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Kavernom erfolgreich entfernt: Knapp der Querschnittslähmung entgangen

Münster – Fast jeder dritte Erwachsene leidet zeitweise oder ständig unter Rückenschmerzen, diese Volkskrankheit gehört zu den häufigsten Gründen für eine Krankschreibung. Meistens sind Verspannungen, Wirbelblockaden, Osteoporose oder ein Bandscheibenvorfall die Ursache. Bei Monika Kolbeck sah die Sache jedoch anders aus. Ihr Orthopäde hatte glücklicherweise den richtigen „Riecher“ und der Patientin kein Schmerzmittel in den betroffenen Bereich gespritzt, obwohl sie Schmerzen hatte „wie noch nie in meinem Leben!“, wie sie sagt.

Die pensionierte Realschullehrerin hatte ein Kavernom im Wirbelkanal, eine Fehlbildung der Blutgefäße, das akut geblutet hatte. Ihre Radiologin erkannte im Magnetresonanztomographen (MRT) die Blutung und sogleich den Ernst der Lage und schickte die 66-Jährige sofort ins Clemenshospital. „Das Kavernom sieht aus wie eine Brombeere“, erklärt Prof. Dr. Uta Schick, Chefärztin der Klinik für Neurochirurgie am Clemenshospital und stellt klar, dass mit diesem „Früchtchen“ nicht zu spaßen ist: „Wenn Kavernome in das Rückenmark einbluten, kann es zur Querschnittslähmung kommen“. Im Clemenshospital wurde die Altenbergerin mit einem MRT der neuesten Generation untersucht, der in der Lage ist, Blutgefäße darzustellen (Angio-MRT). Den Experten war sofort klar, dass schnell gehandelt werden musste. Während einer dreistündigen Operation entfernte die Neurochirurgin das Kavernom aus dem Rückenmarkskanal unter ständiger Überwachung der sensiblen und motorischen Nervenbahnen (elektrophysiologisches Neuromonitoring).

Nach dem Eingriff waren sowohl das Kavernom als auch die Schmerzen verschwunden. Zwei Tage musste Marion Kolbeck im Bett verbringen, dann begann die Physiotherapie und bereits eine knappe Woche nach dem Eingriff merkt man ihr kaum noch an, dass sie knapp einer Querschnittslähmung entgangen ist. „Ich bin so dankbar!“, freut sich die Seniorin über den Erfolg der Operation. Prof. Dr. Uta Schick ist es wichtig, dass ihre niedergelassenen Kollegen bei akuten, ungewöhnlich starken Rückenschmerzen auch die Möglichkeit einer Blutung in Betracht ziehen. So wie der Orthopäde von Marion Kolbeck.
Monika Kolbeck (l.) und Prof. Dr. Uta Schick freuen sich über die erfolgreiche Entfernung des Kavernom (© Clemenshospital)

Bild: Monika Kolbeck (l.) und Prof. Dr. Uta Schick freuen sich über den Erfolg der Operation (© Clemenshospital)

Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zertifiziert

Münster – Stuhl- und Harninkontinenz gehören sicherlich nicht zu den Lieblingsthemen der meisten Menschen, genau genommen handelt es sich hierbei noch immer um Tabuthemen. Das Unvermögen, die Ausscheidung von Stuhl und Urin zu kontrollieren, ist weit verbreitet, rund sechs Millionen Menschen leiden in Deutschland unter einer Blasenschwäche, etwa drei Millionen unter einer Darmschwäche.

„Es dauert bei einer Harninkontinenz im Schnitt drei Jahre, bei einer Stuhlinkontinenz sogar bis zu sieben Jahre, bis die Betroffenen zum ersten Mal mit einem Arzt darüber sprechen“, erläutert Dr. Erik Allemeyer, Leiter der Sektion Proktologie an der Raphaelsklinik. Dabei gibt es je nach Ursache inzwischen viele medizinische Möglichkeiten, eine Inkontinenz erfolgreich zu behandeln. Um alle beteiligten Fachgebiete von der Proktologie über die Urologie bis zur Gynäkologie und Radiologie zu verknüpfen und in den Dialog miteinander zu bringen, wurde im Clemenshospital und in der Raphaelsklinik ein gemeinsames Kontinenz- und Beckenbodenzentrum gegründet. Das Zentrum wurde nun von der Deutschen Kontinenzgesellschaft zertifiziert. „Die Übergänge zwischen den medizinischen Fachgebieten sind bei der Behandlung einer Inkontinenz fließend. Daher ist eine erfolgreiche Behandlung nur in einem Zentrum wirklich erfolgversprechend“, erläutert Dr. Rüdiger Langenberg, Chefarzt der Frauenklinik des Clemenshospitals.

Viele Hausärzte, so bedauern die Experten des Zentrums, nehmen den Leidensdruck der Betroffenen nicht ernst genug, dabei kann eine Inkontinenz die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. „Vorlagen, Binden, Schicksal“, so beschreiben Allemeyer und Langenberg den ebenso kurzen wie erfolglosen Behandlungsweg vieler Betroffener. In regelmäßigen Konferenzen beraten die Mediziner des Zentrums, welche Therapie für den jeweiligen Patienten die größte Aussicht auf Erfolg hat. „Im Gespräch mit den Betroffenen ist es von großer Bedeutung, eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen“, erläutert Dr. Erik Allemeyer und sein Kollege Dr. Rüdiger Langenberg pflichtet ihm bei: „Die Patienten haben oft einen langen Leidensweg hinter sich und der Schritt, mit einem Arzt darüber zu sprechen, fällt vielen nicht leicht“. Doch dieser Mut wird oft belohnt, in den meisten Fällen ist eine Therapie erfolgreich und die Betroffenen können wieder ohne Einschränkungen am Leben teilnehmen.

Experten des Clemenshospitals und der Raphaelsklinik haben sich zum Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zusammengeschlossen, das jetzt erfolgreich zertifiziert wurde.

Bild: Experten des Clemenshospitals und der Raphaelsklinik haben sich zum Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zusammengeschlossen, das jetzt erfolgreich zertifiziert wurde.

Betroffene gründen regionale Selbsthilfegruppe für Menschen mit neuroendokrinen Tumoren im Münsterland

Münster (ukm/lie) – „Das kommt bestimmt vom Stress.“ Als Sandra van Schöll vor gut zwei Jahren immer mal wieder unter Bauch- und Rückenschmerzen litt, ahnte sie zunächst nichts Böses. Erst als während des gemeinsamen Herbsturlaubs mit ihrem Mann starke Koliken auftraten, ging die heute 43-Jährige zu ihrem Hausarzt, um die Ursachen abklären zu lassen. Die ersten Untersuchungen lieferten keine eindeutigen Ergebnisse. Doch im Juni vergangenen Jahres erhielt van Schöll die erschreckende Diagnose: ein neuroendokriner Tumor (NeT) am Übergang zwischen Bauchspeicheldrüse und Zwölffingerdarm. „Ich habe erst mal eine Mauer um mich gebaut“, erinnert sich die Mutter von drei Kindern an diese schwierige Zeit. „Heute weiß ich, dass das falsch war!“ Deswegen zögerte van Schöll nicht lang, als sie von Mitgliedern der Selbsthilfegruppe des Netzwerks NeT e.V. gefragt wurde, ob sie die Leitung einer neuen Regionalgruppe Münsterland übernehmen würde. Die Gründungsveranstaltung findet am Dienstag, 12. März 2019, im UKM (Universitätsklinikum Münster) statt.

„NeT ist eine seltene Erkrankungsgruppe mit vielen unterschiedlichen Gesichtern“, erklärt Dr. Elena Vorona, Oberärztin in der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie des UKM sowie Bereichsleiterin für den dortigen Schwerpunkt Endokrinologie. Die Besonderheit dieser Tumoren, die sich überwiegend im Magen-Darm-Trakt finden, ist ihre Struktur. Die Zellen weisen zum einen eine starke Ähnlichkeit zu endokrinen Zellen auf – d.h., sie können selber Hormone produzieren. Zum anderen ähneln sie Nervenzellen. „Die Behandlung der NeT stellt eine interdisziplinäre Herausforderung dar“, betont Dr. Vorona. Es sei wichtig, dass die Teamarbeit von z.B. Gastroenterologen, Endokrinologen, Onkologen, Chirurgen und Nuklearmedizinern gut funktioniere. „Nur zusammen kommt man weiter!“

