Castingshows begünstigen psychische Störungen wie Magersucht

Jungen Mädchen wird vermittelt, dass „normal“ nicht gut genug ist und dass sie, ohne sich zu optimieren, keinen Erfolg haben werden

Münster – Castingshows wie Germany’s next Topmodel beeinflussen die Wahrnehmung einer ganzen Generation junger Mädchen und sie begünstigen, gerade zum wiederholten Male nachgewiesen, psychische Störungen wie Magersucht. Verantwortung dafür zu übernehmen und sich selbstkritisch mit den vermittelten Werten auseinanderzusetzen, lehnen sie weiterhin ab. Es wird höchstens die Verpackung geändert: Statt „du bist zu dick“ heißt es jetzt „du bist nicht in shape“. Ihre falsche und gefährliche Botschaft senden die Macher unvermittelt weiter: „So wie du bist, bist du nicht gut genug.“

Ist ein erfülltes Leben nur über Optimierung zu erreichen?

„Bei all diesen Sendungen, dazu zähle ich auch ‚Extrem schön‘, dreht sich alles um Defizite, wobei der vermeintliche Makel objektiv betrachtet, meistens noch nicht mal einer ist. Ein Bauch wölbt sich natürlicherweise auch bei schlanken Menschen etwas nach außen. In ihm sitzen schließlich unsere Organe. Inzwischen werden selbst völlig normale Zustände als mangelhaft betrachtet. Wie sollen Mädchen ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, wenn sie mit dem Bild aufwachsen, dass ein erfülltes Leben nur über Optimierung zu erreichen ist?“, fragt Judith Kugelmann, stellvertretende leitende Psychologin der auf Essstörungen spezialisierten Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Idealgewicht

Bild: Der ständige Blick aufs Defizit – Castingshows wie Germany’s next Topmodel beeinflussen die Wahrnehmung einer ganzen Generation junger Mädchen und sie begünstigen.

Wie stark sich Mädchen und junge Frauen an Model-Shows und Hochglanzmagazinen orientieren und wie „normal“ der Anblick von Frauen geworden ist, die sich an der Grenze zum Untergewicht auf dem Laufsteg präsentieren, erlebt die Therapeutin tagtäglich. Wenn sie ihren essgestörten Patientinnen erklärt, dass sie einen Mindest-BMI vom 19 erreichen müssen, um gesund werden zu können, erntet sie oft Widerstand: „Wenn ein Model so einen BMI nicht hat, warum müssen wir ihn dann haben? Wir finden Models toll.“

Der schlanke bis dünne Körper als Zeichen von Schönheit, Glück und Erfolg hat sich tief in die kollektive Wahrnehmung gebrannt. Vorher- und Nachher-Bilder von Prominenten schüren den Wettbewerb um die Kilos. Wer zu viele davon hat, wird medial abgestraft. Judith Kugelmann plädiert dafür, diese „Formel zum Glücklichsein“ gründlich zu hinterfragen: „Ist es erstrebenswert, dass wir alle einheitlichen Maßstäben gerecht werden. Sind es nicht die Unterschiede und die Vielfalt, die das Leben interessant und schön machen? Wir müssen uns als Gesellschaft gut überlegen, welche Werte wir den nachfolgenden Generationen vermitteln möchten. Es ist Zeit, dass wir uns unserer Verantwortung stellen und die aktuellen Schönheitsideale und Erfolgsmodelle kritisch überprüfen.“

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster