Archiv für den Monat: März 2018

Zecken – mal wieder auf der Lauer

Von April bis September ist Vorsicht geboten / Mückenschutzmittel, lange Kleidung und Impfung bieten Schutz vor Borreliose und FSME

Münster (ukm/hch) – Sie lauern auf Gräsern und in Büschen – Zecken. Doch wie entfernt man sie richtig? Und handelt es sich um einen Biss oder einen Stich? Von April bis September ist Zeckenzeit. Dr. Frieder Schaumburg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am UKM (Universitätsklinikum Münster) kennt sich mit den Parasiten aus: „Bei jedem Zeckenstich gilt: Die schnelle Entfernung der Zecke ist entscheidend. Das Risiko sich bei einem Zeckenstich mit Borreliose zu infizieren wird maßgeblich von der Saugdauer der Zecke beeinflusst.“ Es vergehen bis zu 24 Stunden, bis die Erreger der Borreliose auf den Menschen übertragen werden. „Deshalb sollte man sich nach einem Tag im Freien gründlich auf Zecken untersuchen, um die Gefahr einer Infektion zu minimieren“, rät der Leiter der Impfsprechstunde.

Während Zecken unzählige Erreger in sich tragen können, spielen in Deutschland fast ausschließ die FSME-Viren und die Borrelien eine Rolle, die neben grippalen Symptomen im schlechtesten Fall eine Entzündung des Gehirns hervorrufen können. „Das Münsterland ist aber kein Risikogebiet für den FSME-Erreger, da dieser bisher auf den Süden Deutschlands beschränkt ist. Das sollten jedoch Reisende berücksichtigen und über eine Impfung nachdenken“, so Schaumburg mit dem Hinweis, dass Borrelien wiederum sehr wohl in den münsteraner Zecken zu finden sind. Um sich zu schützen empfiehlt der Mikrobiologe gängige Mückenschutzmittel, die die Inhaltsstoffe DEET oder Icaridin enthalten. Diese machen den Menschen als Beute uninteressant. Zusätzlich sollte lange Kleidung zum Beispiel bei Wanderungen oder Spaziergängen durch hohe Gräser getragen werden.

„Im Falle eines Zeckenstichs sollte man die Zecke mit einer feinen Pinzette möglichst nah an den Mundwerkzeugen greifen und senkrecht nach oben herausziehen“, erklärt Dr. Frieder Schaumburg. Von drehen oder anwärmen rät er dringlich ab. Stattdessen sollte die Wunde desinfiziert und beobachtet werden. „Ein Anzeichen für eine Infektion ist die sogenannte Wanderröte. Dabei entsteht eine kreisförmige Rötung um die Einstichstelle. Diese breitet sich beim Voranschreiten der Infektion immer weiter aus.“ Bei einem Verdacht sollten Betroffene ihren Hausarzt aufsuchen.

Haben die Bakterien das Nervensystem befallen, spricht man von der Neuroborreliose. Je nach Stadium der Infektion dauert die Behandlung mit Antibiotika zwischen wenigen Tagen und einigen Wochen. „In der Regel lässt sich die Borreliose jedoch gut behandeln“, sagt Schaumburg.

Bild: Dr. Frieder Schaumburg zeigt die FSME-Risikogebiete in Deutschland. (© Foto: UKM/FZ/Tronquet)

Schwirrende Gefahr aus dem Viehstall: Münstersche Forscher beleuchten Fliegen als Überträger antibiotikaresistenter Keime

Münster (mfm/sm) – Kuhfladen, Schweinemist, Schlachtabfälle – was für den Menschen eher unappetitlich daherkommt, ist für so manche Fliege im wahrsten Sinne ein gefundenes Fressen. Gerade in der Tiermast werden allerdings viele Antibiotika verwendet, die resistente Keime entstehen lassen. Genau diese nehmen über die Ausscheidungen der Nutztiere auch die Insekten auf. Da Fliegen ebenfalls Kontakt zu Menschen haben, sind sie so ein „idealer“ Überträger von Erregern. Wissenschaftler der Universität Münster haben daher nun gemeinsam mit einem internationalen Team die Bedeutung der Schmutzfliege bei der Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien genauer beleuchtet. In zwei Treffen in Amsterdam und Wien diskutierten sie alle bisher verfügbaren Forschungsarbeiten zum Thema und veröffentlichten ihre Ergebnisse jetzt im Fachmagazin Travel Medicine and Infectious Disease.

Schon 2016 hatte eine münstersche Studie gezeigt: In der ländlich geprägten Region sind bis zu 20 Prozent aller Fliegen mit resistenten Keimen wie Escherichia coli (ESBL-produzierende E.-coli) besiedelt, die beim Menschen beispielsweise starke, schwer zu behandelnde Infektionen auslösen können. „Mit unserer damaligen Arbeit konnten wir nachweisen, dass die Bakterien der untersuchten Fliegen häufig dieselben Resistenzgene trugen wie die Bakterien bei unseren Patienten. Da lag ein Zusammenhang nahe – der bis dahin aber noch nicht sicher belegt war“, erklärt Prof. Frieder Schaumburg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie.

Bild: Prof. Frieder Schaumburg und Francis Onwugamba, PhD-Student aus Nigeria, bei der Untersuchung einer Fliege (© Foto: FZ/E. Wibberg)

Um der Frage nach der gemeinen Schmutzfliege als Überträger auch anderer antibiotikaresistenter Keime weiter nachzugehen, trafen sich nun Mikrobiologen, Infektiologen, aber auch Veterinärmediziner und Entomologen (Insektenexperten) zu Workshops in Amsterdam und Wien. Die Experten – unter anderem aus Gabun, Kanada und Dänemark – trugen alle bisher verfügbaren Forschungsergebnisse zusammen und diskutierten sie interdisziplinär – mit klarem Ergebnis: „Auf Fliegen sind sämtliche Antibiotikaresistenzen nachzuweisen, vor denen sich Mediziner heute fürchten. Dazu gehört beispielsweise der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus – besser bekannt als der gefürchtete „Krankenhauskeim“ MRSA. Außerdem konnten wir nachweisen, dass die antibiotikaresistenten Bakterien von Fliegen, Menschen und Tieren nahezu identisch sind. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass Fliegen bei der Verbreitung eine wichtige Rolle spielen“, so Workshop-Leiter Schaumburg.

Vor voreiligen Schlüssen warnt der Mikrobiologe dennoch: „Es braucht noch viel Forschungsarbeit, um zu prüfen, welchen Anteil resistente Erreger von Fliegen tatsächlich bei den Infektionszahlen in Krankenhäusern und Arztpraxen haben. Schon jetzt werden wir uns aber auch mit wirksamer, ökologisch sinnvoller Schädlingsbekämpfung beschäftigen müssen.“ Unterstützt wurde das internationale Team um Schaumburg durch das EU-Projekt Joint Programming Initiative on Antimicrobial Resistance, kurz JPPIAMR, und durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die die Zusammenarbeit mit über 40.000 Euro förderten. [Link zur Publikation]

Spinalkanalstenose: „Als ob jemand mit dem Messer in das Bein schneiden würde“

Eine Verengung des Wirbelkanals ist häufig, kann aber vom Neurochirurgen behandelt werden

Münster – Rückenprobleme sind in Deutschland der häufigste Grund für eine Krankschreibung. Was während des Arbeitslebens beginnt, setzt sich im Alter fort: „Bei etwa jedem fünften Menschen über 60 Jahren können Sie eine Einengung des Wirbelkanals auf den Bildern des Computertomographen (CT) oder des Magnetresonanztomographen (MRT) erkennen. In vielen Fällen macht dies aber keine Beschwerden“, berichtet Dr. Oliver Timm, neurochirurgischer Oberarzt und Koordinator des von der deutschen Wirbelsäulengesellschaft zertifizierten Wirbelsäulenzentrums im Clemenshospital.
Diese sogenannte Spinalkanalstenose entsteht in den meisten Fällen durch den altersbedingten Verschleiß der Bandscheiben in der Lendenwirbelsäule. Wenn die Verengung des Spinalkanals fortschreitet und die Nervenbahnen beeinträchtigt, können starke Schmerzen sowie Taubheitsgefühle und Lähmungserscheinungen in den Beinen und Füßen auftreten. So wie bei Anneliese Geditz: „Ich dachte erst, dass ich einfach ein bisschen viel getan hätte und dann eben der Rücken weh tut“, beschreibt die 72-Jährige die ersten Symptome.

Im November letzten Jahres kam es dann zum Bandscheibenvorfall. „Ich bekam Spritzen und dann ging es auch erst wieder. Im Januar war es aber plötzlich von einer Sekunde auf die andere, als ob jemand einen Schalter umgelegt hätte“, erinnert sich die Seniorin. Die Schmerzen strahlten in das rechte Bein aus, „als ob jemand mit dem Messer hineinschneiden würde“. Infusionen, Tabletten, nichts half gegen die Schmerzen. Der Hausarzt hat Anneliese Geditz dann zum Neurochirurgen ins Clemenshospital überwiesen. „Wenn es noch keine Ausfallserscheinungen in den Beinen oder Füßen gibt, können Medikamente oder Physiotherapie sehr erfolgreich sein“, erläutert Dr. Oliver Timm. Bei der Münsteranerin kam jedoch nur noch die Operation in Frage, weil der Wirbelkanal zudem maximal eingeengt war. Die Betroffenen sollten frühzeitig den Weg zum Neurochirurgen antreten, um gemeinsam zu überlegen, welche Vorgehensweise die richtige ist, empfiehlt Timm. „Nachdem ich aus der Narkose aufgewacht bin, dachte ich erst, dass das doch nicht wahr sein kann. Die Schmerzen waren weg!“ Etwa eine Woche muss die Patientin im Clemenshospital bleiben, danach kommen zwei bis drei Wochen in der Reha. Wenn alles gut geht, steht auch dem Urlaub auf Gran Canaria im Frühling nichts mehr im Wege, „daran wäre mit den starken Schmerzen gar nicht zu denken gewesen“, sagt der Neurochirurg.

Veranstaltung zum Thema: „Spinalkanalstenose“

Am Mittwoch, den 21. März, berichten Experten des Wirbelsäulenzentrums (Prof. Dr. Uta Schick, Dr. Oliver Timm und Dr. Roland Hahn) um 18 Uhr in der Alexianer Waschküche, Bahnhofstraße 6, über das Thema Spinalkanalstenose. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht notwendig.

Bild: Dr. Oliver Timm (l.) hat Anneliese Geditz im Clemenshospital an der Wirbelsäule operiert.

Depression: Die Last des Frühlings

Die Temperaturen steigen, die Natur lebt auf. Doch nicht alle genießen den Frühling. Menschen mit Depressionen geht es in dieser Jahreszeit oft besonders schlecht. Umso wichtiger ist jetzt eine professionelle Unterstützung

Münster – Nicht im Winter nehmen sich die meisten Menschen das Leben, sondern im Frühjahr. Eindeutig wissenschaftlich erklären lässt sich dieses Phänomen bisher nicht. Verschiedene Faktoren scheinen zusammenzukommen. 90 Prozent der Menschen, die einen Suizid begehen, sind psychisch erkrankt, meistens an einer Depression. „Nach der dunklen und kalten Jahreszeit steigert das vermehrte Sonnenlicht den Antrieb. Der stimmungsaufhellende Effekt tritt aber erst später ein, nach etwa zwei Wochen. Dadurch kann sich das Suizidrisiko erhöhen. Vor allem wenn das Gefühl der lebensermüdenden Hoffnungslosigkeit nicht therapeutisch aufgefangen wird“, erklärt YooJeong Lee, leitende Oberärztin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Vergleiche rauben oft den letzten Funken Hoffnung

Der Blick auf die aufblühende Umwelt macht depressiv erkrankten Menschen zusätzlich schmerzlich bewusst, wie sehr sie selbst vom Leben abgeschnitten sind. Die Hoffnungslosigkeit steigt ebenso wie das Gefühl, völlig versagt zu haben. Wenn noch nicht einmal die Frühlingsboten es schaffen, den schwarzen Schleier zu durchdringen. Für Angehörige und Freunde ist es gerade in dieser Jahreszeit oft schwer nachzuvollziehen, dass gut gemeinte Ratschläge nicht helfen und eher noch weiteren Rückzug provozieren. Dennoch ist es wichtig, in Kontakt zu bleiben, Hoffnung zu vermitteln und zu einer Therapie zu motivieren. Denn die Behandlungsmöglichkeiten sind gut und Lebensmüdigkeit ist überwindbar.

Depressionen sind psychotherapeutisch und medikamentös gut zu behandeln

„Insbesondere bei schweren Depressionen kann eine medikamentöseMitbehandlung unabdingbar sein und wichtige Zugänge für die psychotherapeutische Arbeit schaffen“, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie YooJeong Lee. Auch Patienten mit leichten und mittelgradigen Depressionen können, vor allem in Krisenzeiten, von einer medikamentösen Begleittherapie profitieren.„Entscheidend ist immer der Einzelfall. Und entscheidend ist auch, rechtzeitig eine Psychotherapie einzuleiten. Denn Probleme lösen können Medikamente nicht“, so die Oberärztin der Christoph-Dornier-Klinik.

80 Prozent der Deutschen glauben, dass Antidepressiva abhängig machen

Die Annahme, dass Antidepressiva abhängig machen, wird meistens mit Absetzphänomenen begründet, die insbesondere dann auftreten können, wenn die Dosis abrupt geändert wird. Um Nebenwirkungen, wie Stimmungsschwankungen, Schwindel, Unruhe oder Magen-Darm-Probleme möglichst gering zu halten, sollten Antidepressiva schrittweise aufdosiert und ausgeschlichen werden. „Der Organismus braucht Zeit, sich an die chemischen Veränderungen im Gehirn anzupassen. Ein Zeichen von Abhängigkeit im Sinne einer Suchterkrankung sind diese Symptome nicht“, sagt YooJeong Lee.

Aufklärung kann Leben retten

Die Sorgen der Menschen kann die Ärztin verstehen: „Die Gabe von Medikamenten ist immer ein sensibler Eingriff, der gut begründet sein muss und einer behutsamen und sorgfältigen Aufklärung bedarf. Wichtig ist, dass ein depressiv erkrankter Mensch über alle Behandlungsoptionen informiert ist, sich bewusst für oder gegen eine Behandlung entscheiden kann und dabei professionell begleitet wird.“ Aus ihrer Sicht sollte jede psychopharmakologische Behandlung mit einer Psychotherapie kombiniert werden. Denn auch das helfe, Vorurteile abzubauen und Leben zu retten – insbesondere in Zeiten, die besonders belastend sind.

Hintergrundinformationen zur Klinik
Die Christoph-Dornier-Klinik feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Mit ihrem kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlungskonzept leistete sie in Deutschland Pionierarbeit. Auf Basis aktueller Forschungsergebnisse und langjähriger Erfahrung wurde dieses um klärungsorientierte und schematherapeutische Anteile erweitert. Das Intensivkonzept der Klinik beinhaltet bis zu zehn Einzelpsychotherapiesitzungen à 50 Minuten pro Woche zuzüglich weiterer, auf den individuellen Bedarf abgestimmter Gruppentherapien. Bei Bedarf finden therapeutische Übungen auch im Lebensumfeld des Patienten statt. Das Behandlungsangebot richtet sich an Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren.

Erste Erfahrungen der Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder am UKM

Gefördertes Modellprojekt zur psychotherapeutischen Erstversorgung für minderjährige Flüchtlinge

Münster (ukm/cf) – Schlafprobleme, das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken – viele Geflüchtete können das Erlebte aus ihrer von Gewalt zerrütteten Heimat oder aus der Flucht kaum verarbeiten. Vor fast zwei Jahren kam auch Najman Z. nach Deutschland. Durch mehr als sieben Länder ist er bei seiner Flucht aus Afghanistan gereist, bevor er im Frühjahr 2016 Münster erreichte. „Ich konnte nicht darüber reden, was in meinem Herzen war – ich habe mir immer Sorgen gemacht, konnte nicht Schlafen und habe mich selbst verletzt“, blickt er zurück. Um Jugendlichen wie Najman zu helfen mit den traumatischen Erfahrungen umzugehen, wurde vor 18 Monaten das Modellprojekt Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder, ihre Familien und Bezugspersonen am UKM (Universitätsklinikum Münster) gegründet.
„Wir haben von Anfang an gemerkt, dass es einen riesigen Bedarf gibt“, erinnert sich die Leiterin Dr. phil. Dipl. Psych. Birgit Möller. Bis heute wurden mehr als 170 Patienten behandelt – die meisten zwischen 16 und 21 Jahre jung, aus Syrien, dem Irak oder aus Afghanistan – wie Najman. Mindestens einmal pro Woche fährt der 17-Jährige nach Münster und spricht dort mit den Psychologen vom UKM – manchmal in Einzelgesprächen, manchmal in einer Gruppe mit anderen Jugendlichen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. „Seitdem ich zur Sprechstunde gehe, kann ich das alles ein bisschen mehr verarbeiten“, erzählt Najman, der gemeinsam mit anderen Geflüchteten in einem ehemaligen Hotel in Beelen im Kreis Warendorf wohnt.

„In den 18 Monate Flüchtlingsambulanz haben wir viel auf den Weg gebracht“, resümiert Möller. „Wir haben die Strukturen geschaffen, um eine Behandlung überhaupt zu ermöglichen.“ Das war jedoch nicht immer leicht. Eine Hürde war beispielsweise die Ausbildung und dann auch Finanzierung der Dolmetscher – denn die Therapiegespräche finden am UKM mindestens zu dritt statt. „In jeder Sitzung ist ein speziell von uns geschulter Dolmetscher dabei, der auf Deutsch übersetzt“, erklärt die leitende Psychologin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am UKM. „Das macht die sensible therapeutische Arbeit natürlich komplexer, ist aber sehr wichtig, damit die Patienten in einer ihr vertrauten Sprache über die traumatischen Erlebnisse und ihre Ängste sprechen können.“ Mit dieser sprachlichen Unterstützung wenden die Psychologen dann verschiedene Methoden der emotionalen Stabilisierung an. „Wir versuchen vor allem Vertrauen aufzubauen und ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln“, erklärt Möller. „Denn nur dann ist es möglich, sich so schrecklichen Erfahrungen wie erlittener Folter stellen zu können.“ Diese Methoden reichen bis in den Alltag der Jugendlichen: „Das ist wie Hausaufgaben machen“, berichtet der Schüler, der mittlerweile die 10. Klasse eines Berufskollegs besucht. „Zum Beispiel legen wir immer dann eine Murmel von unserer linken in die rechte Hosentasche, wenn etwas Gutes passiert ist.“ Das stärkt das Bewusstsein für das Positive.

Die Spezialsprechstunde wurde ursprünglich als Teil eines Modellprojekts aufgebaut, das nun fortgeführt werden soll. „Es war ein guter Start, aber eben auch ein Anfang, an dem es jetzt weiter gehen muss“, stellt Möller fest. Deshalb sollen in Zukunft mehr Gruppen und Therapieformen am UKM angeboten werden. Auch Najman blickt, wenn auch vorsichtig, in die Zukunft: „Bis 2020 kann ich erst einmal in Deutschland bleiben. Im Sommer will ich meinen Schulabschluss schaffen und dann wünsche ich mir ein gutes Leben.“

Bild: Najman Z. im Gespräch mit der Leiterin der Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder, ihre Familien und Bezugspersonen, Dr. psych. Birgit Möller. (© Foto UKM/FZ/Wibberg)

Terror-Simulation im UKM: Chirurgen trainieren den Ernstfall

Übung am UKM zum schwersten anzunehmenden Massenanfall von Verletzten durch Terror / Chirurgen erlernen Strategien zur Einschätzung von Verletzungen durch Schüsse und Explosionen

Münster (ukm/aw) – Es ist der Fall, der niemals eintreten soll: Bombenexplosion im Zentrum einer beliebigen deutschen Großstadt – ein Terroranschlag. Die Folge: 120 Verletzte, davon 40 schwer. Die Teilnehmer des TDSC®-Kurses (Terror and Desaster Surgical Care) am UKM Trainingszentrum müssen schnell entscheiden: Wer ist wie schwer verletzt – wen müssen wir also zuerst versorgen? „Tatsächlich ist die Sichtung, also die Einteilung der Schwerverletzten nach Lebensbedrohlichkeit ihrer Verletzungen, eine große Herausforderung“, resümiert Dr. Helena Düsing, Assistenzärztin der Klinik für Unfall-, Hand und Wiederherstellungschirurgie am UKM (Universitätsklinikum Münster), die mit ihren Kollegen Prof. Sabine Ochman und Priv.-Doz. René Hartensuer am TDSC®-Kurs teilnimmt. „Die Terroranschläge in Paris haben gezeigt: Anders als beispielsweise bei einer Massenkarambolage kommen die Patienten nach einem Anschlag von selbst in die Klinik oder werden irgendwie gebracht, weil durch den Terror die eigentliche Rettungskette nicht mehr wie gewohnt funktioniert und die Lage am Anschlagsort unübersichtlich ist. Auch wir in der Klinik müssen dann die Lage komplett neu denken, weil die gewohnten Abläufe hier nicht mehr greifen“, sagt Düsing.

Bild: Prof. Benedikt Friemert (Mitte) erklärt (v.l.) Prof. Sabine Ochman, Dr. Helena Düsing und Priv.-Doz. René Hartensuer das Planspiel.

Damit das funktioniert, trainieren die Teilnehmer des Kurses in Simulationsübungen Strategien für den Ernstfall. Das Szenario-basierte Entscheidungstraining hat die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie e.V. (DGU) in Zusammenarbeit mit leitenden Medizinern des Sanitätsdienstes der Bundeswehr entwickelt. „Das Konzept ist ausdrücklich an künftigen Herausforderungen durch Terrorlagen ausgerichtet“, sagt Prof. Dr. med. Benedikt Friemert, Oberstarzt und Leiter der AG Einsatz-, Katastrophen- und taktische Chirurgie der DGU und Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm, der die Teilnehmer während des zweieinhalbtägigen Kurses anleitet. „Terror-Verletzungen sind komplex. Verletzungen durch großkalibrige Gewehre und Bombenexplosionen erfordern sofortiges Handeln, weil die Gefahr des Verblutens groß ist. Das Training soll den teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten helfen, die Lage richtig einzuschätzen und den Schaden zu begrenzen. Das unbekannte Ausmaß und die Dauer eines Anschlags sowie die unkalkulierbare weitere Gefährdungslage vor Ort verlangen eine besondere Taktik bei der Rettung der Verletzten. So müssen diese beispielsweise je nach Schweregrad ihrer Verletzungen für die Erstversorgung priorisiert werden. Diese Sichtung am Krankenhaus muss zudem noch unter akuten Mangelbedingungen erfolgen“, beschreibt Friemert.

Bild: Terror-Szenario am Brettspiel.

Neben den theoretischen Unterrichtseinheiten zur strategischen Bewältigung der Terrorlage bildet eine Simulationsübung die Basis des Kurses, bei dem als Grundannahme jeder Verletzte ständig „Lebenspunkte“ verliert – und damit seine Chancen, zu überleben, schwinden. Das planerische Geschick und das taktische Vorgehen der teilnehmenden Ärzte entscheiden somit über das weitere Schicksal der fiktiven Patienten. Hinzu kommen Unwägbarkeiten wie etwa die Behinderung durch Medienvertreter und Reporter vor Ort. Das Spiel simuliert die initiale Versorgungsphase nach einem Anschlag unter den vorhandenen personellen und organisatorischen Strukturen der versorgenden Klinik. „Ziel ist es, die strategische Entscheidungsfindung für die Chirurgen unmittelbar erfahrbar zu machen und das Patientenaufkommen zu bewältigen. Dabei sind OPs, Personal und Materialien Mangelressourcen“, beschreibt Friemert. „Das Stressniveau ist außerordentlich hoch“, ergänzt Helena Düsing. „Ich habe mich vorab mit dem Thema beschäftigt und bin da sicher nicht naiv reingegangen. Mir war klar, dass die Verletzungsmuster durch Terror ganz andere sind als beispielsweise bei schweren Unfällen. Trotzdem merkt man schnell, dass es vor allem die Kleinigkeiten sind, die einem in der Situation zum Verhängnis werden könnten. Die Entscheidungen müssen innerhalb kürzester Zeit getroffen werden, Fehler wirken sich sofort aus.“

Bild: Spielen für den Ernstfall: (v.l.) Prof. Sabine Ochman, Priv.-Doz. René Hartensuer und Dr. Helena Düsing nahmen für das UKM am TDSC-Kurs teil.

Dass das TDSC-Training am UKM Trainingszentrum durchgeführt wird, dafür hat unter anderem Univ.-Prof. Michael J. Raschke gesorgt. Der Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am UKM erklärt: „Der anstehende Katholikentag in Münster hat uns im Vorfeld bewusst werden lassen, dass wir auch für das Undenkbare gewappnet sein müssen. Sicher bildet ein Planspiel nie die Realität ab. Trotzdem ist es sinnvoll, dass unsere Chirurgen das Szenario schon einmal durchdacht haben und wir hier in der Klinik daraus Konsequenzen für den hoffentlich nie eintretenden Ernstfall ableiten können. Das könnte eine wertvolle Erinnerungsstütze sein und dabei helfen, Menschenleben zu retten.“ Und Dr. Helena Düsing hat auch schon konkrete Ideen, was sie und ihre Kollegen aus dem Training mitnehmen: „Wir werden hier am UKM eine schnelle Sichtung von Fällen üben. Bei einem Massenanfall von Verletzten im Terrorfall haben sie im Zweifel nur eine Minute für die Sichtung eines Patienten , die über Leben und Tod entscheidet. Wir haben einen konkret anwendbaren Algorithmus zur Kategorisierung von Terroropfern an die Hand bekommen. Den sollte man einüben, um die besten Überlebenschancen zu sichern.“

Neueste OP-Methoden bei Darmkrebs

Münster – Am Mittwoch, 14.03., trifft sich die „Deutsche ILCO“, die Selbsthilfeorganisation für Stomaträger und Menschen mit Darmkrebs, um 15.30 Uhr in der Raphaelsklinik. Thema sind diesmal moderne OP-Methoden bei Darmkrebs und deren Vorteile für die Betroffenen. Referent ist Dr. Emile Rijcken, leitender Oberarzt am Uniklinikum Münster. Die ILCO trifft sich regelmäßig an jedem zweiten Mittwoch im Monat in den Räumen des Krankenhauses an der Loerstraße 23. Betroffene und Interessierte sind herzlich eingeladen. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht notwendig.

Patiententag der MAgKs startet mit Politikerrunde

Qualität kostet Geld:
Vertreter der „Münsteraner Allianz gegen Krebs“ diskutieren mit Politikern

Münster – Für die Vertreter der „Münsteraner Allianz gegen Krebs“ (MAgKs) ist es ein Dilemma. Auf der einen Seite sind sie davon überzeugt, dass Krebspatienten in zertifizierten Tumorzentren besser und umfassender behandelt werden als außerhalb solcher Zentren und auf der anderen Seite zahlen die Kassen immer den gleichen Betrag pro Patient, unabhängig von den Leistungen, die in diesen Zentren zusätzlich erbracht werden. „Wir wollen Qualität liefern und immer besser werden, aber das alles muss organisiert werden. Das ist personell aufwendig und teuer“, sagt Hartmut Hagmann, Regionalgeschäftsführer der Alexianer Misericordia GmbH, der Trägergesellschaft von Clemenshospital und Raphaelsklinik in Münster. Gemeinsame Tumorkonferenzen, psychoonkologische Betreuung, speziell fortgebildete onkologische Pflegeexperten, Studienbüros, die Tumordokumentation, Patienten- und Fortbildungsveranstaltungen, Qualitätsmanagement und Qualitätskontrollen durch unabhängige Beraterfirmen, all dies kostet viel zusätzliches Geld, wie die Leiter der MAgKs bestätigen.

Bild: Vertreter der MAgKs diskutierten mit Politikern: (v. l. ) Hartmut Hagmann, Regionalgeschäftsführer der Alexianer Misericordia GmbH, Dr. Karsten Kratz-Albers (BNHO Deutschland), Dr. Hans-Joachim Schulze, leitender Arzt der Fachklinik Hornheide und Zentrumsleiter der MAgKs, Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/Die Grünen), Landtagsabgeordnete Dr. Stefan Nacke (CDU) sowie Michael Bührke, Moderator und Pressesprecher der Alexianer Misericordia GmbH.

Während einer Infoveranstaltung der MAgKs zum Thema „Leben mit Krebs“ in den Räumen der Bezirksregierung wurde im Rahmen eines Podiumsgesprächs, an dem auch die Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink (Bündnis 90/Die Grünen) und der Landtagsabgeordnete Dr. Stefan Nacke (CDU) teilnahmen, das Thema „Qualität in der Krebsmedizin“ diskutiert. Dr. Hans-Joachim Schulze, leitender Arzt der Fachklinik Hornheide und Zentrumsleiter der MAgKs, verwies auf regelmäßig tagende Qualitätszirkel innerhalb der Zentren, Gemeinsame Tumorkonferenzen, die psychoonkologische Betreuung der Patienten, speziell fortgebildete onkologische Pflegeexperten, Studienbüros, umfassende Tumordokumentationen, Patienten- und Fortbildungsveranstaltungen, das Qualitätsmanagement und Qualitätskontrollen durch unabhängige Beraterfirmen, bei denen die Abläufe in den Zentren durchleuchtet werden, all dies kostet viel zusätzliches Geld. Diese Kosten müssen die Einrichtungen aus Eigenmitteln aufbringen. Klein-Schmeink spricht von den Niederungen des Gesundheitswesens, wenn es um die Finanzierung solcher Leistungen geht: „Ich habe es schon oft erlebt, dass Dinge in Gesetzesblättern stehen und jahrelang nicht umgesetzt werden“. Die MAgKs sei bei der Bildung von Zentren zwar auf dem richtigen Weg, der auch vom Gesetzgeber so gewünscht sei, die Kliniken würden damit allerdings finanziell und personell in Vorleistung gehen. Auch Nacke bestätigt, dass es mit der Geldfrage im Gesundheitswesen so eine Sache sei: „Die Länder sind für die Finanzierung von Krankenhausinvestitionen zuständig, zum Beispiel für Baumaßnahmen“, erläutert der Landtagsabgeordnete und fügt hinzu „hier haben wir seit Jahren einen Investitionsstau. Bis 2021 sollen aber 600 Mio. Euro vom Land und 400 Mio. Euro von den Kommunen in die Krankenhäuser NRWs investiert werden“. Außerdem sei eine stärkere Einzelförderung geplant, so Nacke.

Bild: Viele Interessierte und Betroffene kamen gestern zum Patiententag der „Münsteraner Allianz gegen Krebs“ (MAgKs) in die Bezirksregierung – hier bei dem Vortrag „Luftnot lindern: Besseres Überleben mit Lungenkrebs“ von Referent Dr. Andreas Gröschel, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II – Schwerpunkt Lungen- und Bronchialheilkunde am Clemenshospital.

Nach der Podiumsdiskussion berichteten zahlreiche Fachleute der drei beteiligten Kliniken ebenso wie Vertreter weiterer Einrichtungen über aktuelle Themen aus ihren jeweiligen Fachgebieten. Hierbei standen Themen wie Luftnot bei Lungenkrebs oder die Wirksamkeit moderner Strahlentherapien ebenso auf dem Programm wie Psychotherapie bei Krebserkrankungen oder die psychosoziale Unterstützung durch die Krebsberatungsstelle. Mehrere Vorträge beleuchteten die Bereiche Palliativmedizin und Hospizarbeit, sowohl ambulant als auch stationär.