Schlagwort-Archive: Angsterkrankungen

Angsterkrankungen:
Forscher der Uni Münster suchen Betroffene für eine ambulante Psychotherapie

Münster (mfm/sm) – Ängste vor engen Räumen oder vor Tieren, vor Vorträgen oder vor belebten Plätzen: Solche Empfindungen machen Betroffenen das Leben schwer. Für ein bundesweit laufendes Forschungsprojekt sucht die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster jetzt Menschen, die mit Ängsten im Alltag zu kämpfen haben. Die Teilnahme an der Studie in Münster bietet den Patienten eine unkomplizierte Diagnostik und einen zügigen Therapiebeginn.

Das Projekt mit dem Titel „Providing Tools for Effective Care and Treatment of Anxiety Spectrum Disorders“, kurz PROTECT-AD, untersucht den Einfluss einer Psychotherapie auf das Blut, das Gehirn und weitere körperliche Funktionen bei Menschen mit starken Ängsten. Die Forscher wollen die Wirksamkeit einer intensiven Verhaltenstherapie bei derartigen psychischen Störungen nachweisen. Im zweiten Schritt soll eine entsprechende Behandlung für Betroffene leichter zugänglich werden.

Für den Erfolg der Studie in Münster ist eine große Teilnehmerzahl wichtig: „Wir benötigen insgesamt etwa 100 Patienten im Alter von 18 bis 70 Jahren“, so Projektleiterin Priv.-Doz. Dr. Katja Kölkebeck. Um allen Teilnehmern gerecht zu werden, arbeitet die Uniklinik mit den örtlichen Psychotherapieambulanzen apv und PTA zusammen. Der Zeitraum für die Behandlung von Probanden innerhalb der Studie erstreckt sich bis etwa Mitte des nächsten Jahres.

Für Fragen und direkten Kontakt steht das Studienteam um Kölkebeck per Telefon unter 0251-8356681 oder per E-Mail unter protect-angst@ukmuenster.de zur Verfügung.

Protect-AD_DSC_3539_pres

Bild: Unverzichtbar bei jeder Psychotherapie sind ausführliche Gespräche zwischen den behandelnden Therapeuten und den Patienten (Foto: FZ/Thomas)

Weitere Informationen erhalten Interessierte auch im Internet unter Protectad UKMuenster.

Unter dem Dach von PROTECT-AD arbeiten sieben renommierte Zentren für die Behandlung von Angsterkrankungen in ganz Deutschland zusammen. Insgesamt fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Studie mit 5,3 Millionen Euro.

Quelle: © Medizinische Fakultät Münster

Agoraphobie: Wenn die Reise schon an der Haustür endet

Artikel-CDK_28062016Münster – Etwa fünf Prozent aller Frauen und Männer in Deutschland leiden an einer Agoraphobie. Sie fürchten sich vor öffentlichen Plätzen, vor Menschenmengen, vor Situationen, aus denen eine Flucht schwierig oder peinlich sein könnte. Reisen mit dem Auto, Zug oder Flugzeug in die Sonne, ans Meer sind für die meisten undenkbar. Bei manchen Menschen ist die Angst so groß, dass selbst der nächste Briefkasten unerreichbar erscheint.

Was sind die Symptome der Agoraphobie?

„Eine Agoraphobie kann ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. Oft gibt es ‚magische Grenzen‘, die den Bewegungsradius bestimmen. Eine kann zum Beispiel bis zum 50 Kilometer entfernten Arbeitsplatz reichen, eine andere schon 500 Meter hinter der eigenen Haustür enden. Im schlimmsten Fall ist die Haustür selbst die Grenze“, erklärt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Wer ist von Agoraphobie betroffen?

Frauen sind mehr als doppelt so häufig von der Angsterkrankung betroffen wie Männer; meistens verläuft die Agoraphobie chronisch. Der Wunsch zu verreisen, im Urlaub mal „die Seele baumeln zu lassen“ versiegt jedoch fast nie. Meist ist die Angst vor der Angst das größte Hindernis. „Diese sogenannte Erwartungsangst drängt die positiven Gedanken an eine Reise in den Hintergrund und hemmt sowohl die geistige als auch die körperliche Beweglichkeit, die korrigierende Erfahrungen ermöglichen würde. Sie ist also ein wesentlicher aufrechterhaltender Faktor, der durch das Vermeiden der angstbesetzten Situationen weiter verstärkt wird“, so Klauke.

Zu erleben wie der Schweiß ausbricht, sich der Brustkorb verengt, das Herz rast und der Kopf im Schwindel versinkt, macht Angst. Angst, die Kontrolle zu verlieren, hilflos ausgeliefert zu sein, in Ohnmacht zu fallen oder gar zu sterben. Wie in einem Teufelskreis schaukelt sich die Angst immer weiter auf. Panikattacken sind keine Seltenheit.

Behandlungsmöglichkeiten

Wer wieder selbst über sein Leben bestimmen möchte, muss sich seiner Angst stellen. „Es geht dabei nicht ausschließlich darum, die Angstsymptome auszuhalten, sondern sie bewusst wahrzunehmen, zu akzeptieren und sich trotzdem Schritt für Schritt weiterzubewegen und neue, positive Erlebnisräume zu erobern. Die Erfahrung, nicht vor Angst zu sterben, ist eine wichtige, aber eher passive Erfahrung. Noch wichtiger ist es, sich selbst wieder als aktiv handelnden Menschen zu erleben. Das Ziel ist nicht, die Angst auszuschalten, denn sie ist per se nicht gefährlich, sondern ihr an Einfluss zu nehmen und die angstbezogenen Erwartungen zu widerlegen. Dies ist nur über korrigierende Erfahrungen möglich“, betont der Münsteraner Psychologe Benedikt Klauke.

In der Expositionstherapie, der bisher wirksamsten Behandlungsmethode von Angsterkrankungen, verschiebt sich der Fokus zunehmend von der reinen Habituation (sich an die Angst gewöhnen) hin zum sogenannten „inhibitorischen (die Angst hemmenden) Lernen“. Dafür braucht es immer wieder neue (Selbst-)Versuche in unterschiedlichen Situationen, schwierigen und weniger schwierigen. Die Variation unterstützt den Lernprozess. „Für jemanden, der sich jahrelang nur einen Kilometer von Zuhause wegbewegen konnte, fühlt sich ein Besuch bei Freunden, die 20 Kilometer entfernt wohnen, wie eine Weltreise an. Ich erlebe immer wieder bei Patienten, wie stolz sie für jeden gewonnen Meter sind“, so Klauke.

Wichtig ist auch, dass die Betroffenen während der Expositionen die Angst verbalisieren, genau erklären, was sie empfinden, und die aufkommenden Gefühle nicht „wegdrücken“. Auch das helfe, die Kontrolle zurückzugewinnen und die körperliche Angstreaktion zu hemmen. Wenn die Übungen mal nicht gelingen, sei das nicht schlimm, sagt der Psychologe. Es gehe darum, den einzelnen Schritt zu würdigen und am Ball zu bleiben. Besonders motivierend sei ein attraktives Ziel – zum Beispiel ein gemeinsamer Familienurlaub am Meer.

Beratungstelefon
Mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr können sich Betroffene und Angehörige kostenlos über die Behandlungsmöglichkeiten der Agoraphobie informieren. Zu erreichen sind die Experten der Christoph-Dornier-Klinik unter +49 (0)251 4810-148.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster