St. Franziskus-Hospital engagiert sich für Kinderschutz

Eigene Kinderschutzgruppe (KSG) einmalig in Münster

Münster – Anlässlich des ersten Kinderschutzforums im St. Franziskus-Hospital hatte PD Dr. Michael Böswald, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Gründer der Kinderschutzgruppe (KSG) im St. Franziskus-Hospital jetzt zu einer Expertenrunde geladen. Zum Thema „Sexueller Missbrauch im Kindes- und Jugendalter“ referierten auch Stephanie Kersting, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz des DRK-Kreisverbandes Münster, Heinrich Freese, Fachkommissariat für Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (KK11), Udo Hartmann, Fachdienst Kinderschutz beim Amt für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Münster und Britta Franz, Heilpädagogin in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des St. Franziskus-Hospitals, vor zahlreichen Mitarbeitern.

„Leider sehen wir in der Kinderklinik relativ oft Kinder und Jugendliche mit dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch oder Misshandlung und stehen dann vor der Frage, wie wir weiter vorgehen“, beschrieb Dr. Böswald eine schwierige Situation im Krankenhausalltag. „Die Befunde der Ganzkörperuntersuchung und die Aussagen des Kindes müssen dokumentiert und die Spuren gesichert werden. Dabei ist es überaus wichtig, sehr einfühlsam mit den Kindern umzugehen. Wenn das Kind nicht untersucht werden möchte, dann lässt man es sein.“ Der Tathergang müsse nicht von den Pflegenden oder Ärzten erfragt werden, das sei Aufgabe der Polizei. Dr. Böswald stellte Beispiele für körperliche Zeichen eines sexuellen Missbrauchs vor und wies darauf hin, dass das häufige Fehlen körperlicher Befunde einen Missbrauch nicht ausschließe.

Wie das medizinische Personal einen Kindesmissbrauch anhand von Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern erkennen kann, erklärte Stephanie Kersting. „Bei den meisten Missbrauchsfällen sind zum Zeitpunkt der Anzeige keine medizinischen Spuren mehr sichtbar. Deshalb ist es wichtig, bei bestimmten Verhaltensmerkmalen aufmerksam zu werden. Es gibt, vom Alter abhängig, mögliche und wahrscheinliche Auffälligkeiten.“

Wann die Polizei hinzugezogen werden sollte, erklärte Heinrich Freese. „Das Problem ist, dass wir viele Fälle von sexuellem Missbrauch gar nicht mitbekommen. Wir sind darauf angewiesen, dass uns jemand einen Hinweis gibt oder einen Missbrauch anzeigt“, sagte Freese. „Wenn wir als Polizei dazu kommen, wurden die Kinder meist schon von Ärzten, Familienangehörigen, Nachbarn oder Lehrern vernommen. Alle haben schon Fragen gestellt und die Kinder wissen oft gar nicht mehr, was sie sagen sollen.“

Wenn die Betroffenen oder Eltern die Polizei nicht rufen möchten, können eventuelle Spuren anonym gesichert werden und die Krankenhausmitarbeiter sollten sich über die Kinderschutzgruppe des Hospitals oder direkt an die „Clearingstelle“ wenden. Dies ist ein deutschlandweit einzigartiges Beratungsgremium für Fachkräfte in Münster, das bei Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung den Fall beurteilt und das erforderliche Vorgehen zum Wohle des Kindes abstimmt. Die Clearingstelle setzt sich zusammen aus je einem speziell geschulten Mitarbeiter des Jugendamtes, der Ärztlichen Kinderschutzambulanz, der Polizei sowie einer Kinder- und Jugendpsychiaterin vom Gesundheitsamt Münster und einem Familienrichter i.R.. Das Besondere an dem Gremium ist, dass mögliche Missbrauchsfälle anonym und professionell beurteilt werden, ohne dass diese zur Anzeige gebracht werden müssen. Außerhalb der Clearingstelle muss die Polizei jedem Verdacht offiziell nachgehen und jeden Missbrauch zur Anzeige bringen. „Bei der Polizei geht es um die Bestrafung des Täters, also die strafrechtliche Zuständigkeit. Der Schutz des Minderjährigen wird durch das Jugendamt sichergestellt, das zivilrechtlich zuständig ist“, erklärte Udo Hartmann. „Wir beraten hinsichtlich der erforderlichen Kinderschutzinteressen, unabhängig von einem möglichen strafrechtlichen Verfahren. Das Jugendamt hat keine Anzeigepflicht von Straftaten zum Nachteil von Minderjährigen.“

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Bild: Die Experten des ersten Kinderschutzforums klärten über das Verhalten bei Anzeichen für Kindesmissbrauch auf (v.l.): Britta Franz, St. Franziskus-Hospital, Heinrich Freese, Polizei Münster (KK11), Udo Hartmann, Stadt Münster, PD Dr. Michael Böswald, St. Franziskus-Hospital und Stephanie Kersting, Ärztliche Kinderschutzambulanz, DRK-Kreisverband Münster.
Im Jahr 2013 gründete PD Dr. Michael Böswald im St. Franziskus-Hospital die bis heute einzige Kinderschutzgruppe (KSG) eines münsterischen Krankenhauses. Seit 2014 ist die KSG Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Kinderschutz in der Medizin (AG KiM), die deutschlandweit krankenhausinterne Kinderschutzgruppen fördert und unterstützt sowie eigene anerkannte Leitlinien entwickelt hat. Die KSG des St. Franziskus-Hospitals ist eine interdisziplinäre Gruppe, die aus insgesamt drei Kinder- und Jugendärzten, vier Gesundheits- und Kinderkrankenschwestern, einer Heilpädagogin sowie einer Sozialarbeiterin aus dem St. Franziskus-Hospital und einem Mitarbeiter des Kinderschutzbundes Münster besteht. Die Mitglieder der KSG sind darin geschult, Vernachlässigung, Gewalt und Misshandlung an Kindern und Jugendlichen zu erkennen. Abhängig von dem vorliegenden Fall koordiniert die KSG das weitere Vorgehen. Sie fungiert im St. Franziskus-Hospital als Ansprechpartner für Opfer, Angehörige und medizinisches Fachpersonal.

Quelle: © St. Franziskus-Hospital Münster