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„Schmerz kann alles sein“:
Schmerzambulanz für Kinder und Jugendliche am UKM

Hilfe für Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen unklarer Herkunft / Multimodaler Ansatz hilft, psychosomatische Beschwerden in den Griff zu bekommen

Münster (ukm/aw) – Jahrelang litt Julia Wesselmeier aus Hörstel unter immer wiederkehrenden Bauchschmerzen. Mit ihren Eltern war die heute 15-Jährige quasi Dauergast bei niedergelassenen Ärzten und in Krankenhäusern. „Doch niemand konnte eine Ursache finden, man fühlt sich irgendwann nur noch hilflos“, so Julias Mutter. Als dann noch unerklärliche Taubheit in den Knien dazu kam, kam Familie Wesselmeier mit Julia zum UKM (Universitätsklinikum Münster). „Julia war insgesamt neun Wochen stationär hier und wir haben sie noch einmal medizinisch gründlich untersucht: Gleichzeitig haben wir aber auch intensiv nach nicht körperlichen Ursachen für ihre Schmerzen gesucht“, sagt Dr. Martina Monninger, leitende Oberärztin der Kinderpsychosomatik in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am UKM. Als nach vielen Gesprächen klar war, dass die Familie den Tod eines Geschwisterkindes zu verarbeiten hatte, und Julia unbewusst mit ihren wiederkehrenden Schmerzen auf dieses Thema aufmerksam machen wollte, wurde die Funktion der Schmerzen verständlicher. „Wir müssen die Kinder häufig erst für einen längeren Zeitraum stationär aufnehmen, um genau zu diagnostizieren, worum es sich handelt. Denn Schmerz kann alles sein.“, sagt Oberärztin Monninger. „Sind die somatischen Ursachen ausgeschlossen, braucht es einfach Zeit, bis die Patienten sich darauf einzulassen, die Schmerzen woanders zu verorten, als in körperlichen Ursachen. Danach können die Patienten engmaschig in unsere Ambulanz kommen, damit wir sehen, wie sie sich weiter entwickeln und wir die Behandlung anpassen können“ , sagt Oberärztin Monninger. Dazu arbeiten Ärzte und Psychotherapeuten interdisziplinär zusammen. Gleichzeitig kümmert sich ein Team aus Physio-, Kunst-, und Musiktherapeuten um die Kinder und Jugendlichen. Der Ansatz der psychosomatischen Ambulanz ist also multimodal.

Bild: Oberärztin Dr. Martina Monninger freut sich mit Julia und den beiden Psychologinnen Anika Gross und Angela Köster darüber, dass Julias Schmerzen der Vergangenheit angehören. (© Foto/UKM)

Julia hat in der Betreuung in der Schmerzambulanz vor allem gelernt, die Schmerzen immer weiter selbst in den Griff zu bekommen. Gerade die verhaltenstherapeutische Beratung hat ihr dabei sehr geholfen: „ Wenn die Schmerzen wieder kamen, hab ich folgendes gemacht: Augen schließen, wahrnehmen, was ich sehe, wahrnehmen, was ich rieche – versuchen, zu entspannen.“ Inzwischen, sagt die Fünfzehnjährige, sei sie komplett schmerzfrei. Julias Rolle in der Familie habe sich geändert, sagt ihre Mutter: „Sie sagt jetzt, was sie denkt, ist nicht mehr darauf bedacht, keine Probleme zu verursachen.“

„In Julias Fall hat sich die eigentliche körperliche Ursache – die Bauchschmerzen – irgendwann verselbständigt. Die Bauchschmerzen haben ihr die Aufmerksamkeit gesichert, die sie sich nicht getraut hat, einzufordern“, sagt die Psychologin Angela Köster. Und Martina Monninger fügt hinzu: „Wir können durch die ambulante Betreuung natürlich keine Schmerzfreiheit garantieren. Der Prozess kann lange dauern, manchmal lernen die Patienten nur, besser mit den Schmerzen umzugehen. Aber das ist schon viel. Dass Julia jetzt – Jahre nach ihrem ersten Besuch bei uns – keine Schmerzen mehr hat, ist der beste Lohn unserer Arbeit.“

Chronischer Schmerz: Raus aus dem Teufelskreis

In der Tagesklinik der Schmerzambulanz am UKM arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Ärzten und Psycho-, Physio- und Kunsttherapeuten mit Patienten, deren Leben von Schmerzen dominiert wird. Ihr Ziel: Die Einstellung zum Problem verändern.

