Multiple Sklerose:
Neuer Wirkansatz gegen Fortschreiten der Erkrankung entdeckt

Münster – Das Rezept für die optimale Therapie von Multipler Sklerose (MS) klingt simpel: den Krankheitsprozess erkennen, sobald er beginnt, die schädlichen Zellen analysieren, die Therapie individuell auf den Patienten abstimmen und engmaschig überwachen. Bisher gibt es dabei aber vor allem ein Hindernis: Die Nervenentzündung wird oft erst spät erkannt – wenn sie schon seit Monaten oder Jahren im zentralen Nervensystem wütet. Dann sind Nervenzellen unwiderruflich zerstört und Körperfunktionen dauerhaft verloren. Neuroimmunologen des Departments für Neurologie am Universitätsklinikum Münster haben nun einen Mechanismus entdeckt, der das Fortschreiten einer bereits bestehenden MS verhindern könnte.

Schlüssel für diesen neuen Wirkansatz ist der Gallensäurerezeptor Farnesoid X. Er findet sich beispielsweise in den weißen Blutkörperchen, den Makrophagen, die im Knochenmark gebildet werden. Wie alle Kernrezeptoren ist auch dieser ein Ankerplatz auf dem Zellkern, an den bestimmte Medikamente andocken können, um ihre Wirkung zu entfalten. Wissenschaftler aus dem Team um Priv.-Doz. Dr. Luisa Klotz konnten nun nachweisen, dass der Farnesoid X schädliche Zellen in Schach halten und sogar bereits geschädigte Nervenzellen reparieren kann. Dazu muss der Rezeptor in den weißen Blutkörperchen mit einem mit der Gallensäure verwandten Wirkstoff aktiviert werden. Bei Mäusen hilft dieses Vorgehen selbst in der späten Phase der Krankheit – wenn andere Medikamente versagen. Das Forscherteam konnte zeigen, dass der Reparaturrezeptor auch bei Zellen menschlicher MS-Patienten funktioniert. „Das ist eine enorm gute Nachricht für Ärzte und Patienten. Denn die meisten Betroffenen kommen ja mit einer bereits länger bestehenden MS zu uns.“, weiß Klotz, die die Untersuchungen durchführte.

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Bild: Die Wissenschaftler Priv.-Doz. Dr. Luisa Klotz und Martin Herold in ihrem Labor.

Vom Labortisch zum Patienten ist es zwar noch ein weiter Weg. Doch in diesem Fall stehen die Chancen, dass aus der münsterschen Entdeckung ein Medikament wird, gut: Im Gegensatz zu etlichen anderen Molekülen ist für den Farnesoid-X-Rezeptor bereits erwiesen, dass er sich als Anknüpfungspunkt für Medikamente eignet, die auch beim Menschen wirken. „Ein Präparat, das den Rezeptor aktiviert, wird schon heute in klinischen Studien zur Behandlung von Lebererkrankungen getestet.“, berichtet Klotz. Was den Nutzen von Farnesoid X für künftige MS-Patienten angeht ist sie deshalb zurückhaltend optimistisch: „Eine therapeutische Anwendung bei MS ist in Zukunft durchaus möglich.“

Quelle: Hucke S, Herold M, Liebmann M, Freise N, Lindner M, Fleck AK, Zenker S, Thiebes S, Fernandez-Orth J, Buck D, Luessi F5, Meuth SG, Zipp F, Hemmer B, Engel DR, Roth J, Kuhlmann T, Wiendl H, Klotz L. The farnesoid-X-receptor in myeloid cells controls CNS autoimmunity in an IL-10-dependent fashion. Acta Neuropathol. 2016 Sep;132(3):413-31.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster