Essstörungen: Leben am seidenen Faden

An Essstörungen sterben mehr Menschen als an jeder anderen psychischen Erkrankung. Den Betroffenen selbst ist die Lebensgefahr oft nicht bewusst. Sie klar zu benennen, kann ihnen helfen, sich dem Leben wieder zuzuwenden.

CDK-MagersuchtMünster – Besonders hoch ist das Sterberisiko für Menschen, die an Magersucht (Anorexia nervosa) erkranken. Ab einem Body Mass Index von zwölf – berechnet aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern – besteht akute Lebensgefahr.
„Etwa zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an den direkten körperlichen Folgen ihrer Erkrankung. Meistens kollabiert das Herz-Kreislauf-System oder es versagen die Organe. Etwa jeder fünfte Todesfall ist jedoch ein Suizid. Bei bulimiekranken Menschen ist der Anteil an Suiziden im Verhältnis zu den natürlichen Toden sogar noch höher“, erklärt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Lebensmüde Gedanken sind ein häufiger Begleiter

Laut WHO versuchen rund 16 Prozent der Anorexiekranken sich das Leben zu nehmen. Bei bulimischen Patientinnen und Patienten sollen es mehr als doppelt so viele sein. Das Risiko, frühzeitig an den körperlichen oder seelischen Folgen einer Essstörung zu sterben, steigt mit ihrer Chronifizierung. Und auch mit einem späten Beginn der Erkrankung, wie eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität in München jüngst zeigte. Besonders gefährdet sind Patientinnen und Patienten, die alleine leben, und diejenigen, die gewollt oder ungewollt die Therapie vorzeitig abbrechen.

Es ist wichtig, sie sehr ernst zu nehmen

Viele Essstörungen gehen mit Persönlichkeitsstörungen und Depressionen einher. Dies erklärt auch die ausgeprägte Lebensmüdigkeit der Betroffenen. Sie kämpfen an verschiedenen Fronten und rauben sich gleichzeitig all ihre körperliche und geistige Energie. „Es ist wichtig, gezielt nachzufragen und lebensmüde Gedanken sehr ernst zu nehmen. Egal, ob sie appellativ oder resignativ geäußert werden. Das gilt auch in der Therapie. Denn nur dann können wir sie gemeinsam bearbeiten, die Not verstehen, die dahinter steckt, und Perspektiven für ein gesundes Leben entwickeln. Wir müssen unseren Patienten Schutz anbieten und ihnen helfen, mit diesen Gedanken umzugehen – und sie nicht in die Tat umzusetzen“, betont Judith Müller.

„Das Spiel mit dem Tod können sie nur verlieren“

Viele wüssten, dass ihnen die Essstörung nicht gut tut, die psychischen Auswirkungen und die lebensbedrohlichen körperlichen Folgen seien ihnen aber oft nicht bewusst. „Manche können wir aufrütteln, indem wir ihnen ganz klar sagen, dass sie sich auf der Schwelle des Todes befinden. Bei anderen hilft es, sehr deutlich zu machen, dass ihr Verhalten hoch riskant ist und sie das „Spiel“ mit dem Tod nur verlieren können“ so Müller. Ihre Patientinnen und Patienten, die teilweise mit einem BMI unter 13 in die Klinik kommen (und grundsätzlich nicht per Sonde ernährt werden), werden engmaschig internistisch mitbetreut.

Funktionalität der Essstörung erkennen und bearbeiten

Wie gut es gelingt, Patienten wachzurütteln und aus der Lebensmüdigkeit oder lebensbedrohlichen Situation herauszuholen, hängt wesentlich davon ab, welche Bedeutung die Essstörung im Alltag und in Beziehungen hat. Je höher die Funktionalität, desto schwieriger ist es, sich von ihr zu lösen. Wird diese nicht erkannt und psychotherapeutisch bearbeitet, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Therapieabbruchs.

Alltags- und Beziehungsanforderungen mit gesunden Mitteln lösen

„Die Patienten brauchen eine hohe Motivation, um etwas loszulassen, was ihnen unter Umständen jahrelang Halt gegeben hat. Dafür müssen sie die Mechanismen, die die Symptomatik aufrechterhalten, und den Sinn dahinter verstehen. Ansonsten stellt jede Veränderung eine Bedrohung dar. Und sie müssen natürlich auch die Kompetenzen haben beziehungsweise erwerben, Alltags- und Beziehungsanforderungen ohne die Essstörung zu lösen. Psychotherapeutisch haben wir beste Voraussetzungen, um ihnen dabei zu helfen“, so die Psychotherapeutin aus Münster. Weitere Informationen zu Merkmalen und Behandlung von Essstörungen erhalten Betroffene und Angehörige unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster