Reifeprüfung: lernen, mit der Angst umzugehen

Gut vorbereitet ins Abitur zu gehen, ist der beste Schutz vor Prüfungsängsten. Deshalb ist es wichtig, Vermeidungstaktiken rechtzeitig entgegenzuwirken und Raum für Mut machende Lernerlebnisse zu schaffen.

Münster – Am 5. April starten in Nordrhein-Westfalen rund 94.000 Schülerinnen und Schüler ins Abitur. Allein der Gedanke daran hinterlässt bei vielen ein mulmiges Gefühl. Ängste vor Prüfungen sind weit verbreitet und in gewissem Umfang auch normal. Wie „Lampenfieber“ können sie Energiereserven mobilisieren und die Leistungsfähigkeit sogar steigern. Zu viel Angst jedoch lähmt und blockiert die Energien. Studien zufolge leiden etwa zehn bis 20 Prozent aller Schülerinnen und Schüler an Prüfungsangst, die im schlimmsten Fall nicht nur die Abiturvorbereitung belastet, sondern auch die Hochschulreife selbst gefährdet.

Pruefungsäengste_bei_Jugendlichen

Infoabend: Ängste und Depressionen bei Jugendlichen

Viele Jugendliche und junge Erwachsene leiden unter Ängsten und Depressionen, die so einschränkend sind, dass sie behandelt werden müssten. Doch der Weg in eine Therapie ist oft weit. „Je länger eine Angsterkrankung oder Depression in dieser wichtigen Phase der Adoleszenz unbehandelt bleibt, desto stärker wirkt sie sich auf das gesamte Leben aus, weil wichtige Entwicklungsaufgaben nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr er-füllt werden können“, erklärt Vera Frühauf, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Bereichsleiterin Jugendliche und junge Erwachsene der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.

Datum: Mittwoch, 24.02.2016
Ort: Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie,
Tibusstraße 7-11 in 48143 Münster
Uhrzeit: 18.00 – 20.00 Uhr
Zielgruppe: Angehörige, Betroffene und Interessierte
Besonderheiten: Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter
Telefon 0251/4810-102 oder im Internet unter www.c-d-k.de.

Am Mittwoch, dem 24. Februar, informieren Experten der Christoph-Dornier-Klinik Angehörige, Betroffene und Interessierte, woran sie Angsterkrankungen und Depressionen erkennen, wodurch diese entstehen und was sie aufrechterhält. Neben Behandlungsmethoden stellen sie auch konkrete Ideen für Eltern und Lehrer zum Umgang mit betroffenen Jugendlichen vor. Ein offenes Gespräch bietet Raum für weitergehende Fragen und Antworten.

„Die größte Gefahr liegt in der Vermeidung“

Der beste Schutz vor Prüfungsängsten ist eine gute Vorbereitung. Wenn sich die Angst aber nicht nur auf die konkrete Prüfungssituation bezieht, sondern Folge einer allgemeinen Leistungsangst ist oder auf sozialen Ängsten gründet, kann dies schon eine erste, schwer zu überwindende Hürde sein. Lernblockaden, Vermeidungstaktiken, hohe Fehlzeiten in der Schule, Ausreden vor den Eltern – all das spitzt die Problematik weiter zu. „Die größte Gefahr liegt in der Vermeidung, denn sie erhöht den Druck und das Gefühl ‚ich schaff es nicht‘. Außerdem verhindert sie korrigierende Lernerlebnisse, die einen positiven Impuls geben und Mut machen könnten“, sagt Vera Frühauf, Kinder- und Jugend-lichenpsychotherapeutin und Bereichsleiterin Jugendliche und junge Erwachsene der Christoph-Dornier-Klinik für Psychotherapie in Münster.

Sich gedanklich mit der Prüfungssituation auseinandersetzen

Daher sei es wichtig, Vermeidungsverhalten rechtzeitig abzubauen, und die Abiturienten darin zu unterstützen, sich den Aufgaben Schritt für Schritt zu stellen. Bei sozial ängstlichen Schülerinnen und Schülern kann eine Aufgabe schon darin bestehen, sich regelmäßig mündlich am Unterricht zubeteiligen. Pläne helfen, Lerninhalte sowie Arbeits- und Pausenzeiten, aber auch das Lernumfeld zu strukturieren; ebenso bestimmte Lernstrategien, zum Beispiel grafische Darstellungen wie „Mind-Maps“. Auch die gedankliche Auseinandersetzung mit der Prüfungssituation kann hilfreich sein: Was kann im schlimmsten Fall passieren? Wie realistisch ist es, dass dieses Katastrophen-szenario eintritt? Und wenn es tatsächlich eintreten sollte, wie gehe ich dann damit um? ‒ ebenso eine sogenannte „Konfrontation in sensu“. Dies bedeutet, sich die schriftliche oder mündliche Prüfung von Anfang bis Ende so konkret wie möglich vorzustellen und Gefühle, die dieses Gedankenexperiment auslöst, bewusst wahrzunehmen, zu akzeptieren und auszuhalten.

Das Bemühen und nicht nur die Leistung bewerten

„Das allerwichtigste ist jedoch, das Bemühen der jungen Menschen zu verstärken und nicht nur auf die Leistung zu achten; ihnen selbst möglichst unaufgeregt zu begegnen und sie zu einem konstruktiven Umgang mit ihrer Angst zu ermutigen“, so Vera Frühauf. Dieser Rat gilt für Lehrer ebenso wie für Eltern.

Hintergründe der Angst erkennen und bearbeiten

Während Leistungsängste vor allem durch einen zu hohen Leistungs- und Erwartungsdruck, schulische Überforderung oder nicht aufgeholte Wissenslücken entstehen, und von der Angst zu versagen geprägt sind, überwiegt bei der sozialen Phobie die Angst vor negativer Bewertung. Im Jugendalter ist sie die am häufigsten gestellte Angstdiagnose und der häufigste Grund für Schulvermeidung. Bei leichteren Formen der Angst kann schon der Besuch einer Beratungsstelle genügen. In anderen Fällen empfiehlt sich eine ambulante oder sogar stationäre Therapie. In jedem Fall ist es wichtig, nicht nur den Umgang mit der Prüfungssituation zu trainieren, sondernauch die Hintergründe der Angst zu bearbeiten ‒ und das Selbstwertgefühl zu stärken. Sich trotz widriger Umstände dem Abitur zu stellen, kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten.In der Prüfung darauf vertrauen, dass sich die Angst legtBei Blackouts in der Prüfung rät die Diplom-Psychologin aus Münster: „Hand auf den Bauch und tief durchatmen; sich auf die Fragestellung konzentrieren und nicht auf den Körper; darauf vertrauen, dass sich die Angst legt. In mündlichen Prüfungen hilft es, den Blackout offen anzusprechen und sich die Frage noch einmal wiederholen zu lassen.“