Bild: Bei der Auftaktveranstaltung mit Sandra van Schöll (2.v.l.) und den NeT-Experten Prof. Andreas Pascher, Dr. Reinhold Gellner, Dr. Elena Vorona und Prof. Kambiz Rahbar (v.l.) können Betroffene miteinander in Kontakt treten. (©Foto UKM/Marschalkowski)

Dass das nicht nur für die medizinische Versorgung gilt, stellte Sandra van Schöll während der Reha fest. Hier erfuhr sie von den Angeboten des Netzwerks NeT e.V. „Auch nachdem der Tumor bei einer OP entfernt werden konnte, hatte ich noch viele Fragen. Gerade weil die Erkrankung so selten ist, es also nur wenige Betroffene gibt, ist es wichtig, dass wir uns zusammenschließen – uns gegenseitig austauschen und helfen!“, so van Schöll.

Die neue Regionalgruppe Münsterland soll unter dem Dach des deutschlandweiten NeT-Netzwerks mit Hauptsitz in Nürnberg organisiert sein und wäre die 19. regionale Untergruppe. „Bisher mussten die Patienten aus gesamt NRW bis zum Niederrhein fahren, um dort Anschluss zu finden“, erzählt Sandra van Schöll. „Mit der Aufsplittung der großen NRW-Gruppe in mehrere kleinere Regionalgruppen wollen wir möglichst vielen die Teilnahme an unseren Treffen ermöglichen.“ Bei der Gründungsveranstaltung im UKM stellen sich die dortigen NeT-Experten vor. Betroffene und deren Angehörige können Kontakt aufnehmen und sich gegenseitig über ihre Erfahrungen austauschen. „Denn gemeinsam geht es leichter!“, weiß van Schöll.

Das Darmkrebszentrum des Clemenshospitals wurde vor zehn Jahren gegründet

Münster – Prof. Dr. Udo Sulkowski erinnert sich an sein Lehrbuch für Chirurgie aus dem Jahr 1982: „Dort steht, dass die Heilungschancen bei Patienten mit einem Dick- oder Enddarmkrebs bei 20 Prozent liegt. Heute liegen wir bei 80 Prozent“. Ein Grund für diesen Erfolg liegt in der Gründung von Darmkrebszentren, in denen alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, um Reibungsverluste und Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Das erste Darmkrebszentrum Münsters, das von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert wurde, befindet sich im Clemenshospital und heißt „Darmzentrum Portal 10 Münster“.

Ein Patient der ersten Stunde war Norbert Schmitter. 2008 wurde bei dem heute 79-Jährigen ein Mastdarmtumor entdeckt. „Bei der Darmspiegelung stellte sich heraus, dass ich bereits einen ziemlich großen Tumor habe. Das war natürlich ein Schock, aber meine Familie hat mich sehr gut gestützt“, erinnert sich Schmitter. Es folgten Chemotherapien und Bestrahlungen, um den Tumor zu verkleinern, 2009 wurde dann operiert. Wiederum ein Jahr später tauchte eine Metastase in der Lunge auf, im Jahr 2013 eine weitere, beide konnten ebenfalls erfolgreich operiert werden. „Danach traten keine weiteren Metastasen oder Tumoren auf“, freut sich Sulkowski über den Erfolg der Behandlung.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist das frühzeitige Erkennen von Polypen oder Tumoren durch eine Darmspiegelung, „Die Darmspiegelung zur Vorsorge wird bei Männern bislang erst ab dem 55. Lebensjahr von den Krankenkassen bezahlt“, berichtet Gerhard Haneklau, Geschäftsführer der Praxis „Portal 10“, dem Partner des Clemenshospital im Darmzentrum, macht aber zugleich deutlich, dass sich dies wohl in nächster Zeit ändern wird und das Alter auf 50 herabgesetzt wird. Leider nutzen nicht mal drei Prozent der Berechtigten dieses Angebot, mit dem die Gefahr einer Erkrankung drastisch gesenkt werden kann, wie die Experten des Darmzentrums bedauern.

„Der Gedanke, dass man an Krebs erkranken könnte, wird von vielen Menschen einfach verdrängt. Sie meinen wohl, dass dies nur den anderen passiert“ vermutet die Koordinatorin des Zentrums, Petra Mühlenkamp. „Es gibt keinen Grund, vor einer Darmspiegelung Angst zu haben“, bekräftigt Haneklau. Oft kämen die Menschen gruppenweise zu ihm in die Praxis, um eine Spiegelung vornehmen zu lassen: „Das sind zum Beispiel Kegelmannschaften, in denen es sich herumgesprochen hat, dass die Untersuchung überhaupt nicht unangenehm ist“.

Bild: Norbert Schmitter (2.v.l.) freut sich, dass Dank der guten Zusammenarbeit zwischen Prof. Dr. Udo Sulkowski, Petra Mühlenkamp und Gerhard Haneklau (v.l.) seine Darmkrebserkrankung besiegt werden konnte.

Endometriose „Awareness Monat“: Information tut Not

Zu starke und schmerzhafte Monatsblutungen werden von vielen Frauen viel zu oft einfach hingenommen. Dabei können diese Symptome Anzeichen für eine Endometriose sein. Mit zwei Informationsveranstaltungen will die Universitätsfrauenklinik über das vielfach verschwiegene Leiden aufklären.

Münster (ukm/aw) – Viele Jahre haben Frauen über das sehr private Thema der eigenen Menstruation nicht viel gesprochen – wenn überhaupt mit dem Frauenarzt oder dem engsten Umfeld. Die massive Einschränkung der Lebensqualität wird von vielen Frauen hingenommen, bis es nicht mehr zu ertragen ist. In einer aufgeklärten Gesellschaft sollte die Menstruation aber nicht länger ein Tabuthema sein. Aktuelle Schätzungen besagen, dass in Deutschland zwischen 10 bis 15 Prozent aller Frauen im Alter von 15 bis 50 Jahren an Endometriose erkrankt sind – vielfach ohne, dass sie ihren Beschwerden selbst einen Krankheitswert zumessen. „Oft ist es erst eine ärztliche Untersuchung aufgrund eines sich nicht erfüllenden Kinderwunsches, die endlich Aufklärung bringt“, sagt Dr. Sebastian Schäfer, Leitender Oberarzt an der Klinik für Frauenheilkunde am UKM (Universitätsklinikum Münster) und Mitglied im Beirat der Europäischen Endometriose Liga e.V.. „Wir empfehlen Betroffenen daher, sich bei starken Unterleibsschmerzen frühzeitig gynäkologisch untersuchen zu lassen, um weiteres Leiden zu verhindern“, so Schäfer weiter. Auch diffuse Symptome wie Blasen- oder Darmbeschwerden oder ständige Übelkeit könnten schlussendlich auf eine Endometriose hindeuten.

Um sich für mehr Aufklärung zu engagieren, macht die UKM-Frauenklinik im weltweiten „Endometriose Awareness Monat März“ gleich zwei offene Angebote an interessierte Frauen: Eine telefonische Info-Hotline und eine kostenlose Patientinnen-Informationsveranstaltung richten sich an Interessierte, Patientinnen und deren Angehörige.

Info-Hotline unter Telefon 0251 – 83 59711
Datum: am 06. März 2019 von 09.00 bis 11.00 Uhr

Patientinnen-Informationsveranstaltung
Datum: am 27. März 2019 von 16.30 bis 18.00 Uhr
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Großer Konferenzraum West, Ebene 05, Raum 603, Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude A1, 48149 Münster.
Rückfragen unter: 0251 – 83 48202 (Fr. Brand)


Bild: Klinikdirektor Univ.-Prof. Dr. Ludwig Kiesel und Dr. Sebastian Schäfer, Leitender Oberarzt an der Klinik für Frauenheilkunde am UKM (Universitätsklinikum Münster) (© Foto UKM)

Münstersche Physiologen erfolgreich in Europa: EU bewilligt vier Millionen Euro für die Erforschung von Bauchspeicheldrüsenkrebs

Münster(mfm/sw) – EU-Förderung für die Erforschung des Bauchspeicheldrüsenkrebs: Das vom Institut für Physiologie II der Universität Münster aus koordinierte „Marie Skłodwska Curie Innovative Training Network“ mit der Bezeichnung pHioniC erhält vier Millionen Euro – und geht somit in eine zweite Runde. „Mit unserer Bewerbung konnten wir uns in einem hochrangigen Umfeld durchsetzen“, freut sich Prof. Albrecht Schwab. Das erfolgreiche Konsortium sei bei rund 400 Bewerbungen unter die besten zehn gekommen. Es umfasst zwölf Partner aus sieben europäischen Ländern und wird in den nächsten vier Jahren 15 internationale Doktoranden ausbilden. Rund 400.000 Euro der Fördersumme entfallen auf den Standort Münster.

Das pHioniC-Projekt („pH and Ion Transport in Pancreatic Cancer“, deutsch: pH und Ionentransport bei Bauspeicheldrüsenkrebs) befasst sich mit einem hochaktuellen Gebiet der Krebsforschung. „Es geht um die Funktion von Ionentransportproteinen. Im gesunden Drüsengewebe sind diese gewissermaßen die ‚Arbeitstiere‘ der Drüsenzellen, weil sie zum Beispiel den Bauchspeichel produzieren. Die Krebszellen ‚missbrauchen‘ jedoch diese Proteine, so dass die eigentlich ‚harmlosen‘ Transportproteine nun maßgeblich zur Ausprägung der bösartigen Eigenschaften der Krebszellen beitragen“, erläutert Prof. Schwab.

Die Aufklärung der zugrunde liegenden Mechanismen steht im Zentrum des pHioniC-Projekts. Langfristiges Ziel ist es, ausgehend von einer Hemmung von Transportproteinen vollkommen neue Konzepte für die Krebstherapie zu entwickeln. Dabei können Schwab und seine europäischen Kollegen auf eine reichhaltige Erfahrung mit solchen Therapiekonzepten in anderen medizinischen Disziplinen zurückgreifen: In der Bluthochdrucktherapie oder als lokale Betäubungsmittel werden nämlich schon seit Jahrzehnten Medikamente eingesetzt, deren Wirkung auf der Blockade von Ionentransportproteinen beruht. Jetzt gelte es, so der Leiter des pHioniC-Netzwerks, „dieses erfolgreiche Prinzip auch in der Krebstherapie zu erproben“.
Das “Marie Skłodwska Curie Innovative Training Network” ist ein Förderprogramm der EU, das internationale Doktorandenausbildungsnetzwerke finanziert. Die Förderungen laufen bis zu vier Jahren. Ziel des von der Europäischen Kommission gegründeten Projektes ist es, innovative und weitsichtige Forscher zu unterstützen – und das in Form eines internationalen Netzwerkes. Über pHioniC hinaus ist das Institut für Physiologie II noch an einem weiteren Marie Skłodwska Curie Innovative Training Network beteiligt. Prof. Herrmann Schillers ist Partner in dem von Italien aus koordiniertem „Phys2BioMed-Netzwerk“ („Biomechanics in health and disease: advanced physical tools for innovative early diagnosis“). Die Forschung in Münster wird durch 250.000 Euro bezuschusst. Bei diesem Projekt arbeiten die Forscher an der mechanischen Charakterisierung von klinisch relevanten Zellen und Geweben für diagnostische Zwecke. Im Fokus steht die Früherkennung von Krebs anhand mechanischer Eigenschaften von Gewebeproben.

Bild: Prof. Albrecht Schwab im Labor (Foto: FZ / S. Marschalkowski)

Kieferorthopädie im Kreuzfeuer: Alles nur Ästhetik?

Münster (ukm/aw) – Ein vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenes Gutachten erweckte jüngst den Eindruck, dass viele kieferorthopädische Behandlungen nicht nachhaltig oder gar nicht erst notwendig seien. Ist Kieferorthopädie also nur reine Ästhetik? Eine Auffassung, die laut Prof. Ariane Hohoff, Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie am UKM (Universitätsklinikum Münster), weder wissenschaftlich noch medizinisch-praktisch zu halten ist.

Frau Prof. Hohoff, bleibt durch das vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebene Gutachten beim Patienten nicht einfach nur hängen, dass Kieferorthopädie in Form einer Korrektur des Gebisses durch Zahnspangen oft unnötig ist? Und ist das die richtige Sicht?
Nein, es ist absolut nicht die richtige Sicht und das steht vor allem so auch gar nicht in dem Gutachten! Das Gutachten hat einen Nutzen der kieferorthopädischen Behandlung bereits ganz klar bestätigt: Es wird festgestellt, dass Patientinnen und Patienten mit kieferorthopädischer Behandlung eine hohe orale Lebensqualität haben. Letztere beinhaltet zum Beispiel die Freiheit von Schmerzen und eine ungestörte Funktion (essen, sprechen).
Mit Blick auf die Themen Zahnverlust, Zahnlockerung, Karies und Parodontitis gibt das Gutachten, „keine abschließende Einschätzung [… ], ob und welche langfristigen Auswirkungen die angewendeten kieferorthopädischen Therapieregime auf die Mundgesundheit haben.“ Dass etwas „nicht einschätzbar“ ist, heißt aber nicht, dass eine Behandlung unnötig ist bzw. nicht wirkt. Die Forschung entwickelt sich weiter: Inzwischen gibt es zwei neuere relevante Untersuchungen, die nachweisen, dass es bei Zahn- und Kieferfehlstellungen ein höheres Risiko für Karies und Parodontalerkrankungen gibt. Die Kieferorthopädie kann dabei präventiv wirken, indem sie die Fehlstellungen behebt.

Sind Zahnspangen eine Modeerscheinung?
Eine Studie aus dem Jahr 2018 zeigt, dass in Deutschland etwa jedes vierte Kind bzw. jeder vierte Jugendliche zwischen drei und siebzehn Jahren in ständiger kieferorthopädischer Behandlung ist. Klinische Gebissanomalien gibt es aber bei weit über der Hälfte aller Kinder, hierbei sind auffällige Röntgenbefunde noch gar nicht mitgezählt. Die gesetzlichen Krankenversicherungen finanzieren nur die Behandlung mittlerer bis schwerer Befunde. Kiefer und Zähne sind aber ein wesentlicher Faktor auch für die psychosoziale Gesundheit. Es gibt eine weitere Studie aus dem Jahr 2013, die zeigt, dass Zähne in der Schule Mobbing-Faktor Nr. 1 sind – noch vor mangelnder körperlicher Stärke oder dem Gewicht. Und auch die Weltgesundheitsorganisation definiert ganz klar, dass das psychosoziale Wohlbefinden zur oralen und allgemeinen Gesundheit unzweifelhaft dazugehört. Dass durch Kieferorthopädie die orale Lebensqualität hoch ist, bestätigt ja auch das vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebene Gutachten.

Die zahnmedizinische Vorsorge hat über viele Jahre erreicht, dass 81 Prozent der 12-Jährigen in Deutschland kariesfrei sind. Viele Menschen gehen zwei Mal im Jahr zum Zahnarzt und nehmen eine professionelle Zahnreinigung in Anspruch. Eltern leiten ihre Kinder zum Zähneputzen und Benutzen von Zahnseide an und achten darauf, ebenso wie auf die Stellung der Zähne und Kiefer.
Es gibt viele andere Bereiche der Medizin, in denen der Nutzen einer Behandlung nie in Frage gestellt wird. Kein Mensch würde behaupten, dass man glücklich hundert Jahre alt werden kann, wenn das eine Bein zehn Zentimeter kürzer ist als das andere. Jeder würde sofort über orthopädische Maßnahmen nachdenken. Diese Logik sollte man auch auf die Kieferorthopädie übertragen.

Bild: Prof. Dr. Ariane Hohoff, Direktorin der Poliklinik für Kieferorthopädie.

Was würden Sie Menschen entgegenhalten, die sagen, dass so ein paar schief stehende Zähne doch nicht die Gesundheit beeinträchtigen?
Man wird immer Menschen vorzeigen können, die mit Rauchen, Alkoholkonsum oder „schiefen Zähnen“ 100 Jahre alt geworden sind. Das heißt aber nicht, dass es kein Gesundheitsrisiko gibt. Schon alleine gekippt stehende Zähne können unter Umständen dazu führen, dass jemand anfängt, zu knirschen. Das wiederum kann muskuläre Verspannungen und Kopfschmerzen verursachen. Aber das ist auch nicht der Punkt: Es geht in der Kieferorthopädie um ganz andere Dinge als um nur „schief stehende Zähne“. Das sagt ja auch schon der Name der Disziplin, in dem es um „Kiefer“ und „Orthopädie“ geht. Es geht darum, dass wir Wachstumsschäden an den Kiefern und Gelenken verhindern können. Es geht darum, dass wir Lücken schließen, wo Zähne nicht angelegt sind, so dass Zahnersatz überflüssig wird. Es geht darum, dass wir im Kiefer „steckengebliebene“ Zähne in die Mundhöhle einstellen. Es geht darum, dass wir Frontzahnverletzungen verhindern. Wenn zum Beispiel Unter- und Oberkieferschneidezähne horizontal drei bis vier Millimeter zu weit voneinander entfernt sind – im Volksmund „Häschenzähne“ genannt – verdoppelt sich das Risiko, dass diese bei einem Sturz zu Schaden kommen. Und es geht darum, dass wir Patienten mit schweren Fehlbildungen helfen, ein annähernd normales Gesicht zu bekommen und atmen zu können. Das alles ist Kieferorthopädie!
Es wird geschätzt, dass allein Fehlstellungen weltweit über 235 Millionen Zahnverletzungen ausmacht, die ja auch einen volkswirtschaftlichen Schaden darstellen. Ganz zu schweigen von den medizinischen, funktionellen und psychosozialen Folgen, die der Einzelne trägt, wenn diese Zähne, mit denen er abbeißen, lächeln und sprechen muss dauerhaft beschädigt sind.

Wird es die Kieferorthopädie als zahnmedizinische Disziplin weiter geben?
Zweifellos, sie ist fest im Studium der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde verankert, denn es wird immer Menschen geben, die mit den beschriebenen Erkrankungen im Kiefer- und Gesichtsbereich geboren werden oder sie erwerben. Die Befunde sind ja da – sowohl bei den niedergelassenen Ärzten als auch hier an der Uniklinik. Wir behandeln hier übrigens unter anderem auch ganz normale „Fälle“, denn wir bilden ja auch Fachzahnärzte für Kieferorthopädie aus – und das natürlich nicht gleich an den schwierigsten Befunden. Ich sage immer zu meinen Studierenden: „Herzlich willkommen zum schönsten Fach der Welt.“ Denn in vielen Fällen handeln wir ja nicht erst, wenn etwas schon unumkehrbar „kaputt“ ist, wie zum Beispiel bei einer Karies oder nach einer Frontzahnverletzung, sondern wir begleiten unsere Patienten im besten Fall in einem frühen Stadium und können tatsächlich präventiv helfen.

Infoabend: Ängste, Zwänge und Depression im Jugendalter

Münster – Erwachsen zu werden ist nicht immer ganz einfach. Zusätzliche Probleme, wie z. B. die Trennung der Eltern, ein Umzug, Liebeskummer, Leistungsdruck oder Ärger mit Anderen, machen es noch schwerer. Im Jugendalter ist das Risiko, an Ängsten, Zwängen oder Depressionen zu erkranken besonders hoch. Je früher psychische Erkrankungen behandelt werden, desto besser sind die Chancen, gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln und das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können.

Am 20. März informieren Dr. med. YooJeong Lee, leitende Oberärztin der Christoph-Dornier-Klinik, und Dipl.-Psych. Vera Frühauf Jugendliche und Erwachsene über Anzeichen, Gründe und Behandlungsmöglichkeiten von Angst-, Zwangs- und depressiven Erkrankungen im Jugendalter. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin leitet den Bereich Jugendliche und junge Erwachsene und ist stellvertretende leitende Psychotherapeutin der Klinik.

Thema: Ängste, Zwänge und Depression im Jugendalter
Datum: Samstag, 20.03.2019
Ort: Tibusstraße 7-11
Uhrzeit: 18.00 Uhr

Der Infoabend richtet sich an Betroffene, Angehörige und Interessierte. Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten unter 0251 48 10-102 oder im Internet unter www.christoph-dornier-klinik.de.