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Eine Woche nach der Tat: Trauma-Folgen bei Kindern und Jugendlichen und die Rolle von bürgerlichem Zusammenhalt

Münster (ukm/aw) – Die engagierten Bürger Münsters helfen bei der psychischen Verarbeitung des Amok, sagt Prof. Georg Romer, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster). Rund eine Woche nach der Amokfahrt am Kiepenkerl sind die äußeren Verletzungen der Betroffenen in Behandlung. Welche seelischen Folgen die Tat bei Kindern und Jugendlichen haben kann und wann man von einer Traumatisierung spricht, erläutert Romer im Interview.

Herr Prof. Romer, kann sich – rund eine Woche nach der Amokfahrt – eine Traumatisierung bei Kindern- und Jugendlichen auch jetzt noch offenbaren?

Bei unmittelbar Betroffenen: ja! Das Typische für eine Traumatisierung ist, dass sie in den meisten Fällen nicht sofort sichtbar wird. Im Akut-Fall stabilisiert sich der Mensch erst einmal körperlich, das heißt zunächst gilt es, den gesamten durch das Ereignis belasteten Organismus wieder in eine Grundbalance zu bringen, um nicht funktional zusammenzubrechen. Erst wenn das geschafft ist, kann auch die Psyche sich eine gewisse Schwäche erlauben. Die Hilferufe der Seele können also lange im Nachhinein noch kommen. Bei akuter Lebensbedrohung sogar Jahre später, das erleben wir beispielsweise auch bei jugendlichen Flüchtlingen, die zunächst ihr Leben in Sicherheit bringen mussten und die erst viel später seelisch dekompensieren. Man spricht da von einer zunächst stabilisierenden Latenz.

Trägt die seelischen Folgen nur, wer die Tat miterlebt hat oder können besonders sensible Kinder auch durch Medienberichterstattung oder vom „Hörensagen“ traumatisiert werden?

Nein. Ein seelisches Trauma kann bei Kindern und Jugendlichen nur dann entstehen, wenn sie entweder selbst Augenzeuge der Tat geworden sind oder auch, wenn eine ihnen nahestehende Person unmittelbar betroffen war. Ein Trauma geschieht nach einer konkreten extrem belastenden Erfahrung, der ich selbst oder meine Liebsten unerwartet ausgesetzt war und die mein Selbst- und Weltverständnis nachhaltig erschüttert. Wenn sich bei einem Kind, das nur indirekt von der Tat gehört hat, trotzdem Schlafstörungen und Angstzustände einstellen, dann müsste man davon ausgehen, dass da schon vorher eine seelische Verwundung in diesem Bereich bestand, die sich in dieser Ängstlichkeit in Bezug auf die Tat erneut manifestiert. Das ist dann aber kein Trauma sondern eine andere Grunderkrankung. Man sollte den Begriff Trauma nicht inflationär verwenden.

Wenn Eltern nun aber eine Traumatisierung ihres Kindes befürchten, woran können sie das erkennen?

Wer jetzt – eine Woche nach der Tat – bei seinem Kind noch Albträume, Schlaflosigkeit oder Angstzustände beobachtet, der sollte das gut im Blick behalten. Normalerweise haben Eltern bei einer so existentiell berührenden Erfahrung ein sicheres Bauchgefühl dafür, was ihr Kind braucht. Es kann zur Sicherheit gebenden Beruhigung ausreichen, ein Kind – egal wie alt es ist – nach einer solchen Erfahrung einige Nächte mit im Bett der Eltern schlafen zu lassen. Wenn die Zustände jedoch andauern, sollten Eltern fachliche Hilfe suchen und beispielsweise eine Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche aufsuchen, wie sie hier beispielsweise an der Kinderklinik des UKM angeboten wird. Wir haben geneinsam mit der Kinderklinik schon am Tag nach der Tat für Betroffene kurzfristige Termine zur Verarbeitungshilfe bereitgestellt, damit eine posttraumatische Belastungsstörung gar nicht erst entsteht. Das ist immer ein gesunder erster Schritt: Den Kindern und Jugendlichen Gelegenheit geben, in Worte zu fassen, was passiert ist und so den erlebten Schock zu einer verarbeitbaren Geschichte werden zu lassen. Oft erübrigt sich durch sofort einsetzende Verarbeitungshilfe alles Weitere.

Haben sich viele Patienten bei Ihnen vorgestellt?

Wir sind froh, dass es bisher nicht so ist. Bisher haben sich mehr Erwachsene und auch Ersthelfer bei den Kollegen in der Trauma-Ambulanz des UKM (s. Kasten) vorgestellt. Meine Vermutung ist, dass hier die Ersthilfemaßnahmen, die in Münster durch ein bestens funktionierendes Rettungswesen und hervorragende Polizeiarbeit vorbildlich gelaufen sind, einen großen Anteil haben. Die Ersthelfer haben sofort und unaufgeregt das Richtige getan. Es gab keine größere Panik vor Ort, die die Menschen noch weiter hätte erschüttern können. Das ist durchaus bemerkenswert und ich würde es der gut funktionierenden Bürgerschaft in Münster zuschreiben. Man hat unaufgeregt das Richtige getan, die Welle der Solidarität und Anteilnahme, der Hilfsbereitschaft, die nicht nach Aufmerksamkeit heischt, ist beeindruckend gewesen. Als vor wenigen Jahren zugezogener Wahl-Münsteraner habe ich das schon im Zuge des Flüchtlingszustroms mit Faszination beobachtet. Dieses implizite „Wir-Gefühl“ und der Grundkonsens des Helfen-Wollens sind typisch „Münster-Style“, so würde ich es nennen. Und das zeichnet die Bürger dieser Stadt in besonderer Weise aus. Ich habe den Eindruck, dass es die in den vergangenen Jahren zu beobachtende allgemein zunehmende Verrohung der Gesellschaft, wie wir sie z.B. bei Gaffereien nach Autobahnunfällen erleben, so hier nicht gibt.

Gibt es Tipps, wie Eltern ihrem Nachwuchs so eine schreckliche Tat überhaupt erklären können?

Bei jüngeren Kindern sollte man diese von der Information tatsächlich abschirmen, das heißt natürlich auch von der Medienberichterstattung. Aber spätestens ab dem Schulalter funktioniert das nicht mehr – da werden Kinder auch außerhalb des Elternhauses mit den Ereignissen konfrontiert. Es gilt also, dem Kind die Ereignisse wahrheitsgemäß einordnen zu helfen. Eltern können dabei ihre eigene Betroffenheit und Ratlosigkeit angesichts der Tat zeigen. Eltern sollten dabei dem Kind möglichst konkret vor Augen führen, dass sie selbst sich im Alltagsleben weiterhin sicher genug fühlen und sie selbst auch keine Angst haben, beispielsweise jetzt wieder in die Innenstadt zu gehen. Kinder dürfen wissen, dass es Menschen gibt, die böse und nicht nachvollziehbare Dinge tun. Es ist aber vor allem wichtig zu sagen, dass Menschen, die Verbrechen begehen, von Gerichten bestraft werden, und dass die Gesellschaft funktionierende Strukturen für den heilenden Umgang mit einer Katastrophe hat, wie man anhand der Arbeit der Ersthelfer und der Reaktion der Bevölkerung sehen konnte.

Für Kinder und Jugendliche, die unmittelbare Zeugen der Amokfahrt geworden sind oder bei denen nahestehende Menschen betroffen waren, bietet die Traumaambulanz der Klinik für Kinder und Jugendmedizin des UKM eine Sprechstunde zur psychotherapeutischen Verarbeitungshilfe an Anmeldungen werden unter 0251 83-56440 entgegengenommen.
Für betroffene Erwachsene (einschl. Ersthelfer) ist die Trauma-Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am UKM unter der Tel.-Nr. 0251-83 52 905 für kurzfristige Terminvereinbarungen erreichbar.
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) sichert Betroffenen die Kostenübernahme nach dem Opferentschädigungsgesetz zu.

Altersmedizin: Betreuung älterer Patienten im Krankenhaus

Maria Klein-Schmeink und Kordula Schulz-Asche zu Besuch im St. Franziskus-Hospital

Münster – Die Bundestagsabgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen Maria Klein-Schmeink, Gesundheitspolitische Sprecherin und Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik, besuchten das St. Franziskus-Hospital und informierten sich über das Konzept zur Betreuung älterer Patienten rund um die Operation.

Dr. Simone Gurlit, Leitende Ärztin der Abteilung für perioperative Altersmedizin, erläuterte das Konzept, das zunächst als mehrfach ausgezeichnetes Modellprojekt gestartet war und seit mittlerweile 15 Jahren als fester Bestandteil in der Regelversorgung des Hospitals etabliert ist:

Vor allem ältere Patienten, die sich einer Operation unterziehen, haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie z.B. eine neu aufgetretene Verwirrtheit („Delir“) – insbesondere bei bereits vorbestehenden Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit. Hierdurch kann sich der Krankenhausaufenthalt verlängern und die Betroffenen können dauerhaft zum Pflegefall werden. Das Konzept am St. Franziskus-Hospital stellt neben einer frühestmöglichen Identifikation von Risikopatienten und einer angemessenen Narkoseführung die soziale Betreuung der Patienten in den Vordergrund. Besonders geschulte Altenpflegerinnen, das so genannte Geriatrie-Team, begleiten gefährdete Patienten. „Bereits bei Aufnahme, im OP und auch nach der Operation haben die Betroffenen stets eine ihnen vertraute Person um sich, die Sicherheit vermittelt und die erforderliche persönliche und ganzheitliche Betreuung gewährleistet. So werden Angst und Stress nachweislich reduziert und die Delirrate gesenkt“, erklärt Gurlit. Das Konzept der Abteilung für perioperative Altersmedizin ist so erfolgreich, dass bereits seit sechs Jahren ein vom Land NRW gefördertes Hospitationsprogramm angeboten wird, in dem andere Krankenhäuser konkrete Praxisanregungen erhalten. Außerdem werden die beteiligten Berufsgruppen bereits in ihrer Ausbildung mehrfach geschult und für die besonderen Anforderungen älterer Patienten sensibilisiert.

Die Politikerinnen waren beeindruckt von der zukunftsweisenden Konzeption und waren sich gemeinsam mit dem Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Möllmann und Geschäftsführer Burkhard Nolte einig, dass die zeit- und personalintensive patientenindividuelle Betreuung in den Vordergrund der politischen Bemühungen rücken sollte.

Bild: (v.l.) Kordula Schulz-Asche, Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Michael Möllmann, Maria Klein-Schmeink, Geschäftsführer Burkhard Nolte, Leitende Ärztin Dr. Simone Gurlit

Traumaambulanz richtet telefonische Sprechstunde nach Amokfahrt ein

Psychotherapeuten der Universität Münster bieten Unterstützung für Betroffene

Münster – Anlässlich der Amokfahrt am 7. April in der münsterschen Innenstadt bietet die Traumaambulanz der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) eine telefonische Sprechstunde für Betroffene an. Die Psychotherapeutin Dr. Antje Krüger-Gottschalk und der Psychotherapeut Prof. Nexhmedin Morina sind täglich zwischen 12 und 13 Uhr unter der Telefonnummer 0251 – 8334132 erreichbar. Das Angebot besteht bis Ende April. Die Psychotherapeuten an der WWU geben Hinweise zur psychologischen Verarbeitung derartiger Situationen und informieren Betroffene und ihre Angehörigen darüber, wo sie fachmännische Unterstützung erhalten.

Traumatische Ereignisse wie die Amokfahrt in Münster können bei betroffenen Personen zu sehr unterschiedlichen emotionalen Reaktionen führen. Häufig sind die Betroffenen verunsichert und zweifeln daran, wie und ob sie es schaffen, das Erlebte zu verarbeiten. Die meisten Überlebenden von traumatischen Ereignissen berichten vor allem in den ersten vier Wochen von einschneidenden Veränderungen in ihrem persönlichen Erleben und Verhalten, wie etwa Rückzugsbedürfnis, Schlafproblemen oder wechselnden Gefühlslagen. Diese und ähnliche Reaktionen sind als normale Anpassungsreaktion zu verstehen. Meist gehen sie im Laufe der ersten Wochen wieder zurück. Besonders wichtig und hilfreich für die Verarbeitung ist dabei die Unterstützung im familiären und sozialen Umfeld.

Die Psychotherapeuten an der WWU raten allen Betroffen, soweit es ihnen möglich ist, gut auf ihre Bedürfnisse zu achten und sich Zeit zu geben. Wenn sie über das Erlebte sprechen möchten, sollten sie dies in einem Rahmen tun, den sie persönlich als passend empfinden. Es ist wichtig, sich in einem sicheren Umfeld aufzuhalten. Zudem sollte man gut für sich sorgen, indem man auf regelmäßige Mahlzeiten, ausreichend Ruhe und Bewegung achtet. Es ist ferner hilfreich, zügig wieder zu alltäglichen Aufgaben zurückzukehren, ohne sich jedoch dabei unter Druck zu setzen. Bei all dem ist es sehr wichtig, dass die Betroffenen für sich und ihre Gefühle Geduld und Verständnis aufbringen.

Auch wenn es zeitweise unvorstellbar erscheint, gelingt es den meisten Menschen, eine traumatische Erfahrung zu verarbeiten. Für jene, die jedoch über einen längeren Zeitraum keine Besserung bemerken und unter anhaltenden psychischen Problemen leiden, ist professionelle Unterstützung durch Psychotherapeuten und Psychiater ratsam.

Opfer des Amokfahrers werden intensiv versorgt

Münster – Zwei schwerstverletzte Opfer der Amokfahrt vom gestrigen Samstag werden im Clemenshospital behandelt, ein weiteres in der Raphaelsklinik. Die Patienten im Clemenshospital werden intensivmedizinisch betreut und weiterhin engmaschig überwacht. Das Opfer, das in der Raphaelsklinik operiert wurde, konnte inzwischen auf eine Normalstation verlegt werden. Im Clemenshospital wurde bis nach Mitternacht operiert. „Alle Mitarbeiter haben am Samstag Großartiges geleistet“, bestätigt der Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie, Handchirurgie und Sportmedizin, Prof. Dr. Horst Rieger.

Bild: Zahlreiche Mitarbeiter kamen nach der Alarmierung zum Clemenshospital und in die Raphaelsklinik, um bei der Versorgung der Schwerstverletzten zu helfen.

Auch in der Raphaelsklinik sei man Dank des gut geschulten Teams sehr gut vorbereitet gewesen, „Die Organisation der Zentralen interdisziplinären Ambulanz hat sehr gut funktioniert“, sagt der Oberarzt der Klinik für Unfall- und orthopädische Chirurgie, Dr. Frank Jung. In beiden Kliniken sind unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Amokfahrt zahlreiche Mitarbeiter spontan zur Arbeit erschienen um ihre Kollegen zu unterstützen. Unter ihnen waren neben Ärzten und Pflegenden auch Techniker, Verwaltungsmitarbeiter und Vertreter der Klinikseelsorge. Die Alarmierung erfolgte über den elektronischen Alarmserver, der nach der Auslösung die Mitarbeiter automatisch auf ihrem Handy angerufen hat.

Selbst medizinisch geschulte Bürger, die nicht in den beiden Kliniken arbeiten, haben sich telefonisch gemeldet, um ihre Hilfe anzubieten. „Die Geschäftsführung dankt allen Mitarbeitern sehr herzlich für ihr großes Engagement und die Welle der Hilfsbereitschaft. Auch die Kommunikation mit den Einsatzkräften lief vorbildlich!“, bekräftigt der Geschäftsführer der Trägergesellschaft Alexianer Misericordia am Tag nach der Amokfahrt. Für alle Beteiligten überraschend war auch die Solidarität seitens der Bevölkerung, die zum Teil mit Lebensmitteln in die Kliniken kamen, um die vielen Helfer zu unterstützen.

Opfer des Amokfahrers auf dem Weg der Besserung

Münster – 11.04.2018, 12.45 Uhr – In der Raphaelsklinik ist das Opfer des Amokfahrers, das am Samstag operiert und nach der Betreuung auf der Intensivstation bereits am Sonntag auf eine Normalstation verlegt werden konnte, weiterhin auf dem Weg der Besserung.
Der Zustand der beiden schwerstverletzten Opfer, die sich seit Samstag in intensivmedizinischer Behandlung finden, ist ebenfalls inzwischen gebessert. Während ein Opfer weiterhin künstlich beatmet wird und nicht bei Bewusstsein ist, ist das zweite Opfer inzwischen bei Bewusstsein und wird nicht mehr künstlich beatmet. Von beiden Personen kann gesagt werden, dass eine akute Lebensgefährdung nicht mehr besteht, die intensivmedizinische Betreuung jedoch weiterhin dringend notwendig ist.
Vom Universitätsklinikum Münster erfolgte heute Vormittag die Verlegung eines Opfers zu uns ins Clemenshospital, da es sich um den Ehepartner eines der beiden Schwerverletzten in unserer Klinik handelt. Diese Person muss nicht intensivmedizinisch betreut werden und kann auf einer Normalstation weiterbehandelt werden.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir aus Gründen des Datenschutzes weder zum Geschlecht noch zum Alter oder der Herkunft der Betroffenen Auskunft geben.

„Ich durfte alles fragen und bekam jede Antwort“: Brücken-Team begleitet schwerkranke und deren Familien

Sarah Krajewska leidet unter einer Stoffwechselerkrankung. Eigentlich hätte sie Prognosen zufolge nicht älter als zwei Jahre werden sollen – heute ist sie zwanzig. Sarahs Mutter war mit der Betreuung und Sorge um ihre Tochter immer auf sich allein gestellt. Irgendwann überstieg das ihre Kraft. Das war der Zeitpunkt, als sich das Brücken Team einschaltete und das Leben der beiden erleichterte.

Münster (ukm/aw) – Sarah und ihre Mutter Johanna Krajewska sind eng miteinander verbunden: „Wir leben quasi in Symbiose. Ich spüre, wenn es meiner Tochter schlecht geht und umgekehrt merkt sie das auch.“ „Durch Sarahs schwere Erkrankung ist das ganz erklärlich“, sagt die Ärztliche Leiterin des Brücken-Teams am UKM (Universitätsklinikum Münster), Dr. Margit Baumann-Köhler. „Wir erleben das oft bei Eltern, deren Kinder, lebensbegrenzend erkrankt sind. Insbesondere natürlich, wenn die Kinder sich, wie es bei Sarah der Fall ist, nicht selbst äußern können.“ Sarah leidet von Geburt an unter einer Form von Mukopolysaccharidose, einer schweren Stoffwechselstörung. „Als im Alter von einem Jahr die Diagnose und – damit verbunden – die Aussage kam, dass mein Kind nicht mehr lange leben würde, bin ich in ein schwarzes Loch gefallen“, gibt Johanna Krajewska zu. Doch irgendwann habe sie die Wahl getroffen, das bisschen Leben so lebenswert wir möglich zu gestalten. „Alles, was anderen unmöglich erschien, habe ich versucht, mit Sarah zu machen. Wir sind gereist und haben die Welt gesehen und ich bereue nicht eine Sekunde“, sagt die energiegeladene Beckumerin.

Lange Zeit ging es Sarah erstaunlich gut, doch vor drei Jahren verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand von einem auf den anderen Tag. Es folgten eine akut lebensbedrohliche Situation und ein langer Klinikaufenthalt. Da hätten die Ärzte am UKM lange Gespräche mit ihr geführt, sagt Sarahs Mutter. Zum ersten Mal war auch sie selbst an einem Punkt, an dem sie sich eingestehen musste, Hilfe zu brauchen. Damals hat man mir unverbindlich den Kontakt zum Brücken-Team angeboten, sagt Krajewska.

„Viele Eltern haben eine große Scheu und sogar Abwehr, was den ersten Kontakt zu uns betrifft“, weiß Baumann-Köhler. „Der Schritt kommt ihnen so endgültig vor. Sie fühlen sich ein bisschen, als ob sie im Kampf gegen die tödliche Krankheit ihres Kindes verloren hätten“ In dieser Situation braucht es Fingerspitzengefühl und viele intensive Gespräche im ambulanten häuslichen Umfeld. „Eine auf ihre Situation abgestimmte psychosoziale Beratung ist – neben der medizinischen und pflegerischen Beratung – das, was wir den Familien auf ihrem Weg bieten können“, sagt Diplom-Pädagogin und ausgebildete Supervisorin Maria Runtenberg vom Brücken-Team. Sie hat die Krajewskas in Beckum oft besucht, um vor Ort herauszufinden, womit man der kleinen Familie am besten helfen könnte. Auch schon vorhandene Ressourcen im Familiensystem werden aufgespürt und aktiviert. „Maria ist eine gute Freundin geworden“ strahlt Johanna Krajewska und nimmt Runtenberg in den Arm. „Ihr erzähle ich alles, was ich sonst nur meinem Spiegelbild erzählen würde. Und vor allem kann ich wie selbstverständlich immer alles fragen und bekomme jede Antwort – es gibt einfach kein Tabu.“

Damit die Betreuung so nah an den Familien sein kann, braucht es Geld. Denn das Brücken-Team wird – neben der Hauptfinanzierung durch die Krankenkassen – seit über einem Jahrzehnt von der Schober-Stiftung mitgetragen und ist daher letztlich auch spendenabhängig. Insgesamt fließen aus der Stiftung jährlich rund 25.000 Euro in das Projekt. „Aktuell arbeiten wir daran, Maria Runtenbergs Stelle zu erhalten und zu verlängern“, sagt Dr. Anna Schober, die zusammen mit ihrem Mann Univ.-Prof. em. Otmar Schober Mitbegründerin der Schober-Stiftung ist. „So wie es ein ganzes Dorf braucht, ein Kind groß zu ziehen, braucht es viele Schultern, ein todkrankes Kind und seine Familie bis zum Ende zu begleiten.“

Bild: (v.r.n.l.) Das ganze Brücken-Team hinter Sarah Krajewska: Diplom-Pädagogin Maria Runtenberg, Mutter Johanna Krajewska, Dr. Margit Baumann-Köhler, Dr. Anna Schober und Prof. Claudia Rössig, Direktorin der Kinderonkologie am UKM.

Zecken – mal wieder auf der Lauer

Von April bis September ist Vorsicht geboten / Mückenschutzmittel, lange Kleidung und Impfung bieten Schutz vor Borreliose und FSME

Münster (ukm/hch) – Sie lauern auf Gräsern und in Büschen – Zecken. Doch wie entfernt man sie richtig? Und handelt es sich um einen Biss oder einen Stich? Von April bis September ist Zeckenzeit. Dr. Frieder Schaumburg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) kennt sich mit den Parasiten aus: „Bei jedem Zeckenstich gilt: Die schnelle Entfernung der Zecke ist entscheidend. Das Risiko sich bei einem Zeckenstich mit Borreliose zu infizieren wird maßgeblich von der Saugdauer der Zecke beeinflusst.“ Es vergehen bis zu 24 Stunden, bis die Erreger der Borreliose auf den Menschen übertragen werden. „Deshalb sollte man sich nach einem Tag im Freien gründlich auf Zecken untersuchen, um die Gefahr einer Infektion zu minimieren“, rät der Leiter der Impfsprechstunde.

Während Zecken unzählige Erreger in sich tragen können, spielen in Deutschland fast ausschließ die FSME-Viren und die Borrelien eine Rolle, die neben grippalen Symptomen im schlechtesten Fall eine Entzündung des Gehirns hervorrufen können. „Das Münsterland ist aber kein Risikogebiet für den FSME-Erreger, da dieser bisher auf den Süden Deutschlands beschränkt ist. Das sollten jedoch Reisende berücksichtigen und über eine Impfung nachdenken“, so Schaumburg mit dem Hinweis, dass Borrelien wiederum sehr wohl in den münsteraner Zecken zu finden sind. Um sich zu schützen empfiehlt der Mikrobiologe gängige Mückenschutzmittel, die die Inhaltsstoffe DEET oder Icaridin enthalten. Diese machen den Menschen als Beute uninteressant. Zusätzlich sollte lange Kleidung zum Beispiel bei Wanderungen oder Spaziergängen durch hohe Gräser getragen werden.

„Im Falle eines Zeckenstichs sollte man die Zecke mit einer feinen Pinzette möglichst nah an den Mundwerkzeugen greifen und senkrecht nach oben herausziehen“, erklärt Dr. Frieder Schaumburg. Von drehen oder anwärmen rät er dringlich ab. Stattdessen sollte die Wunde desinfiziert und beobachtet werden. „Ein Anzeichen für eine Infektion ist die sogenannte Wanderröte. Dabei entsteht eine kreisförmige Rötung um die Einstichstelle. Diese breitet sich beim Voranschreiten der Infektion immer weiter aus.“ Bei einem Verdacht sollten Betroffene ihren Hausarzt aufsuchen.

Haben die Bakterien das Nervensystem befallen, spricht man von der Neuroborreliose. Je nach Stadium der Infektion dauert die Behandlung mit Antibiotika zwischen wenigen Tagen und einigen Wochen. „In der Regel lässt sich die Borreliose jedoch gut behandeln“, sagt Schaumburg.

Bild: Dr. Frieder Schaumburg zeigt die FSME-Risikogebiete in Deutschland. (© Foto: UKM/FZ/Tronquet)

Schwirrende Gefahr aus dem Viehstall: Münstersche Forscher beleuchten Fliegen als Überträger antibiotikaresistenter Keime

Münster (mfm/sm) – Kuhfladen, Schweinemist, Schlachtabfälle – was für den Menschen eher unappetitlich daherkommt, ist für so manche Fliege im wahrsten Sinne ein gefundenes Fressen. Gerade in der Tiermast werden allerdings viele Antibiotika verwendet, die resistente Keime entstehen lassen. Genau diese nehmen über die Ausscheidungen der Nutztiere auch die Insekten auf. Da Fliegen ebenfalls Kontakt zu Menschen haben, sind sie so ein „idealer“ Überträger von Erregern. Wissenschaftler der Universität Münster haben daher nun gemeinsam mit einem internationalen Team die Bedeutung der Schmutzfliege bei der Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien genauer beleuchtet. In zwei Treffen in Amsterdam und Wien diskutierten sie alle bisher verfügbaren Forschungsarbeiten zum Thema und veröffentlichten ihre Ergebnisse jetzt im Fachmagazin Travel Medicine and Infectious Disease.

Schon 2016 hatte eine münstersche Studie gezeigt: In der ländlich geprägten Region sind bis zu 20 Prozent aller Fliegen mit resistenten Keimen wie Escherichia coli (ESBL-produzierende E.-coli) besiedelt, die beim Menschen beispielsweise starke, schwer zu behandelnde Infektionen auslösen können. „Mit unserer damaligen Arbeit konnten wir nachweisen, dass die Bakterien der untersuchten Fliegen häufig dieselben Resistenzgene trugen wie die Bakterien bei unseren Patienten. Da lag ein Zusammenhang nahe – der bis dahin aber noch nicht sicher belegt war“, erklärt Prof. Frieder Schaumburg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie.

Bild: Prof. Frieder Schaumburg und Francis Onwugamba, PhD-Student aus Nigeria, bei der Untersuchung einer Fliege (© Foto: FZ/E. Wibberg)

Um der Frage nach der gemeinen Schmutzfliege als Überträger auch anderer antibiotikaresistenter Keime weiter nachzugehen, trafen sich nun Mikrobiologen, Infektiologen, aber auch Veterinärmediziner und Entomologen (Insektenexperten) zu Workshops in Amsterdam und Wien. Die Experten – unter anderem aus Gabun, Kanada und Dänemark – trugen alle bisher verfügbaren Forschungsergebnisse zusammen und diskutierten sie interdisziplinär – mit klarem Ergebnis: „Auf Fliegen sind sämtliche Antibiotikaresistenzen nachzuweisen, vor denen sich Mediziner heute fürchten. Dazu gehört beispielsweise der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus – besser bekannt als der gefürchtete „Krankenhauskeim“ MRSA. Außerdem konnten wir nachweisen, dass die antibiotikaresistenten Bakterien von Fliegen, Menschen und Tieren nahezu identisch sind. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass Fliegen bei der Verbreitung eine wichtige Rolle spielen“, so Workshop-Leiter Schaumburg.

Vor voreiligen Schlüssen warnt der Mikrobiologe dennoch: „Es braucht noch viel Forschungsarbeit, um zu prüfen, welchen Anteil resistente Erreger von Fliegen tatsächlich bei den Infektionszahlen in Krankenhäusern und Arztpraxen haben. Schon jetzt werden wir uns aber auch mit wirksamer, ökologisch sinnvoller Schädlingsbekämpfung beschäftigen müssen.“ Unterstützt wurde das internationale Team um Schaumburg durch das EU-Projekt Joint Programming Initiative on Antimicrobial Resistance, kurz JPPIAMR, und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die die Zusammenarbeit mit über 40.000 Euro förderten. [Link zur Publikation]

Spinalkanalstenose: „Als ob jemand mit dem Messer in das Bein schneiden würde“

Eine Verengung des Wirbelkanals ist häufig, kann aber vom Neurochirurgen behandelt werden

Münster – Rückenprobleme sind in Deutschland der häufigste Grund für eine Krankschreibung. Was während des Arbeitslebens beginnt, setzt sich im Alter fort: „Bei etwa jedem fünften Menschen über 60 Jahren können Sie eine Einengung des Wirbelkanals auf den Bildern des Computertomographen (CT) oder des Magnetresonanztomographen (MRT) erkennen. In vielen Fällen macht dies aber keine Beschwerden“, berichtet Dr. Oliver Timm, neurochirurgischer Oberarzt und Koordinator des von der deutschen Wirbelsäulengesellschaft zertifizierten Wirbelsäulenzentrums im Clemenshospital.
Diese sogenannte Spinalkanalstenose entsteht in den meisten Fällen durch den altersbedingten Verschleiß der Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule. Wenn die Verengung des Spinalkanals fortschreitet und die Nervenbahnen beeinträchtigt, können starke Schmerzen sowie Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen in den Beinen und Füßen auftreten. So wie bei Anneliese Geditz: „Ich dachte erst, dass ich einfach ein bisschen viel getan hätte und dann eben der Rücken weh tut“, beschreibt die 72-Jährige die ersten Symptome.

Im November letzten Jahres kam es dann zum Bandscheibenvorfall. „Ich bekam Spritzen und dann ging es auch erst wieder. Im Januar war es aber plötzlich von einer Sekunde auf die andere, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte“, erinnert sich die Seniorin. Die Schmerzen strahlten in das rechte Bein aus, „als ob jemand mit dem Messer hineinschneiden würde“. Infusionen, Tabletten, nichts half gegen die Schmerzen. Der Hausarzt hat Anneliese Geditz dann zum Neurochirurgen ins Clemenshospital überwiesen. „Wenn es noch keine Ausfallserscheinungen in den Beinen oder Füßen gibt, können Medikamente oder Physiotherapie sehr erfolgreich sein“, erläutert Dr. Oliver Timm. Bei der Münsteranerin kam jedoch nur noch die Operation in Frage, weil der Wirbelkanal zudem maximal eingeengt war. Die Betroffenen sollten frühzeitig den Weg zum Neurochirurgen antreten, um gemeinsam zu überlegen, welche Vorgehensweise die richtige ist, empfiehlt Timm. „Nachdem ich aus der Narkose aufgewacht bin, dachte ich erst, dass das doch nicht wahr sein kann. Die Schmerzen waren weg!“ Etwa eine Woche muss die Patientin im Clemenshospital bleiben, danach kommen zwei bis drei Wochen in der Reha. Wenn alles gut geht, steht auch dem Urlaub auf Gran Canaria im Frühling nichts mehr im Wege, „daran wäre mit den starken Schmerzen gar nicht zu denken gewesen“, sagt der Neurochirurg.

Veranstaltung zum Thema: „Spinalkanalstenose“

Am Mittwoch, den 21. März, berichten Experten des Wirbelsäulenzentrums (Prof. Dr. Uta Schick, Dr. Oliver Timm und Dr. Roland Hahn) um 18 Uhr in der Alexianer Waschküche, Bahnhofstraße 6, über das Thema Spinalkanalstenose. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht notwendig.

Bild: Dr. Oliver Timm (l.) hat Anneliese Geditz im Clemenshospital an der Wirbelsäule operiert.