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Täter ohne Tat

25 Jahre leidet Uwe Saaler* an aggressiven Zwangsgedanken. Sie richten sich gegen diejenigen, die er am meisten liebt: seine Frau, seine Kinder und seine Enkel. Die Scham sitzt tief; keiner weiß, dass er krank ist. Stundenlang grübelt er, meidet den Kontakt. Dann bricht er sein Schweigen – und findet Hilfe

Münster – Der 63-Jährige ist kein Einzelfall. Mehr als zwei von zehn Menschen erkranken an therapiebedürftigen Zwängen. Obwohl sie eine der häufigsten psychischen Erkrankungen sind, werden sie am seltensten behandelt. Die Tendenz, sie aus Scham und Angst zu verheimlichen, ist groß, besonders bei aggressiven Zwangsgedanken, die sich meistens gegen geliebte Menschen richten. Das erschwert auch die richtige Diagnose.

„Menschen, die aggressive Zwangsgedanken entwickeln, erlauben es sich häufig gerade nicht, aggressive Gedanken oder Impulse zu haben und diese in irgendeiner Form auszuleben. Insbesondere gegenüber Familienangehörigen sind Gefühle wie Ärger oder Wut fast tabu. Dieser hohe moralische Anspruch begünstigt die Entwicklung der aggressiven Zwangsgedanken. Je stärker das Verbot ist, desto bedeutungsvoller und mächtiger werden sie“, erklärt Benedikt Klauke, leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Werkzeuge und Kissen werden gedanklich zum Mordinstrument

Bei Uwe Saaler beginnen die Gedanken, als er mit seiner kleinen Tochter eine Puppenstube baut. Während er die Seitenwände vernagelt, denkt er, dass er sie mit dem Hammer erschlagen könnte. Der Gedanke setzt sich fest, wiederholt sich immer wieder, zu Hause, im Baumarkt, bei den Kindern, bei seiner Frau und später bei den Enkeln. Nach schweren Werkzeugen werden auch Kissen „gefährlich“. Der Zwang dehnt sich aus. Schließlich bricht ihm bei jeder Begegnung mit seinen Enkeln der Schweiß aus. Er zieht sich zunehmend zurück und grübelt, oft stundenlang.

Der drohende Verlust der Familie gibt den Anstoß sich zu öffnen

„Die Jahre von 2010 bis 2015 waren die schlimmsten“, sagt Uwe Saaler. Seine Frau und Töchter fragen immer häufiger, warum er nicht zuhört, werfen ihm vor, kein Interesse mehr an ihnen zu haben. Keiner weiß, dass er krank ist. „Das schreckliche Gefühl, nicht mehr zur Familie zu gehören, war der zentrale Anstoß, mich zu öffnen.“ Seine schlimmsten Gedanken behält er für sich. Er befürchtet, dass seine Familie Angst vor ihm haben könnte. Bei ihm treten die Zwangsgedanken oft in Kombination mit materiellen Ängsten oder enttäuschter Erwartung auf. Benedikt Klauke erklärt: „Aufdringliche Gedanken setzen sich häufig auf unangenehme Gefühle, wie Ablehnung, Enttäuschung oder Verlustangst, wenn andere Strategien, diese auszuleben, fehlen“.

2015 wendet sich Saaler an eine Psychiaterin und bekommt Antidepressiva. Es geht ihm besser, aber seine Zwänge lösen sie nicht. Ein Jahr später rät ihm eine Psychologin, sich stationär behandeln zu lassen. Eine Empfehlung führt ihn nach Münster. Im August 2016 hat er dort in der Christoph-Dornier-Klinik ein Erstgespräch. Das Intensivkonzept habe ihn sofort überzeugt, sagt er.

Mensch-ärgere-dich-nicht mit Enkeln – und Hammer im Gepäck

Wenige Wochen später beginnt seine sechswöchige stationäre Therapie. Die Diagnose lautet „Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt“. Jede Woche hat er zehn Einzelpsychotherapiesitzungen. Zusätzlich besucht er Gruppentherapien, darunter die Achtsamkeits- und die Zwangsbewältigungsgruppe. In den ersten zwei Wochen erarbeitet er mit seiner Therapeutin vor allem die biographischen Hintergründe und ein Erklärungsmodell für die Erkrankung. Graphen und Zeichnungen helfen, die Zusammenhänge zu verstehen. „Das war sehr anstrengend, weil man so viel verarbeiten muss“, berichtet der 63-Jährige.

Ab der dritten Woche beginnen die Expositionsübungen, mit und ohne Therapeutin, später auch im familiären Kontext. Es ist wichtig, das Gelernte im Alltag zu erproben. Dafür verbringt er Weihnachten bei seiner Tochter. Im Gepäck: ein Hammer. Während er mit seinen Enkeln Mensch-ärgere-dich-nicht spielt, denkt er „Jetzt könnte ich sie mit dem Hammer erschlagen“, immer wieder, wie ein Mantra. „Als ich ihn dann aus dem Beutel geholt habe, habe ich nicht mal geschwitzt. Ich wusste, ich mach das nicht, egal was ich denke. Es sind nur Gedanken und ein Teil meiner Krankheit“, so Saaler.

Gedanken sind keine Handlungen

„Expositionen mit Reaktionsverhinderung sind die wirksamste psychotherapeutische Methode, um Zwänge zu überwinden“, sagt Diplom-Psychologe Klauke. „Zwangsgedanken zu unterdrücken ist ähnlich vergeblich, wie einen prall gefüllten Ball unter Wasser zu halten. Je mehr wir drücken, desto stärker drängt er an die Oberfläche. Deshalb ist es wichtig, den negativ besetzten und angstauslösenden Gedanken bewusst Raum zu geben. Selbst starke, vermeintlich unerträgliche Gefühle lassen mit der Zeit nach. Durch die Erfahrung, dass nichts passiert, dass Gedanken eben keine Handlungen sind, werden sie entkatastrophisiert. Sie verlieren an Bedeutung und treten in der Folge auch seltener auf.“ Parallel dazu sei es wichtig, Denkmuster und Überzeugungen zu bearbeiten, die die Erkrankung aufrechterhalten.

Früher habe er sich ständig selbst beobachtet, alles Negative auf sich bezogen. Durch die Therapie habe er gelernt, bestimmte Annahmen zu hinterfragen und neu zu bewerten. „Mein Lebensinhalt bestand zu 30 Prozent aus Problemen, heute sind es fünf“, sagt Uwe Saaler. Er genießt die zunehmende Freiheit im Kopf, walkt zwischen den Therapien um den Aasee oder die Promenade entlang, besichtigt mit Mitpatienten den Münsteraner Dom, geht mit ihnen schwimmen. Auch dieses Miteinander und der Austausch mit „Leidensgenossen“ habe ihm sehr geholfen. Er möchte Menschen, die an Zwangsgedanken leiden, Mut machen, sich ihrer Situation zu stellen, sich anzuvertrauen und aktiv zu werden: „Hilfe ist da, aber man muss sie sich holen.“

* Zum Schutz der Person wurde der Name geändert.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Wenn immer besser nie gut genug ist

Die Möglichkeiten, sich selbst zu optimieren, scheinen schier grenzenlos zu sein. Denn Defizite lauern überall – im Job, im Sport, in der Familie. Beim Streben nach dem Optimum bleibt das „Selbst“ oft auf der Strecke

Münster – Am 5. Februar eröffnet in München die Internationale Sportmesse. Effiziente Trainingsprogramme, Wearables und Apps sollen helfen, fitter, schlanker, leistungsfähiger zu sein: „Gesundheit wird zum Selbstdesign“. Sich selbst zu überwachen, zu analysieren und zu optimieren liegt weiterhin voll im Trend – beim Sport, im Job, in der Familie. „Etwas verbessern zu wollen, ist ein wichtiger Motor, um sich weiterzuentwickeln“, erklärt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Den allgegenwärtigen Trend zur Selbstoptimierung sieht er dagegen kritisch. Denn dieser fördere ein defizitäres Selbstbild.

Nicht nur im Job, auch im privaten Umfeld kann das Gefühl, die eigene Leistung verbessert, Abläufe optimiert und Zeiten effizienter genutzt zu haben, enorm befriedigend sein. Der Wettbewerb mit sich selbst ist ein bewährtes Mittel, um Höchstleistungen zu erbringen und zu weiteren zu motivieren. Auf Dauer aber kostet er mehr Kraft als die Ergebnisse spenden. Dem Drang, sich selbst zu optimieren, liegen oft Minderwertigkeitsgefühle und ein defizitärer Blick auf sich selbst zugrunde. „Erfolge können kurzfristig zwar selbstwertstabilisierend wirken, den Hunger nach einem optimalen Selbst stillen sie aber nicht. Denn das was ist, ist niemals gut genug“, so der promovierte Psychologe.

Beim Streben nach dem Optimum bleibt das Selbst oft auf der Strecke. Solange bis „die Technik“ streikt, das Herz aussetzt, die Panik rast oder bleierne Erschöpfung jede Flamme erstickt. In der Therapie von Angststörungen und Depressionen (Burnout) sind Selbstwert und Leistungsanspruch geläufige Themen. Für Benedikt Klauke ist Selbstoptimierung letztlich nichts anderes als ein Vermeidungsziel. Häufig geht es eher darum, einen unerwünschten – als nicht genügend empfundenen – Zustand zu vermeiden und nicht darum, ein Ziel zu erreichen, da die Maßstäbe immer weiter nach oben verschoben werden.

Ein solcher Wettkampf gegen sich selbst lässt sich weder mit Sport noch mit gesunder Ernährung gewinnen. „Wichtig ist, positive Ziele zu formulieren, auf die man sich konkret zubewegen kann. In der Psychologie spricht man dann von einem Annäherungsziel. Das kann durchaus eine bessere Trainingszeit sein. Wenn das erzielte Ergebnis aber keine positiven Empfindungen (mehr) auslöst und nicht befriedigt, ist Vorsicht geboten. Dann lohnt sich die Frage nach der Motivation. Denn nach immer fitter und immer gesünder kommt in der Regel krank“, warnt der leitende Psychotherapeut der Münsteraner Klinik. So begännen auch Erkrankungen wie Sportanorexie oder Orthorexie oft mit dem Wunsch, leistungsstärker zu werden und sich gesünder zu ernähren.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Reinigungszwang: Wenn das Leben ohne Handschuh nicht mehr funktioniert

artikel-cdk_21112016Münster – Kalt ist es geworden. Christian D. ist erleichtert. Keiner starrt mehr auf seine Hände, die Handschuhe fallen nicht mehr auf. Im Sommer ist das anders. Rund 50 Paar Einmalhandschuhe verbraucht er am Tag. Sonst könnte er seine Wohnung nicht verlassen, kein Geländer anfassen, keine Tür, keinen Automaten. Alles, was von Menschen berührt wird, ist für ihn potentiell gefährlich.

Seit acht Jahren leidet Christian D. an einem Wasch- und Reinigungszwang. In der Kälte leuchten seine Hände krebsrot. Die Haut ist dünn wie Papier, rissig und wund gewaschen. Und noch anfälliger für Keime, vor denen er sich panisch fürchtet. Die Handschuhe beruhigen ihn, aber nur kurzfristig. Die Angst, sich mit HIV oder anderen schweren Krankheiten zu infizieren, holt ihn immer wieder ein. Egal wie oft und lange er seine Hände wäscht, egal wie viel Desinfektionsmittel er benutzt, egal wie gründlich er putzt. Irgendwann müssen es zwei Lagen Handschuhe sein.

Zwänge spielen sich oft im Verborgenen ab. In Deutschland geht man von mindestens 2,3 Millionen betroffenen Menschen aus. Am häufigsten sind Wasch- und Reinigungszwänge, verbunden mit der panischen Angst, sich oder auch andere durch Schmutz, Körperflüssigkeiten, Bakterien oder Viren zu gefährden. Deshalb wird ein direkter Kontakt möglichst vermieden. Doch schon der Gedanke daran kann Panik auslösen und stundenlange Wasch- und Reinigungsrituale nach sich ziehen.

Die meisten wissen, dass ihr Verhalten mindestens übertrieben ist, und schämen sich dafür. Häufig werden Partner, Eltern oder andere Familienangehörige in die Zwänge einbezogen. Auf Drängen der Betroffenen übernehmen sie Rituale, berühren zum Beispiel bestimmte Dinge nicht oder ziehen sich nach dem Betreten der Wohnung um, um diese nicht zu „verseuchen“, wodurch sich der Zwang weiter verfestigt.

„Oft werden Zwänge mit Ängsten oder Depressionen verwechselt. Bis eine Zwangserkrankung angemessen behandelt wird, vergehen durchschnittlich mehr als sieben Jahre, in denen sich die Menschen durch ihr Leben quälen, wertvolle soziale Kontakte verlieren und nicht selten auch ihren Job. Dabei sind die Behandlungsmöglichkeiten ausgesprochen gut“, sagt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Als Faustregel gilt: Wer täglich mehr als eine Stunde mit Zwangsgedanken oder -handlungen verbringt und darunter leidet, sollte sich professionelle Hilfe suchen. Denn Zwänge verschwinden in der Regel nicht von alleine. Bei Christian D. hat das Leben schließlich nicht mehr funktioniert. Auch mit Handschuhen nicht. Nun lernt er Schritt für Schritt, sich seinen Ängsten zu stellen und weder in die Vermeidung noch in seine Rituale zu flüchten. Er beginnt zu verstehen, dass er Risiken und Gefahren unrealistisch hoch einschätzt und viel zu viel Verantwortung übernehmen möchte. Dass er mit dem Zwang Menschen auf Distanz hält und sich so vor dem Gefühl der Abhängigkeit schützt. Denn auch solche Funktionen kann eine Zwangserkrankung haben.

Um niederschwellig über Behandlungsmöglichkeiten zu informieren, bietet die Christoph-Dornier-Klinik jeden Mittwoch eine kostenlose Telefonberatung an. Zu erreichen sind die Psychologen der Klinik zwischen 17 und 20 Uhr unter +49 (0)251 4810-148. Weitere Informationen erhalten Betroffene und Angehörige auch unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Studienkrise: die Angst zu scheitern

Artikel-CDK_09062016Rund 40 Prozent aller Studienanfänger brechen ihr Studium ab. Häufig sind Leistungsprobleme oder mangelnde Motivation der Grund. Manche haben beides. Sie schieben Aufgaben vor sich her und vermeiden Prüfungen, schaffen es aber nicht, sich aus der Situation zu lösen. Und werden darüber krank.

Oft beginnen die Probleme im Studium. Die Anforderungen steigen. Doch statt sich hoch konzentriert auf die Prüfungen vorzubereiten, ist an Lernen kaum mehr zu denken. Jede Ablenkung ist willkommen. Die Zeit verfliegt, vor allem im Internet. Doch das schlechte Gewissen bleibt. Versagensängste machen sich breit. So ging es auch Jonas Bärwald, der seinen wahren Namen für sich behalten möchte. Mit besten Voraussetzungen begann er Jura zu studieren. Er war es gewohnt Erfolg zu haben. Mit jedem Semester fiel es ihm schwerer, sich zu konzentrieren und zu motivieren. Immer häufiger fehlte er in Seminaren, meldete sich vor Klausuren krank, schob Hausarbeiten vor sich her, versäumte Fristen. Und bekam immer mehr Angst – vor Bewertungen, vor Prüfungen, vor seinen Eltern. Er vermied den Kontakt zu anderen Studenten, denn auf einmal schienen alle an ihm vorbeizuziehen. Er selbst steckte fest. Dann drohte ihm die Exmatrikulation.

„Versteckspiel“ verhindert konstruktive Lösung des Dilemmas

Als Jonas Bärwald in die Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie nach Münster kommt, bestimmen Angst und Depression sein Leben. Einsam hat er das Bild des erfolgreichen Jura-Studenten aufrechterhalten, vor allem gegenüber seinen Eltern, die er nicht enttäuschen möchte. „So ein ‚Versteckspiel‘ hat einen hohen Preis“, sagt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Klinik. „Es entfremdet einen noch weiter von den eigenen Bedürfnissen und verhindert eine konstruktive Lösung des Dilemmas. Menschen wie Jonas Bärwald orientieren sich auf der Suche nach Anerkennung in einem hohen Maß an den Erwartungen anderer, meist wichtiger Bezugspersonen. Sie neigen dazu, fremde Ziele als eigene zu übernehmen. Oft wissen sie gar nicht, was sie selber wollen, und trauen sich nicht zu, Dinge anzugehen, aus Angst zu scheitern. Weil ihnen aber die eigene, intrinsische, Motivation und das Vertrauen in sich selbst fehlen, müssen sie sich noch mehr anstrengen und fühlen sich bald überfordert. Das schürt Aversion und Vermeidung. Es entsteht eine ständige, oft unbewusste Furcht davor zu versagen.“

Betroffene sind in extremer Weise fremdbestimmt

In einem solchen Dilemma gefangen entwickeln die Studenten oft entschuldigende Strategien, erklären ihr „Scheitern“ mit Prüfungsängsten oder mangelnder Betreuung. Ihr Hauptproblem, in extremer Weise fremdbestimmt zu sein und sich davon nicht lösen zu können, ändert das nicht. Auch nicht ihre grundlegende Selbstunsicherheit. Stattdessen wächst die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und den häufig unrealistisch hohen Zielen weiter. Wer es nicht schafft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bekommt meist noch weitere Probleme. Nicht selten wird das Internet zum Zufluchtsort. Soziale Beziehungen leiden, Ängste wachsen, häufig entwickelt sich zusätzlich eine Depression. Spätestens dann empfiehlt sich professionelle Hilfe.

Hilfsangebote lieber früher als später nutzen

Eine erste Anlaufstelle kann die Studienberatung sein, oder auch der Hausarzt. Beide bahnen bei Bedarf Kontakte zu psychotherapeutischen Praxen oder Kliniken. Im Internet informiert die Christoph-Dornier-Klinik ausführlich über Ängste, Depressionen, Internetabhängigkeit, Persönlichkeitsstörungen und deren Behandlungsmöglichkeiten. Wer sich telefonisch informieren möchte, kann sich jeden Mittwoch von 17 bis 20 Uhr unter 0251 48 10 148 von den Psychologen der Klinik kostenlos beraten lassen. Weitere Informationen unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Welttag der Suizidprävention: Das Leben zurück erobern

Der 10. September ist der Suizidprävention gewidmet und somit auch Menschen, die unter einem unverarbeiteten Trauma leiden. Bei ihnen ist das Risiko, lebensmüde Gedanken zu entwickeln, um ein Vielfaches erhöht

Artikel-CDK_01032016Münster – 1.296 Menschen haben sich vorletztes Jahr in Nordrhein-Westfalen das Leben genommen. Allein im Regierungsbezirk Münster waren es 275, in der Stadt Münster 39. Jedes Jahr sterben in Deutschland etwa 10.000 Menschen durch Suizid. Zehnmal so viele versuchen es. Jeder dritte von ihnen wird es wieder versuchen. Isolation, Schuldgefühle, Scham und Stigmatisierung können Auswege aus der Lebensmüdigkeit versperren. Das betrifft Menschen, die an den Folgen eines unverarbeiteten Traumas leiden, in besonderem Maße.

„Traumatische Erlebnisse sind eng mit dem Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit verbunden. Vor allem wenn sie ‚Mensch-gemacht‘ sind, wie bei Missbrauchserfahrungen. Diese tiefe Verletzung der Würde erschüttert auch das Selbstwertgefühl zutiefst. Die Gefahr, in der Opferrolle verhaftet zu bleiben, sich zurückzuziehen und eine negative Lebenseinstellung zu entwickeln, ist dann sehr groß. Menschen, die sich wieder handlungsfähig und selbstfürsorglich erleben können, sind am besten vor Depression und Suizidalität geschützt“, sagt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Traumafolgestörungen, wie die Posttraumatische Belastungsstörung, können Monate bis Jahre nach einem traumatischen Erlebnis auftreten. Oft werden sie von Depressionen begleitet. Betroffene versuchen drei- bis fünfmal häufiger sich das Leben zu nehmen als depressiv erkrankte Menschen ohne Traumahintergrund. Immer wieder überrollen sie Erinnerungsbruchstücke, und häufig auch unkontrollierbar erlebte Gefühle. Das verunsichert weiter, lässt am Lebenswert zweifeln, vor allem wenn Scham und Schuldgefühle im Spiel sind. Wichtiger denn je: die soziale Unterstützung.

„Durch das massive Verschweigen und die Tabuisierung dieses Problems verstärken sich die Vorurteile, die Menschen mit Selbsttötungsabsicht entgegen gebracht werden. Hierdurch werden die Betroffenen in einer lebensbedrohlichen Situation allein gelassen“ weiß Petra Karallus, Leiterin der Krisenhilfe Münster e.V. Dort finden Menschen in suizidalen Krisen schnell und unbürokratisch Hilfe, innerhalb von 24 Stunden. Die Beratung ist vertraulich und kostenlos.

Der wichtigste Schutz vor Lebensmüdigkeit ist jedoch eine frühzeitige und qualifizierte Therapie. Dabei gilt es nicht nur das Traumagedächtnis „aufzuräumen“ und die traumatischen Erlebnisse als Teil der Vergangenheit einzuordnen, um ihnen an Macht im Hier und Jetzt zu nehmen. Auch der Umgang mit Gefühlen und Problemen muss geschult werden. Denn das ermöglicht den Betroffenen, traumatische Erlebnisse neu zu bewerten und sich von Scham und Schuldgefühlen zu befreien, so der Diplom-Psychologe Benedikt Klauke. Auf diese Weise gestärkt können sie sich Schritt für Schritt ihr Leben zurück erobern.

Krisenhotline der Krisenhilfe Münster e.V.

Montags bis freitags von 17.30 bis 19.30 Uhr sowie montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr. Telefon: 0251 5190 05. Weitere Informationen unter: www.krisenhilfe-muenster.de

Beratungstelefon der Christoph-Dornier-Klinik

Jeden Mittwoch zwischen 17 und 20 Uhr können sich Betroffene und Angehörige kostenlos über die Behandlungsmöglichkeiten von Traumafolgestörungen und Depressionen informieren. Telefon: 0251 4810-148. Weitere Informationen unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

„Monsterjagd mit Suchtpotenzial“ – Macht Pokémon Go süchtig?

Artikel-CDK_18072016Münster – Fragen an die Diplom-Psychologin Judith Müller. Sie ist stellvertretende Leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Zu ihren Patienten zählen auch Menschen, die sich in der virtuellen Welt verloren haben.

„Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial“ betitelt die Nachrichtenagentur dpa den Hype um Pokémon Go. Mehr als zehn Millionen Menschen haben sich das sogenannte Augmented-Reality-Spiel in Deutschland bereits heruntergeladen. Unermüdlich jagen sie nun kleine digitale Monster, sammeln Punkte, kämpfen.

Macht Pokémon Go süchtig?

Judith Müller (JM): Das Spiel hat ebenso viel Suchtpotenzial wie andere Computer- oder Onlinespiele auch. Besonders ist sicherlich die Vermischung von Realität und Fiktion, mit der die Grenzen noch weiter verschwimmen. Nur weil man sich in der realen Welt bewegt, was grundsätzlich ein positiver Effekt ist, nimmt man ja nicht automatisch am realen Leben teil. Wer komplett im Spiel versinkt, nimmt seine Umgebung kaum mehr wahr – das gilt „indoor“ ebenso wie „outdoor“. Wobei hier das Risiko größer ist, körperlich Schaden zu nehmen, weil man zum Beispiel bei der „Jagd“ vor ein Auto läuft. Psychisch und sozial wird es für diejenigen problematisch, die so tief im Spiel versinken, dass sie es nicht oder kaum noch schaffen, aufzutauchen und sich den realen Lebensaufgaben zu widmen. Das gilt übrigens für alle Formen der exzessiven Mediennutzung, also auch für soziale Netzwerke oder Youtube.

Wer ist gefährdet, in eine Abhängigkeit zu rutschen?

JM: Unserer Erfahrung nach sind besonders Menschen gefährdet, eine Medienabhängigkeit zu entwickeln, die hohe Erwartungen an sich selbst stellen, aber wenig Vertrauen haben, diese Erwartungen auch erfüllen zu können. Hierzu zählt zum Bei-spiel der Student, der in die virtuelle Welt abtaucht, statt sich auf Prüfungen vorzubereiten, weil er dort klare Aufträge, klare Regeln und (schnelle) Erfolgserlebnisse findet – strukturierte Ablenkung, unbegrenzt verfügbar. Auch Pokémon Go bedient diese grundmenschlichen Motive. Es gibt einen weitgehend fremdbestimmten Rahmen, der relativ wenig autonomes Handeln erfordert. Das kann zeitweilig sehr entspannend sein. Die meisten Menschen mit einer Medienabhängigkeit sind sozial eher ängstlich, manchmal auch sozial isoliert, haben ein geringes Selbstwertgefühl oder sind familiär entfremdet. Auch Suchterkrankungen von Angehörigen können ein Risikofaktor sein, ebenso eine fehlende Perspektive. Wer sich in die virtuelle Welt flüchtet, weil er im realen Leben nicht zurechtkommt, läuft Gefahr, sich dort zu verlieren – selbst wenn er sich dabei auf realen Wegen bewegt.

Woran macht sich eine Medienabhängigkeit bemerkbar?

JM: Zu den Symptomen der Medienabhängigkeit zählen

  • ein starkes Bedürfnis oder ein innerer Zwang zu spielen, in sozialen Netzwerken
    oder zum Beispiel auf Youtube unterwegs zu sein,
  • Kontrollverlust,
  • Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Schlafstörungen, Gereiztheit und
    Aggressivität, wenn zum Beispiel das Internet nicht funktioniert.
  • Stetige Zunahme der Medien- oder Internetaktivität, weil das Spielen/Chatten
    immer weniger entspannt oder befriedigt. Sogenannte Toleranzentwicklung.
  • „Offline“-Hobbys, Lebensaufgaben und soziale Kontakte werden vernachlässigt,
  • negativen Folgen, wie Misserfolg in der Schule oder im Studium, Gefährdung
    oder sogar Verlust des Arbeitsplatzes, verdrängt.
  • Viele Menschen mit einer Medienabhängigkeit leiden zusätzlich an einer
    Depression, einer Persönlichkeitsstörung, einer Angst- oder Suchterkrankung.

Was empfehlen Sie den betroffenen Menschen?

JM: Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, auch als Angehörige! Es gibt inzwischen gute Beratungs- und ambulante Hilfsangebote, auch wenn die Versorgungslage insgesamt noch nicht optimal ist. Wenn das Problem schon länger besteht, sich schwerwiegende Folgen wie der Verlust der Partnerschaft oder des Arbeitsplatzes abzeichnen, der soziale Rückhalt fehlt und weitere psychische Probleme auftreten, sollten sie auch eine stationäre Behandlung in Erwägung ziehen.

Beratungstelefon: Mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr bietet die Christoph-Dornier-Klinik eine kostenlose telefonische Beratung an. Zu erreichen sind die Experten unter +49 (0)251 4810-148.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Agoraphobie: Wenn die Reise schon an der Haustür endet

Artikel-CDK_28062016Münster – Etwa fünf Prozent aller Frauen und Männer in Deutschland leiden an einer Agoraphobie. Sie fürchten sich vor öffentlichen Plätzen, vor Menschenmengen, vor Situationen, aus denen eine Flucht schwierig oder peinlich sein könnte. Reisen mit dem Auto, Zug oder Flugzeug in die Sonne, ans Meer sind für die meisten undenkbar. Bei manchen Menschen ist die Angst so groß, dass selbst der nächste Briefkasten unerreichbar erscheint.

Was sind die Symptome der Agoraphobie?

„Eine Agoraphobie kann ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. Oft gibt es ‚magische Grenzen‘, die den Bewegungsradius bestimmen. Eine kann zum Beispiel bis zum 50 Kilometer entfernten Arbeitsplatz reichen, eine andere schon 500 Meter hinter der eigenen Haustür enden. Im schlimmsten Fall ist die Haustür selbst die Grenze“, erklärt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Wer ist von Agoraphobie betroffen?

Frauen sind mehr als doppelt so häufig von der Angsterkrankung betroffen wie Männer; meistens verläuft die Agoraphobie chronisch. Der Wunsch zu verreisen, im Urlaub mal „die Seele baumeln zu lassen“ versiegt jedoch fast nie. Meist ist die Angst vor der Angst das größte Hindernis. „Diese sogenannte Erwartungsangst drängt die positiven Gedanken an eine Reise in den Hintergrund und hemmt sowohl die geistige als auch die körperliche Beweglichkeit, die korrigierende Erfahrungen ermöglichen würde. Sie ist also ein wesentlicher aufrechterhaltender Faktor, der durch das Vermeiden der angstbesetzten Situationen weiter verstärkt wird“, so Klauke.

Zu erleben wie der Schweiß ausbricht, sich der Brustkorb verengt, das Herz rast und der Kopf im Schwindel versinkt, macht Angst. Angst, die Kontrolle zu verlieren, hilflos ausgeliefert zu sein, in Ohnmacht zu fallen oder gar zu sterben. Wie in einem Teufelskreis schaukelt sich die Angst immer weiter auf. Panikattacken sind keine Seltenheit.

Behandlungsmöglichkeiten

Wer wieder selbst über sein Leben bestimmen möchte, muss sich seiner Angst stellen. „Es geht dabei nicht ausschließlich darum, die Angstsymptome auszuhalten, sondern sie bewusst wahrzunehmen, zu akzeptieren und sich trotzdem Schritt für Schritt weiterzubewegen und neue, positive Erlebnisräume zu erobern. Die Erfahrung, nicht vor Angst zu sterben, ist eine wichtige, aber eher passive Erfahrung. Noch wichtiger ist es, sich selbst wieder als aktiv handelnden Menschen zu erleben. Das Ziel ist nicht, die Angst auszuschalten, denn sie ist per se nicht gefährlich, sondern ihr an Einfluss zu nehmen und die angstbezogenen Erwartungen zu widerlegen. Dies ist nur über korrigierende Erfahrungen möglich“, betont der Münsteraner Psychologe Benedikt Klauke.

In der Expositionstherapie, der bisher wirksamsten Behandlungsmethode von Angsterkrankungen, verschiebt sich der Fokus zunehmend von der reinen Habituation (sich an die Angst gewöhnen) hin zum sogenannten „inhibitorischen (die Angst hemmenden) Lernen“. Dafür braucht es immer wieder neue (Selbst-)Versuche in unterschiedlichen Situationen, schwierigen und weniger schwierigen. Die Variation unterstützt den Lernprozess. „Für jemanden, der sich jahrelang nur einen Kilometer von Zuhause wegbewegen konnte, fühlt sich ein Besuch bei Freunden, die 20 Kilometer entfernt wohnen, wie eine Weltreise an. Ich erlebe immer wieder bei Patienten, wie stolz sie für jeden gewonnen Meter sind“, so Klauke.

Wichtig ist auch, dass die Betroffenen während der Expositionen die Angst verbalisieren, genau erklären, was sie empfinden, und die aufkommenden Gefühle nicht „wegdrücken“. Auch das helfe, die Kontrolle zurückzugewinnen und die körperliche Angstreaktion zu hemmen. Wenn die Übungen mal nicht gelingen, sei das nicht schlimm, sagt der Psychologe. Es gehe darum, den einzelnen Schritt zu würdigen und am Ball zu bleiben. Besonders motivierend sei ein attraktives Ziel – zum Beispiel ein gemeinsamer Familienurlaub am Meer.

Beratungstelefon
Mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr können sich Betroffene und Angehörige kostenlos über die Behandlungsmöglichkeiten der Agoraphobie informieren. Zu erreichen sind die Experten der Christoph-Dornier-Klinik unter +49 (0)251 4810-148.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster