier setzt die Klinik auf Mehrweg. „Dementsprechend können die Decken gewaschen werden“, so Wiechert, und er fügt hinzu: „Den Müllwust im OP einzudämmen, ist unser Ziel. Wir können nur unseren kleinen Teil dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen, indem wir unsere Anästhesie ökologischer gestalten.“

Bild: Niklas Wiechert, Mitglied der OP-Gesamtleitung UKM, und der Leiter der AGA, Klaus Lehmkuhl, mit den neuen Mehrweg-Larynxmasken. (© Foto ULKM)

Deutsch-niederländisches Projekt soll Händehygiene von Grundschülern verbessern

Münster (mfm/sm) – Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und das von klein auf: Schon Kinder erlernen früh Verhaltensweisen, die ihren Alltag strukturieren und sich zu Gewohnheiten verfestigen wie beispielsweise Händewaschen als Ritual vor dem Essen. Aber auch im Kampf gegen die Verbreitung von Krankheitserregern ist Händewäschen immens wichtig – will jedoch gelernt sein. Hier helfen nun Wissenschaftler des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und des Instituts für Erziehungswissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU): Gemeinsam mit Kollegen aus Wissenschaft und Wirtschaft der deutsch-niederländischen Grenzregion untersuchen sie in ihrer Studie das Wissen und die Motivation von Grundschülern zur Händehygiene. Mithilfe ihrer Ergebnisse erarbeiten die Forscher anschließend moderne, altersgerechte Unterrichtsmaterialien, damit die Kinder früh selbstständig ein Bewusstsein für richtige Händehygiene entwickeln.

Erreger von Atemwegs-, Darm- oder Hautinfektionen werden im Alltag vor allem durch unsere Hände übertragen. Hinzu kommen Infektionen mit multiresistenten Keimen, die in deutschen und niederländischen Krankenhäusern längst ein Problem sind. „Hier helfen gängige Antibiotika oft nicht und häufig gibt es für Betroffene deshalb nur noch eingeschränkte Behandlungsmöglichkeiten.“, weiß Prof. Karsten Becker vom Institut für Medizinische Mikrobiologie. Während im Krankenhaus Händedesinfektion Pflicht ist, so gilt im Alltag gründliches Händewaschen immer noch als die beste Prävention. Deshalb sei es umso wichtiger, schon Grundschüler an eine richtige Händehygiene heranzuführen, so Becker.

Bild: Das Projektteam des Händehygiene-Studie bei der Auftaktveranstaltung. Um die die richtige Händehygiene bei Grundschulkindern geht es bei einem neuen Forschungsprojekt unter Leitung von Wissenschaftlern der WWU Münster (Foto: K. Becker)

„Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nur sehr wenig Daten, die das Hygieneverhalten von Kindern abbilden“, erklärt der Mediziner. Deshalb soll die auf drei Jahre angelegte und mit über 100.000 Euro geförderte Studie – als Teil der Projekte EurHealth-1Health und health-i-care innerhalb der Initiative Interreg V-A der Europäischen Union – das Wissen und die Motivation von Grundschülern zum Thema Händehygiene aufdecken. „Wir arbeiten eng mit unseren Nachbarn in den Niederlanden zusammen, denn für Mikroorganismen bestehen nun mal keine Ländergrenzen“, so Becker.

Auf Grundlage der Ergebnisse entwickeln die münsterschen Mikrobiologen gemeinsam mit Wissenschaftlern aus dem Institut für Erziehungswissenschaft der WWU und der Abteilung für Psychologie, Gesundheit und Technologie der Universität Twente altersgerechte Unterrichtsmaterialien, die das Bewusstsein der Kinder für Händehygiene im Alltag stärken sollen. „Wir planen zusammen mit einem Hygieneunternehmen auch spezielle Seifenspender für Schulen zu entwickeln, die die Kinder mitgestalten können. So wollen wir sie nachhaltig zu regelmäßigem und richtigem Händewaschen motivieren“, führt Becker aus. Dank einer eingebauten smarten Technologie können die Seifenspender aber noch mehr: Sie zeichnen – völlig anonym – Informationen zu ihrer Benutzung auf. Während ihres Einsatzes in 13 Grundschulen im Kreis Steinfurt, unter anderem in Laer, Greven, Altenberge und Emsdetten, wollen die Forscher auswerten, ob sich das Waschverhalten der Schüler – angeschoben von den neuen Unterrichtsmaterialien und ansprechenden Spendern – tatsächlich verändert.

Die EU-Initiative Interreg V-A ist Teil des Strukturfonds zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Europäischen Union und umfasst verschiedene Projekte wie eben EurHealth-1Health und health-i-care. Diese werden vom Universitair Medisch Centrum in Groningen koordiniert und bringen Wissenschaftler und Entwickler von Universitäten, Unternehmen und anderen Einrichtungen der deutsch-niederländischen Grenzregion zusammen. Gemeinsam erarbeiten sie neue Ansätze zur Vorbeugung, Diagnose und Behandlung von Infektionskrankheiten – insbesondere solcher mit multiresistenten Erregern.

Schneller und genauer: UKM führt Laborautomation für DNA-Analyse ein

Pipettierroboter und Sequenziergerät ermöglichen rasche, standardisierte Diagnostik bei Krebserkrankungen und früheren Therapiebeginn

Münster (ukm/maz) – Vier bis sechs Wochen, statt zwei bis drei Monate: Patientenproben können im Institut für Humangenetik des UKM (Universitätsklinikum Münster) ab sofort deutlich schneller bearbeitet werden. Mit der Anschaffung eines Pipettierroboters zur Aufbereitung von DNA-Proben verfügt das Team des molekularbiologischen DNA-Labors jetzt über eine komplette Laborautomation. „Bisher war es möglich, händisch acht Proben pro Tag aufzubereiten, jetzt sind es 96“, belegt Dr. Jochen Seggewiß die schnellere Bearbeitung mit Zahlen. In Kombination mit dem bereits vorhandenen Sequenziergerät, einem sogenannten Next-Generation-Sequencer (NGS), ist damit nicht nur eine rasche Analyse einzelner Gene und eines vielfältigen Gen-Panels möglich, sondern auch eine umfangreiche Sequenzierung, also das Auslesen des genetischen Codes, aller protein-codierenden Bereiche (ca. 20.000 Gene). Für die akut therapierelevante Diagnostik erfolgt dies sogar innerhalb weniger Tage.

Sowohl für die einsendenden Kliniken als auch die betroffenen Patienten bedeutet das eine deutliche Verringerung der Wartezeit, ob zum Beispiel eine Krebserkrankung oder eine mögliche Disposition vorliegt. „Wir haben eine Vielzahl an Gen-Panels eingerichtet, die im Sinne einer Stufendiagnostik auf unterschiedliche klinische und familien-anamnestische Konstellationen von Krebserkrankungen oder syndromalen Erkrankungen zugeschnitten sind“, erklärt Carolin Dreier, Medizinisch-Technische Assistentin im DNA-Labor. „Wir können das Design aber in Absprache mit den Kliniken auch kurzfristig je nach Wunsch erweitern und ein individuelles Gen-Panel anlegen.“

Der neue Pipettierroboter füttert in diesem Gesamtprozess das Hochdurchsatz-Sequenzier-Gerät, 24 bis 30 Stunden dauert ein Lauf je Gerät. Die Arbeiten davor – die Gewinnung der DNA aus Blut, einem Tumor oder Nasenabstrich – und danach – die Interpretation und Analyse der Ergebnisse – werden weiterhin von den acht Medizinisch-Technischen Assistenten und sechs Wissenschaftlern des Instituts selbst durchgeführt. Die gesamte Laborautomation ist vom Probeneingang bis zur Ausgabe von der Deutschen Akkreditierungsstelle GmbH (DAkkS) akkreditiert.

Die Neuanschaffung trägt damit neben der zeitlichen Komponente vor allem zur Qualitätssicherung bei: Die Bearbeitung der jährlich rund 1500 Proben werden gleichmäßig und standardisiert durchgeführt, Anwender-bedingte Ungenauigkeiten sind ausgeschlossen. Das Laborteam sieht sich mit dieser Ausstattung gut aufgestellt. „Zwar gibt es noch andere Roboter in der Region, in der Diagnostik sind wir in dieser Größenordnung derzeit aber die Einzigen in Westfalen“, sagt Seggewiß.

Bild: Dr. Jochen Seggewiß und Carolin Dreier zeigen den neuen Pipettierroboters, der 96 Proben auf einer Platte gleichzeitig aufbereitet.

