Archiv für den Monat: April 2019

Virtual-Reality-Tour durch das eigene Gehirn: Den Hirntumor sehen und verstehen

Im UKM-Hirntumorzentrum erhalten Patienten mithilfe einer VR-Brille dreidimensionale Einblicke in ihren Kopf.

Münster (ukm/lie) – Jonas Thiet erinnert sich gut an das Gefühl der Unsicherheit. Als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. „Ich war erst mal völlig mit der Situation überfordert“, blickt der heute 27-Jährige auf die erste Zeit nach der Diagnose „Hirntumor“ zurück. Damals – vor knapp drei Jahren – half es ihm, so viel wie möglich über seine Erkrankung und die Therapiemöglichkeiten zu erfahren. Daher zögerte Thiet nicht lang, als ihm Dr. Markus Holling, Oberarzt in der Klinik für Neurochirurgie des UKM (Universitätsklinikum Münster), jetzt im Rahmen der Nachsorgeuntersuchungen im UKM-Hirntumorzentrum anbot, mithilfe einer VR-Brille (VR = virtual reality) eine Reise ins eigene Gehirn zu unternehmen.

„Manche kennen VR-Brillen bereits von der heimischen Spielkonsole – im Zentrum nutzen wir diese Technik aber nun zur besseren Visualisierung des Hirntumors“, erklärt der Mediziner. „Patienten sollten so gut es geht über ihre Erkrankung Bescheid wissen“, betont auch sein Kollege Dr. Dr. Oliver Grauer, Oberarzt in der Klinik für Neurologie. Als erstes Hirntumorzentrum in Europa setzt das interdisziplinäre Team rund um Grauer und Holling die VR-Technik mit einer neuen Software aus der Schweiz ein, um z.B. vor einer Operation die genaue Lage des Tumors und die benachbarten Regionen zu veranschaulichen und einen Eindruck davon zu vermitteln, was während des Eingriffes passiert. Das Modell des Gehirns wird dabei anhand von MRT-Aufnahmen generiert. Der Patient kann sich die Bilder durch die VR-Brille direkt in 3D ansehen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, die virtuelle Tour durch den Kopf an einem großen Bildschirm zu verfolgen. „Dabei ist keinerlei anatomisches Vorwissen erforderlich“, erzählt Holling. „Wir sind immer dabei und erklären die relevanten Strukturen.“

Jonas Thiet, bei dem der Tumor bereits kurz nach der Diagnose erfolgreich entfernt wurde, kommt nach einer anschließenden Chemo- und Strahlentherapie heute noch regelmäßig alle drei Monate zur Nachsorge aus seinem ostfriesischen Heimatort nach Münster. Bei Patienten wie ihm können die Mediziner mit Hilfe der VR-Technologie das Ergebnis nach einer OP darstellen. „Ein Hirntumor ist eine sehr komplexe Erkrankung“, sagt Holling. „Das ist was anderes als ein gebrochenes Bein. Die Betroffenen haben vor und nach dem Eingriff viele Fragen – z.B. zu den neurologischen Folgen oder dem weiteren Therapieverlauf.“ Auch Thiet suchte so viele Antworten wie möglich. „So habe ich gesehen, was alles möglich ist“, erzählt der gelernte Koch, der inzwischen ein eigenes Restaurant betreibt. Das Vertrauen in die Ärzte, in die neuen Verfahren und Technologien helfe ihm, wieder ein Stück Sicherheit zurückzugewinnen.

Bild: Für ein besseres Verständnis: (v.l.) Dr. Dr. Oliver Grauer, Jonas Thiet und Dr. Markus Holling mit der VR-Brille.

Phenylketonurie: Lebenslange Diät erforderlich

Münster (ukm/aw) – Als Simon H. vor zehn Jahren geboren wurde, schien er gesund und munter. Drei Tage später ereilte seine Mutter zuhause der Anruf der Geburtsklinik, sie solle sich sofort mit der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKM (Universitätsklinikum Münster) in Verbindung setzen und ihren Sohn gleich dorthin bringen. Vera H. hielt diese Reaktion zunächst für hysterisch: „Simon lag schlafend in seinem Bettchen – was sollte da sein?“ Grund für die Alarmierung war, dass ein Bluttest, der im Rahmen des Neugeborenen-Screenings standardmäßig durchgeführt worden war, den Verdacht auf eine genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung nahelegte. Nach der Aufnahme in die Klinik für Kinder und Jugendmedizin am UKM (Universitätsklinikum Münster) bestätigte sich die Diagnose „Phenylketonurie“ schnell. „Ich stand neben mir und wusste nicht, was das jetzt für unser weiteres Leben heißt“, erinnert sich Vera Herrmann.

PKU-Patienten können eine bestimmte Aminosäure, das Phenylalanin, nicht verstoffwechseln. Weil es in jedem eiweißhaltigen Nahrungsmittel, insbesondere aber natürlich auch in Muttermilch, enthalten ist, reichert es sich im Körper des Säuglings an. Ohne Behandlung führt zu viel Phenylalanin bei den Patienten zu Schäden an Hirn und Nervensystem. Bis die Ursache von PKU erkannt wurde, wurden Generationen von Patienten nicht behandelt – mit den entsprechenden Folgen für ihre geistige Gesundheit. Das alles ist dank der Einführung des Neugeborenen-Screenings, der Entwicklung von eiweißarmen Diäten und einer Behandlung der Patienten mit einer bestimmten Aminosäurenmischung inzwischen Vergangenheit – PKU-Patienten können ein weitgehend normales Leben führen. „Trotzdem war der erste Schock damals groß“, sagt die sechsundvierzigjährige Mutter: „Ich musste abstillen, Simon wurde ersatzweise mit einer eiweißlosen Spezialflüssigkeit ernährt – ein Alptraum“, sagt sie rückblickend.

Prof. Frank Rutsch, Oberarzt in der Klinik für Kinder und Jugendmedizin und gleichzeitig Patientenlotse des Centrums für Seltenen Erkrankungen am UKM, kennt die Situation der PKU-Betroffenen gut. Sie stellen im Centrum mit einer Anzahl von rund 200 die größte Gruppe der Stoffwechselpatienten. Anfang April hat er deshalb für die “PKU-ler“ und ihrer Familien eine Patienten-Akademie ausgerichtet. Hier wurden aktuelle medizinische Entwicklungen, wie die Änderung der Leitlinien zur Behandlung der seltenen Erkrankung, vorgestellt. „Über das Medizinische hinaus war es unser Ziel, die Patienten durch die Veranstaltung untereinander zu vernetzen und ihnen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben“, so Rutsch. „Deshalb haben wir unter anderem auch die Deutsche Interessengemeinschaft PKU (DIG PKU) eingeladen, die wertvolle Hinweise für das alltägliche Leben mit Phenylketonurie gegeben hat.“

Vera H. beispielsweise hat in einem Vortrag Wege durch den „Behördendschungel“ aufgezeigt. Nach zehn Jahren mit einem an PKU erkrankten Kind, kennt sie sich schließlich bestens aus. „Das Leben mit Simon läuft inzwischen in geordneten Bahnen“, sagt die engagierte Mutter. Dass Simon Diät leben muss, hat er verinnerlicht. Auch die Spezialmischung an Aminosäuren, nimmt er drei Mal täglich wie selbstverständlich ein, sagt Herrmann: „Und wenn Simon mal auf einen Geburtstag eingeladen ist, verzichtet er auf den Kuchen dort und nimmt sich eigene Süßigkeiten mit. Die PKU hindert ihn jedenfalls nicht am Glücklichsein.“

Stoffwechselstörung Phenylketonurie (PKU)

Bild: Vera H. und Simon waren nur zwei von rund 110 Teilnehmern der Patienten-Akademie, die Prof. Frank Rutsch (r.) vom Centrum für Seltene Erkrankungen am UKM Anfang April auf Gut Havichhorst in Münster ausgerichtet hat. (© Foto UKM)

Pelikanhaus: Spendenaktion erzielt 500 Euro

Jacques Weindepot unterstützt das Pelikanhaus am Clemenshospital

Münster – Guter Wein und gute Musik, die perfekte Mischung, um einen schönen Tag zu verbringen. Wenn sich dann noch die Gelegenheit bietet, für einen guten Zweck zu spenden, verdoppelt das den Genuss. Während der Veranstaltung „Jazz meets Wine – Eine Matinee mit Stephanie K.“ von Jacques Weindepot an der Borkstraße kamen 500 Euro zugunsten des geplanten Familienhauses „Pelikanhaus“ am Clemenshospital zusammen. „Als ich von dem Projekt gehört habe, war ich sofort begeistert und wollte mich engagieren“, berichtet der Inhaber des Weingeschäfts, Jörg Steinhardt-Kranefeld und fügt hinzu: „Wir sind ja schließlich fast Nachbarn.“ Zusätzlich zu den Spenden der rund 100 Gäste organisierte der Künstler Oliver Härting spontan die Versteigerung eines seiner Bilder, das Frank Hellweg von Hellweg & Hinzen ersteigert und direkt an das „Pelikanhaus“ als zukünftige Wanddekoration weitergegeben hat. Dr. Martina Klein vom Fundraising der Alexianer betonte: „Ich bin begeistert von der spontanen Spendenbereitschaft und bedanke mich herzlich bei allen Gästen für ihre Hilfe. Mein besonderer Dank gilt Jörg Steinhardt-Kranefeld und sein Team für die tatkräftige Unterstützung.“

Jacques Weindepot unterstützt das Pelikanhaus am Clemenshospital

Bild: Jörg Steinhardt-Kranefeld, Oliver Härting, Dr. Martina Klein und Frank Hellweg (v.l.) freuen sich über den Erfolg der Aktion

Neues Notfalltraining am UKM bringt Sicherheit für Patienten

Münster (ukm/js) – Aktuell wird im Klinikum ein strukturiertes Notfalltraining etabliert, in dem die Mitarbeitenden berufsgruppenübergreifend verstärkt in nicht-reanimationspflichtigen Notfällen geschult werden. „Im Krankenhausalltag steht bei Schulungen häufig die Reanimation im Vordergrund. Unser Ziel ist es, die Beschäftigten im Umgang mit kritisch Kranken durch einen klar strukturierten und festgelegten Ablauf zu stärken und so im besten Fall Reanimationen zu vermeiden“, sagt Christian Hackmann vom UKM Trainingszentrum. Im UKM Trainingszentrum finden in modernen Räumlichkeiten umfassende Schulungen für UKM-Beschäftigte verschiedener Berufsgruppen und Disziplinen statt.

Mitarbeiter aus unterschiedlichen Berufsgruppen in Schulungen und Trainings zusammenzubringen, diese Philosophie wird bereits seit 2007 am UKM umgesetzt. Im Fall des neuen Notfalltrainings kommen die Idee und Konzeption direkt aus der UKM-Mitarbeiterschaft: Der ausgebildete Kranken- und Gesundheitspfleger und Rettungssanitäter Pascal Hülsmann hat ein Schulungskonzept entwickelt, in das seine Erfahrungen aus beiden Ausbildungen einfließen. „Im Rettungsdienst habe ich regelmäßig praktische Fallsimulationen zu den häufigsten Notfällen außerhalb der Reanimation kennengelernt. Ich glaube, dass wir davon auch im UKM profitieren und Vorreiter in der Krankenhauslandschaft sein können“, betont Hülsmann. Um den Zeitaufwand im Stationsalltag gering zu halten, hat Pascal Hülsmann das Konzept mit Unterstützung des UKM Trainingszentrums in vier Blöcke aufgeteilt: Den theoretischen Algorithmus stellt er während der regulären Team-Besprechungen der Stationen vor, das dazugehörige Handbuch können die Teilnehmenden eigenständig durcharbeiten. Darauf aufbauend findet für jeden Mitarbeiter eine kurze Schulung auf den Stationen statt, die u.a. eine strukturierte Einschätzung von kritischen Patienten vermittelt.

Bild: Pascal Hülsmann leitet Gesundheits- und Krankenpflegerin Melanie Hertel an, wie sie bei nicht-reanimationspflichtigen Notfällen optimal unterstützt. (© Foto UKM)

Refixation update: Dem Chirurgen über die Schulter sehen

Münster – Rund 120 Teilnehmer aus Deutschland, der Schweiz, Schweden und den USA nahmen in diesem Jahr am „Refixation update“ der Sektion Schulter- und Ellenbogenchirurgie, Sportorthopädie der Raphaelsklinik teil. Während die Chirurgen in den OP-Sälen der Raphaelsklinik unterschiedliche Eingriffe an Schultergelenken vornahmen, schauten ihnen mehrere Kameras über die Schulter und übertrugen die Bilder live in den Tagungssaal des rund anderthalb Kilometer entfernten Mövenpick Hotels am Ufer des Aasees.

Refixation update 1

Bild: Während die Operateure in der Raphaelsklinik konzentriert das Schultergelenk des Patienten behandeln, werden die Bilder live ins Mövenpick übertragen.

Die Kongressteilnehmer konnten während des Eingriffs Fragen an die Operateure stellen und Kommentare geben, die in den Operationssaal übertragen wurden. Die Tagungsteilnehmer konnten aus der Ferne an vier endoskopischen Eingriffen und weiteren vier Schulterprothesenoperationen teilnehmen. Auf dem Gebiet der Schulterendoprothetik, also des Implantierens künstlicher Schultergelenke, gilt die Abteilung der Raphaelsklinik unter der Leitung von Prof. Dr. Jörn Steinbeck und Dr. Kai-Axel Witt deutschlandweit als eine der führenden.

Refixation update 2

Bild: Konzentriert verfolgen die Teilnehmer im Tagungssaal des Hotel Mövenpick den Eingriff, der live aus der Raphaelsklinik übertragen wurde.

„Babylotsen-Projekt“ am St. Franziskus-Hospital: Kooperationsvertrag sichert Zukunft

Münster – Mit dem „Babylotsen-Projekt“ startete das St. Franziskus-Hospital Münster vor vier Jahren ein einzigartiges Präventionsprojekt rund um Schwangerschaft und Geburt, um Familien mit Betreuungsbedarf zu erkennen und ihnen die individuell nötige Unterstützung in den Kommunen und Kreisen zu vermitteln. Das Krankenhaus als eine der größten Geburtskliniken in NRW konnte eine Projektförderung durch die Glücksspirale erreichen, die aber im vergangenen Jahr auslief. Das Hospital sprang ein, um die Finanzierung mit geringer Stundenzahl aufzufangen. Dank des Einsatzes der Projektleitung, die zusammen mit der Babylotsin die umliegenden Jugendämter persönlich aufgesucht und Anträge an die Kommunen und Kreise geschrieben hat, konnten fast alle Angesprochenen von der Dringlichkeit und der Qualität des Projektes überzeugt werden und die Finanzierung nun langfristig ausgebaut werden. In einer Feierstunde dankten die Projektbeteiligten des Hospitals den Förderern.

„Babylotsen sind Ansprechpartner und Netzwerker, wenn sich rund um die Geburt Anhaltspunkte für Belastungen bei den Schwangeren oder in der Familie ergeben“, beschrieb Beate Riße ihre Aufgabe als Babylotsin in der Geburtsklinik des St. Franziskus-Hospitals. Schon beim Aufnahmegespräch mit den Patientinnen werde mit Hilfe eines speziellen Erhebungsbogens ermittelt, ob Hilfe- und Beratungsbedarf bestehe. Da über 90 Prozent der Frauen in einer geburtshilflichen Klinik entbinden, habe man hier die einmalige Gelegenheit, den größten Teil der Mütter und Familien zu erreichen und frühzeitig zu beraten. „Das Projekt ist eine echte Herzens­angelegenheit geworden und ein gelungenes Beispiel für Prävention beim Lebensstart. Wir konnten damit eine Lücke zwischen der Jugend-, Sozial- und Gesundheitshilfe schließen“, erläuterte der projektverantwortliche Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Michael Böswald. Im Namen des St. Franziskus-Hospitals dankte er den Vertretern der Städte Münster, Greven, Emsdetten und des Kreises Steinfurt für die finanzielle Unterstützung, die es seit Jahresanfang 2019 ermöglicht, das Beratungsangebot langfristig zu etablieren und zeitlich auszubauen: Eine anteilsmäßige Finanzierung wurde in entsprechenden Kooperationsverträgen festgeschrieben. Zusammen mit dem Eigenanteil des Hospitals stehen so jährlich rund 80.000 Euro für das Projekt zur Verfügung.

Bild: Gelbe Rosen als symbolischer Dank (v.l.): Dr. Dagmar Schwarte (Gesundheitsamt Münster), Heiner Vogt (Stellv. Leiter Amt für Kinder, Jugendliche und Familie, Münster), Jutta Möllers (Ratsmitglied Stadt Münster, Kinder- und Jugendpolitische Sprecherin Bündnis90/Die Grünen), Petra Gittner (Leiterin Jugendamt Emsdetten), Beate Tenhaken (Leiterin Jugendamt Greven), Dr. Anke Hövels (Lt. Oberärztin Geburtshilfe), Priv.-Doz.Dr. Michael Böswald Projektverantwortlicher Chefarzt), Monja Göcke (Babylotsin), Tillmann Fuchs (Sozialdezernent Kreis Steinfurt) und Regionalgeschäftsführer Burkhard Nolte.

„Bisher hat das St. Franziskus-Hospital das Babylotsen-Angebot allein aus Eigenmitteln und Spenden finanziert“, erläuterte Regionalgeschäftsführer Burkhard Nolte. „Dank der finanziellen Unterstützung der Kommunen und des Kreises Steinfurt kann das Projekt nun nicht nur aufrechterhalten, sondern sogar personell erweitert werden.“ Künftig stehen den Familien zwei Mitarbeiterinnen im Hospital mit insgesamt ca. 50 Wochenstunden zur Verfügung.

„Der Beratungsbedarf bei Schwangeren und ihren Familien ist groß – und es war bisher nicht möglich, dieser Nachfrage gerecht zu werden“, führte Beate Riße aus. So habe es 2018 im St. Franziskus-Hospital 2530 Geburten gegeben und bei jeder fünften Schwangeren oder ihrer Familie sei ein Bedarf für das Babylotsen-Angebot zu erkennen gewesen. „Die individuelle Kontaktvermittlung und Beratung wird sehr gerne in Anspruch genommen und schafft bei den Schwangeren Vertrauen – und für ihre Lebenssituation Zuversicht “, sind sich Dr. Michael Böswald und Babylotsin Beate Riße einig.

Das St. Franziskus-Hospital ist neben dem Mathias Spital in Rheine das einzige Krankenhaus im Münsterland, in dem Babylotsen tätig sind.

Babylotsen sind Netzwerker, die wissen, wer helfen kann
Werdende Eltern unterliegen oftmals unterschiedlichen Belastungen: Wirtschaftliche Not oder Arbeitslosigkeit, fehlende Integration, schwindende familiäre Strukturen, Trennung oder Krankheit der Eltern. Nicht alle Familien verfügen über ausreichend eigene Ressourcen, um mit diesen Belastungen fertig zu werden. So kann es zu Überforderung und im schlimmsten Fall zur Gefährdung des Kindeswohls kommen. Babylotsen sorgen dafür, dass hilfebedürftige Schwangere und Familien frühzeitig durch den oft unübersichtlichen Dschungel aus Hilfsangeboten geleitet werden.

Hierfür ist es besonders wichtig, den Hilfe- und Beratungsbedarf von Familien professionell zu erkennen und frühzeitig zu ihnen Kontakt aufzunehmen. Babylotsen zeichnen sich durch ihre besonders gute Vernetzung zu den verschiedenen Einrichtungen der frühen Hilfen aus. Sie zeigen den Familien einen Weg auf und motivieren sie, an Hilfemaßnahmen teilzunehmen. Bestehende Angebote sollen dabei nicht ersetzt werden. So gibt es von freien und kommunalen Trägern sehr viele Angebote vor und nach der Geburt. Die Wahrnehmung dieser Hilfen kann aber ausgebaut werden. Durch die Babylotsen kann in den Geburtskliniken der akute Bedarf ermittelt und Hilfe sehr früh an die Familien gebracht und die schon vorhandenen Netze besser genutzt werden. Babylotsen leisten somit einen präventiven Beitrag zum Kinderschutz.

Babylotsin Beate Riße: „Lange Zeit hatte ich ein ungutes Gefühl bei dem Gedanken, dass es so viele werdende Mütter und Familien gibt, die mit Ihrer Lebenssituation überfordert sind. Als Babylotsin habe ich den Eindruck, diesen Menschen wirklich helfen zu können. Das ungute Bauchgefühl weicht einem Gefühl der Hoffnung“.

Leben mit Magersucht: „Es ist besser, wenn sie schläft“

Münster (ukm/aw) – Wie ein Leben mit Magersucht aussieht, davon haben Außenstehende kaum eine Vorstellung. Wie ist das, wenn man sich so dick fühlt, als passe man kaum in normale Kleidung hinein? Obwohl der Kopf weiß, dass man in Wahrheit viel zu dünn ist? Die Körperschemastörung ist ein häufiges Symptom der Erkrankung Anorexie. Laura Mantler lebt seit vier Jahren mit dieser Diagnose – heute „schläft“ die Essstörung bei ihr. Geholfen hat ihr die Behandlung in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM.

Laura Mantler macht gerade Abitur. Das ist ohne Frage erwähnenswert, aber vor dem Hintergrund, dass die Achtzehnjährige seit ihrer frühen Jugend mit ihrer Magersucht (Anorexia Nervosa) kämpft, scheint diese Leistung umso größer. Alleine in den letzten vier Jahren musste Laura zwei Mal stationär in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) aufgenommen werden und hat viele Monate auf der Station für PatientInnen mit Essstörungen verbracht.

Oft ist es eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers, die Patientinnen mit Anorexie dazu verleitet, das eigene Gewicht zum Mittelpunkt ihrer Welt zu machen. Dabei kann das Körperschema der Betroffenen völlig verschoben sein, sagt die Therapeutin und Leiterin der Forschungsgruppe Essstörungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. Ida Wessing. „PatientInnen mit einer Körperschemastörung leiden unter überdimensionierten Vorstellungen ihrer Ausmaße – und das trotz ihres extremen Untergewichts.“ Auch bei Laura habe eine schwere Körperschemastörung vorgelegen, ein Beispiel für diese falsche Wahrnehmung liefert sie selbst: „Ich hatte zum Beispiel das Gefühl, meine Schlafanzughose drückt, und ich musste sie nachts ausziehen, weil sie sich wirklich viel zu eng anfühlte und überall spannte. Ich hatte in dieser Zeit aber definitiv mein niedrigstes Gewicht.“

Um der Wahrnehmungsverzerrung zu begegnen, versuchen Therapeuten, den PatientInnen zunächst ein realistisches Bild ihres Körpers zu vermitteln. Dafür werden die PatientInnen gemessen und gewogen und man vergleicht gemeinsam den eigenen BMI (body mass index) mit dem von normalgewichtigen Gleichaltrigen. „Das kann man grafisch gut darstellen. So verdeutlichen wir den Betroffenen erst einmal, wie weit sie wirklich unter allen anderen vom Gewicht her liegen. Und dann erklären wir, was das alles für gesundheitliche Folgen hat und wie sehr, sehr gefährlich das für den Körper ist“, so Wessing.

Bild: Laura Mantler versucht mit Hilfe einer multimodalen Therapie ihre Magersucht in den Griff zu bekommen. (© Foto UKM)

Die Therapie der Anorexie ist ein Prozess mit multimodalen Therapie-Konzepten, der meist mehrere Monate, wenn nicht Jahre braucht. Die Körperbildstörung ist dabei ein Behandlungs- und Forschungsschwerpunkt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM. Laura war erst beim zweiten Klinikaufenthalt so weit, sich eingestehen zu können, dass ihr Problem tiefer lag. Wie viele Jugendliche bringt auch sie eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur mit, die die Anorexie begünstigt, so Wessing: „Die PatientInnen sind häufig perfektionistisch und haben ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Oft sind das hochangepasste junge Menschen, die hohe Ansprüche an sich stellen und optimale Leistungen bringen wollen.“ Dazu passt, dass Laura schon im Alter von sechs Jahren damit begonnen habe, sich Essenspläne aufzuerlegen und Kalorien zu zählen. In einem abgegrenzten Bereich die Kontrolle über ihr Leben zu haben, tat ihr gut, erzählt Laura. „Ich funktionierte in allen Bereichen besser, wenn ich die Kontrolle behielt“, sagt sie. Genau das ist etwas, mit dem sie heute, nach der Therapie, immer noch zu kämpfen hat. Die Magersucht kehre in Form eines Gefühls der Fremdbestimmtheit immer wieder zurück: „Man ist nie alleine! Da ist immer jemand, der deine Handlungen bestimmt. Es gibt viele kleine Situationen im Alltag, wo man erkennt: Okay, das ist jetzt gerade eine Essstörungs-Handlung und nicht Du selbst.“ Die Essstörung beschreibt sie als „kleine Stimme“, auf die sie höre: „Ich spüre, sie ist da, und ich bin dann ganz anders.“

Inzwischen hält Laura seit längerer Zeit ihr Gewicht und neben dem Abitur sind auch wieder andere Dinge in ihrem Leben wichtig. Zum Beispiel pflege sie nun wieder stärker soziale Kontakte. Außerdem will Laura sich ihren größten Traum erfüllen: Sie plant einen Afrika-Aufenthalt, bei dem sie mit ihrem Freund zusammen einige Monate einen Freiwilligendienst leisten will.
Therapeutin Ida Wessing findet das wichtig: „Dass die Krankheit ganz verschwindet, ist ein Stück weit unwahrscheinlich. Aber wenn die PatientInnen plötzlich aufhören, ständig über Essen zu reden und sich wieder anderen Dingen zuwenden, wenn ich merke, da ist Leben und Freude drin, dann sind das ganz wichtige Anzeichen, dass es in die richtige Richtung geht.“

Dass die Essstörung irgendwann kein Thema mehr sein soll, wäre Lauras Wunsch auf einem langen Weg. Im Moment begnügt sie sich mit der Vorstellung, dass die Magersucht „schläft“: „Es ist besser, wenn sie schläft! Und es ist auch möglich, sie schlafen zu lassen.“

Info:
Die Forschungsgruppe Essstörungen der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKM (Universitätsklinikum Münster) sucht gesunde jugendliche Teilnehmerinnen zwischen 12 und 19 Jahren für die Studie „Körpererleben bei jugendlichen Patientinnen mit Anorexia Nervosa“. In dieser Studie werden die neuronalen Grundlagen des Körpererlebens bei Anorexia Nervosa untersucht. Probanden werden an insgesamt drei Terminen zu ihrem psychischen Befinden befragt. Außerdem werden Verhaltenstests und Messungen von Aktivität und Struktur des Gehirns durchgeführt. Alle Messungen sind strahlenfrei und gesundheitlich unbedenklich. Bei Teilnahme an allen drei Terminen erhalten die Teilnehmerinnen eine Aufwandsentschädigung von 90 €. Auch eine Teilnahme nur an einem Termin (ohne Messungen des Gehirns) ist möglich, die Aufwandsentschädigung beträgt dann 25 €.

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Studientelefon
Telefon 0152 54957693
Projektleitung
Dr. Dipl.-Psych. Ida Wessing
Ida.Wessing@ukmuenster.de

Der „Forschungscampus Ost“ der Uni-Medizin soll dem Coesfelder Kreuz ein neues Gesicht geben

Münster (mfm/tb) – Zwei Bagger machen das, was Bagger eben so machen. Metertiefe Gräben durchziehen das Gelände. Auf ihrer Sohle sind große Rohre zu erkennen. Es ist nicht zu übersehen: Es tut sich was auf dem Gelände des früheren Parkplatzes am Coesfelder Kreuz. Aber was genau? „Hier soll der künftige Forschungscampus Ost der Universitätsmedizin Münster entstehen“, klärt Prof. Sven Meuth auf. „Das Gelände an der zentralen Kreuzung in Richtung westliche Stadtteile ist Teil des ‚Masterplans Universitätsmedizin‘ und soll später mehrere große Gebäude mit vorwiegend wissenschaftlicher Nutzung beherbergen“, so der Neurologe, der der Medizinischen Fakultät der Universität Münster (WWU) als Dekan vorsteht. Doch damit diese Pläne Realität werden können, sind zunächst vorbereitende Maßnahmen notwendig. Die haben jetzt begonnen.

Die Forschungsinfrastruktur der Universitätsmedizin Münster hat zwei zentrale Limits, resultierend aus einer inzwischen rund hundert Jahre währenden Baugeschichte: eine dezentrale Gliederung mit über 100 Gebäuden und Anlagen sowie zweitens einen Mangel an geeigneten Räumen. „Ein Labor höherer Sicherheitsstufe in ein denkmalgeschütztes Klinikgebäude der 1920er Jahre einzubauen, ist logischerweise aufwändig und teuer“, erläutert Medizin-Dekan Meuth. Neubauten seien effizienter, nicht nur finanziell. Ein Tochterunternehmen der Uniklinik, die UKM IM GmbH, ist für die Bautätigkeit der Uni-Mediziner zuständig und managt auch das Großvorhaben am Coesfelder Kreuz. Dieses ist Bestandteil des “Masterplans“, den das UKM und die Medizinische Fakultät gemeinsam erarbeitet haben, und soll einen wesentlichen Beitrag leisten zu den Oberzielen des Konzepts, nämlich neue Räume zu schaffen, in denen gemeinsam geforscht werden kann, externe Anmietungen abzubauen und den Medizin-Campus stärker nach Nutzungsart – Krankenversorgung, Forschung oder Lehre – sowie nach kooperierenden Fachdisziplinen zu strukturieren.

In diesem Ansatz kommt dem Forschungscampus Ost – der Name sagt es – eine überwiegend forschende Rolle zu. Hier sollen Labore der Institute und Kliniken aus den am Standort Münster verfolgten Schwerpunkten Infektionsmedizin, Krebsforschung, Zell- und Regenerationstherapie sowie die neuropsychiatrische Forschung eine neue Heimat finden. Als bauliches Dach für einen großen Teil davon ist das „Medizinische Forschungs-Centrum“, kurz MedForCe, geplant. Hier ist zudem ein Gebäude vorgesehen, im dem Wissenschaftler verschiedener Fachdisziplinen gemeinsam der Frage nachgehen, wie Hirn und Körper interagieren. Daraus leitet sich auch der Name dieses Gebäudes ab, der mit dem „MedForCe“ einen zusammenhängenden Baukörper bilden soll: „Body & Brain Institute Münster“ (BB IM). Hier soll des Weiteren ein Parkhaus für die Beschäftigten errichtet werden und perspektivisch auch noch ein Bürogebäude. In Summe bekommt die Universitätsmedizin Münster ein großes Angebot modernster, fachübergreifend organisierte Forschungsflächen. „Das ist auch für die Gewinnung der besten Ärztinnen und Ärzte für das UKM eine wichtige Entwicklung“, sagt Prof. Robert Nitsch, Ärztlicher Direktor des UKM, „denn gemeinsam mit der Medizinischen Fakultät betreiben wir Spitzenforschung zum Wohle unserer Patienten“.

Bild 1: Zwischen dem jetzigen Medizin-Campus und der „Mensa am Ring“ erstreckt sich der künftige „Forschungscampus Ost“. Die vorbereitenden Maßnahmen für seine Errichtung sind angelaufen (FZ / S. Marschalowski).

Die Bauvorhaben befinden sich in unterschiedlichen Planungs-, Finanzierungs- und Beantragungsphasen. Bevor es damit aber überhaupt losgehen kann, müssen die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden – und da kommt die Stadt Münster ins Spiel. „Die Verwaltung unterstützt uns hervorragend“ freut sich Dr. Christoph Hoppenheit, Kaufmännischer Direktor des UKM, über die kooperative Zusammenarbeit mit der Kommune, die sich als Wissenschaftsstadt versteht. Der neue Forschungscampus erstreckt sich an einer sehr sichtbaren und städtebaulichen bedeutsamen Stelle, weshalb von der ersten Rahmenplanung bis hin zur Gebäudearchitektur ein besonderer Qualitätsanspruch besteht. Um den umzusetzen, haben Stadt und UKM eigens eine Rahmenvereinbarung abgeschlossen.

Ein zentraler Punkt ist die geänderte Verkehrsführung. So sah der bestehende – aus den 1970er Jahren stammende – Bebauungsplan eine Fortführung der jetzigen Querspange zwischen Rishon-Le-Zion-Ring und Domagkstraße vor, um sie an die Albert-Schweitzer-Straße anzuschließen. „Diese Straße wäre mitten durch den Lindenpark an der psychiatrischen Klinik gegangen und hätte große Teile davon zerstört“, sagt Dr. Hoppenheit – und ergänzt: „Gut, dass das nie umgesetzt wurde“. Um MedForCe und BB IM parallel zum Rishon-Le-Zion-Ring errichten zu können, soll nun das Gegenteil der 1970er-Jahre-Idee gemacht werden: Die Querspange soll verschwinden und überbaut werden; im Gegenzug soll die ursprüngliche historische Erschließung der Uniklinik über die – derzeit abgeriegelte – Sertürnerstraße wieder hergestellt werden. Über diese neue Zufahrt gelangen Autofahrer in das vorgesehene Parkhaus. Die Domagkstraße will das UKM übernehmen, etwa ab der Unterführung schließen und sie – ihrem attraktiven Alleecharakter entsprechend – vorwiegend dem Radverkehr überlassen. Diese Änderungen an der Verkehrsführung setzen eine öffentliche Beteiligung inklusive Bürgeranhörung voraus, zu der die Stadt am kommenden Dienstag einlädt.
Neben planerischen Vorarbeiten sind für den Forschungscampus auch praktische zu leisten. Um die gesetzliche Frist einzuhalten, wurde zunächst das den Parkplatz umrahmende Buschwerk gerodet. Andernfalls wären diese Arbeiten in die Brutzeit gefallen. Was aktuell auf dem Gelände läuft, ist die Verlegung einer größeren Fernwärmeleitung. Auch müssen noch Bodenuntersuchungen folgen, denn nach derzeitigem Wissenstand dienten Teile des Geländes nach dem Krieg zur Ablagerung von Bauschutt. Wie bei jedem Vorhaben dieser Art wurde auch der Kampfmittelräumdienst eingeschaltet. „Anhaltspunkte für Bombenblindgänger haben sich erfreulicherweise nicht gefunden“, zeigt sich Dr. Hoppenheit zufrieden mit dem Ergebnis der Luftbildauswertung. Verlaufen alle Arbeiten, Fördermittel-Beantragungen und Genehmigungsverfahren nach Plan, hoffen die Verantwortlichen von UKM und WWU auf einen ersten Spatenstich im Herbst dieses Jahres.

Bild 2: Zur Baureifmachung gehört auch die Verlegung einer Fernwärmeleitung an den Rand des geplanten Forschungscampus Ost (Foto: FZ / S. Marschalkowski)