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Immunonkologie: den Krebs enttarnen mit Immuntherapie

Bei den neuen Therapien (Immuntherapien) setzen Mediziner immer häufiger auf innovative Wirkstoffe, mit denen die körpereigene Abwehr für einen gezielten Angriff aufgerüstet wird.

Münster (ukm/lie) – Rund 500.000 Menschen werden jedes Jahr in Deutschland mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Zu den ersten Fragen zählt dann zumeist die nach den Heilungschancen. „Dank neuer Erkenntnisse aus Forschung und Klinik können wir unseren Patienten inzwischen deutlich mehr Behandlungsoptionen anbieten“, erzählt Prof. Annalen Bleckmann, Direktorin des WTZ (Westdeutsches Tumorzentrum) Netzwerkpartners Münster am UKM (Universitätsklinikum Münster). „Auch dann, wenn die Behandlungsklassiker Operation, Chemo- und Strahlentherapie allein vielleicht nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.“ Im Interview erklärt Prof. Bleckmann, wie die neuen Therapien funktionieren und bei welchen Tumorerkrankungen sie bisher zum Einsatz kommen.

Frau Prof. Bleckmann, wie genau wirken die neuen Immuntherapien?
In manchen Tumoren wimmelt es von Immun-, also Abwehrzellen. Doch statt wie bei anderen Krankheitserregern anzugreifen, verharren diese Zellen untätig im Gewebe und lassen den Krebs gewähren. Der Grund: Die Krebszellen machen sich eine Art eingebauten Sicherheitsmechanismus des Körpers, die sogenannten Checkpoints, zunutze. Checkpoints sind vergleichbar mit Kontrollstationen und sollen eigentlich eine zu starke Reaktion des Immunsystems verhindern. Manche Krebszellen nutzen diese molekularen Bremsen jedoch aus, tarnen sich damit und wachsen unkontrolliert. Hier setzen neue Medikamente wie die vielversprechenden „Checkpoint-Inhibitoren“ an. Sie lösen die Blockade und stimulieren das Immunsystem, das nun wieder die Tumorzellen erkennen und gezielt angreifen kann.

Was sind die Vorteile?
Wir erzielen mit den Checkpoint-Hemmern bei vielen Krebsformen sehr gute Behandlungserfolge. Und da es sich um eine völlig neue Therapieform (Immuntherapie) handelt, die die körpereigene Abwehr unterstützt, treten dabei nicht die klassischen, hinlänglich bekannten Nebenwirkungen wie bei einer Chemotherapie auf. Insgesamt ist somit die Lebensqualität der Patienten höher. Aber natürlich kann es auch bei den Immuntherapien, wie bei jeder Krebstherapie, zu Nebenwirkungen kommen. Hier ist vor allem die Schwierigkeit, ein Gleichgewicht zwischen der Stimulierung und der Hemmung des Immunsystems zu erreichen. Denn ein überaktives Abwehrsystem kann zu Autoimmunerkrankungen und in der Folge starken Entzündungsreaktionen führen. Die Immunonkologie bringt also neue Herausforderungen an die behandelnden Ärzte mit sich. Die Therapie sollte daher in spezialisierten Zentren erfolgen. Bei aller Euphorie über diese neuen Medikamente darf auch nicht unerwähnt bleiben, dass nicht jeder Patient darauf anspricht. Durchschnittlich sind es bisher 30 Prozent. Die Patienten, bei denen die Immuntherapie greift, profitieren dann aber von einer sehr lang anhaltenden Wirkung.

Für wen sind sie geeignet?
Die Immuntherapien finden inzwischen bei zahlreichen Krebsformen Anwendung. Die Idee, den Krebs mit dem körpereigenen Abwehrsystem zu besiegen, ist eigentlich schon sehr alt und stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Aber erst seit wenigen Jahren führen die Forschungen dank eines besseren Verständnisses sowohl des Immunsystems als auch der Tumorgenetik immer häufiger zum gewünschten Erfolg. Der erste Checkpoint-Hemmer wurde 2011 für die Behandlung von schwarzem Hautkrebs zugelassen. Inzwischen gibt es mehrere unterschiedliche Wirkstoffe, die zum Beispiel gegen Lymphdrüsenkrebs oder Tumoren in der Lunge, Niere, Blase oder im Kopf-Hals-Bereich und seit Kurzem auch bei einigen Brustkrebsformen eingesetzt werden. Weitere sind in der Entwicklung.

Zu Beginn wurden die Checkpoint-Hemmer erst in fortgeschrittenen Krankheitsstadien eingesetzt. Heute finden sie bei den verschiedensten Krebsformen schon frühzeitig erfolgreich Anwendung – als alleinige Therapie oder neu auch in Kombination mit den klassischen Behandlungsformen. Neben den Checkpoint-Inhibitoren gibt es in der Immunonkologie auch noch weitere innovative Ansätze, bei denen die Immunzellen außerhalb des Körpers sozusagen für den Kampf gegen die Krebszellen aufgerüstet werden – zum Beispiel die „CAR-T-Zell-Therapie“ und auch spezielle Tumor-Impfungen. Insgesamt ist viel Bewegung in der Immuntherapie, wodurch sich die Perspektiven stetig verbessern.

Bild: Prof. Annalen Bleckmann, Direktorin des WTZ Netzwerkpartners Münster: „Wir haben inzwischen deutlich mehr Behandlungsoptionen.“ (Foto © UKM/Wibberg)