Alternative zur OP bei Herzklappenfehler: Erstes Cardioband am UKM implantiert

Neuartiges Katheterverfahren ohne Herz-Lungen-Maschine / Band behebt Klappendefekt dauerhaft, schließt aber weitere Eingriffe nicht aus

Münster (ukm/maz) – Ein kleiner Draht wird in Millimeterarbeit um eine undichte Herzklappe gelegt, akkurat zugezogen – und das vorhandene Leck ist geschlossen. Stefan Szusz‘ Mitralklappe funktioniert seit diesem neuen Eingriff am UKM (Universitätsklinikum Münster) wieder tadellos. Der 46-Jährige ist der erste Patient im Münsterland, bei dem ein schwerer Herzklappenfehler mit dem sogenannten Cardioband behandelt wurde. „Bei diesem Verfahren arbeiten wir uns per Katheter über die Leistenvene zum Herzen vor, wo das Band im linken Vorhof platziert wird“, erklärt Prof. Dr. Helmut Baumgartner, Direktor der Klinik für angeborene (EMAH) und erworbene Herzfehler im Department für Kardiologie und Angiologie. Das Ganze geschieht minimal-invasiv am schlagenden Herzen: Nur ein kleiner Schnitt in der Leiste ist notwendig, der Brustkorb wird nicht eröffnet, die Herz-Lungen-Maschine kommt nicht zum Einsatz. Damit eignet sich die Methode insbesondere für Patienten mit hohem Operationsrisiko.

So wie bei Stefan Szusz. Vom Bett auf die Couch und zurück ins Bett, das war der Radius des Lüdenscheiders im Frühjahr 2017. „Jetzt fühle ich mich richtig gut und kann schon wieder drei Stockwerke am Stück erklimmen“, sagt er knapp vier Monate nach dem Eingriff. Seine Krankengeschichte geht bis 1990 zurück, als die genetisch bedingte Herzmuskelerkrankung nach einem plötzlichen Zusammenbruch diagnostiziert wurde. Über die Jahre hat sie zu einer zunehmenden Erweiterung der linken Kammer mit Reduktion der Pumpfunktion geführt, die wiederum bei der Mitralklappe, also dem Eingangsventil in die Kammer, eine Erweiterung und schwere Undichtigkeit zur Folge hatte. Zwei Kliniken lehnten eine Operation von Szusz aufgrund seines schlechten Allgemeinzustands ab, worauf er im Sommer ans UKM überwiesen wurde.

Drei Stunden hat der Eingriff gedauert, bei dem 15 einzelne, sechs Millimeter kleine Schräubchen zur Fixierung des Bandes in den hinteren Mitralklappenring eingebracht wurden. „Das Band wird so weit zusammengezogen, bis sich die auseinander gewichenen Mitralsegel wieder annähern und die Undichtigkeit behoben ist“, erklärt Baumgartner, der die Katheterbehandlung gemeinsam mit seinen beiden Oberärzten Dr. Gerrit Kaleschke und Dr. Stefan Orwat durchgeführt hat. Während des Verfahrens kann der Zug auf den Ring überprüft und optimal eingestellt, notfalls sogar wieder reduziert werden. Ein weiterer Vorteil: Die Einbringung des Cardiobandes schließt spätere Eingriffe an der Herzklappe nicht aus. „Bei einem jungen Patienten wie Herrn Szusz halten wir uns Optionen offen, noch einmal chirurgisch oder mit dem Katheter einzugreifen“, so der Klinikdirektor. Deshalb hat sich das „Heart-Team“, ein Team aus Herzchirurgen und Kardiologen am UKM, in seinem Fall auch gegen den Mitraclip entschieden, einer sehr erfolgreichen, seit 2011 am münsterschen Klinikum angewandten Methode, bei der die Segel ebenfalls mittels Katheter zusammengeheftet werden.

Nach fünf Tagen konnte Stefan Szusz das UKM wieder verlassen. Aktuell wartet er auf den Beginn seiner Reha-Maßnahme, bevor er ins Berufsleben zurückkehren wird. „Fußball wie früher werde ich zwar nicht wieder spielen können, aber Radfahren, Wandern und Schwimmen sind wieder möglich“, freut sich der Sauerländer.

Bild: Prof. Dr. Helmut Baumgartner (r.), Dr. Stefan Orwat (vorne) und Dr. Gerrit Kaleschke besprechen mit Stefan Szusz, der als erster Patient am UKM vom neuen Cardioband profitiert, die Ergebnisse.

Gefäßerkrankungen: Wie Patienten selbst aktiv werden können

Experten informieren auf den 12. Münsteraner Gefäßtagen (24./25. November) / Veranstaltungen zu Bewegung, Ernährung und Rauchentwöhnung

Münster (ukm/cf) – Aktuelle Studien belegen: Rund 50 Prozent der Patienten mit Herz- und Gefäßkrankheiten in Deutschland leiden an Diabetes, rund 70 Prozent unter Bluthochdruck und jeder 10. ist übergewichtig. Bewegungsmangel, die falsche Ernährung und auch Rauchen bilden damit drei wichtige Risikofaktoren, die Herz- und Gefäßkrankheiten begünstigen können. Was Patienten selbst dagegen tun können, erfahren Interessierte auf den 12. Münsteraner Gefäßtagen am UKM (Universitätsklinikum Münster).

„Diabetes oder auch Rauchen sind Begleitfaktoren zahlreicher Erkrankungen, wie zum Beispiel Herzinfarkten oder der als Schaufensterkrankheit bekannten peripheren arteriellen Verschlusskrankheit“, weiß Prof. Holger Reinecke, Leiter der Abteilung für Angiologie des Departments für Kardiologie und Angiologie am UKM. „Für die Münsteraner Gefäßtage haben wir deshalb ein interdisziplinäres Expertenteam zusammengestellt, das die Patienten aus verschiedenen Blickwinkeln unterstützen kann.“ So erklärt Prof. Stefan-Martin Brand, Direktor des Instituts für Sportmedizin der Medizinischen Fakultät Münster, wie man trotz Herz- und Gefäßerkrankung in Bewegung bleiben kann. Auch externe Referenten konnten für die Veranstaltung gewonnen werden. Dr. Bruno Neuner aus Berlin spricht über erfolgreiche Rauchentwöhnung und Ernährungsspezialist Dr. Carl Meissner klärt über Diäten auf. „Die Experten stellen neueste Konzepte zum Umgang mit den Risikofaktoren vor und geben den Patienten konkrete Hinweise, wie sie selbst aktiv werden können“, so Organisatorin Dr. Eva Freisinger aus der Abteilung für Angiologie am UKM. Neben den Vorträgen stehen die Mediziner auch für individuelle Fragen bereit. Wen die alltägliche Arbeit der Gefäßspezialisten interessiert, kann zudem an Führungen durch die Katheterräume und die Ambulanz teilnehmen. Die Teilnahme an der Patientenveranstaltung ist kostenlos.

Im Anschluss an den Patiententag folgt der wissenschaftliche Teil der Münsteraner Gefäßtage. Am 25. November tauschen sich Mediziner in interdisziplinären Vorträgen und Workshops zu Risiken und Folgen von Diabetes sowie kardiovaskulärem Risikomanagement aus. Organisiert werden die Gefäßtage von den Gefäßmedizinischen Kliniken und Abteilungen am UKM.

12. Münsteraner Gefäßtage

Gefäßmedizin 2017 – Risiken eingehen, Chancen nutzen!
Freitag, 24. November 2017, 15.00 – 18.00 Uhr (Patientenveranstaltung)
Samstag, 25. November 2017,  9.00 – 13.00 Uhr (für Ärzte)

Veranstaltungsort:
Lehrgebäude am UKM, Seminarraum B3-B4 (Obergeschoss)
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A6
48149 Münster

Bild: Auch Prof. Holger Reinecke, Leiter der Abteilung für Angiologie des Departments für Kardiologie und Angiologie, informiert auf den 12. Münsteraner Gefäßtagen.

Stottern: „Ungeduld ist das größte Problem, das Stotternden begegnet“

Münster – Anlässlich des Welttags des Stotterns (22.10.) spricht Michael Schneider, Lehrlogopäde an der Schule für Logopädie des UKM (Universitätsklinikum Münster), im Interview über die Ursachen von Stottern, Behandlungsmöglichkeiten und Herausforderungen für Betroffene im Alltag.

Stottern ist keine Krankheit, sondern eine Symptomatik. Was passiert bei Leuten, die stottern?
Stottern ist erst einfach mal eine Unterbrechung des Sprechflusses, was erst einmal nichts Besonders ist. Wir alle, die wir spontan sprechen, haben Unterbrechungen, Pausen und Stopps in unseren Sprechaktionen. Der Unterschied zu stotternden Menschen ist nun, dass bei ihnen die Unterbrechungen unwillkürlich sind. Das ist eine Art Kontrollverlust in der Sprechsteuerung, die häufig mit Anspannung verbunden ist. Es gibt typische Symptome des Stotterns: Das sind schnelle Wiederholungen, Dehnungen, bei denen die Artikulationsstellung „einfriert“ und man nicht in der Lage ist, zum nächsten Laut überzugehen, und stumme Blockierungen, da sieht man dann auch die Anspannung im Gesicht, wenn Stotternde versuchen, über den Widerstand hinwegzukommen.

Sind die Ursachen eher psychisch, neurologisch oder motorisch bedingt?
Es ist ein ganzes Geflecht von Ursachen, das auch einen wesentlichen Forschungsbereich ausmacht. So sehr viel weiß man darüber noch nicht. Klar ist, dass genetische Aspekte eine Rolle spielen – Stottern tritt familiär gehäuft auf. Studien haben gezeigt, dass aber auch neurologische Dinge wichtig sind: Hier bestehen auch kleine funktionelle Unterschiede zwischen stotternden und normal sprechenden Menschen, was Sprachplanung und -verarbeitung betrifft. Die psychosoziale Komponente muss auch berücksichtigt werden, insbesondere dann, wenn sich Stottern chronifiziert. Hier entstehen dann auch Sekundärsymptome: Der Kontrollverlust, den Stotternde erleiden, bleibt nicht ohne Folgen. Sie fangen an zu tricksten, schwierige Wörter zu umgehen, Synonyme einzusetzen. Das kann bis dahin führen, dass Stotternde das Leben um dieses Problem herum aufbauen: Sie suchen sich einen Job, in dem sie nicht sprechen müssen, meiden soziale Kontakte und wählen ihre Hobbies danach aus.

Wie viele Menschen sind betroffen?
Ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen, in Deutschland sind es rund 800.000 Menschen. Das ist gesellschafts- und kulturunabhängig: In den USA ist es genauso wie hier. Man weiß auch, dass fünf Prozent der Kinder im Laufe ihrer Sprechentwicklung stottern, aber viele verlieren das Stottern dann schnell wieder, auch ohne therapeutische Unterstützung. Da müssen wir früh ansetzen und dazu beitragen, dass sich das Stottern nicht chronifiziert.

Wann wird Stottern diagnostiziert?
Im besten Fall diagnostizieren wir das schon im Kindesalter. Die Diagnose wird glücklicherweise meist schon sehr früh gestellt, da auch die niedergelassenen Ärzte immer besser geschult sind. Vor 20 Jahren war es mitunter noch so, dass Stottern bis ins Erwachsenenalter nicht diagnostiziert wurde, diese Menschen hatten dann sehr große Probleme in der Schule und im Beruf.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Das ist sehr unterschiedlich – es hängt prinzipiell davon ab, ob wir mit stotternden Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen arbeiten. Bei einem Zweijährigen wählen wir natürlich einen anderen Therapieansatz als bei einem 40-Jährigen. Bei kleinen Kindern haben wir spieltherapeutische Ansätze, da spielt dann auch die Beratung der Eltern eine wesentliche Rolle. In der Erwachsenentherapie arbeiten wir symptomspezifisch, das heißt, dass wir Stotternden für den Moment, in dem sie die Sprechkontrolle verlieren, Werkzeuge an die Hand geben, wieder in flüssiges Sprechen zu kommen. Hierbei ist auch wichtig, dass die Betroffenen lernen, offen mit dem Stottern umzugehen anstatt es ganz zu vermeiden. Wir gehen mit unseren Patienten dafür auch bewusst in die reale Alltagsinteraktion, beispielsweise fragen sie in der Innenstadt nach dem Weg zum Bahnhof. Das Besondere an der logopädischen Behandlung am UKM ist auch, dass wir alle medizinischen Disziplinen unter einem Dach vereinen: Wir kooperieren eng mit den Fachärzten der Phoniatrie und wenn beispielsweise ein neurologisches Problem vorliegt, können wir die Fachexpertise der Kollegen problemlos hinzuziehen.

Wie kann stotternden Menschen im Alltag geholfen werden?
Die meisten Stotternden wünschen sich, dass ihnen mit Geduld begegnet wird. Unsere Welt wird immer schnelllebiger, das gilt natürlich auch für die Kommunikation. Daher hilft man Stotternden schon, indem man ihnen Zeit gibt, ihr Anliegen zu artikulieren. Man sollte ihnen die Worte nicht vorwegnehmen, sondern sie aussprechen lassen – auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Ungeduld ist das größte Problem, das Stotternden begegnet.