Archiv für den Monat: März 2019

Fußabdrücke, Gips und Orthesen beim Girls’Day im Clemenshospital

Münster – Viel erlebt und viel gesehen haben sechs Mädchen im Alter von elf bis 13 beim Girls’Day im Clemenshospital. In der Klinik für Kinderorthopädie und Deformitätenkorrektur durften sie am heutigen Tag nicht nur selber einen Gips anlegen.

Sechs Mädchen vom Gymnasium Paulinum und dem Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Münster lernten in der Klinik für Kinderorthopädie und Deformitätenkorrektur des Clemenshospitals gleich mehrere Berufe kennen. Neben Medizin, Pflege und vielen anderen Berufsgruppen, waren auch kooperierende Orthopädietechniker und Orthopädieschuhtechniker anwesend. So verwundert es nicht, dass die Gymnasiastinnen viel erleben konnten. Sie begleiteten eine Stations-Visite, erfuhren etwas über die Anatomie der menschlichen Füße, nahmen Abdrücke für Schuhe und Beinorthesen, sahen Messungen sowie die Versorgung der Patienten mit speziellen Schuhen. Dazu gab es einen Einblick in die Technik „hinter“ der Kinderorthopädie bis hin zur Instrumentensterilisierung für den OP. Selber Hand anlegen durften die Schülerinnen beim Gips und ein Highlight war sicher dabei der Besuch eines Operationssaales, in dem regelmäßig orthopädische Eingriffe durchgeführt und dabei beispielsweise auch Abdrücke für Hilfsmittel bei Patienten mit Schwerst- und Mehrfachbehinderungen genommen werden.

Bild: Beim Girls´Day im Clemenshospital konnten die Schülerinnen mit der Firma Möller Orthopädie-Schuhtechnik eigene Fußabdrücke für Einlagen und Schuhe anfertigen.

Der Girls’Day ist ein bundesweiter Mädchen-Zukunftstag, der Schülerinnen ab der fünften Klasse einen Einblick in Tätigkeiten und den Arbeitsalltag bisher männerdominierter Berufe im sogenannten MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik)gibt.

Bild: Das Sanitätshaus Gäher zeigte den Schülerinnen beim Girls´Day im Clemenshospital, wie ein Gips angelegt wird.

Neuer Weg im Kampf gegen MRSA: Forscher machen ein gefährliches Bakterientoxin unwirksam

Greifswald/Münster (ug) – Mit der zunehmenden Antibiotika-Resistenz werden alternative Verfahren zur Behandlung bakterieller Infektionen immer notwendiger. Forschern der Universität Greifswald ist es in Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Münster gelungen, Zielzellen pathogener Bakterien enzymatisch so vorzubehandeln, dass eine bedeutende toxische Wirkung des Bakteriums Staphylococcus aureus ausblieb. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Toxins“ veröffentlicht.

Jeder dritte Mensch weltweit trägt das Bakterium Staphylococcus aureus ständig auf der Haut und im vorderen Nasenraum mit sich herum ohne davon etwas zu bemerken. Die Bakterien nutzen allerdings Abwehrschwächen, beispielsweise durch Alter, Bettlägerigkeit oder Virusinfekt, um sich schneller zu vermehren. Dadurch können sie pathogen werden und neben oberflächlichen Furunkeln oder Abszessen auch Infektionen im Körperinneren wie Herzinnenhautentzündung und Lungenentzündung verursachen. Überschreiten die Bakterien lokal im Körper eines Wirtes (Mensch oder Tier) eine kritische Bakteriendichte, beginnen sie mit der Produktion löslicher Toxine, die im Wirtsgewebe physiologische Veränderungen oder sogar den Zelltod auslösen können.

MRSA

Bild: Neuer Weg im Kampf gegen MRSA: Forscher machen ein gefährliches Bakterientoxin unwirksam

Eines der bedeutenden Toxine von S. aureus ist das sogenannte alpha-Toxin. Es kann Blutzellen zerstören und wird daher auch Hämolysin A genannt. Das alpha-Toxin trägt erheblich zur Pathogenität des Bakteriums bei, so dass es als einer der wichtigsten Virulenzfaktoren von S. aureus gilt. Der Wirkmechanismus des alpha-Toxins beruht auf der Bildung von Transmembranporen in den Oberflächen der Wirtszellen, den sogenannten Zellmembranen. Die dadurch entstehende offene Verbindung zwischen Extra- und Intrazellularraum erlaubt es Ionen und kleinen organischen Molekülen, Konzentrationsgefällen zu folgen und unkontrolliert in die Zelle einzuströmen oder aus der Zelle auszutreten. Damit verbunden sind erhebliche zellphysiologische Probleme. Zum Beispiel können epitheliale Zellen ihre Barrierefunktion zwischen Umwelt und Körperinnerem nicht mehr voll ausüben.

Wissenschaftler der Universität Greifswald um Dr. Sabine Ziesemer und Prof. Jan-Peter Hildebrandt in Kooperation mit einem Kollegen der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Münster, PD Dr. Achim G. Beule, suchen daher nach Wegen, die Wirkung des alpha-Toxins auf Zielzellen zu unterdrücken. Da S. aureus auch an der Entstehung von Lungenentzündungen (Pneumonien) beteiligt ist, nutzen die Forscher Kulturen menschlicher Atemwegsepithelzellen als Modellsysteme. Anhand dieser untersuchen sie, wie das alpha-Toxin auf die Struktur und Funktion der Zellen wirkt, mit dem Ziel, mögliche Angriffspunkte für eine abschwächende Wirkung des Toxins zu finden.

Die jetzt in „Toxins“ publizierten Ergebnisse zeigen, dass ein bestimmter Lipid-Bestandteil der Zelloberfläche, das Sphingomyelin, für den Zusammenbau und damit für die Bildung der alpha-Toxin-Pore essentiell ist. Die Forscher haben dieses Membranlipid mit einem Enzym (einer Sphingomyelinase) chemisch modifiziert und festgestellt, dass sich in den Zellmembranen der anschließend mit alpha-Toxin behandelten Zellen keine Toxin-Poren mehr ausbildeten. Und nachfolgend blieben auch alle sonst üblichen zytotoxischen Wirkungen des alpha-Toxins auf die Atemwegsepithelzellen aus.

Angesichts der global zunehmenden Resistenz vieler Staphylococcus-Stämme gegen Antibiotika (MRSA, Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Stämme) und dem Rückzug vieler Pharma-Konzerne aus der kostenintensiven Antibiotika-Forschung werden alternative Verfahren zur Beherrschung bakterieller Infektionen immer notwendiger. Die Grundlagenforschung aus Greifswald und Münster zeigt einen Ansatz, wie durch vorbeugende Maßnahmen die durch das alpha-Toxin vermittelte pathogene Wirkung von S. aureus verhindert werden kann. [Link zur Publikation]

Deutsches Lebendspenderegister entsteht in Münster: Bund fördert Projekt der WWU mit 2,2 Millionen Euro

Münster – In Münster entsteht unter Federführung der Medizinischen Fakultät Münster der Universität Münster das erste deutsche Lebendspenderegister „Safety of Living Kidney Donor-German National Register (SOLKID-GNR)“ zur Erforschung der Nierenlebendspende: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert mit insgesamt 2,2 Millionen für fünf Jahre ein Projekt unter Leitung von Prof. Barbara Suwelack, Sektion Transplantationsnephrologie der Medizinischen Klinik D am Universitätsklinikum Münster, zur Versorgungsforschung von Lebendspenden bei Nieren. Die Lebendspende gilt aufgrund des Organspende-Mangels als eine mögliche Alternative zur Transplantation eines postmortalen Organs. Das Lebendspenderegister wird nach Ablauf der Förderphase verstetigt und von der Medizinischen Fakultät unterstützt werden.

„Zur Langzeitsicherheit der Lebendnierenspende für den Spender fehlen uns im deutschen Gesundheitssystem aktuell Daten zum körperlichen und psychosozialen Behandlungsergebnis. Das deutsche Lebendspenderegister in Münster soll erstmals umfassende innovative Erkenntnisse zur Lebendspende liefern. Wir freuen uns sehr, dass unser Vorhaben nun vom Bundesforschungsministerium gefördert und von allen Transplantationszentren unterstützt wird“, macht Prof. Barbara Suwelack deutlich. Zuspruch erhält das Projekt auch durch die Patientenverbände und Selbsthilfegruppen.

Unter Leitung von Prof. Barbara Suwelack wird in Münster das erste deutsche Lebendspenderegister zur Erforschung der Nierenlebendspende entstehen (Foto: FZ/R. Schirdewahn)

Bild: Unter Leitung von Prof. Barbara Suwelack wird in Münster das erste deutsche Lebendspenderegister zur Erforschung der Nierenlebendspende entstehen (Foto: FZ/R. Schirdewahn)

In bundesweit 38 Transplantationszentren werden derzeit Lebendspenden durchgeführt. Alle Standorte werden künftig Daten zur körperlichen und psychischen Gesundheit der Spender erheben. In Münster werden diese Daten in einem interdisziplinären Team, bestehend aus Experten der Transplantationsnephrologie, der Psychosomatik sowie der Chirurgie, Biometrie und der Informatik, wissenschaftlich ausgewertet. „Wir wollen so mehr Erkenntnisse über die Auswirkungen einer Lebendspende für den Spender erhalten“, erklärt Transplantationsexpertin Suwelack. Dazu zählen neben den körperlichen Folgen der Einnierigkeit Aspekte der Lebensqualität wie das Fatigue-Syndrom, zu denen bislang zum Teil widersprüchliche Studiendaten vorliegen oder ganz fehlen.
Die Lebendnierenspende war zuletzt durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, das in zwei Fällen eine unzureichende Aufklärung von Lebendspendern festgestellt hat. Auch vor diesem Hintergrund sei eine intensive Versorgungsforschung für das Vertrauen in die Lebendspende wichtig, so Prof. Suwelack.

Süße Spendenaktion für das Pelikanhaus am Clemenshospital

Münster – Eine weitere Spendenaktion zugunsten des Pelikanhauses am Clemenshospital steht in den Startlöchern: 24 münsterische Geschäfte vergeben ab dem 1. April Gebäckdosen an Unterstützer des Projektes, darunter so unterschiedliche Unternehmen wie das Schuhgeschäft Zumnorde, die Kaffeebar „Herr Hase“ oder der Friseur Miss Sophie. Sie alle bitten ihre Kunden bis Ostern um eine Spende für Familien schwerkranker Kinder.

Keksspende für Pelikanhaus

Bild: An 24 Ausgabestellen erhalten Spender des Pelikanhauses ab sofort diese praktischen Dosen mit leckerem Inhalt.

Initiatorinnen der Spendenaktion, die von den LIONS in Münster sowie der Friseur-Innung Münster unterstützt wird, sind die münsterischen Landfrauen. Bereits Mitte März kamen 40 ehrenamtliche Helfer zusammen, um das Gebäck in sorgfältiger Handarbeit zu verpacken. „Wir sind beeindruckt von dem großen Engagement und danken allen, die sich für das Pelikanhaus einsetzen“, freut sich Dr. Martina Klein vom Fundraising der Alexianer.

„Im Pelikanhaus sollen Eltern und nahe Angehörige unserer zum Teil schwerkranken kleinen Patientinnen und Patienten untergebracht werden. Gerade in solchen Situationen ist die Nähe zwischen Eltern und Kind von enorm großer Bedeutung, auch für den Heilungsprozess“, erläutert Dr. Otfried Debus, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Clemenshospitals und dankt allen Spendern und Helfern für ihre Unterstützung.

Kavernom erfolgreich entfernt: Knapp der Querschnittslähmung entgangen

Münster – Fast jeder dritte Erwachsene leidet zeitweise oder ständig unter Rückenschmerzen, diese Volkskrankheit gehört zu den häufigsten Gründen für eine Krankschreibung. Meistens sind Verspannungen, Wirbelblockaden, Osteoporose oder ein Bandscheibenvorfall die Ursache. Bei Monika Kolbeck sah die Sache jedoch anders aus. Ihr Orthopäde hatte glücklicherweise den richtigen „Riecher“ und der Patientin kein Schmerzmittel in den betroffenen Bereich gespritzt, obwohl sie Schmerzen hatte „wie noch nie in meinem Leben!“, wie sie sagt.

Die pensionierte Realschullehrerin hatte ein Kavernom im Wirbelkanal, eine Fehlbildung der Blutgefäße, das akut geblutet hatte. Ihre Radiologin erkannte im Magnetresonanztomographen (MRT) die Blutung und sogleich den Ernst der Lage und schickte die 66-Jährige sofort ins Clemenshospital. „Das Kavernom sieht aus wie eine Brombeere“, erklärt Prof. Dr. Uta Schick, Chefärztin der Klinik für Neurochirurgie am Clemenshospital und stellt klar, dass mit diesem „Früchtchen“ nicht zu spaßen ist: „Wenn Kavernome in das Rückenmark einbluten, kann es zur Querschnittslähmung kommen“. Im Clemenshospital wurde die Altenbergerin mit einem MRT der neuesten Generation untersucht, der in der Lage ist, Blutgefäße darzustellen (Angio-MRT). Den Experten war sofort klar, dass schnell gehandelt werden musste. Während einer dreistündigen Operation entfernte die Neurochirurgin das Kavernom aus dem Rückenmarkskanal unter ständiger Überwachung der sensiblen und motorischen Nervenbahnen (elektrophysiologisches Neuromonitoring).

Nach dem Eingriff waren sowohl das Kavernom als auch die Schmerzen verschwunden. Zwei Tage musste Marion Kolbeck im Bett verbringen, dann begann die Physiotherapie und bereits eine knappe Woche nach dem Eingriff merkt man ihr kaum noch an, dass sie knapp einer Querschnittslähmung entgangen ist. „Ich bin so dankbar!“, freut sich die Seniorin über den Erfolg der Operation. Prof. Dr. Uta Schick ist es wichtig, dass ihre niedergelassenen Kollegen bei akuten, ungewöhnlich starken Rückenschmerzen auch die Möglichkeit einer Blutung in Betracht ziehen. So wie der Orthopäde von Marion Kolbeck.
Monika Kolbeck (l.) und Prof. Dr. Uta Schick freuen sich über die erfolgreiche Entfernung des Kavernom (© Clemenshospital)

Bild: Monika Kolbeck (l.) und Prof. Dr. Uta Schick freuen sich über den Erfolg der Operation (© Clemenshospital)

Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zertifiziert

Münster – Stuhl- und Harninkontinenz gehören sicherlich nicht zu den Lieblingsthemen der meisten Menschen, genau genommen handelt es sich hierbei noch immer um Tabuthemen. Das Unvermögen, die Ausscheidung von Stuhl und Urin zu kontrollieren, ist weit verbreitet, rund sechs Millionen Menschen leiden in Deutschland unter einer Blasenschwäche, etwa drei Millionen unter einer Darmschwäche.

„Es dauert bei einer Harninkontinenz im Schnitt drei Jahre, bei einer Stuhlinkontinenz sogar bis zu sieben Jahre, bis die Betroffenen zum ersten Mal mit einem Arzt darüber sprechen“, erläutert Dr. Erik Allemeyer, Leiter der Sektion Proktologie an der Raphaelsklinik. Dabei gibt es je nach Ursache inzwischen viele medizinische Möglichkeiten, eine Inkontinenz erfolgreich zu behandeln. Um alle beteiligten Fachgebiete von der Proktologie über die Urologie bis zur Gynäkologie und Radiologie zu verknüpfen und in den Dialog miteinander zu bringen, wurde im Clemenshospital und in der Raphaelsklinik ein gemeinsames Kontinenz- und Beckenbodenzentrum gegründet. Das Zentrum wurde nun von der Deutschen Kontinenzgesellschaft zertifiziert. „Die Übergänge zwischen den medizinischen Fachgebieten sind bei der Behandlung einer Inkontinenz fließend. Daher ist eine erfolgreiche Behandlung nur in einem Zentrum wirklich erfolgversprechend“, erläutert Dr. Rüdiger Langenberg, Chefarzt der Frauenklinik des Clemenshospitals.

Viele Hausärzte, so bedauern die Experten des Zentrums, nehmen den Leidensdruck der Betroffenen nicht ernst genug, dabei kann eine Inkontinenz die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. „Vorlagen, Binden, Schicksal“, so beschreiben Allemeyer und Langenberg den ebenso kurzen wie erfolglosen Behandlungsweg vieler Betroffener. In regelmäßigen Konferenzen beraten die Mediziner des Zentrums, welche Therapie für den jeweiligen Patienten die größte Aussicht auf Erfolg hat. „Im Gespräch mit den Betroffenen ist es von großer Bedeutung, eine vertrauensvolle Atmosphäre aufzubauen“, erläutert Dr. Erik Allemeyer und sein Kollege Dr. Rüdiger Langenberg pflichtet ihm bei: „Die Patienten haben oft einen langen Leidensweg hinter sich und der Schritt, mit einem Arzt darüber zu sprechen, fällt vielen nicht leicht“. Doch dieser Mut wird oft belohnt, in den meisten Fällen ist eine Therapie erfolgreich und die Betroffenen können wieder ohne Einschränkungen am Leben teilnehmen.

Experten des Clemenshospitals und der Raphaelsklinik haben sich zum Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zusammengeschlossen, das jetzt erfolgreich zertifiziert wurde.

Bild: Experten des Clemenshospitals und der Raphaelsklinik haben sich zum Kontinenz- und Beckenbodenzentrum zusammengeschlossen, das jetzt erfolgreich zertifiziert wurde.

Betroffene gründen regionale Selbsthilfegruppe für Menschen mit neuroendokrinen Tumoren im Münsterland

Münster (ukm/lie) – „Das kommt bestimmt vom Stress.“ Als Sandra van Schöll vor gut zwei Jahren immer mal wieder unter Bauch- und Rückenschmerzen litt, ahnte sie zunächst nichts Böses. Erst als während des gemeinsamen Herbsturlaubs mit ihrem Mann starke Koliken auftraten, ging die heute 43-Jährige zu ihrem Hausarzt, um die Ursachen abklären zu lassen. Die ersten Untersuchungen lieferten keine eindeutigen Ergebnisse. Doch im Juni vergangenen Jahres erhielt van Schöll die erschreckende Diagnose: ein neuroendokriner Tumor (NeT) am Übergang zwischen Bauchspeicheldrüse und Zwölffingerdarm. „Ich habe erst mal eine Mauer um mich gebaut“, erinnert sich die Mutter von drei Kindern an diese schwierige Zeit. „Heute weiß ich, dass das falsch war!“ Deswegen zögerte van Schöll nicht lang, als sie von Mitgliedern der Selbsthilfegruppe des Netzwerks NeT e.V. gefragt wurde, ob sie die Leitung einer neuen Regionalgruppe Münsterland übernehmen würde. Die Gründungsveranstaltung findet am Dienstag, 12. März 2019, im UKM (Universitätsklinikum Münster) statt.

„NeT ist eine seltene Erkrankungsgruppe mit vielen unterschiedlichen Gesichtern“, erklärt Dr. Elena Vorona, Oberärztin in der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie des UKM sowie Bereichsleiterin für den dortigen Schwerpunkt Endokrinologie. Die Besonderheit dieser Tumoren, die sich überwiegend im Magen-Darm-Trakt finden, ist ihre Struktur. Die Zellen weisen zum einen eine starke Ähnlichkeit zu endokrinen Zellen auf – d.h., sie können selber Hormone produzieren. Zum anderen ähneln sie Nervenzellen. „Die Behandlung der NeT stellt eine interdisziplinäre Herausforderung dar“, betont Dr. Vorona. Es sei wichtig, dass die Teamarbeit von z.B. Gastroenterologen, Endokrinologen, Onkologen, Chirurgen und Nuklearmedizinern gut funktioniere. „Nur zusammen kommt man weiter!“

Bild: Bei der Auftaktveranstaltung mit Sandra van Schöll (2.v.l.) und den NeT-Experten Prof. Andreas Pascher, Dr. Reinhold Gellner, Dr. Elena Vorona und Prof. Kambiz Rahbar (v.l.) können Betroffene miteinander in Kontakt treten. (©Foto UKM/Marschalkowski)

Dass das nicht nur für die medizinische Versorgung gilt, stellte Sandra van Schöll während der Reha fest. Hier erfuhr sie von den Angeboten des Netzwerks NeT e.V. „Auch nachdem der Tumor bei einer OP entfernt werden konnte, hatte ich noch viele Fragen. Gerade weil die Erkrankung so selten ist, es also nur wenige Betroffene gibt, ist es wichtig, dass wir uns zusammenschließen – uns gegenseitig austauschen und helfen!“, so van Schöll.

Die neue Regionalgruppe Münsterland soll unter dem Dach des deutschlandweiten NeT-Netzwerks mit Hauptsitz in Nürnberg organisiert sein und wäre die 19. regionale Untergruppe. „Bisher mussten die Patienten aus gesamt NRW bis zum Niederrhein fahren, um dort Anschluss zu finden“, erzählt Sandra van Schöll. „Mit der Aufsplittung der großen NRW-Gruppe in mehrere kleinere Regionalgruppen wollen wir möglichst vielen die Teilnahme an unseren Treffen ermöglichen.“ Bei der Gründungsveranstaltung im UKM stellen sich die dortigen NeT-Experten vor. Betroffene und deren Angehörige können Kontakt aufnehmen und sich gegenseitig über ihre Erfahrungen austauschen. „Denn gemeinsam geht es leichter!“, weiß van Schöll.

Das Darmkrebszentrum des Clemenshospitals wurde vor zehn Jahren gegründet

Münster – Prof. Dr. Udo Sulkowski erinnert sich an sein Lehrbuch für Chirurgie aus dem Jahr 1982: „Dort steht, dass die Heilungschancen bei Patienten mit einem Dick- oder Enddarmkrebs bei 20 Prozent liegt. Heute liegen wir bei 80 Prozent“. Ein Grund für diesen Erfolg liegt in der Gründung von Darmkrebszentren, in denen alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, um Reibungsverluste und Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Das erste Darmkrebszentrum Münsters, das von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert wurde, befindet sich im Clemenshospital und heißt „Darmzentrum Portal 10 Münster“.

Ein Patient der ersten Stunde war Norbert Schmitter. 2008 wurde bei dem heute 79-Jährigen ein Mastdarmtumor entdeckt. „Bei der Darmspiegelung stellte sich heraus, dass ich bereits einen ziemlich großen Tumor habe. Das war natürlich ein Schock, aber meine Familie hat mich sehr gut gestützt“, erinnert sich Schmitter. Es folgten Chemotherapien und Bestrahlungen, um den Tumor zu verkleinern, 2009 wurde dann operiert. Wiederum ein Jahr später tauchte eine Metastase in der Lunge auf, im Jahr 2013 eine weitere, beide konnten ebenfalls erfolgreich operiert werden. „Danach traten keine weiteren Metastasen oder Tumoren auf“, freut sich Sulkowski über den Erfolg der Behandlung.
Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist das frühzeitige Erkennen von Polypen oder Tumoren durch eine Darmspiegelung, „Die Darmspiegelung zur Vorsorge wird bei Männern bislang erst ab dem 55. Lebensjahr von den Krankenkassen bezahlt“, berichtet Gerhard Haneklau, Geschäftsführer der Praxis „Portal 10“, dem Partner des Clemenshospital im Darmzentrum, macht aber zugleich deutlich, dass sich dies wohl in nächster Zeit ändern wird und das Alter auf 50 herabgesetzt wird. Leider nutzen nicht mal drei Prozent der Berechtigten dieses Angebot, mit dem die Gefahr einer Erkrankung drastisch gesenkt werden kann, wie die Experten des Darmzentrums bedauern.

„Der Gedanke, dass man an Krebs erkranken könnte, wird von vielen Menschen einfach verdrängt. Sie meinen wohl, dass dies nur den anderen passiert“ vermutet die Koordinatorin des Zentrums, Petra Mühlenkamp. „Es gibt keinen Grund, vor einer Darmspiegelung Angst zu haben“, bekräftigt Haneklau. Oft kämen die Menschen gruppenweise zu ihm in die Praxis, um eine Spiegelung vornehmen zu lassen: „Das sind zum Beispiel Kegelmannschaften, in denen es sich herumgesprochen hat, dass die Untersuchung überhaupt nicht unangenehm ist“.

Bild: Norbert Schmitter (2.v.l.) freut sich, dass Dank der guten Zusammenarbeit zwischen Prof. Dr. Udo Sulkowski, Petra Mühlenkamp und Gerhard Haneklau (v.l.) seine Darmkrebserkrankung besiegt werden konnte.