Archiv für den Monat: August 2016

Antibiotika-resistentes mcr-1-Gen erstmals bei Patientenprobe aus 2012 nachgewiesen

Alarmierend: Keim ist gegen das Reserve- und Notfall-Antibiotikum Colistin resistent

Münster (ukm/maz) – In Münster konnte im Rahmen von Nachuntersuchungen jetzt erstmals das Colistin-resistente mcr-1-Gen bei einer Patientenprobe aus dem Jahr 2012 nachgewiesen werden. In Deutschland wurde dieses Gen, das seit einigen Jahren bei Nutztieren vorkommt, bisher erst bei einem Patientenisolat aus dem Jahr 2014 festgestellt. Colistin gilt als Reserve-Antibiotikum und wird bei Patienten eingesetzt, bei denen gängige Präparate nicht mehr anschlagen.

Die Mikrobiologen des UKM (Universitätsklinikum Münster) untersuchten gezielt vier noch vorhandene Isolate auf das erst Ende 2015 in China entdeckte Gen, das insbesondere Darmbakterien wie beispielsweise das Escherichia-Coli-Bakterium (E.Coli) gegen Colistin resistent macht. „Wir konnten das mcr-1 Gen in jeweils einer Probe aus dem Jahr 2012 und 2014 nachweisen“, sagt Dr. Jörg Wüllenweber, Oberarzt am Institut für Medizinische Mikrobiologie des UKM. „Diese Funde belegen, dass das Gen in Bakterien isoliert vom Menschen schon mindestens seit 2012 in Deutschland vorkommt.“

Bisher waren lediglich vier Fälle in Deutschland bekannt: Drei wurden bei Schweinen nachgewiesen, das früheste 2010, und eines beim Menschen aus einer Probe von 2014. In den USA wurde zudem im Mai erstmals ein Fall einer 49 Jahre alten Patientin bekannt, die routinemäßig auf das Ansprechen des Reserveantibiotikums Colistin beziehungsweise das mcr-1-Gen getestet wurde.

Bei den beiden in Münster positiv getesteten Isolaten handelt es sich um Keime, die zwar einige weitere Resistenzen aufweisen, aber – im Gegensatz zum Fall aus den USA – nicht komplett resistent sind. „Dennoch sind wir alarmiert, da diese Art der Resistenz möglicherweise übertragbar ist“, so Wüllenweber. In der Folge wäre bei einer zunehmenden Anzahl von Infektionen die Behandlung mit dem Reserve-Antibiotikum Colistin nicht mehr möglich. Die Marschrichtung ist für Dr. Jörg Wüllenweber, der mit seinen Kollegen derzeit eine wissenschaftliche Publikation zu den Funden in Münster vorbereitet, deshalb klar: „Es muss weiter erforscht werden, ob sich die Colistin-resistenten E.coli-Stämme in Deutschland ausbreiten und eine Übertragung auch auf andere Darmkeime oder zwischen Tier und Mensch auftritt.“

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Bild: Erfolg in Münster: Die Mikrobiologen Dr. Jörg Wüllenweber und Dr. Franziska Schuler konnten in aufbewahrten Isolaten nun erstmals das Colistin-resistente mcr-1-Gen bei einer Patientenprobe aus dem Jahr 2012 nachweisen.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Angsterkrankungen:
Forscher der Uni Münster suchen Betroffene für eine ambulante Psychotherapie

Münster (mfm/sm) – Ängste vor engen Räumen oder vor Tieren, vor Vorträgen oder vor belebten Plätzen: Solche Empfindungen machen Betroffenen das Leben schwer. Für ein bundesweit laufendes Forschungsprojekt sucht die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster jetzt Menschen, die mit Ängsten im Alltag zu kämpfen haben. Die Teilnahme an der Studie in Münster bietet den Patienten eine unkomplizierte Diagnostik und einen zügigen Therapiebeginn.

Das Projekt mit dem Titel „Providing Tools for Effective Care and Treatment of Anxiety Spectrum Disorders“, kurz PROTECT-AD, untersucht den Einfluss einer Psychotherapie auf das Blut, das Gehirn und weitere körperliche Funktionen bei Menschen mit starken Ängsten. Die Forscher wollen die Wirksamkeit einer intensiven Verhaltenstherapie bei derartigen psychischen Störungen nachweisen. Im zweiten Schritt soll eine entsprechende Behandlung für Betroffene leichter zugänglich werden.

Für den Erfolg der Studie in Münster ist eine große Teilnehmerzahl wichtig: „Wir benötigen insgesamt etwa 100 Patienten im Alter von 18 bis 70 Jahren“, so Projektleiterin Priv.-Doz. Dr. Katja Kölkebeck. Um allen Teilnehmern gerecht zu werden, arbeitet die Uniklinik mit den örtlichen Psychotherapieambulanzen apv und PTA zusammen. Der Zeitraum für die Behandlung von Probanden innerhalb der Studie erstreckt sich bis etwa Mitte des nächsten Jahres.

Für Fragen und direkten Kontakt steht das Studienteam um Kölkebeck per Telefon unter 0251-8356681 oder per E-Mail unter protect-angst@ukmuenster.de zur Verfügung.

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Bild: Unverzichtbar bei jeder Psychotherapie sind ausführliche Gespräche zwischen den behandelnden Therapeuten und den Patienten (Foto: FZ/Thomas)

Weitere Informationen erhalten Interessierte auch im Internet unter Protectad UKMuenster.

Unter dem Dach von PROTECT-AD arbeiten sieben renommierte Zentren für die Behandlung von Angsterkrankungen in ganz Deutschland zusammen. Insgesamt fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Studie mit 5,3 Millionen Euro.

Quelle: © Medizinische Fakultät Münster

Zur Krone in nur einer Stunde:
Neue Fräsmaschine verkürzt Wartezeit auf Zahnersatz

Fertigung von Inlays und Teilkronen innerhalb von nur einer Stunde möglich / Neues Verfahren erspart Patienten den Silikon-Abdruck

Münster (ukm/aw) – Sie füllt einen eigenen kleinen Raum und wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar. Die neue Fräsmaschine, die seit einigen Wochen im Dentallabor des UKM (Universitätsklinikum Münster) steht, ist für Patienten des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde am UKM tatsächlich ein großer Fortschritt. Bisher wurde nämlich Zahnersatz, der gefräst werden muss, an externe Zahnlabore geschickt und dort gefertigt. Nicht selten mit einer Wartezeit von bis zu fünf Tagen.

Mit der hochmodernen Fräsmaschine haben die hauseigenen Zahntechniker nun die Möglichkeit, Zahnersatz ganz aus einer Hand und komplett digital herzustellen. Dafür wird das Gebiss im ersten Schritt mittels eines Miniscanners berührungs- und schmerzfrei Zahn für Zahn abgescannt. Die dabei entstehenden Bilder werden in verschiedenen Arbeitsgängen am Computer bearbeitet. So entsteht – mit Hilfe der entsprechenden Software – am Bildschirm ein passgenaues Modell der Krone. Die Fräsmaschine wird mit dem Datensatz „gefüttert“ und „sägt“ in kürzester Zeit aus einem kleinen Material-Klotz schließlich den hochfiligranen Zahnersatz. Dabei kommt sowohl Keramik als auch Metall in Frage: „Nur Gold fräsen wir nicht – da ist der Verschnitt zu hoch“, sagt der Geschäftsführer der UKM Dentallabor GmbH, Karsten Tegtmeyer.

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Bild: Zahntechniker David Roters fertigt mit der neuen Fräsmaschine Kronen und anderen Zahnersatz.

Für die Patienten kommt mit dem neuen Verfahren noch ein weiterer Pluspunkt dazu: „Früher mussten wir den Weg über Gebissabdrücke und Gipsmodelle wählen. Das heißt: Nach einem Silikonabdruck im Mund haben wir aufwendige Plastiken gefertigt“, erklärt Tegtmeyer. „Dass unsere Patienten dank der komplett digitalen Technik nun nie wieder einen dicken Abdrucklöffel im Mund ertragen müssen, ist der Clou“, fügt er augenzwinkernd hinzu. „Unsere Patienten schätzen diese Art der Abformung der Zähne sehr, insbesondere weil der unangenehme Würgereiz der normalen Abdrucknahme entfällt“, berichtet Prof. Benjamin Ehmke, Direktor der Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung. Bei entsprechender Planung können nun die neuen Inlays und Kronen noch am selben Tag fertig einsetzt werden. „Das wird Patienten mit engem Terminkalender freuen. Und durch die Digitalisierung können wir den Patienten oft sogar eine insgesamt kostengünstigere Versorgung anbieten“, sagt der Zahnmediziner.

Die Fräsmaschine im UKM-Dentallabor kann auch von niedergelassenen Zahnärzten genutzt werden, die die Scan-Technik schon in ihren Praxen haben.

Quelle: © Universitätsklinikum Münster

Essstörungen: Leben am seidenen Faden

An Essstörungen sterben mehr Menschen als an jeder anderen psychischen Erkrankung. Den Betroffenen selbst ist die Lebensgefahr oft nicht bewusst. Sie klar zu benennen, kann ihnen helfen, sich dem Leben wieder zuzuwenden.

CDK-MagersuchtMünster – Besonders hoch ist das Sterberisiko für Menschen, die an Magersucht (Anorexia nervosa) erkranken. Ab einem Body Mass Index von zwölf – berechnet aus dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern – besteht akute Lebensgefahr.
„Etwa zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an den direkten körperlichen Folgen ihrer Erkrankung. Meistens kollabiert das Herz-Kreislauf-System oder es versagen die Organe. Etwa jeder fünfte Todesfall ist jedoch ein Suizid. Bei bulimiekranken Menschen ist der Anteil an Suiziden im Verhältnis zu den natürlichen Toden sogar noch höher“, erklärt Judith Müller, stellvertretende leitende Psychologische Psychotherapeutin der Christoph-Dornier-Klinik in Münster.

Lebensmüde Gedanken sind ein häufiger Begleiter

Laut WHO versuchen rund 16 Prozent der Anorexiekranken sich das Leben zu nehmen. Bei bulimischen Patientinnen und Patienten sollen es mehr als doppelt so viele sein. Das Risiko, frühzeitig an den körperlichen oder seelischen Folgen einer Essstörung zu sterben, steigt mit ihrer Chronifizierung. Und auch mit einem späten Beginn der Erkrankung, wie eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität in München jüngst zeigte. Besonders gefährdet sind Patientinnen und Patienten, die alleine leben, und diejenigen, die gewollt oder ungewollt die Therapie vorzeitig abbrechen.

Es ist wichtig, sie sehr ernst zu nehmen

Viele Essstörungen gehen mit Persönlichkeitsstörungen und Depressionen einher. Dies erklärt auch die ausgeprägte Lebensmüdigkeit der Betroffenen. Sie kämpfen an verschiedenen Fronten und rauben sich gleichzeitig all ihre körperliche und geistige Energie. „Es ist wichtig, gezielt nachzufragen und lebensmüde Gedanken sehr ernst zu nehmen. Egal, ob sie appellativ oder resignativ geäußert werden. Das gilt auch in der Therapie. Denn nur dann können wir sie gemeinsam bearbeiten, die Not verstehen, die dahinter steckt, und Perspektiven für ein gesundes Leben entwickeln. Wir müssen unseren Patienten Schutz anbieten und ihnen helfen, mit diesen Gedanken umzugehen – und sie nicht in die Tat umzusetzen“, betont Judith Müller.

„Das Spiel mit dem Tod können sie nur verlieren“

Viele wüssten, dass ihnen die Essstörung nicht gut tut, die psychischen Auswirkungen und die lebensbedrohlichen körperlichen Folgen seien ihnen aber oft nicht bewusst. „Manche können wir aufrütteln, indem wir ihnen ganz klar sagen, dass sie sich auf der Schwelle des Todes befinden. Bei anderen hilft es, sehr deutlich zu machen, dass ihr Verhalten hoch riskant ist und sie das „Spiel“ mit dem Tod nur verlieren können“ so Müller. Ihre Patientinnen und Patienten, die teilweise mit einem BMI unter 13 in die Klinik kommen (und grundsätzlich nicht per Sonde ernährt werden), werden engmaschig internistisch mitbetreut.

Funktionalität der Essstörung erkennen und bearbeiten

Wie gut es gelingt, Patienten wachzurütteln und aus der Lebensmüdigkeit oder lebensbedrohlichen Situation herauszuholen, hängt wesentlich davon ab, welche Bedeutung die Essstörung im Alltag und in Beziehungen hat. Je höher die Funktionalität, desto schwieriger ist es, sich von ihr zu lösen. Wird diese nicht erkannt und psychotherapeutisch bearbeitet, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Therapieabbruchs.

Alltags- und Beziehungsanforderungen mit gesunden Mitteln lösen

„Die Patienten brauchen eine hohe Motivation, um etwas loszulassen, was ihnen unter Umständen jahrelang Halt gegeben hat. Dafür müssen sie die Mechanismen, die die Symptomatik aufrechterhalten, und den Sinn dahinter verstehen. Ansonsten stellt jede Veränderung eine Bedrohung dar. Und sie müssen natürlich auch die Kompetenzen haben beziehungsweise erwerben, Alltags- und Beziehungsanforderungen ohne die Essstörung zu lösen. Psychotherapeutisch haben wir beste Voraussetzungen, um ihnen dabei zu helfen“, so die Psychotherapeutin aus Münster. Weitere Informationen zu Merkmalen und Behandlung von Essstörungen erhalten Betroffene und Angehörige unter www.christoph-dornier-klinik.de.

Quelle: © Christoph-Dornier-Klinik Münster

Internationales Symposium der Neurochirurgie in Münster

Münster – 45 Neurochirurgen aus Europa und Asien trafen sich während eines zweitägigen internationalen Workshops der Klinik für Neurochirurgie des Clemenshospitals Münster, um sich über den aktuellen Stand der mikrochirurgischen Operationen im Bereich der Schädelbasis zu informieren.

Unter der Leitung der Chefärztin Prof. Dr. Uta Schick und des Oberarztes Khairi Mohamed Daabak demonstrierten die international renommierten Neurochirurgen Prof. Dr. Ali Krisht vom Arkansas Neuroscience Institute (USA), Herausgeber der Fachzeitschrift Contemporary Neurosurgery, und Prof. Dr. Helmut Bertalanffy vom Internationalen Neurowissenschaftlichen Institut Hannover, Herausgeber von Neurosurgical Review, an acht Arbeitsplätzen in der Prosektur der Anatomie der Westfälischen Wilhelms-Universität die für den Patienten gleichzeitig schonendsten und erfolgreichsten Wege zum Operationsgebiet. Der Leiter der Prosektur, Prof. Dr. Wolfgang Knabe, referierte über die anatomischen Grundlagen und stellte die Präparate und Räumlichkeiten zur Verfügung. Operationen an der Schädelbasis sind zum Beispiel bei Hirntumoren notwendig, die zu Sehstörungen, Schwerhörigkeit oder Gesichtsschmerzen führen können. Krisht wurde von Prof. Mahmut Gazi Yasargil und Prof. Ossama Al-Mefty ausgebildet und gilt als weltweit führender Experte für Tumoren der Schädelbasis und Aneurysmen der Arteria basilaris.

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Bild: Prof. Ali Krisht, Prof. Uta Schick, Prof. Helmut Bertalanffy (vordere Reihe v.l.) referierten beim Schädelbasisworkshop unter der Leitung von Prof. Schick, Klink für Neurochirurgie des Clemenshospitals.

Quelle: © Clemenshospital Münster

Sehr gute Behandlungserfolge bei Mastdarm-Krebs

Neue schonende Operationstechnik im St. Franziskus-Hospital

Münster – Gute Nachrichten für Patienten mit Mast- und Enddarmkrebs: Im St. Franziskus-Hospital Münster wird erfolgreich eine neue, sehr schonende Operationsmethode eingesetzt. „Dank dieser neuen Technik, die deutschlandweit nur in wenigen Zentren durchgeführt wird, können wir wahrscheinlich die Heilungschancen weiter verbessern und einigen Patienten einen bleibenden künstlichen Darmausgang ersparen“, freut sich Prof. Dr. med. Matthias Brüwer, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie und Leiter des Zentrums für Darmerkrankungen des St. Franziskus-Hospitals Münster. Eine Operationsmethode, die hoffentlich vielen Patienten zu Gute kommen wird: Der bösartige Tumor des Dickdarms ist die zweithäufigste Krebsart. Allein im zertifizierten Darmzentrum des St. Franziskus-Hospitals werden jährlich mehr als 120 Patienten mit Darmkrebs operiert.

Die Behandlung von Mast- und Enddarmkrebs ist höchst anspruchsvoll, wie Prof. Brüwer erläutert. „Dieser Darmabschnitt ist im Becken unmittelbar von anderen Organen, Nerven und Blutgefäßen umgeben, die bei einer Operation unbedingt geschont werden müssen, um alle wichtigen Funktionen der Beckenorgane, wie die Blasenfunktion, die Sexualfunktion und natürlich die Stuhlhaltefunktion aufrecht zu erhalten.“ Die neue Technik basiert auf der Idee, die Operation nicht wie bisher nur „von oben“, also von der Bauchhöhle aus durchzuführen, sondern „von unten“, durch den After. Dabei wird nicht nur in der Bauchhöhle, sondern auch über den After eine spezielle 3D-Schlüsselloch-Chirurgie eingesetzt, die den Operateuren optimale Sicht und räumliches Orientierungsvermögen erlaubt. Besonders bietet sich das Verfahren bei schließmuskelnahen Tumoren an sowie bei übergewichtigen Patienten und bei Männern mit engem langen Becken oder einer vergrößerten Prostata. Prof. Brüwer geht davon aus, dass die neue Operationstechnik auch bei der operativen Therapie weiterer Darmerkrankungen wie der Colitis ulcerosa zukünftig einen immer größeren Stellenwert erlangen wird.

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Bild: Mit Patient Osman Yjagci freuen sich die Operateure über den guten Behandlungserfolg mit der neuen Operationstechnik (v.l.n.r.): Dr. med. Claus Wagner und Dr. med. Walther Engels (Oberärzte der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie des St. Franziskus-Hospitals Münster), Prof. Dr. med. Matthias Brüwer (Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie und Leiter des Zentrums für Darmerkrankungen des St. Franziskus-Hospitals Münster).

Quelle: © St.-Franziskus-Hospital Münster

„Weinen, Trauer und Lachen sind Geschwister“ – Clinic-Clown Christoph Gilsbach im Gespräch

Artikel-UKM_17082016Münster (ukm/aw) – Als „Professor Spaghetti“ war er 1998 einer der ersten Clinic-Clowns am UKM (Universitätsklinikum Münster). Mittlerweile ist er achtzehn Jahre lang einer der hellen Momente im Klinikalltag und erleichtert den Patienten ihren Aufenthalt. Ein Job mit Höhen und Tiefen, die es auszuhalten gilt. Das Interview führte Anja Wengenroth.

Seit 1998 sind sie Clinic-Clown: Eine Berufsbeschreibung gab es dazu wohl eher nicht?

Nein, so einen Job findet man nicht beim Arbeitsamt. Die Clinic-Clowns sind alle ausgebildete Künstler. Ich habe an der Folkwang-Hochschule Pantomime studiert. Andere haben ihr Handwerk im Zirkus gelernt. Wieder andere waren auf der Schauspielschule bei großen Clowns. Die Grundidee: Was nutzen uns unsere großartigen medizinischen Fachdisziplinen, wenn dabei die Seele drauf geht? Die ja ganz wesentlich für die Gesundung. Das war die Geburtsstunde der Clinic-Clowns 1993. Ich bin dann fünf Jahre später dazugestoßen. Und es freut mich sehr, dass unsere Verantwortlichen den Wert dieser Arbeit schätzen – bei aller Hochleistungsmedizin, die hier parallel dazu abläuft.

Unter Clown stellt man sich erst einmal einfach „lustig sein“ vor…

Ich hab das mal die „Kunst des heiteren Augenblicks“ genannt. Ich muss bereit sein, Persönliches loszulassen und mich den helleren Seiten des Lebens zuzuwenden. Durch Umdefinierung zum Beispiel: Sachen aus dem Zusammenhang herauszunehmen und in einen heiteren, witzigen Zusammenhang zu bringen. Ein guter Witz entsteht dadurch, indem er die Leute auf den letzten paar Metern überrascht. Man guckt geradeaus und sieht dunkle Regenwolken und plötzlich kommt die Antwort mit einer gewissen Heiterkeit aus dem schönen wolkenlosen Himmel. Und wenn man dann noch ein paar kleine Kunststücke auf Lager hat wie Jonglieren oder Pantomime oder Musikinstrumente, das bereichert dann natürlich die Figur.

Gibt es Momente, in denen Ihnen das Spielen wirklich schwer gefallen ist?

Als meine Mutter kurz zuvor gestorben war, hatte ich am selben Tag einen Auftritt auf einem 70sten Geburtstag. Was machst Du in so einer Situation? Auftritt absagen? Aber ich habe mich an einen guten Freund erinnert: Dessen Vater war gestorben und er hatte sich aber gleich am Tag danach mit mir abends in einer Kneipe verabredet. Und an dem Abend fragte ich dann: „Sag mal: dein Vater ist doch gestern (zögert) gegangen…?“ Und er antwortete nur: „Ja, alles in Ordnung. Ich hab ihn mitgebracht.“ Diese Bemerkung hat bei mir so viel in Bewegung gebracht! Es war nicht das schwarze Loch! Der Vater meines Freundes war nicht weg! Vielleicht hat er nur die Form geändert, die Materie…Das fand ich so einen tröstlichen Gedanken – der trägt mich auch heute noch!

Trägt man also die Menschen, die gegangen sind, im Herzen? Ist es das, was sie vermitteln in solchen Situationen?

Wenn es jemand hören möchte und die Ohren dafür offen hat – dann ja. Wenn man ein bisschen in Wahrnehmung geschult ist, sieht man schon, wer die Ohren dafür offen hat und wer zu ist. Da kommt jetzt wieder meine Mutter ins Spiel: An dem Abend als sie gestorben ist, wollte ich erst nach Hause gehen. Doch dann dachte ich: „Du könntest aber auch Deine Mutter fragen, was du machen sollst.“ Und ich sagte: „Mutti, ich muss mal eben mit dir sprechen. Du bist ja jetzt gegangen. Und ich hab jetzt hier zu arbeiten. Was rätst du mir?“ Was ich gehört habe, war: „Nur weil ich gegangen bin, brauchst du nicht in Tränen zu vergehen – mir geht es gut! Mach du einfach Deine Arbeit! Bring ein wenig Glück in diese Gesellschaft.“ Das fand ich eine große Befreiung!

Wieviel Lachen kann man im Schmerz?

Weinen, Trauer und Lachen sind Geschwister. Auf der einen Seite kann man total traurig sein und plötzlich in der nächsten Sekunde fängt man schallend an zu lachen. Oft muss man ja erst durch den Schmerz durch, um dann wieder die andere Seite zu sehen. Das kann sich von einer zur anderen Sekunde verändern und plötzlich hängt man im Lachen drin und hat die Trauer hinter sich gelassen.

Wenn sie das Clownskostüm am Ende des Tages ausziehen, lassen sie solche Dinge dann hinter sich?

Ich tauche dann wieder in die normale Gesellschaft ein, ja.
Es gibt natürlich Tage, da muss ich einfach anschließend spazieren gehen. Es gibt auch bestimmte Bereiche, die gehen mir auch nach achtzehn Jahren weiter unter die Haut. Es ist auch nach der langen Zeit keine Routine.

Für das neunte große Stadtwerke-Entenrennen des Vereins round table 48 Münster, das zugunsten der UKM-Clinic-Clowns am Samstag, dem 03. September 2016, stattfindet, können noch Karten erworben werden. Zwischen Westerholt’scher Wiese und Juridicum werden dort die Rennenten zu Wasser gelassen – den Gewinnern winken attraktive Preise. Auf die Zuschauer wartet ab 13.30 Uhr ein vielfältiges Rahmenprogramm. Für das leibliche Wohl ist gesorgt. Lose mit Enten gibt es zum Preis von vier Euro an der Kasse des UKM, beim Hauptsponsor Stadtwerke Münster, bei Toys“R“us, im WN-Ticketshop sowie bei der Bezirksregierung.

„Wir können die seelischen Wunden heilen helfen“: Spezialambulanz für Flüchtlingskinder

Psychotherapeutische Erstversorgung für minderjährige Flüchtlinge und ihre Familien. Bund fördert Modellprojekt mit 104.000 Euro

Münster (ukm/aw) – Die Bilder von Menschen auf der Flucht im Herbst 2015 haben alle noch in Erinnerung: Prof. Dr. Georg Romer, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie am UKM (Universitätsklinikum Münster) ahnte damals, dass unter den Neuankömmlingen in Deutschland viele sein würden, die in Zukunft der therapeutischen Unterstützung bedürfen könnten. Die Idee einer psychotherapeutischen Erstversorgung von traumatisierten Flüchtlingskindern und -jugendlichen am UKM wurde geboren.

Erfahrungen mit einer solchen Spezialsprechstunde hatten Romer und seine Projektleiterin Dr. phil. Dipl. Psych. Birgit Möller schon am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sammeln können, wo Möller zur Zeit der Balkankrise 1992 die bundesweit erste Flüchtlingsambulanz an einer Universitätsklinik mitaufbaute.

„Erfahrungsgemäß entwickeln viele Kinder und Jugendliche oft erst rund zwei Jahre nach der Flucht ein auffälliges Verhalten“, so Romer. „Viele müssen erst wieder Boden unter den Füßen gewinnen. Erst wenn das nackte Überleben gesichert ist, kann die Seele es sich leisten, mit Symptomen auf die unbewältigte innere Not aufmerksam zu machen.“ In der Folge können Ängste, depressive Verstimmungen oder Albträume die Kinder quälen: „Schlimmstenfalls entsteht bei einer unbehandelten Traumatisierung eines Kindes durch Krieg, Flucht und Verfolgung eine dauerhafte Zerstörung des Vertrauens in das Gute einer von Erwachsenen gestalteten Welt“, weiß Romer. Die erfahrene Hilflosigkeit führe zudem oft zu Sprachlosigkeit in den Familien. „Hier gilt es, therapeutisch anzusetzen“, so die Psychologin Möller. „Gespräche über das Erlebte können erstaunliche Selbstheilungskräfte mobilisieren.“

Seit dem 1. August steht die Spezialsprechstunde am UKM Flüchtlingen nun offen. Das Modellprojekt wird vom Bundesministerium für Gesundheit mit 104.000 Euro unterstützt. Bis zu zehn therapeutische Sitzungen bietet die Ambulanz an. Familienmitglieder oder – bei unbegleiteten Flüchtlingen – Betreuer werden in die Therapie miteinbezogen. Sollte darüber hinaus weiterer Bedarf bestehen, überweist die Klinik an niedergelassene Kollegen oder Einrichtungen der Jugendhilfe. „Den Zustrom von Patienten, den wir erwarten, werden wir nur mit vereinten Kräften aller stemmen“, glaubt Möller.

Eines ist beiden noch wichtig: In der öffentlichen Wahrnehmung würde das Trauma der Schutzsuchenden häufig mit deren höheren Gewaltpotenzial und sogar Terrorbereitschaft assoziiert. Dieser Rückschluss sei schlicht falsch. „Diese Menschen sind vor Terror und Gewalt geflohen.“ Durch psychotherapeutische Unterstützung könne es Betroffenen stattdessen sogar eher gelingen, einen Umgang mit Wut und Hass sowie die Bereitschaft, sich mit den Tätern auseinanderzusetzen, zu entwickeln. Romer stellt klar: „Das Angebot der Flüchtlingsambulanz ist nicht dazu da, Jugendliche, die für gewaltverherrlichende Ideologien anfällig werden könnten, herauszufiltern. Wir können aber sehr wohl einen Beitrag leisten, der Gewaltbereitschaft allgemein vorzubeugen.“

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Bild: Das Team der neuen Spezialambulanz für Flüchtlinge (v.r.n.l.): Prof. Dr. med. Georg Romer, Dr. med. Tilo Meißner, Dr. phil. Dipl. Psych. Birgit Möller

Quelle: © Universitätsklinikum Münster