„Monsterjagd mit Suchtpotenzial“ – Macht Pokémon Go süchtig?

Artikel-CDK_18072016Münster – Fragen an die Diplom-Psychologin Judith Müller. Sie ist stellvertretende Leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Zu ihren Patienten zählen auch Menschen, die sich in der virtuellen Welt verloren haben.

„Irre Monsterjagd mit Suchtpotenzial“ betitelt die Nachrichtenagentur dpa den Hype um Pokémon Go. Mehr als zehn Millionen Menschen haben sich das sogenannte Augmented-Reality-Spiel in Deutschland bereits heruntergeladen. Unermüdlich jagen sie nun kleine digitale Monster, sammeln Punkte, kämpfen.

Macht Pokémon Go süchtig?

Judith Müller (JM): Das Spiel hat ebenso viel Suchtpotenzial wie andere Computer- oder Onlinespiele auch. Besonders ist sicherlich die Vermischung von Realität und Fiktion, mit der die Grenzen noch weiter verschwimmen. Nur weil man sich in der realen Welt bewegt, was grundsätzlich ein positiver Effekt ist, nimmt man ja nicht automatisch am realen Leben teil. Wer komplett im Spiel versinkt, nimmt seine Umgebung kaum mehr wahr – das gilt „indoor“ ebenso wie „outdoor“. Wobei hier das Risiko größer ist, körperlich Schaden zu nehmen, weil man zum Beispiel bei der „Jagd“ vor ein Auto läuft. Psychisch und sozial wird es für diejenigen problematisch, die so tief im Spiel versinken, dass sie es nicht oder kaum noch schaffen, aufzutauchen und sich den realen Lebensaufgaben zu widmen. Das gilt übrigens für alle Formen der exzessiven Mediennutzung, also auch für soziale Netzwerke oder Youtube.

Wer ist gefährdet, in eine Abhängigkeit zu rutschen?

JM: Unserer Erfahrung nach sind besonders Menschen gefährdet, eine Medienabhängigkeit zu entwickeln, die hohe Erwartungen an sich selbst stellen, aber wenig Vertrauen haben, diese Erwartungen auch erfüllen zu können. Hierzu zählt zum Bei-spiel der Student, der in die virtuelle Welt abtaucht, statt sich auf Prüfungen vorzubereiten, weil er dort klare Aufträge, klare Regeln und (schnelle) Erfolgserlebnisse findet – strukturierte Ablenkung, unbegrenzt verfügbar. Auch Pokémon Go bedient diese grundmenschlichen Motive. Es gibt einen weitgehend fremdbestimmten Rahmen, der relativ wenig autonomes Handeln erfordert. Das kann zeitweilig sehr entspannend sein. Die meisten Menschen mit einer Medienabhängigkeit sind sozial eher ängstlich, manchmal auch sozial isoliert, haben ein geringes Selbstwertgefühl oder sind familiär entfremdet. Auch Suchterkrankungen von Angehörigen können ein Risikofaktor sein, ebenso eine fehlende Perspektive. Wer sich in die virtuelle Welt flüchtet, weil er im realen Leben nicht zurechtkommt, läuft Gefahr, sich dort zu verlieren – selbst wenn er sich dabei auf realen Wegen bewegt.

Woran macht sich eine Medienabhängigkeit bemerkbar?

JM: Zu den Symptomen der Medienabhängigkeit zählen

  • ein starkes Bedürfnis oder ein innerer Zwang zu spielen, in sozialen Netzwerken
    oder zum Beispiel auf Youtube unterwegs zu sein,
  • Kontrollverlust,
  • Entzugserscheinungen wie innere Unruhe, Schlafstörungen, Gereiztheit und
    Aggressivität, wenn zum Beispiel das Internet nicht funktioniert.
  • Stetige Zunahme der Medien- oder Internetaktivität, weil das Spielen/Chatten
    immer weniger entspannt oder befriedigt. Sogenannte Toleranzentwicklung.
  • „Offline“-Hobbys, Lebensaufgaben und soziale Kontakte werden vernachlässigt,
  • negativen Folgen, wie Misserfolg in der Schule oder im Studium, Gefährdung
    oder sogar Verlust des Arbeitsplatzes, verdrängt.
  • Viele Menschen mit einer Medienabhängigkeit leiden zusätzlich an einer
    Depression, einer Persönlichkeitsstörung, einer Angst- oder Suchterkrankung.

Was empfehlen Sie den betroffenen Menschen?

JM: Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, auch als Angehörige! Es gibt inzwischen gute Beratungs- und ambulante Hilfsangebote, auch wenn die Versorgungslage insgesamt noch nicht optimal ist. Wenn das Problem schon länger besteht, sich schwerwiegende Folgen wie der Verlust der Partnerschaft oder des Arbeitsplatzes abzeichnen, der soziale Rückhalt fehlt und weitere psychische Probleme auftreten, sollten sie auch eine stationäre Behandlung in Erwägung ziehen.

Beratungstelefon: Mittwochs zwischen 17 und 20 Uhr bietet die Christoph-Dornier-Klinik eine kostenlose telefonische Beratung an. Zu erreichen sind die Experten unter +49 (0)251 4810-148.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster