Erste Erfahrungen der Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder am UKM

Gefördertes Modellprojekt zur psychotherapeutischen Erstversorgung für minderjährige Flüchtlinge

Münster (ukm/cf) – Schlafprobleme, das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken – viele Geflüchtete können das Erlebte aus ihrer von Gewalt zerrütteten Heimat oder aus der Flucht kaum verarbeiten. Vor fast zwei Jahren kam auch Najman Z. nach Deutschland. Durch mehr als sieben Länder ist er bei seiner Flucht aus Afghanistan gereist, bevor er im Frühjahr 2016 Münster erreichte. „Ich konnte nicht darüber reden, was in meinem Herzen war – ich habe mir immer Sorgen gemacht, konnte nicht Schlafen und habe mich selbst verletzt“, blickt er zurück. Um Jugendlichen wie Najman zu helfen mit den traumatischen Erfahrungen umzugehen, wurde vor 18 Monaten das Modellprojekt Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder, ihre Familien und Bezugspersonen am UKM (Universitätsklinikum Münster) gegründet.
„Wir haben von Anfang an gemerkt, dass es einen riesigen Bedarf gibt“, erinnert sich die Leiterin Dr. phil. Dipl. Psych. Birgit Möller. Bis heute wurden mehr als 170 Patienten behandelt – die meisten zwischen 16 und 21 Jahre jung, aus Syrien, dem Irak oder aus Afghanistan – wie Najman. Mindestens einmal pro Woche fährt der 17-Jährige nach Münster und spricht dort mit den Psychologen vom UKM – manchmal in Einzelgesprächen, manchmal in einer Gruppe mit anderen Jugendlichen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Seitdem ich zur Sprechstunde gehe, kann ich das alles ein bisschen mehr verarbeiten“, erzählt Najman, der gemeinsam mit anderen Geflüchteten in einem ehemaligen Hotel in Beelen im Kreis Warendorf wohnt.

„In den 18 Monate Flüchtlingsambulanz haben wir viel auf den Weg gebracht“, resümiert Möller. „Wir haben die Strukturen geschaffen, um eine Behandlung überhaupt zu ermöglichen.“ Das war jedoch nicht immer leicht. Eine Hürde war beispielsweise die Ausbildung und dann auch Finanzierung der Dolmetscher – denn die Therapiegespräche finden am UKM mindestens zu dritt statt. „In jeder Sitzung ist ein speziell von uns geschulter Dolmetscher dabei, der auf Deutsch übersetzt“, erklärt die leitende Psychologin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am UKM. „Das macht die sensible therapeutische Arbeit natürlich komplexer, ist aber sehr wichtig, damit die Patienten in einer ihr vertrauten Sprache über die traumatischen Erlebnisse und ihre Ängste sprechen können.“ Mit dieser sprachlichen Unterstützung wenden die Psychologen dann verschiedene Methoden der emotionalen Stabilisierung an. „Wir versuchen vor allem Vertrauen aufzubauen und ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln“, erklärt Möller. „Denn nur dann ist es möglich, sich so schrecklichen Erfahrungen wie erlittener Folter stellen zu können.“ Diese Methoden reichen bis in den Alltag der Jugendlichen: „Das ist wie Hausaufgaben machen“, berichtet der Schüler, der mittlerweile die 10. Klasse eines Berufskollegs besucht. „Zum Beispiel legen wir immer dann eine Murmel von unserer linken in die rechte Hosentasche, wenn etwas Gutes passiert ist.“ Das stärkt das Bewusstsein für das Positive.

Die Spezialsprechstunde wurde ursprünglich als Teil eines Modellprojekts aufgebaut, das nun fortgeführt werden soll. „Es war ein guter Start, aber eben auch ein Anfang, an dem es jetzt weiter gehen muss“, stellt Möller fest. Deshalb sollen in Zukunft mehr Gruppen und Therapieformen am UKM angeboten werden. Auch Najman blickt, wenn auch vorsichtig, in die Zukunft: „Bis 2020 kann ich erst einmal in Deutschland bleiben. Im Sommer will ich meinen Schulabschluss schaffen und dann wünsche ich mir ein gutes Leben.“

Bild: Najman Z. im Gespräch mit der Leiterin der Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder, ihre Familien und Bezugspersonen, Dr. psych. Birgit Möller. (© Foto UKM/FZ/Wibberg)