Münster (ukm/aw) – Brigitte Grauers* (*Name der Redaktion bekannt) Schmerzgeschichte ist verhältnismäßig kurz: „Zum Glück!“, sagt die 47-Jährige: „Ich hatte Menschen in meinem Umfeld, die mir den Tipp gaben, mich hier in der Schmerzambulanz am UKM (Universitätsklinikum Münster) vorzustellen.“ Seit 2013 plagt sich die Bauleiterin mit dumpfen Schmerzen unklarer Genese im Kiefer. Manchmal strahlten diese aus bis in den Hinterkopf und zum rechten Auge. Bisher konnte aber kein Arzt einen körperlichen Grund dafür finden. „Das ist nicht so selten“, weiß der Leiter der Schmerzambulanz der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Priv.-Doz. Dr. Daniel Pöpping. „Es gibt keinen eingebildeten Schmerz. Der Leidensdruck der Patienten ist real. Schmerz kann neben körperlichen auch seelische Ursachen (Überforderung, Stress, Depression, Ängste) oder eine Kombination aus beidem haben.“
Für Grauer* folgte ein vierwöchiger Aufenthalt in der Tagesklinik der Schmerzambulanz. Acht Patienten können hier aufgenommen werden, jeder Einzelne bekommt eine individuelle Behandlung. Die Patienten sollen sich neu fokussieren: „Wir versprechen nicht, dass wir jemanden komplett von seinen chronischen Schmerzen befreien. Wir können lediglich helfen, besser mit den Schmerzen umzugehen, so dass sie den alles bestimmenden Stellenwert im Leben unserer Patienten verlieren.“

Dabei legen die Schmerz-Experten einen multimodalen Ansatz zu Grunde: Neben der medizinischen Behandlung mit Differenzialdiagnose und medikamentöser Einstellung gehören auch eine psychotherapeutische Einzel- und Gruppentherapie und verschiedene Elemente der physio- und kreativtherapeutischen Behandlung zu den Säulen des Behandlungskonzepts. „Krankengymnastik, Nordic Walking, Entspannungstraining oder sogar Kunsttherapie – unsere Patienten sind im ersten Moment überrascht. Für das Gelingen des Aufenthalts hier ist aber ein unbedingtes ‚sich Einlassen‘ notwendig. Wir bieten neben Medikamenten auch Alternativen. Dazu brauchen wir das Vertrauen unserer Patienten und den Willen, neue Wege zu gehen“, erklärt Pöpping. „Bei der Kunsttherapie habe ich im ersten Moment schon dicht gemacht – das konnte ich mir gar nicht vorstellen“, gibt Brigitte Grauer* grinsend zu, „aber wenn ich ehrlich bin, war ich gleich in der ersten Therapie-Stunde das erste Mal seit langer Zeit wirklich schmerzfrei.“

Entlassen werden die Patienten nach vier Wochen mit einer konkreten Anleitung, wie sie selbst etwas gegen die Schmerzattacken, die immer noch auftauchen, tun können: „Das ist vor allem eine Frage des Kopfes“, weiß Pöpping. „In den vier Wochen bei uns haben die Patienten idealerweise gelernt, den Teufelskreis des Schmerzes gedanklich zu durchbrechen. Sie nehmen den Schmerz mit nach Hause – aber sie haben gelernt, anders damit umzugehen. Brigitte Grauer* kann das nur bestätigen: „Es ist nun mir überlassen, ob ich mich in den Schmerz hineinsteigere. Das muss ich nicht, denn ich weiß: Er lässt irgendwann wieder nach! Es sind nur Schmerzen, nichts Wildes, keine Krankheit.“

Bild: Das Team der Schmerzambulanz am UKM

Quelle: © Universitätsklinikum Münster