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Täter ohne Tat

25 Jahre leidet Uwe Saaler* an aggressiven Zwangsgedanken. Sie richten sich gegen diejenigen, die er am meisten liebt: seine Frau, seine Kinder und seine Enkel. Die Scham sitzt tief; keiner weiß, dass er krank ist. Stundenlang grübelt er, meidet den Kontakt. Dann bricht er sein Schweigen – und findet Hilfe

Münster – Der 63-Jährige ist kein Einzelfall. Mehr als zwei von zehn Menschen erkranken an therapiebedürftigen Zwängen. Obwohl sie eine der häufigsten psychischen Erkrankungen sind, werden sie am seltensten behandelt. Die Tendenz, sie aus Scham und Angst zu verheimlichen, ist groß, besonders bei aggressiven Zwangsgedanken, die sich meistens gegen geliebte Menschen richten. Das erschwert auch die richtige Diagnose.

„Menschen, die aggressive Zwangsgedanken entwickeln, erlauben es sich häufig gerade nicht, aggressive Gedanken oder Impulse zu haben und diese in irgendeiner Form auszuleben. Insbesondere gegenüber Familienangehörigen sind Gefühle wie Ärger oder Wut fast tabu. Dieser hohe moralische Anspruch begünstigt die Entwicklung der aggressiven Zwangsgedanken. Je stärker das Verbot ist, desto bedeutungsvoller und mächtiger werden sie“, erklärt Benedikt Klauke, leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Werkzeuge und Kissen werden gedanklich zum Mordinstrument

Bei Uwe Saaler beginnen die Gedanken, als er mit seiner kleinen Tochter eine Puppenstube baut. Während er die Seitenwände vernagelt, denkt er, dass er sie mit dem Hammer erschlagen könnte. Der Gedanke setzt sich fest, wiederholt sich immer wieder, zu Hause, im Baumarkt, bei den Kindern, bei seiner Frau und später bei den Enkeln. Nach schweren Werkzeugen werden auch Kissen „gefährlich“. Der Zwang dehnt sich aus. Schließlich bricht ihm bei jeder Begegnung mit seinen Enkeln der Schweiß aus. Er zieht sich zunehmend zurück und grübelt, oft stundenlang.

Der drohende Verlust der Familie gibt den Anstoß sich zu öffnen

„Die Jahre von 2010 bis 2015 waren die schlimmsten“, sagt Uwe Saaler. Seine Frau und Töchter fragen immer häufiger, warum er nicht zuhört, werfen ihm vor, kein Interesse mehr an ihnen zu haben. Keiner weiß, dass er krank ist. „Das schreckliche Gefühl, nicht mehr zur Familie zu gehören, war der zentrale Anstoß, mich zu öffnen.“ Seine schlimmsten Gedanken behält er für sich. Er befürchtet, dass seine Familie Angst vor ihm haben könnte. Bei ihm treten die Zwangsgedanken oft in Kombination mit materiellen Ängsten oder enttäuschter Erwartung auf. Benedikt Klauke erklärt: „Aufdringliche Gedanken setzen sich häufig auf unangenehme Gefühle, wie Ablehnung, Enttäuschung oder Verlustangst, wenn andere Strategien, diese auszuleben, fehlen“.

2015 wendet sich Saaler an eine Psychiaterin und bekommt Antidepressiva. Es geht ihm besser, aber seine Zwänge lösen sie nicht. Ein Jahr später rät ihm eine Psychologin, sich stationär behandeln zu lassen. Eine Empfehlung führt ihn nach Münster. Im August 2016 hat er dort in der Christoph-Dornier-Klinik ein Erstgespräch. Das Intensivkonzept habe ihn sofort überzeugt, sagt er.

Mensch-ärgere-dich-nicht mit Enkeln – und Hammer im Gepäck

Wenige Wochen später beginnt seine sechswöchige stationäre Therapie. Die Diagnose lautet „Zwangsgedanken und -handlungen, gemischt“. Jede Woche hat er zehn Einzelpsychotherapiesitzungen. Zusätzlich besucht er Gruppentherapien, darunter die Achtsamkeits- und die Zwangsbewältigungsgruppe. In den ersten zwei Wochen erarbeitet er mit seiner Therapeutin vor allem die biographischen Hintergründe und ein Erklärungsmodell für die Erkrankung. Graphen und Zeichnungen helfen, die Zusammenhänge zu verstehen. „Das war sehr anstrengend, weil man so viel verarbeiten muss“, berichtet der 63-Jährige.

Ab der dritten Woche beginnen die Expositionsübungen, mit und ohne Therapeutin, später auch im familiären Kontext. Es ist wichtig, das Gelernte im Alltag zu erproben. Dafür verbringt er Weihnachten bei seiner Tochter. Im Gepäck: ein Hammer. Während er mit seinen Enkeln Mensch-ärgere-dich-nicht spielt, denkt er „Jetzt könnte ich sie mit dem Hammer erschlagen“, immer wieder, wie ein Mantra. „Als ich ihn dann aus dem Beutel geholt habe, habe ich nicht mal geschwitzt. Ich wusste, ich mach das nicht, egal was ich denke. Es sind nur Gedanken und ein Teil meiner Krankheit“, so Saaler.

Gedanken sind keine Handlungen

„Expositionen mit Reaktionsverhinderung sind die wirksamste psychotherapeutische Methode, um Zwänge zu überwinden“, sagt Diplom-Psychologe Klauke. „Zwangsgedanken zu unterdrücken ist ähnlich vergeblich, wie einen prall gefüllten Ball unter Wasser zu halten. Je mehr wir drücken, desto stärker drängt er an die Oberfläche. Deshalb ist es wichtig, den negativ besetzten und angstauslösenden Gedanken bewusst Raum zu geben. Selbst starke, vermeintlich unerträgliche Gefühle lassen mit der Zeit nach. Durch die Erfahrung, dass nichts passiert, dass Gedanken eben keine Handlungen sind, werden sie entkatastrophisiert. Sie verlieren an Bedeutung und treten in der Folge auch seltener auf.“ Parallel dazu sei es wichtig, Denkmuster und Überzeugungen zu bearbeiten, die die Erkrankung aufrechterhalten.

Früher habe er sich ständig selbst beobachtet, alles Negative auf sich bezogen. Durch die Therapie habe er gelernt, bestimmte Annahmen zu hinterfragen und neu zu bewerten. „Mein Lebensinhalt bestand zu 30 Prozent aus Problemen, heute sind es fünf“, sagt Uwe Saaler. Er genießt die zunehmende Freiheit im Kopf, walkt zwischen den Therapien um den Aasee oder die Promenade entlang, besichtigt mit Mitpatienten den Münsteraner Dom, geht mit ihnen schwimmen. Auch dieses Miteinander und der Austausch mit „Leidensgenossen“ habe ihm sehr geholfen. Er möchte Menschen, die an Zwangsgedanken leiden, Mut machen, sich ihrer Situation zu stellen, sich anzuvertrauen und aktiv zu werden: „Hilfe ist da, aber man muss sie sich holen.“

* Zum Schutz der Person wurde der Name geändert.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Wenn immer besser nie gut genug ist

Die Möglichkeiten, sich selbst zu optimieren, scheinen schier grenzenlos zu sein. Denn Defizite lauern überall – im Job, im Sport, in der Familie. Beim Streben nach dem Optimum bleibt das „Selbst“ oft auf der Strecke

Münster – Am 5. Februar eröffnet in München die Internationale Sportmesse. Effiziente Trainingsprogramme, Wearables und Apps sollen helfen, fitter, schlanker, leistungsfähiger zu sein: „Gesundheit wird zum Selbstdesign“. Sich selbst zu überwachen, zu analysieren und zu optimieren liegt weiterhin voll im Trend – beim Sport, im Job, in der Familie. „Etwas verbessern zu wollen, ist ein wichtiger Motor, um sich weiterzuentwickeln“, erklärt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Den allgegenwärtigen Trend zur Selbstoptimierung sieht er dagegen kritisch. Denn dieser fördere ein defizitäres Selbstbild.

Nicht nur im Job, auch im privaten Umfeld kann das Gefühl, die eigene Leistung verbessert, Abläufe optimiert und Zeiten effizienter genutzt zu haben, enorm befriedigend sein. Der Wettbewerb mit sich selbst ist ein bewährtes Mittel, um Höchstleistungen zu erbringen und zu weiteren zu motivieren. Auf Dauer aber kostet er mehr Kraft als die Ergebnisse spenden. Dem Drang, sich selbst zu optimieren, liegen oft Minderwertigkeitsgefühle und ein defizitärer Blick auf sich selbst zugrunde. „Erfolge können kurzfristig zwar selbstwertstabilisierend wirken, den Hunger nach einem optimalen Selbst stillen sie aber nicht. Denn das was ist, ist niemals gut genug“, so der promovierte Psychologe.

Beim Streben nach dem Optimum bleibt das Selbst oft auf der Strecke. Solange bis „die Technik“ streikt, das Herz aussetzt, die Panik rast oder bleierne Erschöpfung jede Flamme erstickt. In der Therapie von Angststörungen und Depressionen (Burnout) sind Selbstwert und Leistungsanspruch geläufige Themen. Für Benedikt Klauke ist Selbstoptimierung letztlich nichts anderes als ein Vermeidungsziel. Häufig geht es eher darum, einen unerwünschten – als nicht genügend empfundenen – Zustand zu vermeiden und nicht darum, ein Ziel zu erreichen, da die Maßstäbe immer weiter nach oben verschoben werden.

Ein solcher Wettkampf gegen sich selbst lässt sich weder mit Sport noch mit gesunder Ernährung gewinnen. „Wichtig ist, positive Ziele zu formulieren, auf die man sich konkret zubewegen kann. In der Psychologie spricht man dann von einem Annäherungsziel. Das kann durchaus eine bessere Trainingszeit sein. Wenn das erzielte Ergebnis aber keine positiven Empfindungen (mehr) auslöst und nicht befriedigt, ist Vorsicht geboten. Dann lohnt sich die Frage nach der Motivation. Denn nach immer fitter und immer gesünder kommt in der Regel krank“, warnt der leitende Psychotherapeut der Münsteraner Klinik. So begännen auch Erkrankungen wie Sportanorexie oder Orthorexie oft mit dem Wunsch, leistungsstärker zu werden und sich gesünder zu ernähren.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Reinigungszwang: Wenn das Leben ohne Handschuh nicht mehr funktioniert

artikel-cdk_21112016Münster – Kalt ist es geworden. Christian D. ist erleichtert. Keiner starrt mehr auf seine Hände, die Handschuhe fallen nicht mehr auf. Im Sommer ist das anders. Rund 50 Paar Einmalhandschuhe verbraucht er am Tag. Sonst könnte er seine Wohnung nicht verlassen, kein Geländer anfassen, keine Tür, keinen Automaten. Alles, was von Menschen berührt wird, ist für ihn potentiell gefährlich.

Seit acht Jahren leidet Christian D. an einem Wasch- und Reinigungszwang. In der Kälte leuchten seine Hände krebsrot. Die Haut ist dünn wie Papier, rissig und wund gewaschen. Und noch anfälliger für Keime, vor denen er sich panisch fürchtet. Die Handschuhe beruhigen ihn, aber nur kurzfristig. Die Angst, sich mit HIV oder anderen schweren Krankheiten zu infizieren, holt ihn immer wieder ein. Egal wie oft und lange er seine Hände wäscht, egal wie viel Desinfektionsmittel er benutzt, egal wie gründlich er putzt. Irgendwann müssen es zwei Lagen Handschuhe sein.

Zwänge spielen sich oft im Verborgenen ab. In Deutschland geht man von mindestens 2,3 Millionen betroffenen Menschen aus. Am häufigsten sind Wasch- und Reinigungszwänge, verbunden mit der panischen Angst, sich oder auch andere durch Schmutz, Körperflüssigkeiten, Bakterien oder Viren zu gefährden. Deshalb wird ein direkter Kontakt möglichst vermieden. Doch schon der Gedanke daran kann Panik auslösen und stundenlange Wasch- und Reinigungsrituale nach sich ziehen.

Die meisten wissen, dass ihr Verhalten mindestens übertrieben ist, und schämen sich dafür. Häufig werden Partner, Eltern oder andere Familienangehörige in die Zwänge einbezogen. Auf Drängen der Betroffenen übernehmen sie Rituale, berühren zum Beispiel bestimmte Dinge nicht oder ziehen sich nach dem Betreten der Wohnung um, um diese nicht zu „verseuchen“, wodurch sich der Zwang weiter verfestigt.

„Oft werden Zwänge mit Ängsten oder Depressionen verwechselt. Bis eine Zwangserkrankung angemessen behandelt wird, vergehen durchschnittlich mehr als sieben Jahre, in denen sich die Menschen durch ihr Leben quälen, wertvolle soziale Kontakte verlieren und nicht selten auch ihren Job. Dabei sind die Behandlungsmöglichkeiten ausgesprochen gut“, sagt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Als Faustregel gilt: Wer täglich mehr als eine Stunde mit Zwangsgedanken oder -handlungen verbringt und darunter leidet, sollte sich professionelle Hilfe suchen. Denn Zwänge verschwinden in der Regel nicht von alleine. Bei Christian D. hat das Leben schließlich nicht mehr funktioniert. Auch mit Handschuhen nicht. Nun lernt er Schritt für Schritt, sich seinen Ängsten zu stellen und weder in die Vermeidung noch in seine Rituale zu flüchten. Er beginnt zu verstehen, dass er Risiken und Gefahren unrealistisch hoch einschätzt und viel zu viel Verantwortung übernehmen möchte. Dass er mit dem Zwang Menschen auf Distanz hält und sich so vor dem Gefühl der Abhängigkeit schützt. Denn auch solche Funktionen kann eine Zwangserkrankung haben.

Um niederschwellig über Behandlungsmöglichkeiten zu informieren, bietet die Christoph-Dornier-Klinik jeden Mittwoch eine kostenlose Telefonberatung an. Zu erreichen sind die Psychologen der Klinik zwischen 17 und 20 Uhr unter +49 (0)251 4810-148. Weitere Informationen erhalten Betroffene und Angehörige auch unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Studienkrise: die Angst zu scheitern

Artikel-CDK_09062016Rund 40 Prozent aller Studienanfänger brechen ihr Studium ab. Häufig sind Leistungsprobleme oder mangelnde Motivation der Grund. Manche haben beides. Sie schieben Aufgaben vor sich her und vermeiden Prüfungen, schaffen es aber nicht, sich aus der Situation zu lösen. Und werden darüber krank.

Oft beginnen die Probleme im Studium. Die Anforderungen steigen. Doch statt sich hoch konzentriert auf die Prüfungen vorzubereiten, ist an Lernen kaum mehr zu denken. Jede Ablenkung ist willkommen. Die Zeit verfliegt, vor allem im Internet. Doch das schlechte Gewissen bleibt. Versagensängste machen sich breit. So ging es auch Jonas Bärwald, der seinen wahren Namen für sich behalten möchte. Mit besten Voraussetzungen begann er Jura zu studieren. Er war es gewohnt Erfolg zu haben. Mit jedem Semester fiel es ihm schwerer, sich zu konzentrieren und zu motivieren. Immer häufiger fehlte er in Seminaren, meldete sich vor Klausuren krank, schob Hausarbeiten vor sich her, versäumte Fristen. Und bekam immer mehr Angst – vor Bewertungen, vor Prüfungen, vor seinen Eltern. Er vermied den Kontakt zu anderen Studenten, denn auf einmal schienen alle an ihm vorbeizuziehen. Er selbst steckte fest. Dann drohte ihm die Exmatrikulation.

„Versteckspiel“ verhindert konstruktive Lösung des Dilemmas

Als Jonas Bärwald in die Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie nach Münster kommt, bestimmen Angst und Depression sein Leben. Einsam hat er das Bild des erfolgreichen Jura-Studenten aufrechterhalten, vor allem gegenüber seinen Eltern, die er nicht enttäuschen möchte. „So ein ‚Versteckspiel‘ hat einen hohen Preis“, sagt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Klinik. „Es entfremdet einen noch weiter von den eigenen Bedürfnissen und verhindert eine konstruktive Lösung des Dilemmas. Menschen wie Jonas Bärwald orientieren sich auf der Suche nach Anerkennung in einem hohen Maß an den Erwartungen anderer, meist wichtiger Bezugspersonen. Sie neigen dazu, fremde Ziele als eigene zu übernehmen. Oft wissen sie gar nicht, was sie selber wollen, und trauen sich nicht zu, Dinge anzugehen, aus Angst zu scheitern. Weil ihnen aber die eigene, intrinsische, Motivation und das Vertrauen in sich selbst fehlen, müssen sie sich noch mehr anstrengen und fühlen sich bald überfordert. Das schürt Aversion und Vermeidung. Es entsteht eine ständige, oft unbewusste Furcht davor zu versagen.“

Betroffene sind in extremer Weise fremdbestimmt

In einem solchen Dilemma gefangen entwickeln die Studenten oft entschuldigende Strategien, erklären ihr „Scheitern“ mit Prüfungsängsten oder mangelnder Betreuung. Ihr Hauptproblem, in extremer Weise fremdbestimmt zu sein und sich davon nicht lösen zu können, ändert das nicht. Auch nicht ihre grundlegende Selbstunsicherheit. Stattdessen wächst die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und den häufig unrealistisch hohen Zielen weiter. Wer es nicht schafft, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, bekommt meist noch weitere Probleme. Nicht selten wird das Internet zum Zufluchtsort. Soziale Beziehungen leiden, Ängste wachsen, häufig entwickelt sich zusätzlich eine Depression. Spätestens dann empfiehlt sich professionelle Hilfe.

Hilfsangebote lieber früher als später nutzen

Eine erste Anlaufstelle kann die Studienberatung sein, oder auch der Hausarzt. Beide bahnen bei Bedarf Kontakte zu psychotherapeutischen Praxen oder Kliniken. Im Internet informiert die Christoph-Dornier-Klinik ausführlich über Ängste, Depressionen, Internetabhängigkeit, Persönlichkeitsstörungen und deren Behandlungsmöglichkeiten. Wer sich telefonisch informieren möchte, kann sich jeden Mittwoch von 17 bis 20 Uhr unter 0251 48 10 148 von den Psychologen der Klinik kostenlos beraten lassen. Weitere Informationen unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Wenn der Kontakt abbricht –
Der 25. April ist internationaler Tag der Eltern-Kind-Entfremdung

Der 25. April ist internationaler Tag der Eltern-Kind-Entfremdung. Die Bindung zu einem Elternteil zu verlieren, kann für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes verheerende Folgen haben

Artikel-CDK_07042016Münster – „Eltern bleibt man sein Leben lang, auch wenn die partnerschaftliche Beziehung endet“, sagt Benedikt Klauke, Leitender Psychologischer Psychotherapeut der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Wenn Eltern sich trennen, bedeutet das für ein Kind eine tiefe Erschütterung des familiären Gefüges und eine große Unsicherheit, wie sich die Beziehungen weiter entwickeln. Dass dies unter anderem Gefühle von Angst und Wut auslösen kann, ist allzu verständlich. „Jeder Mensch hat ein grundlegendes Bedürfnis nach einer verlässlichen und solidarischen Beziehung zu beiden Elternteilen, danach ihnen wichtig zu sein und bedingungslos wertgeschätzt zu werden“, so der Psychologe.

Einer Studie zufolge fürchten sich 37 bis 48 Prozent der Kinder und Jugendlichen in einer Scheidungssituation davor, einen Elternteil zu verlieren. 32 Prozent weisen psychische Veränderungen auf, wie zum Beispiel Trennungsängste, Schlafstörungen, Einnässen, sozialen Rückzug, Leistungsabfall in der Schule oder erhöhtes Risikoverhalten. Etwa 20 Prozent werden auffällig aggressiv. Je konfliktreicher eine Trennung verläuft, desto größer ist die Gefahr, dass Grundbedürfnisse des Kindes verletzt werden. Dies gilt insbesondere, wenn der Kontakt zu einem Elternteil komplett abbricht. Auch wenn andere Bezugspersonen die fehlende Beziehung vielleicht in einem gewissen Grad ausgleichen können, bleibt bei dem Kind meist das schmerzhafte Gefühl, dem Vater oder der Mutter nicht wichtig (gewesen) zu sein. Beziehung wird als etwas Unzuverlässiges, Instabiles erlebt. Keinen Kontakt zu haben bedeutet dann häufig, diesen Eindruck nicht korrigieren zu können.

„Ich bin nicht wichtig“

Besonders gravierend sind die Folgen für das Kind, wenn ihm zusätzlich vermittelt wird, sein Vater oder seine Mutter sei „schlecht“ oder liebe es nicht. Das Gefühl, nicht geliebt zu werden, „es nicht wert zu sein“, zählt zu den schmerzhaftesten überhaupt. „Wenn ein Kind das fehlende Elternteil dann zum Beispiel abwertet, körperliche Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen entwickelt, oder sich besonders brav und gewissenhaft gegenüber dem bleibenden Elternteil verhält, kann dies eine Art Überlebensstrategie sein. Denn all das sichert ihm zumindest Aufmerksamkeit und Zuwendung. Auch aggressives Verhalten kann (unbewusst) diesen Zweck erfüllen“, erklärt Benedikt Klauke.

Was in der Kindheit eine hilfreiche Überlebensstrategie war, bereitet im Jugend- und Erwachsenenalter oft Probleme. Eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung kann das Risiko für die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung erhöhen. Diese ist im Grunde nichts anderes als eine Beziehungs- oder interaktionelle Störung. Die in der Biographie erworbenen wenig hilfreichen Überzeugungen über Beziehungen können dann zu ungünstigen interaktionelle Intentionen und Arten der Beziehungsgestaltung führen.

Betroffene haben Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen, ecken beispielsweise häufig an oder fühlen sich regelmäßig missverstanden. Je stärker Bedürfnisse frustriert werden, desto bedeutsamer werden bzw. bleiben sie. Wer sich aus der Überzeugung heraus „ich bin nicht wichtig“ ständig beweisen oder verteidigen muss, hat es schwerer, befriedigende Beziehungen zu erleben. Nicht selten entwickelt sich daraus dann zusätzlich eine chronische Depression (Dysthymia).

Eine gute Beziehung zu beiden Elternteilen ermöglichen

Eine Trennung ist immer eine große Herausforderung, für die Eltern ebenso wie für die Kinder. Das oberste Ziel sollte dabei sein, den Kindern eine gute Beziehung zubeiden Eltern zu ermöglichen und partnerschaftliche Konflikte nicht auf dem Rücken der Kinder auszutragen. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass diese mit der neuen Situation am besten zurechtkommen, wenn beide Elternteile verlässliche und interessierte Bezugspersonen bleiben.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Reifeprüfung: lernen, mit der Angst umzugehen

Gut vorbereitet ins Abitur zu gehen, ist der beste Schutz vor Prüfungsängsten. Deshalb ist es wichtig, Vermeidungstaktiken rechtzeitig entgegenzuwirken und Raum für Mut machende Lernerlebnisse zu schaffen.

Münster – Am 5. April starten in Nordrhein-Westfalen rund 94.000 Schülerinnen und Schüler ins Abitur. Allein der Gedanke daran hinterlässt bei vielen ein mulmiges Gefühl. Ängste vor Prüfungen sind weit verbreitet und in gewissem Umfang auch normal. Wie „Lampenfieber“ können sie Energiereserven mobilisieren und die Leistungsfähigkeit sogar steigern. Zu viel Angst jedoch lähmt und blockiert die Energien. Studien zufolge leiden etwa zehn bis 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an Prüfungsangst, die im schlimmsten Fall nicht nur die Abiturvorbereitung belastet, sondern auch die Hochschulreife selbst gefährdet.

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Infoabend: Ängste und Depressionen bei Jugendlichen

Viele Jugendliche und junge Erwachsene leiden unter Ängsten und Depressionen, die so einschränkend sind, dass sie behandelt werden müssten. Doch der Weg in eine Therapie ist oft weit. „Je länger eine Angsterkrankung oder Depression in dieser wichtigen Phase der Adoleszenz unbehandelt bleibt, desto stärker wirkt sie sich auf das gesamte Leben aus, weil wichtige Entwicklungsaufgaben nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr er-füllt werden können“, erklärt Vera Frühauf, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Bereichsleiterin Jugendliche und junge Erwachsene der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.

Datum: Mittwoch, 24.02.2016
Ort: Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie,
Tibusstraße 7-11 in 48143 Münster
Uhrzeit: 18.00 – 20.00 Uhr
Zielgruppe: Angehörige, Betroffene und Interessierte
Besonderheiten: Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter
Telefon 0251/4810-102 oder im Internet unter www.c-d-k.de.

Am Mittwoch, dem 24. Februar, informieren Experten der Christoph-Dornier-Klinik Angehörige, Betroffene und Interessierte, woran sie Angsterkrankungen und Depressionen erkennen, wodurch diese entstehen und was sie aufrechterhält. Neben Behandlungsmethoden stellen sie auch konkrete Ideen für Eltern und Lehrer zum Umgang mit betroffenen Jugendlichen vor. Ein offenes Gespräch bietet Raum für weitergehende Fragen und Antworten.

„Die größte Gefahr liegt in der Vermeidung“

Der beste Schutz vor Prüfungsängsten ist eine gute Vorbereitung. Wenn sich die Angst aber nicht nur auf die konkrete Prüfungssituation bezieht, sondern Folge einer allgemeinen Leistungsangst ist oder auf sozialen Ängsten gründet, kann dies schon eine erste, schwer zu überwindende Hürde sein. Lernblockaden, Vermeidungstaktiken, hohe Fehlzeiten in der Schule, Ausreden vor den Eltern – all das spitzt die Problematik weiter zu. „Die größte Gefahr liegt in der Vermeidung, denn sie erhöht den Druck und das Gefühl ‚ich schaff es nicht‘. Außerdem verhindert sie korrigierende Lernerlebnisse, die einen positiven Impuls geben und Mut machen könnten“, sagt Vera Frühauf, Kinder- und Jugend-lichenpsychotherapeutin und Bereichsleiterin Jugendliche und junge Erwachsene der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.

Sich gedanklich mit der Prüfungssituation auseinandersetzen

Daher sei es wichtig, Vermeidungsverhalten rechtzeitig abzubauen, und die Abiturienten darin zu unterstützen, sich den Aufgaben Schritt für Schritt zu stellen. Bei sozial ängstlichen Schülerinnen und Schülern kann eine Aufgabe schon darin bestehen, sich regelmäßig mündlich am Unterricht zubeteiligen. Pläne helfen, Lerninhalte sowie Arbeits- und Pausenzeiten, aber auch das Lernumfeld zu strukturieren; ebenso bestimmte Lernstrategien, zum Beispiel grafische Darstellungen wie „Mind-Maps“. Auch die gedankliche Auseinandersetzung mit der Prüfungssituation kann hilfreich sein: Was kann im schlimmsten Fall passieren? Wie realistisch ist es, dass dieses Katastrophen-szenario eintritt? Und wenn es tatsächlich eintreten sollte, wie gehe ich dann damit um? ‒ ebenso eine sogenannte „Konfrontation in sensu“. Dies bedeutet, sich die schriftliche oder mündliche Prüfung von Anfang bis Ende so konkret wie möglich vorzustellen und Gefühle, die dieses Gedankenexperiment auslöst, bewusst wahrzunehmen, zu akzeptieren und auszuhalten.

Das Bemühen und nicht nur die Leistung bewerten

„Das allerwichtigste ist jedoch, das Bemühen der jungen Menschen zu verstärken und nicht nur auf die Leistung zu achten; ihnen selbst möglichst unaufgeregt zu begegnen und sie zu einem konstruktiven Umgang mit ihrer Angst zu ermutigen“, so Vera Frühauf. Dieser Rat gilt für Lehrer ebenso wie für Eltern.

Hintergründe der Angst erkennen und bearbeiten

Während Leistungsängste vor allem durch einen zu hohen Leistungs- und Erwartungsdruck, schulische Überforderung oder nicht aufgeholte Wissenslücken entstehen, und von der Angst zu versagen geprägt sind, überwiegt bei der sozialen Phobie die Angst vor negativer Bewertung. Im Jugendalter ist sie die am häufigsten gestellte Angstdiagnose und der häufigste Grund für Schulvermeidung. Bei leichteren Formen der Angst kann schon der Besuch einer Beratungsstelle genügen. In anderen Fällen empfiehlt sich eine ambulante oder sogar stationäre Therapie. In jedem Fall ist es wichtig, nicht nur den Umgang mit der Prüfungssituation zu trainieren, sondernauch die Hintergründe der Angst zu bearbeiten ‒ und das Selbstwertgefühl zu stärken. Sich trotz widriger Umstände dem Abitur zu stellen, kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten.In der Prüfung darauf vertrauen, dass sich die Angst legtBei Blackouts in der Prüfung rät die Diplom-Psychologin aus Münster: „Hand auf den Bauch und tief durchatmen; sich auf die Fragestellung konzentrieren und nicht auf den Körper; darauf vertrauen, dass sich die Angst legt. In mündlichen Prüfungen hilft es, den Blackout offen anzusprechen und sich die Frage noch einmal wiederholen zu lassen.“