Störfaktoren bei Versorgung Schwerkranker minimieren:
UKM installiert intelligentes Raum- und Alarmkonzept (Adaptive Healing Room) auf Intensivstation

UKM neben Charité eine der ersten Kliniken mit „Adaptive Healing Room“ / Pilotprojekt soll Folgekomplikationen wie Delir verhindern

Münster (ukm/maz) – Am UKM (Universitätsklinikum Münster) wurden heute zwei sogenannte „Adaptive Healing Rooms“ vorgestellt, die lebensbedrohlich erkrankte Patienten auf der operativen Intensivstation in der Genesung besser unterstützen und das Risiko möglicher Folgekomplikationen verringern sollen. Die neuen Zimmer, die im Rahmen eines Pilotprojekts installiert wurden, zeichnen sich durch ein intelligentes Raum- und Alarmkonzept aus, das durch Geräuschreduktion und spezielle Lichtsteuerung u.a. einen deutlich verbesserten Tag-Nacht-Rhythmus ermöglicht, der für die Zeit der Rekonvaleszenz eines schwer kranken Patienten von hoher Bedeutung sein kann. Das UKM ist neben der Charité in Berlin eine der ersten Kliniken, die solch ein Raumkonzept auf Basis moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse und mit den neuesten technischen Möglichkeiten umgesetzt haben.

„Die Intensivtherapie stellt uns stets vor eine besondere Herausforderung: Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen müssen 24 Stunden täglich versorgt werden. Doch die medizinischen Geräte, deren Alarm- und Hinweistöne und die fortwährende Aktivität des Personals sind wiederum eine ständige Geräuschkulisse, zu jeder Tages- und Nachtzeit“, erklärt Prof. Dr. Hugo Van Aken, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie des UKM. Die Folge: Die fehlende Orientierung über Tageszeit und Ort trägt dazu bei, dass etwa 20 Prozent aller stationären Patienten ein Delir (vorübergehende Störung des Bewusstseins) entwickeln, bei den über 65-Jährigen sind es sogar fast die Hälfte. Besonders hoch ist das Risiko bei Patienten nach herzchirurgischen Operationen.

Zwar verschwinden die Symptome oft schnell, jedoch haben Patienten, die ein solches Delir erleiden, generell eine schlechtere Aussicht auf Heilung und häufiger Komplikationen sowie mittelfristig eine erhöhte Mortalität. „Das ist durch eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien gut nachgewiesen. Uns ist es deshalb ein großes Anliegen, die delir-auslösenden Faktoren für unsere Patienten weitestgehend zu minimieren“, sagt Prof. Dr. Norbert Roeder, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKM.

Spezielles Licht und vertraute Bilder unterstützen zeitliche und räumliche Orientierung

Das Konzept im „Adaptive Healing Room“ basiert auf zwei verschiedenen Komponenten: Das intelligente Alarmsystem verhindert eine überflüssige Geräuschbelastung von Patienten, aber auch Angehörigen und Personal und trägt gleichzeitig zur Patientensicherheit bei, da unnötige Hinweistöne gefiltert werden und die Aufmerksamkeit auf relevante Alarme gelenkt wird. Darüber hinaus sorgen Veränderungen der Raumstruktur und -gestaltung dafür, dass Ruhephasen und damit Erholung möglich werden und ein Tag-Nacht-Rhythmus möglichst beibehalten wird. „Durch Licht einer bestimmten Wellenlänge wird zum Beispiel Sonnenlicht simuliert, sodass im Körper Botenstoffe freigesetzt werden“, sagt Prof. Dr. Björn Ellger, Leiter der operativen Intensivmedizin. „Diese können positiv für den Heilungsverlauf sein.“ Durch eine Multimediainstallation im Patientenzimmer können zudem Bilder von vertrauten Landschaften, Aktivitäten oder der Familie – gut dosiert und der aktuellen Situation des Patienten angepasst – gezeigt werden. „Solche Projektionen geben Orientierung über Zeit, Ort und Tagesplanung. Das vermittelt dem Patienten Sicherheit“, so Ellger. „Außerdem wird durch all diese Maßnahmen die von Patienten und ihren Angehörigen auf Intensivstationen oft als bedrohlich empfundene Atmosphäre verbessert.“

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Bild: Lichtinstallationen an der Decke und Multimediaprojektionen an der Wand sind nur zwei der Neuerungen auf der Intensivstation 19a Ost des UKM, die zur Verringerung des Risikos eines Delirs beitragen sollen. V.l.n.r.: Benno Lechtenberg (Pflegeleitung), Prof. Dr. Hugo Van Aken, Prof. Dr. Norbert Roeder, Sabine Simski (Klinikenpflegedienstleitung), Prof. Dr. Björn Ellger und Monika Reuter (stellv. Pflegeleitung).

Insgesamt wurden am UKM 85.000 Euro investiert; sieben Wochen hat der Umbau der beiden Räume, die in den warmen Farbtönen Gelb und Orange gehalten sind und über jeweils zwei Betten verfügen, in Anspruch genommen. Dabei wurden auch ergonomische Gesichtspunkte berücksichtigt, um die Belastung für das Personal in der Intensivmedizin zu reduzieren.

Begleitet wird das Pilotprojekt im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie von Prof. Dr. Björn Ellger und Privat-Dozent Dr. Thomas Duning (Leiter der Gedächtnisambulanz in der Klinik für Allgemeine Neurologie), um Vor- und Nachteile zu untersuchen und die Ergebnisse in weitere Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen am Klinikum einfließen zu lassen.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster