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Bessere Diagnose bei Parkinson dank App?

Rund 400.000 Menschen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen in Deutschland von Parkinson betroffen. Um auf die Erkrankung und das Schicksal der Patienten aufmerksam zu machen, findet weltweit am 11. April der Welt-Parkinson-Tag statt. Am UKM (Universitätsklinikum Münster) werden jährlich mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten mit Parkinson versorgt. Dabei spielen auch neue Technologien eine Rolle: Eine Studie am UKM testet zurzeit ein mobiles System zur Bewegungsanalyse von Betroffenen.

Münster (ukm/js) – Seit knapp einem Jahr existiert das Parkinsonnetz Münsterland+, ein Zusammenschluss aus Betroffenen, Angehörigen sowie Experten, die an der Behandlung der Patienten beteiligt sind. „Die Parkinson-Krankheit tritt bei den Betroffenen individuell sehr unterschiedlich auf. Daher stellt die Erkrankung eine besondere Herausforderung für Patienten, deren Angehörige aber auch uns Ärzte dar. Durch den Zusammenschluss im Parkinsonnetz wollen wir den Austausch zwischen Betroffenen und Fachleuten patientenorientiert gestalten und unsere Expertise bündeln“, erklärt Prof. Dr. Tobias Warnecke, Oberarzt und Parkinsonexperte der Klinik für Neurologie am UKM. Besonders interessiert sind die Patienten nach Warneckes Erfahrungen an Informationen zum Thema „Neue Technologien“, denn in Zeiten von Smartphones und Smartwatches könnten sich für Mediziner und Patienten in Zukunft ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Informatiker vom Institut für Medizinische Informatik der Medizinischen Fakultät Münster haben ein Mobiles Systems zur Bewegungsanalyse von Menschen mit Parkinson entwickelt, das derzeit in einer Studie in der UKM Neurologie getestet wird.

Bessere Diagnose bei Parkinson dank App?

Bild: Differentialdiagnose per Parkinson-App: (v.l.) Patientin Irene Fischer, Prof. Tobias Warnecke und Dr. Julian Varghese. (© Foto UKM/Wibberg)

Was kompliziert klingt, ist in der Praxis ganz einfach: Mit zwei Smartwatches an den Handgelenken der Patienten, auf denen die in Münster entwickelte App installiert ist, wird eine neurologische Untersuchung durchgeführt. „So werden die Bewegungsdaten hochauflösend im Millisekunden-Bereich gemessen und mit den Methoden der Künstlichen Intelligenz ausgewertet. Derzeit werden Parkinson und andere Bewegungsstörungen in der Regel durch eine ärztliche neurologische Untersuchung festgestellt, die immer auch von der subjektiven Einschätzung des Arztes abhängig sind. Durch den Einsatz objektiver Systeme wie unserer App könnte in Zukunft die Diagnosemöglichkeit von Parkinson deutlich verbessert werden“, erklärt Dr. Julian Varghese. Er ist Arzt und Informatiker und hat das neue Mobile System in Kooperation mit der Neurologie am UKM entwickelt. Dort sollen bis Ende 2020 insgesamt bis zu 1000 Probanden untersucht werden.

Ergänzt werden die Bewegungsdaten der Hand um elektronische Fragebögen, die der Untersucher am Smartphone ausfüllt. Dadurch werden wichtige Informationen zur Familienanamnese, Medikation und Fragen zu Begleitsymptomen wie Depressionen, Müdigkeit und allgemeinen Lebensqualität ebenfalls ausgewertet. Dank des Parkinsonnetzes Münsterland+ hatten die Mediziner in Münster bislang noch keine Probleme, Probanden für die Studie zu rekrutieren. „Unsere Patienten sind sehr aufgeschlossen gegenüber den neuen Untersuchungsmöglichkeiten und erste Zwischenresultate der Studie lassen uns auf künftig verbesserte Diagnosen hoffen“, freut sich Neurologe Prof. Tobias Warnecke.

Parkinson-Patiententag am UKM (13.09.2017): Dopamin-Pumpe kann Tabletten ersetzen

Veranstaltung soll Patienten und Angehörige über Neuerungen im Kampf gegen Parkinson aufklären / Betroffener berichtet von seinen Erfahrungen mit der intestinalen Dopamin-Pumpe

Münster (ukm/aw) – Gerhard Kleingries ist seit gut zehn Jahren an Parkinson erkrankt. Der 70-jährige Vredener hat sich im Laufe der Zeit zwar auf das starke Zittern (Tremor) einerseits und das Gefühl der Muskelstarre (Rigor) andererseits eingestellt. Auch dank der Gabe von L-Dopa, einer Vorstufe des Neurotransmitters Dopamin, das dem Körper bei der Parkinson-Erkrankung fehlt. Trotzdem kam nach einigen Jahren der Punkt, an dem das L-Dopa in Tablettenform nicht mehr richtig wirkte. „Das ist typisch für den Verlauf bei Parkinson“, sagt Dr. Tobias Warnecke, Oberarzt der Klinik für Neurologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) und Leiter der Parkinson-Ambulanz.

„Die Entleerung des Magens wird bei einer dauerhaften Medikation mit Tabletten schlechter. Das bewirkt unter Umständen, dass das L-Dopa nur unzureichend in den Darm weitertransportiert wird – damit ist natürlich auch die Wirkung verzögert. So war Herr Kleingries immer wieder starken Wirkstoff-Schwankungen ausgesetzt – mit den entsprechenden Nebenwirkungen.“ Und Kleingries erinnert sich: „Manchmal hatte ich das Gefühl, ich könnte mich gar nicht mehr bewegen und dann wieder hatte ich absolute Unruhezustände.“ Die Lösung des Problems war die Implantation einer extern am Körper getragenen intestinalen Pumpe. Diese umgeht den Magen und gibt das L-Dopa – in Gelform und in konstanter Dosierung – direkt zur Aufnahme in den Dünndarm. „Plötzlich hatte ich wieder ein fast normales Leben“, sagt Kleingries und ist noch heute glücklich, dass er und seine Frau sich vor anderthalb Jahren für die Implantation der Pumpe entschieden haben.

Thema: Parkinson am UKM – Was gibt es Neues?
Datum: Mittwoch, 13.09.2017
Ort: Universitätsklinikum Münster, Lehrgebäude am UKM, Hörsaal L10,
Albert-Schweitzer-Campus 1, Geb. A6
Uhrzeit: 15.00 – 18.00 Uhr
Zielgruppe: Betroffene und ihre Partner und/oder Angehörige

„Die Entscheidung für die Pumpe will gut überlegt sein“, sagt Dr. Inga Claus, Assistenzärztin im Team von Warnecke: „Wir müssen uns darauf verlassen können, dass die Angehörigen das mittragen und in den Umgang mit der Pumpe involviert sind. Das ist nicht jedermanns Sache.“ So steht zum Beispiel alle ein bis zwei Wochen ein Batteriewechsel an und auch für die tägliche Reinigung brauchen die Patienten eine helfende Hand. „Bei Frau Kleingries hatten wir keinerlei Bedenken, dass sie ihren Mann gut unterstützen würde“, so Claus. Vor der Entscheidung für die Pumpe hat sich außerdem eine Testphase bewährt, für die die Patienten stationär aufgenommen werden müssen. Einziger Unterschied: Dort bekommen sie das L-Dopa-Gel zunächst über eine Nasensonde, um zu sehen, wie sie reagieren. Meistens seien die Patienten sofort vom Mehrwert durch die Pumpe überzeugt, sagt Claus. Inzwischen bekommen mehrere Patienten im Monat eine Magensonde (PEG) für das System gelegt. Die außen getragene Pumpe ist dann für jeden als Tasche, Gürtel oder Rucksack sichtbar.

Bild: Das Ehepaar Kleingries mit Parkinson Nurse Heike Verwolt (l.) und den Ärzten Dr. Tobias Warnecke und Dr. Inga Claus.

In der Klinik wird das System regelmäßig von Parkinson Nurse Heike Verwolt überprüft. Sie achtet darauf, dass sich die Einstichstelle der PEG nicht entzündet und gibt den Patienten konkrete Tipps zur einfachen Handhabung.

„Mein Leben hat sich mit der Pumpe verändert – aber jetzt ist eigentlich alles nur einfacher geworden“, berichtet Gerhard Kleingries. Der Rentner wird deshalb auch anderen Betroffenen bei Parkinson-Patiententag am 13. September von seinen positiven Erfahrungen berichten. Parkinson-Experte Warnecke ergänzt: „Wir hoffen, dass sich durch seine anschaulichen Schilderungen viele Patienten zu dem Schritt ermutigen lassen. Und auch sonst können sich Betroffene und Angehörige am Informationstag wertvolle Anregungen zu den Neuerungen in der Therapie holen.“