Einzigartige Behandlung im St. Franziskus-Hospital ermöglicht natürliche Geburt eines Babys mit der genetischen Herzerkrankung „Long QT-Syndrom“ (LQTS)

Ein kleines Herz gerät aus dem Takt

Münster – Im St. Franziskus-Hospital Münster konnte ein Baby mit der genetischen Herzerkrankung „Long QT-Syndrom“ (LQTS) und dadurch bedingten komplexen Herzrhythmusstörungen dank einer Magnesium-Therapie natürlich geboren werden. Weltweit ist dies vermutlich der erste Fall. Üblicherweise wird das Kind bei dieser Diagnose in der 35. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Das erfahrene Expertenteam aus Gynäkologen, Neonatologen, einem Spezialisten für Fetale Kardiologie und einem Kinderkardiologen im St. Franziskus-Hospital suchte nach einer alternativen Behandlungsmethode und entschied sich für eine hochdosierte Therapie mit Magnesium und Betablockern. Mit Erfolg – der Zustand von Baby Emilia-Sophie konnte so bis zum errechneten Geburtstermin stabilisiert werden.

Das kleine Mädchen hat das LQTS von ihrer Mutter geerbt. Durch das Syndrom ist die elektrische Reizleitung im Herz gestört. Es kommt zu Extraschlägen des Herzens, die gefährliche Rhythmusstörungen auslösen können. Die Häufigkeit der Erkrankung liegt bei rund 1:2000. Die Folgen sind Schwindel und Bewusstlosigkeit. Im schlimmsten Fall führt es zum plötzlichen Herztod. Sogenannte Betablocker werden standardmäßig eingesetzt, um die Rhythmusstörungen zu reduzieren. Je nach Ausprägung des Syndroms muss zusätzlich ein Defibrillator implantiert werden.

Die Schwangerschaft von Elisa Schulze Averbeck verlief zunächst unauffällig. Acht Wochen vor der Geburt kam sie routinemäßig ins St. Franziskus-Hospital, um mit den Ärzten die Geburt zu besprechen. In der Untersuchung zeigte sich, dass auch das Ungeborene komplexe Rhythmusstörungen hat, die das Herz erheblich belasteten. Das ist sehr selten. In der Regel treten Symptome erst nach der Geburt auf und sind eine häufige Ursache für den plötzlichen Kindstod. Allerdings findet man in 20 Prozent der Todesfälle nach der 20. Schwangerschaftswoche ein LQTS. „Ohne tiefergehende Herzultraschall-Kenntnisse ist es schwierig, das Syndrom beim Ungeborenen zu diagnostizieren“, weiß Dr. Johannes Steinhard aus der Praxis für Pränataldiagnostik Dr. Rosenberg/Dr. Steinhard im FranziskusCarré und Leiter des Departments für Fetale Kardiologie am Herz- und Diabetes Zentrum NRW in Bad Oeynhausen.

Die Schwangere wurde sofort stationär aufgenommen. Täglich kontrollierten die Ärzte die Herzfrequenz des Babys. „Die Zeit war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Aber ich war immer optimistisch, dass alles gut gehen wird“, berichtet die junge Mutter. Die Ärzte suchten intensiv nach einer geeigneten Behandlung und entschieden sich in enger Abstimmung mit dem Kinderherzzentrum Bad Oeynhausen für die Magnesium-Therapie und eine höhere Dosierung der Betablocker. Dadurch konnten Häufigkeit und Art der Rhythmusstörung des Ungeborenen deutlich verbessert und das Herz somit wieder entlastet werden. „In der Fachliteratur wird empfohlen, das Kind in so einem Fall in der 35. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt zu holen. Doch zu dem Zeitpunkt ist es noch eine Frühgeburt und bringt somit Risiken mit sich“, erklärt Dr. Nikolaos Trifyllis, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe. Zudem sei nicht bewiesen, dass die Herzrhythmusstörungen nach der Geburt besser behandelbar seien als im Mutterleib. „So lang wie die Magnesium-Therapie gut anschlug, wollten wir das Baby nicht holen. Unser Ziel war eine natürliche Geburt“, so Dr. Anke Hövels, leitende Oberärztin der Geburtshilfe. Das Ziel haben sie gemeinsam erreicht – Emilia-Sophie erblickte am 13.3.2018 das Licht der Welt. Eine Woche wurde sie auf der Kinderintensivstation betreut. „Dort haben wir sie permanent überwacht und mit Betablockern eingestellt“, berichtet Dr. Florian Urlichs, Chefarzt der Neonatologie und Kinderintensivmedizin. „Ich bin sehr froh, dass die Herzrhythmusstörungen frühzeitig diagnostiziert wurden und ich im Franziskus Hospital dank des engagierten Einsatzes der Ärzte natürlich entbinden konnte“, freut sich Elisa Schulze Averbeck.

Bild (v.l.n.r.): Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe Dr. Nikolaos Trifyllis, leitende Oberärztin Anke Hövels, Pränatalmediziner Dr. Johannes Steinhard und Dr. Florian Urlichs, Chefarzt der Neonatologie und Kinderintensivmedizin, betreuten Elisa Schulze Averbeck (2.v.l). und ihre Tochter Emilia-Sophie vor und nach der Geburt.