Schlagwort-Archive: Essstörung

Leben mit Magersucht: „Es ist besser, wenn sie schläft“

Münster (ukm/aw) – Wie ein Leben mit Magersucht aussieht, davon haben Außenstehende kaum eine Vorstellung. Wie ist das, wenn man sich so dick fühlt, als passe man kaum in normale Kleidung hinein? Obwohl der Kopf weiß, dass man in Wahrheit viel zu dünn ist? Die Körperschemastörung ist ein häufiges Symptom der Erkrankung Anorexie. Laura Mantler lebt seit vier Jahren mit dieser Diagnose – heute „schläft“ die Essstörung bei ihr. Geholfen hat ihr die Behandlung in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM.

Laura Mantler macht gerade Abitur. Das ist ohne Frage erwähnenswert, aber vor dem Hintergrund, dass die Achtzehnjährige seit ihrer frühen Jugend mit ihrer Magersucht (Anorexia Nervosa) kämpft, scheint diese Leistung umso größer. Alleine in den letzten vier Jahren musste Laura zwei Mal stationär in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) aufgenommen werden und hat viele Monate auf der Station für PatientInnen mit Essstörungen verbracht.

Oft ist es eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers, die Patientinnen mit Anorexie dazu verleitet, das eigene Gewicht zum Mittelpunkt ihrer Welt zu machen. Dabei kann das Körperschema der Betroffenen völlig verschoben sein, sagt die Therapeutin und Leiterin der Forschungsgruppe Essstörungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Ida Wessing. „PatientInnen mit einer Körperschemastörung leiden unter überdimensionierten Vorstellungen ihrer Ausmaße – und das trotz ihres extremen Untergewichts.“ Auch bei Laura habe eine schwere Körperschemastörung vorgelegen, ein Beispiel für diese falsche Wahrnehmung liefert sie selbst: „Ich hatte zum Beispiel das Gefühl, meine Schlafanzughose drückt, und ich musste sie nachts ausziehen, weil sie sich wirklich viel zu eng anfühlte und überall spannte. Ich hatte in dieser Zeit aber definitiv mein niedrigstes Gewicht.“

Um der Wahrnehmungsverzerrung zu begegnen, versuchen Therapeuten, den PatientInnen zunächst ein realistisches Bild ihres Körpers zu vermitteln. Dafür werden die PatientInnen gemessen und gewogen und man vergleicht gemeinsam den eigenen BMI (body mass index) mit dem von normalgewichtigen Gleichaltrigen. „Das kann man grafisch gut darstellen. So verdeutlichen wir den Betroffenen erst einmal, wie weit sie wirklich unter allen anderen vom Gewicht her liegen. Und dann erklären wir, was das alles für gesundheitliche Folgen hat und wie sehr, sehr gefährlich das für den Körper ist“, so Wessing.

Bild: Laura Mantler versucht mit Hilfe einer multimodalen Therapie ihre Magersucht in den Griff zu bekommen. (© Foto UKM)

Die Therapie der Anorexie ist ein Prozess mit multimodalen Therapie-Konzepten, der meist mehrere Monate, wenn nicht Jahre braucht. Die Körperbildstörung ist dabei ein Behandlungs- und Forschungsschwerpunkt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM. Laura war erst beim zweiten Klinikaufenthalt so weit, sich eingestehen zu können, dass ihr Problem tiefer lag. Wie viele Jugendliche bringt auch sie eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur mit, die die Anorexie begünstigt, so Wessing: „Die PatientInnen sind häufig perfektionistisch und haben ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Oft sind das hochangepasste junge Menschen, die hohe Ansprüche an sich stellen und optimale Leistungen bringen wollen.“ Dazu passt, dass Laura schon im Alter von sechs Jahren damit begonnen habe, sich Essenspläne aufzuerlegen und Kalorien zu zählen. In einem abgegrenzten Bereich die Kontrolle über ihr Leben zu haben, tat ihr gut, erzählt Laura. „Ich funktionierte in allen Bereichen besser, wenn ich die Kontrolle behielt“, sagt sie. Genau das ist etwas, mit dem sie heute, nach der Therapie, immer noch zu kämpfen hat. Die Magersucht kehre in Form eines Gefühls der Fremdbestimmtheit immer wieder zurück: „Man ist nie alleine! Da ist immer jemand, der deine Handlungen bestimmt. Es gibt viele kleine Situationen im Alltag, wo man erkennt: Okay, das ist jetzt gerade eine Essstörungs-Handlung und nicht Du selbst.“ Die Essstörung beschreibt sie als „kleine Stimme“, auf die sie höre: „Ich spüre, sie ist da, und ich bin dann ganz anders.“

Inzwischen hält Laura seit längerer Zeit ihr Gewicht und neben dem Abitur sind auch wieder andere Dinge in ihrem Leben wichtig. Zum Beispiel pflege sie nun wieder stärker soziale Kontakte. Außerdem will Laura sich ihren größten Traum erfüllen: Sie plant einen Afrika-Aufenthalt, bei dem sie mit ihrem Freund zusammen einige Monate einen Freiwilligendienst leisten will.
Therapeutin Ida Wessing findet das wichtig: „Dass die Krankheit ganz verschwindet, ist ein Stück weit unwahrscheinlich. Aber wenn die PatientInnen plötzlich aufhören, ständig über Essen zu reden und sich wieder anderen Dingen zuwenden, wenn ich merke, da ist Leben und Freude drin, dann sind das ganz wichtige Anzeichen, dass es in die richtige Richtung geht.“

Dass die Essstörung irgendwann kein Thema mehr sein soll, wäre Lauras Wunsch auf einem langen Weg. Im Moment begnügt sie sich mit der Vorstellung, dass die Magersucht „schläft“: „Es ist besser, wenn sie schläft! Und es ist auch möglich, sie schlafen zu lassen.“

Info:
Die Forschungsgruppe Essstörungen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) sucht gesunde jugendliche Teilnehmerinnen zwischen 12 und 19 Jahren für die Studie „Körpererleben bei jugendlichen Patientinnen mit Anorexia Nervosa“. In dieser Studie werden die neuronalen Grundlagen des Körpererlebens bei Anorexia Nervosa untersucht. Probanden werden an insgesamt drei Terminen zu ihrem psychischen Befinden befragt. Außerdem werden Verhaltenstests und Messungen von Aktivität und Struktur des Gehirns durchgeführt. Alle Messungen sind strahlenfrei und gesundheitlich unbedenklich. Bei Teilnahme an allen drei Terminen erhalten die Teilnehmerinnen eine Aufwandsentschädigung von 90 €. Auch eine Teilnahme nur an einem Termin (ohne Messungen des Gehirns) ist möglich, die Aufwandsentschädigung beträgt dann 25 €.

Bei Interesse oder Nachfragen melde Dich/melden Sie sich gerne bei uns:

Studientelefon
Telefon 0152 54957693
Projektleitung
Dr. Dipl.-Psych. Ida Wessing
Ida.Wessing@ukmuenster.de

Bulimie: Zwischen Fassade und Kontrollverlust

Die Bulimie gilt als heimlichste aller Essstörungen. Der innere Kampf um Kontrolle, Verlangen und Gewicht bleibt der Außenwelt oft verborgen. Der wichtigste Schritt, um wieder gesund zu werden, ist das Essverhalten zu normalisieren

Foto: Christoph-Dornier-Klinik, Judith Müller, Stellvertretende Leitende Psychologische Psychotherapeutin

Judith Müller, Stellvertretende Leitende Psychologische Psychotherapeutin

Rund 1,3 Prozent aller Frauen erkranken im Laufe ihres Lebens an Bulimie. Männer sind ebenfalls betroffen, trotz hoher Dunkelziffer aber seltener. Meistens wirkt nach außen hin alles „perfekt“. Das Gewicht ist normal, das Essen kontrolliert, meist fett- und kalorienarm. Menschen, die an Bulimie erkranken, sind häufig ehrgeizig und eher überangepasst. Dass sie Tausende von Kalorien verschlingen und erbrechen, oder hochdosierte Abführmittel schlucken, passt nicht ins Bild. Keiner darf etwas merken, die Scham ist riesig. Doch der Teufelskreis der Bulimie kann überwunden werden, selbst wenn die Krankheit schon lange besteht. Das Essverhalten zu normalisieren, ist der wichtigste erste Schritt.

Wie entsteht der Teufelskreis der Bulimie?

Über 90 Prozent der Menschen, die an Bulimie erkranken, wollen anfänglich abnehmen Sie lassen Mahlzeiten ausfallen, verzichten auf bestimmte Nahrungsmittel oder fasten, zum Beispiel bevor sie Alkohol trinken. Restriktives Essen schürt meistens jedoch Heißhunger, denn der Körper lechzt nach Nahrung. „Viele unserer Patientinnen berichten, dass sie auf den ‚Tipp‘ gestoßen sind, Nahrung zu erbrechen, um einerseits uneingeschränkt essen zu können und andererseits nicht zuzunehmen. Die Handlungsabläufe verselbstständigen sich dann relativ schnell, innerhalb weniger Wochen, weil sich der Stoffwechsel und das Hunger-Sättigungsgefühl verändern und die Angst vor dem Dicksein eher größer wird. Schließlich löst der Anblick von Nahrungsmitteln fast reflexhaft Heißhunger aus, so wie Völlegefühl den sofortigen Drang zu erbrechen“, erklärt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Einen kurzen Moment lang fühlt es sich befreiend an: Der zum Platzen volle Bauch ist wieder leer. Und mit den Kalorien, die das Gewicht gefährden, sind auch Gefühle weggespült. Stress und Anspannung lassen nach. Doch dann kommen die Scham und der Ekel vor sich selbst – und der Kreislauf beginnt von neuem. Die Kontrolle zieht wieder ein, über das Essen, die Gefühle, über das „Außen“. Die Fassade aufrechtzuerhalten, kostet viel Kraft und endet oft in Selbstbetrug. 75 Prozent der Menschen, die an einer Bulimie erkranken, werden depressiv. Etwa 30 Prozent entwickeln eine Angst- oder Zwangserkrankung, oft eine soziale Phobie. Dazu kommen häufig Alkoholprobleme.

Wie lässt sich der Teufelskreis durchbrechen?

Jede Essstörung hat ihre eigene Geschichte. Es gibt genetische und biologische, aber auch soziale und persönliche Faktoren, die sie begünstigen. „Bevor man jedoch an Hintergrundkonflikten und Funktionalitäten arbeitet, ist es wichtig, zuerst das Essverhalten zu normalisieren. Denn der körperliche Mangelzustand wirkt sich auf den Hormon- und Botenstoffhaushalt aus, auf die Wahrnehmung, das Verhalten und die Emotionen“, so Judith Müller. „Je normaler das Essverhalten, desto besser funktioniert auch das Hunger-Sattheitsgefühl, das die Nahrungsaufnahme auf natürliche Weise reguliert. Heißhungerattacken werden seltener und sogar die Angst vor einer Gewichtszunahme nimmt ab.“ Sie zu überwinden, ist ein weiterer wichtiger und notwendiger Therapiebaustein.

Hat sich das Essverhalten normalisiert, ist es für die Betroffenen wichtig zu lernen, besser mit Stimmungsschwankungen, Konflikten und Belastungen umzugehen, und auch das übermächtige Schlankheitsideal zu überwinden. Denn nur dann kann der Teufelskreis der Bulimia nervosa dauerhaft durchbrochen werden.

Diagnosekriterien der Bulimie nervosa

  • wiederkehrende Essattacken (Verzehr größerer, meist hochkalorischer Nahrungsmengen mit dem Gefühl von Kontrollverlust), mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten
  • absichtliches Erbrechen, strenge Diäten, exzessiver Sport oder Einsatz von Abführmitteln, um einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken
  • Selbstbewertung hängt übermäßig stark von Körpergewicht und Figur ab
  • kein deutliches Untergewicht (ansonsten könnte es sich um eine Magersucht handeln)

Es gibt jedoch auch atypische Erscheinungsformen der Ess-Brech-Sucht, bei denen nicht alle Diagnosekriterien erfüllt sind. Auch sie mindern die Lebensqualität, schaden der Gesundheit und sollten psychotherapeutisch behandelt werden.

Wenn immer besser nie gut genug ist

Die Möglichkeiten, sich selbst zu optimieren, scheinen schier grenzenlos zu sein. Denn Defizite lauern überall – im Job, im Sport, in der Familie. Beim Streben nach dem Optimum bleibt das „Selbst“ oft auf der Strecke

Münster – Am 5. Februar eröffnet in München die Internationale Sportmesse. Effiziente Trainingsprogramme, Wearables und Apps sollen helfen, fitter, schlanker, leistungsfähiger zu sein: „Gesundheit wird zum Selbstdesign“. Sich selbst zu überwachen, zu analysieren und zu optimieren liegt weiterhin voll im Trend – beim Sport, im Job, in der Familie. „Etwas verbessern zu wollen, ist ein wichtiger Motor, um sich weiterzuentwickeln“, erklärt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Den allgegenwärtigen Trend zur Selbstoptimierung sieht er dagegen kritisch. Denn dieser fördere ein defizitäres Selbstbild.

Nicht nur im Job, auch im privaten Umfeld kann das Gefühl, die eigene Leistung verbessert, Abläufe optimiert und Zeiten effizienter genutzt zu haben, enorm befriedigend sein. Der Wettbewerb mit sich selbst ist ein bewährtes Mittel, um Höchstleistungen zu erbringen und zu weiteren zu motivieren. Auf Dauer aber kostet er mehr Kraft als die Ergebnisse spenden. Dem Drang, sich selbst zu optimieren, liegen oft Minderwertigkeitsgefühle und ein defizitärer Blick auf sich selbst zugrunde. „Erfolge können kurzfristig zwar selbstwertstabilisierend wirken, den Hunger nach einem optimalen Selbst stillen sie aber nicht. Denn das was ist, ist niemals gut genug“, so der promovierte Psychologe.

Beim Streben nach dem Optimum bleibt das Selbst oft auf der Strecke. Solange bis „die Technik“ streikt, das Herz aussetzt, die Panik rast oder bleierne Erschöpfung jede Flamme erstickt. In der Therapie von Angststörungen und Depressionen (Burnout) sind Selbstwert und Leistungsanspruch geläufige Themen. Für Benedikt Klauke ist Selbstoptimierung letztlich nichts anderes als ein Vermeidungsziel. Häufig geht es eher darum, einen unerwünschten – als nicht genügend empfundenen – Zustand zu vermeiden und nicht darum, ein Ziel zu erreichen, da die Maßstäbe immer weiter nach oben verschoben werden.

Ein solcher Wettkampf gegen sich selbst lässt sich weder mit Sport noch mit gesunder Ernährung gewinnen. „Wichtig ist, positive Ziele zu formulieren, auf die man sich konkret zubewegen kann. In der Psychologie spricht man dann von einem Annäherungsziel. Das kann durchaus eine bessere Trainingszeit sein. Wenn das erzielte Ergebnis aber keine positiven Empfindungen (mehr) auslöst und nicht befriedigt, ist Vorsicht geboten. Dann lohnt sich die Frage nach der Motivation. Denn nach immer fitter und immer gesünder kommt in der Regel krank“, warnt der leitende Psychotherapeut der Münsteraner Klinik. So begännen auch Erkrankungen wie Sportanorexie oder Orthorexie oft mit dem Wunsch, leistungsstärker zu werden und sich gesünder zu ernähren.

Wohin entwickelt sich der Mann? Körperkult und seine Folgen

Super skinny, mega muskulös, Ab-Crack

Wohin entwickelt sich der Mann? Körperkult und seine Folgen im Zeichen des internationalen Männertags am 19. November 2016

artikel-cdk_04112016Münster – Männer des 21. Jahrhunderts müssen etwas zu bieten haben, vor allem körperlich. Noch halten sich Sixpacks und hohle Wangen auf Instagram und Facebook. Doch zeichnet sich schon ein neuer Trend des Bodyformings ab: die „Ab-Crack“, eine senkrecht über den Bauch verlaufende Bindegewebsnaht (medizinisch Linea Alba). Auch hier geht es darum, möglichst viel Körperfett abzutrainieren. Denn dann wird sie sichtbar. Der Social Media gestützte Körperkult hat Folgen: Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wächst rasant, auch in der Männerwelt.

Schon 70 Prozent der Jungen zwischen zehn und 13 Jahren hadern mit ihren Muskeln, rund 30 Prozent mit ihrem Gewicht, so eine vor fünf Jahren veröffentlichte Studie. Diese Zahlen spiegeln den männlichen Zeitgeist wieder. Forscher der University of North Texas fanden jüngst heraus, dass Tinder-Nutzer häufiger unzufrieden mit ihrem Körper sind und weniger Selbstwertgefühl haben als Männer, die auf diese App verzichten. Die Social-Media-Nutzung begründet die negative Körperwahrnehmung zwar nicht, aber sie fördert sie – nicht nur bei Frauen.

„Wir stellen eine deutliche Zunahme an Körperwahrnehmungsstörungen bei Männern fest“, sagt Andreas Pelzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und leitender Arzt der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Was früher vor allem für Frauen galt, gilt heute zunehmend auch für Männer: Die körperliche Erscheinung bestimmt den Selbstwert und vermeintlich den sozialen Erfolg.

Jungs posten reihenweise Selfies mit nacktem Oberkörper. Wer nicht gefällt, wird weggewischt. Auf Facebook, Instagramm – und Tinder. Der Konkurrenzdruck ist enorm. „Man selbst fühlt sich so lange zufrieden, bis ein anderer ein dickeres Sixpack oder eine noch tiefere ‚Ab Crack‘ postet. Ständig wird verglichen und bewertet. Die eigene Person wird permanent abgewertet. Man läuft immer nur hinterher“, erklärt Andreas Pelzer.
Das Risiko, darüber krank zu werden, ist groß. Am größten in der Pubertät. Vor allem sogenannte „Spätentwickler“ sind gefährdet, eine körperdysmorphe Störung, wie Muskelsucht (Biggerexie), oder eine Essstörung zu entwickeln. Minderwertigkeitskomplexe und ein negatives Körperbild spielen bei beiden Erkrankungen eine zentrale Rolle.

Mit einem „perfekten“ Körper hoffen die Jugendlichen, anerkannt und respektiert zu werden. Doch der Versuch, die eigene Unsicherheit wegzutrainieren, schlägt meist fehl. Das ist bei erwachsenen Männern nicht anders. „Selbst wenn das Training kurze Glücksmomente pusht, fühlen sie sich danach eher noch schlechter. Also muss noch mehr trainiert, diätet oder gehungert werden, mit fatalen körperlichen und psychischen Folgen. Denn das Ideal bleibt unerreichbar. Dafür sorgt allein schon die gestörte Körperwahrnehmung. Ohne den Selbstwert aus anderen Quellen zu speisen und ein gesundes Problemlöseverhalten zu lernen, führt die Spirale immer weiter nach unten“, so der leitende Arzt der Christoph-Dornier-Klinik.

Bei Männern bleiben körperdysmorphe Störungen und Essstörungen jedoch noch länger unerkannt als bei Frauen. Experten gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus. Die Schamgefühle sind oft noch größer, die öffentliche Wahrnehmung geringer. Dabei drohen langfristig neben psychischen auch organische Schäden: Wenn der Fettanteil in der Unterhaut zu stark sinkt, beginnt der Körper auch das braune Fettgewebe zu verbrennen, das zum Beispiel die Nieren schützt.
Wer sich zugunsten seiner Muskelmasse einseitig proteinlastig ernährt und gegebenenfalls auch noch Anabolika und aufputschende Drogen schluckt, riskiert nicht nur Mangelerscheinungen, sondern auch Konflikte mit dem Gesetz. Mit Attraktivität und Erfolg hat das so gar nichts mehr zu tun. Es wird Zeit, das Männer(vor)bild wieder mit Inhalt zu füllen.

Essstörungen: Leben am seidenen Faden

An Essstörungen sterben mehr Menschen als an jeder anderen psychischen Erkrankung. Den Betroffenen selbst ist die Lebensgefahr oft nicht bewusst. Sie klar zu benennen, kann ihnen helfen, sich dem Leben wieder zuzuwenden.

CDK-MagersuchtMünster – Besonders hoch ist das Sterberisiko für Menschen, die an Magersucht (Anorexia nervosa) erkranken. Ab einem Body Mass Index von zwölf – berechnet aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern – besteht akute Lebensgefahr.
„Etwa zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an den direkten körperlichen Folgen ihrer Erkrankung. Meistens kollabiert das Herz-Kreislauf-System oder es versagen die Organe. Etwa jeder fünfte Todesfall ist jedoch ein Suizid. Bei bulimiekranken Menschen ist der Anteil an Suiziden im Verhältnis zu den natürlichen Toden sogar noch höher“, erklärt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Lebensmüde Gedanken sind ein häufiger Begleiter

Laut WHO versuchen rund 16 Prozent der Anorexiekranken sich das Leben zu nehmen. Bei bulimischen Patientinnen und Patienten sollen es mehr als doppelt so viele sein. Das Risiko, frühzeitig an den körperlichen oder seelischen Folgen einer Essstörung zu sterben, steigt mit ihrer Chronifizierung. Und auch mit einem späten Beginn der Erkrankung, wie eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität in München jüngst zeigte. Besonders gefährdet sind Patientinnen und Patienten, die alleine leben, und diejenigen, die gewollt oder ungewollt die Therapie vorzeitig abbrechen.

Es ist wichtig, sie sehr ernst zu nehmen

Viele Essstörungen gehen mit Persönlichkeitsstörungen und Depressionen einher. Dies erklärt auch die ausgeprägte Lebensmüdigkeit der Betroffenen. Sie kämpfen an verschiedenen Fronten und rauben sich gleichzeitig all ihre körperliche und geistige Energie. „Es ist wichtig, gezielt nachzufragen und lebensmüde Gedanken sehr ernst zu nehmen. Egal, ob sie appellativ oder resignativ geäußert werden. Das gilt auch in der Therapie. Denn nur dann können wir sie gemeinsam bearbeiten, die Not verstehen, die dahinter steckt, und Perspektiven für ein gesundes Leben entwickeln. Wir müssen unseren Patienten Schutz anbieten und ihnen helfen, mit diesen Gedanken umzugehen – und sie nicht in die Tat umzusetzen“, betont Judith Müller.

„Das Spiel mit dem Tod können sie nur verlieren“

Viele wüssten, dass ihnen die Essstörung nicht gut tut, die psychischen Auswirkungen und die lebensbedrohlichen körperlichen Folgen seien ihnen aber oft nicht bewusst. „Manche können wir aufrütteln, indem wir ihnen ganz klar sagen, dass sie sich auf der Schwelle des Todes befinden. Bei anderen hilft es, sehr deutlich zu machen, dass ihr Verhalten hoch riskant ist und sie das „Spiel“ mit dem Tod nur verlieren können“ so Müller. Ihre Patientinnen und Patienten, die teilweise mit einem BMI unter 13 in die Klinik kommen (und grundsätzlich nicht per Sonde ernährt werden), werden engmaschig internistisch mitbetreut.

Funktionalität der Essstörung erkennen und bearbeiten

Wie gut es gelingt, Patienten wachzurütteln und aus der Lebensmüdigkeit oder lebensbedrohlichen Situation herauszuholen, hängt wesentlich davon ab, welche Bedeutung die Essstörung im Alltag und in Beziehungen hat. Je höher die Funktionalität, desto schwieriger ist es, sich von ihr zu lösen. Wird diese nicht erkannt und psychotherapeutisch bearbeitet, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Therapieabbruchs.

Alltags- und Beziehungsanforderungen mit gesunden Mitteln lösen

„Die Patienten brauchen eine hohe Motivation, um etwas loszulassen, was ihnen unter Umständen jahrelang Halt gegeben hat. Dafür müssen sie die Mechanismen, die die Symptomatik aufrechterhalten, und den Sinn dahinter verstehen. Ansonsten stellt jede Veränderung eine Bedrohung dar. Und sie müssen natürlich auch die Kompetenzen haben beziehungsweise erwerben, Alltags- und Beziehungsanforderungen ohne die Essstörung zu lösen. Psychotherapeutisch haben wir beste Voraussetzungen, um ihnen dabei zu helfen“, so die Psychotherapeutin aus Münster. Weitere Informationen zu Merkmalen und Behandlung von Essstörungen erhalten Betroffene und Angehörige unter www.christoph-dornier-klinik.de.